Bernward Geier

Hunger ist ein Kind der Armut

Ernährung als Weg in eine bessere Zukunft

Die Tatsache, dass weltweit 822 Millionen Menschen hungern und 2 Milliarden an Mangelernährung leiden, ist hinlänglich bekannt. Auch dass alle zehn Sekunden ein Kind unter fünf Jahren an den Folgen von Hunger stirbt ist traurige Realität. Weniger offensichtlich ist die schizophrene Situation, dass ­diesem schon kaum vorstellbaren Leid eine andere Zahl gegenübersteht: Weltweit sind etwa 1,9 Milliar­den ­Menschen übergewichtig. 
 
Armut und Hunger ist ein Teufelskreis und wird von Generation zu Generation weitergegeben. Leidet ein Kind bereits im Mutterleib unter Mangelernährung, kommt es häufig zu früh und unterentwickelt zur Welt. © Caritas internationalAuch bei wachsender Bevölkerung bleibt es eine Tatsache, dass weltweit mehr als ausreichend Lebensmittel produziert werden. Das Problem ist, dass vor allem Armut den Menschen leere Teller beschert. Die Situation ließe sich durch viele Fakten untermauern. Eine Zahl zeigt eigentlich schon alles: 80 Prozent der unterernährten Kinder leben in Ländern, die Lebensmittel exportieren!

Aktive und Befürworter des biologischen Landbaus werden immer wieder gefragt: „Verhungerte die Welt, wenn flächendeckend ökologischer Landbau betrieben würde?”. Oft wird dies nicht einmal als Frage formuliert, sondern schlichtweg behauptet: „Die Welt wird bei flächendeckendem Ökolandbau verhungern!”

Solche Fragestellungen lenken zunächst nur vom Kern des Problems ab. Die Mangelsituation bezieht sich ja nicht auf die Menge an Lebensmitteln, sondern auf deren Verfügbarkeit für die Armen.
Wir brauchen in absehbarer Zeit allerdings eine Steigerung der Lebensmittelproduktion, nicht nur wegen des nach wie vor steigenden Bevölkerungszuwachses. Auch die Verbesserung der Einkommenssituation hat zur Folge, dass sich das Konsumverhalten maßgeblich verändert, wie z.B. der rasant steigende Fleischkonsum in China.
Zentrale Fragen im Zusammenhang der Welternährung bleiben: Wer produziert und wer konsumiert was? Wer kann es sich leisten, Lebensmittel zu kaufen? Die Frage, wie diese Lebensmittel produziert werden, wird im Spannungsfeld zwischen Gentechnik und biologischem Landbau an Aktualität zunehmen.

Eine Produktivitätssteigerung muss vor allem in den Entwicklungsländern realisiert werden – besonders bei den ärmsten Bauern in trockenen oder marginalen Gebieten. Neben den verarmten Massen in den Slums und Favelas sind es gerade diese Menschen, die am meisten vom Hunger bedroht sind. Viele Lösungen werden nicht biologischer Natur sein, sondern müssen vor allem soziale und ökonomische Bedingungen verändern, wie z.B. Landverteilung, Zugang zu Krediten, Diskriminierung, Korruption und Unterdrückung der Frauen.

Albert Einstein, einer der größten Denker des 20. Jahrhunderts, wäre im vergangenen Jahr 140 Jahre alt geworden. Doch seine Erkenntnis ist aktuell wie nie: „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind." Die energieintensive und umweltzerstörende konventionelle Landwirtschaft führt nicht zu mehr Lebensmittelsicherheit. Neben den bekannten katastrophalen Auswirkungen des Pestizideinsatzes (200.000 Tote und 25 Millionen Geschädigte jährlich) führt diese Art von Landwirtschaft zur Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und Zerstörung der Biodiversität und damit zu einer nachhaltigen Zerstörung der Umwelt.

Der massenhafte Einsatz von Pestiziden schadet nicht nur den Menschen gesundheitlich und finanziell, er bedeutet auch eine Ausbeutung von Ressourcen, den Verlust der Biodiversität und eine dauerhafte Schädigung der Umwelt. © Pixabay, zwfe wuBei den vielen Argumenten gegen die Gentechnik ist beim Thema Hunger entscheidend, dass die armen Bauern das teure und patentierte Saatgut und das damit meist notwendige „Chemiepaket” nicht bezahlen können. Auch können die armen Länder nicht Umweltrisikoanalysen, Tests und Kontrollen garantieren, die eine Verbreitung der Gentechnologie mit sich bringt.

Die biologische Landwirtschaft mit all ihren Facetten und insbesondere in Partnerschaft mit dem fairen Handel kann einen wesentlichen Beitrag zur nachhaltigen Ernährungssicherung leisten. Gerade die ökologischen und die fairen Handelsbewegungen bieten den im besten Sinne des Wortes (nämlich an die Wurzeln der Probleme gehenden) „radikalen” Ansatz, die Ernährung der Weltbevölkerung langfristig zu sichern. Es gibt eine Vielfalt an substantiellen Untersuchungen, dass biologische Landwirtschaft vor allem in marginalen und bio-klimatisch schwierigen Lagen zu einer beachtlichen Produktionssteigerung führen kann. Die wichtigsten Gründe sind: verbesserte Fruchtfolgen, effizientere Ausnutzung der Nährstoffe, Integration von Tieren und Pflanzen, Steigerung der Diversität und Verbesserung der Wasserspeicherung im Boden.

