evoBuild - Zirkulär gedacht. Für Visionen gemacht.
Christoph Quarch

Angriff der Spielverderber

Wenn das Spielfeld zum Marktplatz wird

Wir leben in der Zeit des Spiels. So will es scheinen. Denn allenthalben spielen Menschen. Sie spielen an Computern und an Handys, sie spielen in Casinos und an Automaten. Sie spielen an der Börse und in Unternehmen. Und sollten sie nicht selber spielen, so schauen sie doch beim Spielen zu. Im Fernsehen laufen dauernd neue Spiel-Shows: von Wer wird Millionär? bis Das Spiel beginnt, von Germany’s Next Topmodel bis zum Dschungelcamp. Und über allem thront der Quotenkönig Fußball. Nichts anderes lenkt so viele Augenpaare auf sich wie das runde Leder. Beim Endspiel der WM 2014 schauten Schätzungen zufolge mehr als eine Milliarde Menschen zu. In einem solchen Maße wurde die Aufmerksamkeit unserer Spezies noch nie zuvor synchronisiert. Kein Papst und kein Obama, kein Putin und kein Dalai Lama haben es je vermocht, so viele Menschenhirne gleichzeitig auf sich auszurichten. Und das über alle Grenzen hinweg: König Fußball ehren Arme und Reiche, Männer und Frauen, Menschen aller Kontinente, aller Religionen und Kulturen. Sie scheuen weder Geld noch Mühe, um ihre Helden auf dem Fußballfeld zu sehen. Sie bauen große Stadien, sammeln sich zu Tausenden beim Public Viewing, um ihrem Lieblingsteam zu huldigen. Mag sein, dass künftige Geschlechter im Rückblick auf die Gegenwart nur noch vom Zeitalter des Fußballs reden werden. Denn eins steht fest: Fußballspiele sind die öffentlichkeitswirksamsten Kulturereignisse unserer Zeit; so bedeutungsvoll für die Weltzivilisation der Gegenwart, dass die islamistische Barbarei dieses Spiel am 13. November 2015 in Paris zum Terrorziel gemacht hat.
 
Der nebenstehende Artikel ist ein Auszug aus:

 
Gerald Hüther, Christoph Quarch:
Rettet das Spiel!
Weil Leben mehr als Funktionieren ist

Hanser Verlag, München 2016
Der größte Publikumsmagnet auf Erden ist ein Spiel. Das muss zu denken geben. Noch mehr zu denken geben muss, was um das Fußballspiel herum geschieht: finstere Machenschaften, Wettskandale, Korruption, die totale Vermarktung. Die Enthüllungen rund um den Weltfußballverband FIFA und den Deutschen Fußballbund DFB vermitteln wohl erst eine schwache Ahnung davon, wie sehr das Lieblingsspiel so vieler Menschen in die Klauen eines allem Spiel abholden Ungeistes geraten ist. Von allen Seiten ist das Spiel vom Business umstellt ist – buchstäblich, man achte nur auf die Werbebanderolen im Stadion und auf die Logos auf den Trikots der Spieler. Der Homo oeconomicus streckt machtvoll seine Krallen nach dem Fußball aus und droht, es zu vernichten. Da wird vermarktet, was das Zeug hält, da wird das Spiel vor der Karren handfester ökonomischer und politischer Ziele gespannt, die es eigentlich zerstören müssten, wenn nicht das Fußballspiel aus sich heraus eine so hohe Dichte und Attraktivität hätte, dass die 90 Minuten auf dem Platz tatsächlich den ganzen Rummel und das ganze Business drumherum vergessen lassen. Selbst auf Profi-Kicker trifft das zu. Wenn das Spiel läuft, sind sie wieder die Buben vom Bolzplatz – egal, was ringsherum geschieht: das Spielgeschehen selbst bewahrt noch jene Unschuld echten Spielens, auch wenn der Spielbetrieb vergiftet und verseucht ist. Das ist es wohl, was diesem Spiel den eigentlichen Glanz verleiht und es zum Lieblingsspiel der Menschheit macht.
 
