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Zeit für einen Neubeginn

Fünfzehn Lehren aus Corona - 11 bis 15

  1. Die Natur lässt sich nicht beherrschen
  2. Wir müssen die Wildnis respektieren
  3. Verzichten ist möglich – und zuweilen unerlässlich
  4. Egoismus ist out, Miteinander ist in
  5. Allein sein gut, Gemeinschaft ist besser
    Zu den Lehren 1 bis 5.

  6. Digital ist großartig, ersetzt aber nicht analog
  7. Der Markt versagt in Krisenzeiten
  8. Ein neues ökonomisches Paradigma
  9. Mehr Land, weniger Stadt
  10. Es braucht politische Führung
    Zu den Lehren 6 bis 10.

  11. Grenzen sind nicht schön, aber unverzichtbar
  12. Der Multilateralismus ist alternativlos
  13. Es ist gut, auf die Wissenschaft zu hören
  14. Weisheit trägt weiter als Moralität
  15. Wir brauchen eine neue Religion 
Zum Schluss: Friedrich Hölderlin, Ermunterung (2. Fassung) 

Wenn Sie Christoph Quarch lieber persönlich lauschen wollen: Neustart gibt es jetzt auch zum Anhören.
 

Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch
11. Grenzen sind nicht schön, aber unverzichtbar
Woran denken wir, wenn wir an Grenzen denken? Denken wir an Flüchtlinge und Stacheldraht, an Mauern und an Panzersperren? Oder denken wir an die Zartheit der Haut, an die Weichheit einer Aprikosenschale? Auch Haut und Schale sind Grenzen: Grenzen, wie sie die Natur hat wachsen lassen. Es ist gut, sich das für einen Augenblick bewusst zu machen: Jedes Wesen dieser Welt ist in seine Grenzen gewiesen. Alles, was natürlich wächst, wächst bis zu einer bestimmten Grenze, die den Raum definiert, in dem es hier auf Erden walten darf. Das muss so sein, weil sich das Leben systemisch organisiert und nur in umgrenzten Organismen bestehen kann. Durch Schale oder Haut unterscheiden sich Lebewesen vom Rest der Welt und bilden ein nach außen vor unliebsamer Intervention (z. B. Viren) leidlich geschütztes und gleichzeitig in sich geschlossenes System. Das ist gut so. Grenzenloses Leben ist in der Natur genauso wenig möglich wie grenzenloses Wachstum.

Diese kleine Reflexion auf die belebte Welt sei dem vorausgeschickt, was nunmehr zu bedenken ist: Das Leben ist auch da auf Grenzen angewiesen, wo es sich in sozialen Systemen organisiert – in Partnerschaften, Familien, Unternehmen, Gemeinwesen. So wenig wie lebendige Organismen können auch diese Systeme für alles und jeden jederzeit offenstehen, weil nach Maßgabe ihrer jeweiligen qualitativen und quantitativen Zusammensetzung die Integrationskraft von Systemen begrenzt ist. Deshalb sind sie um ihres Fortbestehens willen darauf angewiesen, zuweilen dichtmachen zu können, um sich in sich selbst zu sammeln oder zu regenerieren.

Solches zu denken, fällt uns schwer. Zu tief haben sich in unser kollektives Bewusstsein die Schrecknisse von Krieg und Flucht geprägt, die uns auch jetzt erschaudern lassen, wenn wir das menschliche Leid an den Außengrenzen der Europäischen Union sehen. Und daran ist nichts falsch, denn so unerlässlich Grenzen für den inneren Systemzusammenhalt eines Gemeinwesens sind, so sehr ist auch geboten, sie durchlässig und transparent zu halten; und ihr Integrationsvermögen immer neu zu ermitteln. Auch das ist eine Grundlektion des Lebens: Sich abkapseln und alle Brücken abbrechen ist erst recht keine Lösung. Leben ist Stoffwechsel, ist Interaktion, ist Austausch. Leben atmet ein und aus, nimmt auf, gibt ab. Grenzen müssen so beschaffen sein, dass sie flexibel bleiben: abzuwehren und einzuladen – je nachdem, was Not tut.