Der wohl wichtigste Beitrag des biologischen Landbaus zur Nachhaltigkeit ist die Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit. Kompost, Gründüngung, Untersaaten, Mischkulturen und Fruchtfolgen haben hier ein weitaus größeres Leistungspotenzial als der Chemiedünger aus dem Plastiksack.
Neben der signifikanten Kostenreduktion bietet der biologische Landbau durch den in der Regel höheren oder besser fairen Preis einen wichtigen Beitrag zur Reduzierung der Armut. In diesem Zusammenhang kommt der sich in Entwicklungsländern positiv entwickelnden regionalen und nationalen Vermarktung in der Zukunft eine große Bedeutung zu.

Wird „Bio" die Welt ernähren?
Adipositas oder Fettleibigkeit: Die Zahl der übergewichtigen Menschen ist in den vergangenen Jahrzehnten drastisch gestiegen. Jeder Dritte ist mittlerweile vor allem wegen mangelnder Bewegung und falscher Ernährung betroffen. © Pixabay, Tania Dimas Es ist weder Aufgabe der Biobewegung, noch der chemischen oder der Gentechnik-Industrie, die Welternährung zu sichern. Auch in Zukunft werden Bauern und Bäuerinnen diese Verantwortung haben. Einige Entwicklungen und Trends müssen auch die Anhänger des biologischen Landbaus zu noch konsequenteren Veränderungen motivieren. Vor allem unsere Essgewohnheiten: hoher Fleischkonsum und viele veredelte Produkte, die moderne „Fernfütterung” mit langen Transportwegen und unser „Geiz ist geil” bzw. „Billig, will ich”-Reflex sind aktuelle Herausforderungen.

Eigentlich ist die Voraussetzung für eine nachhaltige Ernährungssicherung ganz eindeutig. Wir müssen unsere Politik und unser Verbraucherverhalten so ausrichten, dass es allen Menschen auf dieser Welt möglich ist, für ihre Ernährung selbst zu sorgen. Die nachhaltige Lösungsvielfalt, die hierzu der biologische Landbau bietet, nimmt uns in die Pflicht, noch engagierter dafür zu sorgen, dass die Welt weiter biologisch und noch organischer wächst. Armut und Hunger ist ein Teufelskreis und wird von Generation zu Generation weitergegeben. Leidet ein Kind bereits im Mutterleib unter Mangelernährung, kommt es häufig zu früh und ­unterentwickelt zur Welt.

Armut: Es gibt Grund zur Hoffnung – aber nicht überall
Als extrem arm gelten laut WTO Menschen, die von weniger als 1,90 US-Dollar pro Tag leben müssen. Besonders betroffen davon sind Kinder und Frauen in ländlichen Gebieten. © obs/SOS-Kinderdo?rferweltweit„Wir sind uns der Tatsache bewusst, dass die Beseitigung der Armut in allen ihren Formen und Dimensionen, einschließlich der extremen Armut, die größte globale Herausforderung und eine unabdingbare Voraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung ist." In der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung wurde der Fokus auf die Bekämpfung der Armut gelegt.
 
Erstes Ziel der Sustainable Development Goals, die zusammen mit der Agenda im Jahr 2015 verabschiedet wurden, lautet: „keine Armut". Wer in absoluter beziehungsweise extremer Armut lebt, verfügt nicht über ausreichend finanzielle Mittel zur Befriedigung der täglichen Grundbedürfnisse, wie Nahrung, Kleidung und Unterkunft. Die Weltbank hat zur Messung dieser Form der Armut erstmals im Jahr 1990 die sogenannte poverty line (Armutsgrenze) errechnet. Aktuell liegt dieser Indikator bei 1,90 Dollar pro Tag und Beschäftigtem. Muss ein Mensch und seine Familie mit weniger auskommen, gilt er als extrem arm.

Seit 1999 ist die Zahl der in extremer Armut lebenden Personen drastisch von 1,7 Milliarden auf 902 Millionen Menschen (Stand 2012) gesunken. 2015 waren es noch 736 Millionen Menschen. Diese Entwicklungen machen Mut, wie auch Weltbankpräsident Kim Yong Kim betont: „Wir sind die erste Generation in der Menschheitsgeschichte die tatsächlich die extreme Armut beenden kann." Das gilt aber in erster Linie für Ost- und Südasien.
 
Die Situation in Gebieten südlich der Sahara hat sich in den letzten Jahren eher verschlimmert: Verursacht und verstärkt durch klimatische Veränderungen und ein nach wie vor rasant wachsendes Bevölkerungswachstum werden bis 2030 rund 85 Prozent aller Armen in diesen Ländern leben. Schon heute hat Nigeria Indien als Land mit dem höchsten Anteil armer Menschen abgelöst. Und auch innerhalb der Bevölkerungen gibt es besonders Benachteiligte. Für Kinder, junge Menschen und Frauen in ruralen Gebieten ist das Risiko, in extremer Armut zu leben, am höchsten.

Bernward Geier ist Pionier des internationalen biologischen Landbaus, Umweltaktivist, Journalist und Filmemacher. Unter anderem ist er auch Koordinator und Juryvorsitzender des One World Awards und Kura­toriumsmitglied von forum Nachhaltig Wirtschaften.

Dieser Artikel ist in forum 01/2020 - Dabeisein ist alles! erschienen.

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