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Christoph Quarch

Wohlstandsverlust - und die Angst vor Veränderung

Christoph Quarch stellt die Frage, welche Art von Wohlstand wir wirklich brauchen

Düstere Prognosen machen in diesen Tagen die Runde: Die deutsche Wirtschaft ist im Niedergang, unser Wohlstand ist in Gefahr - so die Hiobsbotschaften von Wirtschaftsforschungsinstituten und Politikern. Die Medienresonanz ist groß. Wer vor Wohlstandsverlust warnt, darf damit rechnen, Gehör zu finden. Aber was ist dabei eigentlich gemeint? Warum findet die Warnung vor Wohlstandsverlust in unserer Gesellschaft so ein starkes Echo? Darüber reden wir mit dem Philosophen und Bestsellerautor Christoph Quarch.
 
Herr Quarch, treibt die Sorge vor Wohlstandsverlust auch den Philosophen um?
Zu allen Zeiten haben die Philosophen davor gewarnt, das Glück von der Anhäufung materieller Güter abhängig zu machen. © Alexas_Fotos, pixabay.comBevor er über einen drohenden Wohlstandsverlust nachdenkt, interessiert den Philosophen zunächst einmal eine andere Frage, nämlich: Was ist überhaupt Wohlstand? Und das ist alles andere als leicht zu beantworten. Eine eindeutige Definition gibt es nicht und man kann in der Regel nur aus dem Kontext erschließen, was diejenigen meinen, die so eindringlich vor Wohlstandsverlust warnen. So ist "Wohlstand" bei Ökonomen oft nichts anderes als eine Chiffre für Wachstum, bei Politikern für zusätzliche Steuereinnahmen und bei Populisten für "Bewahrung des Status quo". Diese begriffliche Unschärfe führt dazu, dass das Konzept "Wohlstand" inflationär gebraucht wird. Es fällt ja auf, dass die Warnung vor Wohlstandsverlust immer mit Erklärungen verbunden wird: Mal liegt es an Sozialausgaben, mal am Klimaschutz, mal an der Bürokratie. Das verrät, dass "Wohlstandsverlust" weniger eine Diagnose als vielmehr ein rhetorisches Triggerwort ist, mit dem man Stimmung machen will.

Aber das eine schließt das andere doch nicht aus. Als Triggerwort, wie Sie sagen, kann die Warnung vor Wohlstandsverlust doch nur deshalb funktionieren, weil damit eine reale Sorge bei den Menschen angesprochen wird.
Dass diese Sorge existiert, will ich nicht bestreiten - ob sie berechtigt ist, steht auf einem anderen Blatt. Aber auch hier müsste man erstmal klären, was es eigentlich ist, von dem die Menschen fürchten, es könne ihnen verloren gehen. Ich vermute, dass es dabei allem voran um ihren ökonomischen bzw. materiellen Status geht: ihre Kaufkraft, ihr Finanzvermögen, ihren Besitzstand. Die Sprache ist an diesem Punkt aufschlussreich. "Wohlstand" suggeriert etwas Bestehendes - etwas, das man hat und nicht aufgeben möchte. Das kann bei dem einen viel und bei dem anderen wenig sein. So oder so ist es gefährdet durch Veränderung. Nichts bedroht den festen Stand mehr als sich bewegen zu müssen. Und da haben wir eine mögliche Erklärung dafür, warum das Thema Wohlstandsverlust so populär ist: Es adressiert die Angst vor Veränderung - und legitimiert eine rückwärtsgewandte Politik.

In bewegten Zeiten wie diesen ist die Angst vor Veränderung bzw. der Wunsch nach Beständigkeit aber doch sehr verständlich. Brauchen die Menschen nicht etwas, das ihnen Halt gibt? Und wenn es der Wohlstand ist.
Die Frage ist doch, ob das, was gemeinhin unter Wohlstand verstanden wird, diesen Halt tatsächlich geben kann. Eben das würde ich bezweifeln. Und damit bin ich nicht allein. Zu allen Zeiten haben die Philosophen davor gewarnt, das Glück von der Anhäufung materieller Güter abhängig zu machen. Man muss dabei nicht gleich an Diogenes denken, der aus lauter Verachtung vor dem Reichtum seiner Mitbürger in eine Tonne umzog und radikale Armut propagierte. Auch ein Denker wie Seneca, der selbst steinreich war, ermahnte sich unermüdlich, den materiellen Wohlstand gering zu schätzen und das Augenmerk auf das zu lenken, was dem Leben echte Erfüllung schenkt: Gemütsruhe, Seelenfrieden, Freundschaft, die Möglichkeit, Sinn zu stiften und Gutes zu tun. Ohne das, so die Stoiker, kein Wohlstand.

Aber ist es nicht zynisch, Menschen, die am Existenzminimum leben, mit solchen Empfehlungen zu kommen? Wenn man ums Überleben kämpft, klingen die stoischen Empfehlungen doch eher hohl.
Ist das wirklich so? Ich würde sagen: Ja, es ist so, wenn man in einer vollkommen materialistischen Welt wie der unseren lebt, die keinen anderen Wohlstand kennt als materiellen Reichtum. Aber genau da liegt das Problem. Denn der Preis, den wir für diesen Wohlstand zahlen, ist inzwischen unerträglich hoch: eine zerstörte Umwelt, vergiftete Meere, Klimawandel, Pandemien. In meiner Wahrnehmung ist das Problem nicht, dass unser Wohlstand in Gefahr ist, sondern dass unser Wohlstand die Gefahr ist - und zwar die Gefahr aller Gefahren. Denn er ist erkauft durch eine maßlose Ausbeutung der natürlichen Ressourcen. Wir leben über unsere Verhältnisse. Das ist es, was letztlich alles gefährdet. Und deshalb brauchen wir dringend eine gesellschaftliche Debatte darüber, welche Art von Wohlstand wir wirklich wollen können. Das wäre wesentlich zielführender als das Gerede vom Wohlstandsverlust.

Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch

Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
 
 
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org


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