Hält auch das Fußballspiel – noch – dem Angriff der Funktionäre und Händler einigermaßen stand – für die Mehrzahl der öffentlich gepushten Spiele aus TV und Internet gilt das längst nicht mehr. Hier hat die Kommerzialisierung ganze Arbeit geleistet. Viele Spielshows im TV sind so stark von einem spielfeindlichen Geist durchdrungen, dass einem doch recht schnell die Lust daran vergeht. Beim Dschungelcamp etwa liegt der Sinn der ganzen Inszenierung nicht im Spiel selbst, sondern allein bei dem was herauskommt: Karriere, Geld und Prominenz als Zweck der Kandidaten; Zerstreuung und Unterhaltung beim Zuschauer; Profit und Einschaltquote als das Ziel der Sender. Die meisten Spielshows sind auf die Quote hin designt. Es geht bei ihnen nicht ums Spiel, sondern ums Geschäft. Und man sieht deutlich: Die Falschspieler sind unterwegs, und sie drohen, unsere Spielplätze in Marktplätze zu verwandeln und unsere Spielwelten der Businesswelt einzuverleiben. Hier wird das Spiel im großen Stile instrumentalisiert und wirtschaftlichen Interessen unterworfen: Hier wird der Homo ludens (der spielende Mensch) durch den Homo oeconomicus verdrängt. Der Homo oeconomicus zwingt allen Spielen seine eigenen Kriterien auf. Er kolonialisiert die Spielwelt und unterwirft sie dem Diktat seiner Werte: Effizienz, Produktivität, Funktionalität, Profitabilität – Werte, die im Reich des Wirtschaftens berechtigt sind, die aber das Spiel verderben und den Homo ludens zugrunde richten.
 
Es ist an der Zeit, den Homo ludens neu zu entdecken und zu verteidigen. Mehr noch: Es ist an der Zeit, den Homo ludens gegen den Homo oeconomicus in Stellung zu bringen – ihn stark zu machen und zu nähren. Das ist notwendig, weil der Homo ludens das subversives Potenzial besitzt, das es braucht, die Alleinherrschaft des Homo oeconomicus zu brechen. Es tut not, ihm einen kraftvollen Gegenspieler beizugesellen, um inmitten der von ihm geschaffenen Wüsten neue Oasen der Lebendigkeit zu pflanzen.
 
 
Christoph Quarch
ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
Lesen Sie mehr von ihm unter www.christophquarch.de 

Weitere Artikel von Christoph Quarch:

Macht KI dumm?
Christoph Quarch plädiert dafür, Sinnverstehen und Urteilskraft zu kultivieren als Gegengewicht gegen die drohende Übermacht der KI
Dänemark war lange der große Vorreiter bei der Digitalisierung des Schulunterrichts. Mit dem neuen Schuljahr ist Schluss damit. Ab jetzt wird in dänischen Schulen wieder mit konventionellen Lehrmitteln unterrichtet. Der Grund: Wissenschaftliche Auswertungen des Digitalunterrichts haben negative Auswirkungen auf die Kinder ans Licht gebracht. Auch hierzulande warnen Pädagogen vor zu viel IT im Unterricht.


Ist die Demokratie im KI-Zeitalter noch zu retten?
Christoph Quarch hofft auf Europäische KIs, die systemisch denken und den Blick fürs Ganze haben
Die bevorstehenden Landtagswahlen im Osten Deutschland sind ein weiteres Beispiel dafür: Künstliche Intelligenz spielt in der politischen Kommunikation eine immer größere Rolle. Dass Politiker ihre Reden von einer KI schreiben lassen und KI-generierte Bilder auf Plakaten erscheinen, wird von den Wählerinnen und Wählern meist hingenommen; dass aber immer mehr Inhalte, Statistiken oder Informationen KI-generiert sind, bereitet allen Demokraten Sorgenfalten.


Sind wir auf dem Weg, uns selbst abzuschaffen?
Christoph Quarch überlegt, was KI-Systeme mit uns machen und wie wir uns verhalten sollten
Egal ob zu Hause, beim Job oder im Urlaub: KI ist überall - auch wenn wir es gar nicht merken, prägt sie unsere Lebenswirklichkeit. KI-Systeme geben uns Auskunft, schreiben für uns Texte, führen mit uns Gespräche, entwickeln für uns Strategien, spielen mit uns Spiele. Und wo wir nicht unmittelbar mit ihnen umgehen, verändern sie im Hintergrund mit einer nie dagewesenen Geschwindigkeit und Radikalität unsere Lebensweise, unser Sozialverhalten, unsere Gewohnheiten.