Im Falle von Corona tut derzeit die Abwehr Not. Nur vorübergehend, wie wir alle hoffen. Ob nach außen oder nach innen: Längere Grenzschließungen der EU würden uns allen schaden. Als vorübergehende Schutzmaßnahme sind sie für die Resilienz der Union hingegen sinnvoll. Auch jetzt noch für Reisefreiheit und grenzenlosen Verkehr zu votieren hieße, eine – zugegebenermaßen sympathische – Idee über die Realitäten des physischen Lebens zu stellen. Das ist moralisch nachvollziehbar, aber nicht weise. Weisheit zeigt sich daran, dass sie das rechte Maß, die rechte Dosis an grenzüberschreitender Interaktion ermittelt. Diese Weisheit beherrschen alle Lebewesen instinktiv; sie auf unsere sozialen Systeme zu applizieren, fällt uns aber oft sehr schwer. 

Viele Grenzen sind nun geschlossen. Gewiss wird sich das Virus nicht um sie scheren – seine Wirte aber sind gezwungen, das zu tun. Derzeit ist dies legitim, weil so die lebendigen Systeme unserer Gemeinwesen geschützt werden können. Deshalb sollten wir, auch innerhalb der EU, an Grenzen festhalten: Grenzen, die, so lange alles gut geht, offenstehen, die jedoch zur Not geschlossen werden können, wenn dies sowohl der Schutz der nationalen Subsysteme ebenso erfordert als auch der Schutz der transnationalen Union im Ganzen. Auch wenn die Metapher schief ist: Grenzen sind so ähnlich wie Notausgänge. Im normalen Leben nerven sie – doch wenn es brennt, ist man dankbar dafür, dass man sie benutzen kann. 
 
12. Der Multilateralismus ist alternativlos
Auch wenn es gut ist, der Corona-Krise innerhalb nationaler Strukturen zu begegnen, um so den Eigenheiten von Gesellschaften und Kulturen Rechnung zu tragen, ist es doch unerlässlich, dies in enger Abstimmung mit anderen zu tun. Nicht nur mit den unmittelbaren Nachbarn, sondern mit der Weltgemeinschaft im Ganzen. Denn erkennbar ist schon jetzt: Krisen wie die Covid-19-Pandemie kann man nicht im nationalen Alleingang lösen. Für sie braucht es den Wissenstransfer zwischen den Staaten. Diejenigen, die früher betroffen waren, können die Nachzügler warnen – die ihre Erfahrungen wiederum mit den noch gar nicht Betroffenen teilen sollten.

Um diesen Wissenstransfer zu koordinieren und zu organisieren, gibt es eine Weltgesundheitsorganisation (WHO). Deren Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus macht seit Wochen einen guten Job. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, verzichtet aber darauf, bestimmte Länder direkt anzugehen. Er klärt auf und koordiniert – und stellt damit eindrucksvoll unter Beweis, wie wichtig und hilfreich die zuletzt so vielfach gescholtenen – vor allem von den USA und manchen europäischen Populisten – Vereinten Nationen für das Miteinander auf Erden sind; gerade in Krisenzeiten. Für alle, die zuletzt glaubten –aus Kostengründen oder Machtkalkülen –, auf die UN und ihre Unterorganisationen verzichten zu können, hält Corona diese Lektion bereit: Ohne Multilateralismus geht es nicht. Zumindest so lange nicht, wie es auf Erden Kriege, Krisen, Katastrophen gibt – also für immer.

Dieses Plädoyer für die Unverzichtbarkeit multilateraler Organisationen und internationaler Zusammenarbeit soll natürlich nicht darüber hinwegsehen, dass auf diesem Feld so manches zu verbessern ist. Deshalb wäre es nicht die schlechteste Lehre aus Corona, ähnlich wie in den Jahren nach 1945 mit Verve daran zu arbeiten, die UN und andere multilaterale Organisationen einem gründlichen Relaunch zu unterziehen: als funktionsfähige und effiziente Gegengewichte zu den sich herauskristallisierenden um sich selbst kreisenden großen Nationalstaaten wie China, USA, Russland oder Brasilien. Selbst deren Potentaten kommen – wenn sie denn nicht ganz vernagelt sind – in Zeiten der Pandemie nicht länger an der Einsicht vorbei, dass es in ihrem eigenen Interesse keine Alternative zur internationalen Kooperation gibt. Allerdings muss zugestanden werden, dass die »XX-first«-Vernagelung inzwischen ein bedenkliches Ausmaß angenommen hat.
 
13. Es ist gut, auf die Wissenschaft zu hören
Es gibt da eine Sache, die mich in Staunen versetzt. Ich beobachte Menschen in meinem Umfeld, die Zorneswallungen an den Tag legen, wenn sie Leuten begegnen, die allen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Trotz den Klimawandel leugnen. Und genau diese Personen sprachen bis vor Kurzem im Blick auf die Ausweitung der Corona-Pandemie – allen Prognosen der Virologen und Epidemiologen zum Trotz – von Hysterie und aufgebauschtem Medienrummel. Es scheint, der Mensch der medialen Moderne neigt dazu, nur denjenigen Wissenschaftler(inne)n Glauben zu schenken, die sagen, was man selbst für richtig hält, sich wünscht oder erhofft – eine Haltung, die gerne mit dem Anfangsverdacht begründet wird, es gebe ja ohnehin keine verlässliche Wahrheit und auch die Wissenschaft sei meist gekauft oder politisch instrumentalisiert.

Ohne zu leugnen, dass ich mit großer Sorge sehe, in welch hohem Maße wissenschaftliche Einrichtungen von Wirtschaftsunternehmen finanziert werden (z. B. an der Berliner TU ein Lehrstuhl für Ethik in der Informationstechnologie von Facebook), bleibt doch festzuhalten, dass wissenschaftliche Erkenntnisse und Einsichten unverzichtbar sind, wenn es darum geht, mit den Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft klar zu kommen. Es gibt zu denken, dass die Corona-Pandemie ziemlich genau so verläuft, wie von Wissenschaftlern prognostiziert. Das legt zumindest den Verdacht nahe, dass Wissenschaft selbst in Fake-News-Zeiten noch immer über die Fähigkeit verfügt, zutreffende Sätze über Tatbestände der faktischen Welt auszusprechen und auf deren Grundlage verlässliche Vorhersagen zu treffen. Und wenn es dabei zu unterschiedlichen Aussagen und Sichtweisen kommt, die von der Scientific Community gleichermaßen anerkannt sind, dann ist das ein Indiz dafür, dass wirklich der Wille zur Wahrheit und nicht der Wille zu Macht und Profit am Werke ist. Ganz im Sinne von Karl Popper, der die Falsifikationsfähigkeit wissenschaftlicher Aussagen zu einem Qualitätsmerkmal der Wissenschaftlichkeit erhob. 

Unter dieser Voraussetzung ist wissenschaftliche Wahrheit möglich – mehr noch: Wir tun gut daran, nach wissenschaftlich verbürgter Wahrheit zu fragen und bei unserem Handeln Maß an ihr zu nehmen. Jedenfalls zeigt das Vorgehen gegen die Ausweitung von Covid-19, dass es gut ist, wenn Regierende der Expertise der Wissenschaft Gehör schenken. Eine wichtige Lektion daraus ist, genau das auch im Blick auf Klimawandel, Artensterben und CO2-Emissionen zu tun – um nur ein paar Beispiele zu nennen.

14. Weisheit trägt weiter als Moralität
Corona stellt unser Mindset in Frage: die Weise, wie wir die Welt sehen, die Welt einrichten, die Welt bewerten. Auch unsere Ethik ist tangiert. Bis vor Kurzem taten viele Menschen so, als kennten sie keine höheren Werte denn Reise- und Konsumfreiheit, materiellen Wohlstand oder ökonomischen Profit. Mit einem Schlag hat sich das geändert. Plötzlich haben Sicherheit und Gesundheit die Spitze der Wertepyramide erobert. Und in ihrem Gefolge das, was diese Ziele erreichbar macht: Zusammenhalt, Solidarität, Kooperation. Es ist erstaunlich, wie schnell Werte auf- und abgewertet werden. Von ökonomischen Werten kannte man das ja – aber bei moralischen Werten neigte man dazu, ihnen eine längere Halbwertzeit beizumessen. 