Die italienischen Momente im Leben?
Christoph Quarchs Überlegungen zum Hitzesommer
Dieser Sommer bricht alle Rekorde: Immer neue Höchsttemperaturen, immer mehr Hitzetote, historische Tiefststände der großen Flüsse, immer mehr Wald- und Flächenbrände auch in Deutschland, Missernten auf den Feldern, Wassermangel in den Städten... Die Liste ist lang, und sie ist verstörend, denn sie hinterlässt bei vielen Menschen das beklemmende Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins.


Wer an die Sonnenfinsternis glaubt, kann den Klimawandel nicht leugnen
Christoph Quarchs Überlegungen zur Sonnenfinsternis am 12. August
Was haben Grönland und Spanien, Portugal und Island gemeinsam? Richtig, von dort aus kann man am kommenden Mittwoch eine totale Sonnenfinsternis beobachten - und zwar eine ganz besondere, weil sich der Schatten des Mondes erst kurz vor Sonnenuntergang so vollständig auf die Erde legen wird, dass auch ungeübte Augen - natürlich durch die entsprechenden Schutzgläser - die flammende Corona der Sonne erkennen können. Dieses Spektakel wollen sich viele Menschen nicht entgehen lassen.




     
        
Cover des aktuellen Hefts

Die Natur lebt vom Kreislauf – und wir?

forum 04/2026

  • Kreislaufwirtschaft
  • Biodiversität
  • Bildung
  • Wasserweisheiten
  • Altöl im Kreislauf
Weiterlesen...
Kaufen...
Abonnieren...
12
SEP
2026
Corso Leopold
Ein Wochenende voller Musik, Kunst und Begegnung
80804 München, Leopoldstraße
22
SEP
2026
WindEnergy Hamburg 2026
Connect with the global wind industry
20357 Hamburg
23
NOV
2026
Energie- & Umweltgipfel 2026: Produzierende Industrie
Where Industrial Transformation Creates Competitive Advantage
10623 Berlin
Alle Veranstaltungen...
Energie- & Umweltgipfel 2026
Anzeige

Der Mittelstand im ESG-Dschungel. Sie müssen nicht alles machen. Sie müssen nur wissen, was.

Sie erhalten einen klaren Fahrplan: was jetzt zu tun ist, was Sie auf dem Schirm behalten sollten und was Sie getrost ignorieren können.

Klima

Die italienischen Momente im Leben?
Christoph Quarchs Überlegungen zum Hitzesommer
Munich Climate Week 2026
Lassen Sie sich begeistern von einem Buch, das Hoffnung macht.

Jetzt auf forum:

Ein Wochenende voller Musik, Kunst und Begegnung

11. Internationaler Bodentag zum Thema "Gesunder Boden: vom Acker zum Teller" am 18,/19. November 2026 in Neunburg v. Wald

EthioTrees ist das Leuchtturm-Projekt 2026

PLAN-B NET ZERO gewinnt zweiten PaaS-Kunden

Regenwald-Konferenz erhält den "Making a Difference" Award 2026 des Jane Goodall Instituts Deutschland

Hitzeschutz muss verbindlicher Bestandteil von Neubau, Sanierung und Instandhaltung von Schulen werden

Zendure auf der IFA 2026

Der Kanzler will den Klimawandel zurückdrängen

B.A.U.M. Insights
  • Zendure DE GmbH
  • Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V. (BNW)
  • Protect the Planet. Gesellschaft für ökologischen Aufbruch gGmbH
  • ZamWirken e.V.
  • World Future Council. Stimme zukünftiger Generationen
  • Global Nature Fund (GNF)
  • Futouris - Tourismus. Gemeinsam. Zukunftsfähig
  • 66 seconds for the future
  • BAUM e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften
  • Energie- und Klimaschutzagentur Rheinland-Pfalz GmbH
  • Klimabündnis Ebersberg-München
  • SUSTAYNR GmbH
  • WWF Deutschland
  • Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG
  • DGNB - Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
  • NOW Partners Foundation
  • Engagement Global gGmbH