Soll damit gesagt sein, dass Corona leistet, was Friedrich Nietzsche eine »Umwertung aller Werte« nannte? Nein, damit soll nur gesagt sein, dass man sich auf Werte nicht verlassen kann. Wert hat das, was Menschen wollen. Ändert sich der Wille des Menschen, ändern sich seine Werte. Wenn im Augenblick alle nur den Wunsch haben, gesund zu bleiben oder das Gesundheitssystem zu stabilisieren, damit ihre Lieben im Krankheitsfall versorgt werden können, dann verlieren andere Werte wie Reise- und Versammlungsfreiheit automatisch ihr Gewicht. Das ist ein normaler Vorgang, der allerdings nicht jedem schmeckt. Denn immer finden sich Moralisten, die umgehend Bedenken vortragen, wenn die Werte, von denen sie meinen, dass andere sie wollen sollen, nicht die Wertschätzung erhalten, die sie für diese Werte fordern – die beispielsweise darüber lamentieren, dass die breite Masse ohne Widerstand darauf verzichtet, ihre Freiheitsrechte einzufordern und sich dem öffentlichen Reglement zu widersetzen.

Es ist eine alte Geschichte: Moralisten neigen dazu, die Welt nach Werten zu bemessen, die nicht unbedingt die Werte derer sind, die mehrheitlich die Werte setzen. Wenn sie gleichwohl an ihren – meist schönen und edlen – Werten festhalten, eignet dem etwas Heroisches, was aller Ehren wert ist. Nur, in Krisenzeiten wie diesen hilft kein Heroismus, sondern eher ein ethischer Pragmatismus, der weniger daran Maß nimmt, was wir wollen – oder wollen sollen –, sondern daran, was ist. Nicht am Willen des Menschen, sondern am Sein der Welt. Das könnte die Lektion von Corona in Fragen der Ethik sein: nicht, dass wir neue Werte brauchen, sondern dass wir für unser Handeln nach einem anderen, verlässlicheren Maßstab Ausschau halten. Nennen wir ihn probeweise das Leben oder die Natur.

Das Leben folgt einigen einfachen aber fundamentalen Grundprinzipien. Es organsiert sich in Systemen, die ihrerseits darauf ausgelegt sind, mit sich selbst und ihrem ökologischen Ambiente in einem stimmigen, wohlaustarierten Gleichgewicht zu sein – ein Zustand, den die alten Griechen harmonía nannten und den sämtliche indigenen Völker ebenso wie die traditionellen Gesellschaften Asiens als Maß aller Dinge kannten und würdigten. Harmonie bedeutet dabei nicht eintönige Uniformität oder spannungsloses Nebeneinander. Harmonie ist ein Zustand lebendiger Hochspannung, in dem vielerlei Unterschiedliches so miteinander interagiert, dass es sich in ein stimmiges Ganzes fügt. Diesem Grundprinzip des Lebens auch in den Belangen der menschlichen Welt zu folgen, ist nach griechischem Verständnis eine Tugend – nicht irgendeine Tugend, sondern die Tugend, die auszuüben die Meisterschaft des menschlichen Lebens ist. Die Griechen nannten sie sophía – Weisheit.

Weisheit ist die Qualität des Handelns, die gefragt ist, wenn die Werte sich verflüchtigen. Weisheit nämlich nimmt nicht daran Maß, was Menschen wollen – bzw. wovon Menschen behaupten, dass andere es wollen sollen. Sie leitet sich her von dem einfachen Grundprinzip des Lebens, das wissenschaftlich bestätigt ist und von jedermann erfahren werden kann: Gut ist alles, was dem lebendigen Gleichgewicht des Lebens dient – der Gesundheit des Leibes ebenso wie der Gesundheit unserer sozialen und ökologischen Systeme. 

Wir brauchen jetzt keine langen ethischen Debatten darüber zu führen, welcher Ethik wir den Vorzug geben wollen. Die Frage ist längst entschieden. Im Umgang mit Corona ringen wir um weise Lösungen: Lösungen, die den Zusammenbruch unserer politischen, sozialen und ökonomischen Systeme verhindern sollen. Vielerorts scheint sich die Erkenntnis durchgesetzt zu haben, dass es jetzt allem voran darum gehen muss, die aus dem Gleichgewicht geratene Welt wieder ins rechte Lot zu bringen. Das aber wird durch moralische Imperative und Werte nicht gelingen, sondern nur durch ein weises Handeln, das bedächtig, vorsichtig und achtsam die faktischen Menschen und ihre Einrichtungen in ein neues gesellschaftliches Gefüge einstimmt.

15. Wir brauchen eine neue Religion
Was können wir einer Pandemie entgegensetzen? – Unsere Ökonomie? Nein, die geht selbst in die Knie. – Unsere digitale, intelligente Informationstechnologie, die uns zuletzt Unsterblichkeit in Aussicht stellte? Offenbar nicht, um sie ist es seit dem Ausbruch von Corona plötzlich still geworden; auch ist sie nicht da, wo man sie gern gesehen hätte: in der ersten Reihe der medizinischen Versorgung. – Dann bleibt wohl nur die Wissenschaft? Ja, aber die Wissenschaft braucht eine Weile, bis mit ihrer Hilfe Impfstoffe und Medikamente entwickelt werden können. Und bis dahin? 

In früheren Zeiten hätten sich die Menschen aller Völker und Kulturen in einer solchen Situation in die Arme ihrer Religion geworfen. Bitt- und Bußprozessionen wären durch die Städte gezogen, Gottesdienste hätten allenthalben Gläubige versammelt. Diese Zeiten aber sind vorbei. Die Gotteshäuser stehen leer – man vertraut eher auf die Warnungen der Wissenschaftler als auf das rettende Eingreifen Gottes. Selbst wenn es kein Versammlungsverbot gäbe, würden die Kirchen wohl eher nicht überquellen. Wer es bislang noch nicht wahrhaben wollte, findet hier den eindrucksvollen Nachweis dafür, wie Recht Friedrich Nietzsche hatte, als er vor 140 Jahren notierte: »Gott ist tot. Und wir haben ihn getötet.« Vielleicht sind wir hier bei dem historischen Alleinstellungsmerkmal der Corona-Pandemie. Es ist nicht nur die erste globale Seuche, sondern auch die erste Seuche in der Zeit nach dem Tode Gottes. Und da liegen Problem und Chance.

Das Problem besteht darin, dass mit der angestammten Religion dem Menschen der Moderne die Möglichkeit verloren gegangen ist, eine geistige Handhabe für den Umgang mit der Pandemie zu finden: ein geistiges Instrumentarium, das ihm erlaubte, irgendeinen Sinn in dem zu finden, was gerade geschieht. Ohne dieses Instrumentarium droht die Gefahr, ob der Wucht der Seuche zu verzweifeln, weil all das, mit dessen Hilfe man bislang das Sinnvakuum kaschieren konnte – Entertainment, Konsum etc. –, porös wird; und weil man dann nichts mehr entdecken kann, woraus Trost, Ermutigung und Energie wachsen könnten. Gerade in Krisenzeiten brauchen wir geistige Nahrung, an der wir uns begeistern können: Sinnperspektiven, Visionen, gute Gedanken, die uns motivieren durchzuhalten und nach vorne zu schauen. 

Damit kommen wir zur Chance, die infolge von Corona erkennbar wird: »Nah ist und schwer zu fassen der Gott. Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch«. So schrieb es der just vor 250 Jahren (am 20. März 1770) geborene Dichter Friedrich Hölderlin. Der rettende »Gott«, von dem er schreibt, ist »schwer zu fassen«. Wir kennen seinen Namen nicht. Nur so viel ist gewiss, dass er ganz anders sein wird als all die alten Götter, deren Häuser nunmehr leer stehen. Vielleicht ist er auch gar kein Gott, sondern vielmehr ein göttlicher Geist, der uns zu einem Neuanfang begeistern kann. So wie es in der Menschheitsgeschichte immer schon Neuanfänge gab, bei denen plötzlich, wie aus dem Nichts, ein bis dato unbekannter Geist zu wehen begann, die Menschen ergriff und sie dazu bewegte, neue Wege einzuschlagen. Oft war damit – wie etwa in der europäischen Renaissance – eine außerordentliche kulturelle Blüte verbunden. Meistens fanden die vom Geist bewegten Menschen auf eine neue Weise zusammen und rückten enger aneinander. 

Könnte es sein, dass eben dafür die Zeit gekommen ist: für eine neue Religion? Nicht im Sinne der alten Religionen, sondern im ursprünglichen Sinne des lateinischen Wortes religio, das (vermutlich) vom Verbum religare (= rückbinden) abstammt: eine neue Rückbindung an das lebendige Sein dieser Welt – an die Natur, die wir so lange Zeit missachtet haben; an das Leben, dessen Wert und Wunder uns nun wieder sonnenhell vor Augen stehen; aneinander, da wir dieser Tage begreifen müssen, dass Menschsein nur gemeinschaftlich gelingen kann; eine Rückbindung an den lebendigen Geist der Lebendigkeit.

Vielleicht ist dies am Ende die wichtigste und dringlichste Lektion, die uns Corona lehrt: Wir brauchen eine neue religio an das Sein dieser Welt – eine Hinwendung zur lebendigen Natur, die uns einlädt, deren Heiligkeit zu erkennen und unsere Zugehörigkeit zu ihr begreifen. Es geht nicht um neue Dogmen, Gebote, Kulte oder Kultgemeinschaften. Es geht einfach nur darum, uns wieder einzulassen auf die Welt, in der wir leben: mit ihren unermesslichen Freuden und ihren beängstigenden Schrecken, mit ihrer Schönheit und ihrer Tragik.

Corona lehrt, dass nichts für unseren Fortbestand so gefährlich ist, wie die völlige Bindungslosigkeit und Ignoranz von Menschen, die glauben, nichts und niemand gehe sie etwas an; die sich über alles stellen, was um sie herum geschieht. In nichts anderem manifestiert sich der »Tod Gottes« mehr als in dieser Haltung des »Betrifft mich nicht«. Die neue Religion, die uns nicht aus, aber in dieser Krise retten kann, ist die Hinwendung zu Mensch und Welt: ein begeistertes Ja zum Leben. In seiner reifsten Form ist das nichts anderes als Liebe – eine Liebe, die so groß ist, dass sogar der Tod vor ihr verblasst.
?
Zum Schluss:

 

Friedrich Hölderlin, Ermunterung (2. Fassung)

Echo des Himmels! heiliges Herz! warum,
Warum verstummst du unter den Lebenden,
Schläfst, freies! von den Götterlosen
Ewig hinab in die Nacht verwiesen?

 

Wacht denn, wie vormals, nimmer des Aethers Licht?
Und blüht die alte Mutter, die Erde nicht?
Und übt der Geist nicht da und dort, nicht
Lächelnd die Liebe das Recht noch immer?

Nur du nicht mehr! doch mahnen die Himmlischen,
Und stillebildend weht, wie ein kahl Gefild,
Der Othem der Natur dich an, der
Alleserheiternde, seelenvolle.

O Hoffnung! bald, bald singen die Haine nicht
Des Lebens Lob allein, denn es ist die Zeit,
Daß aus der Menschen Munde sie, die
Schönere Seele, sich neuverkündet,

Dann liebender im Bunde mit Sterblichen
Das Element sich bildet, und dann erst reich,
Bei frommer Kinder Dank, der Erde
Brust, die unendliche, sich entfaltet.

Und unsre Tage wieder, wie Blumen, sind,
Wo sie, des Himmels Sonne, sich ausgeteilt
Im stillen Wechsel sieht und wieder
Froh in den Frohen das Licht sich findet,

Und er, der sprachlos waltet und unbekannt
Zukünftiges bereitet, der Gott, der Geist
Im Menschenwort, am schönen Tage
Kommenden Jahres, wie einst, sich ausspricht.

 
Christoph Quarch 
ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
Lesen Sie mehr von ihm unter www.christophquarch.de   
 
Als forum Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel".

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