Garten-PV - Stromkosten um fast 80 Prozent gesenkt!
Christoph Quarch

Wir müssen dienen lernen.

Ein Plädoyer für die Einführung eines Europäischen Bürgerdienstes

Nur wenn wir uns auf unsere Werte besinnen und sie tätig anwenden, wird Europa den Herausforderungen der Zukunft gewachsen sein.
 
Text: Christoph Quarch 

Foto: Christoph Quarch
Das Jahr 2015 geht zur Neige. Es war ein Jahr der Krisen und Herausforderungen – für Europa, für Deutschland, für jede(n) einzelne(n) von uns. Blicken wir kurz zurück: Der Schuldenstreit um Griechenland, die uferlosen Flüchtlingsströme quer durch Europa, dschihadistischer Terror in den Städten, ein Klimagipfel ohne Courage. Und wo man hinschaut: nirgendwo Visionen, allenfalls ein halblebiges Krisenmanagement, das auf vermeintlich bewährte Instrumente zurückgreift: Austerität und Sparkurs in Griechenland, Bomben und Soldaten in Syrien, mehr Sicherheit und Geheimdienst gegen Terror. Ansonsten bleibe alles wie es ist.

Planlose Regierung
Die Bundesregierung lässt sich dafür feiern, schlechte Antworten auf Probleme zu geben, die sie mitverursacht hat. In Griechenland nicht anders als beim Thema Zuwanderung. Ohne erkennbaren Plan, was man mit all den Menschen anfangen möchte, lässt man allein in diesem Jahr über eine Million Flüchtlinge ins Land. Ohne erkennbaren Plan für eine Lösung des Konflikts, stürzt man sich in einen Krieg in Syrien. Ohne eine Idee, wie man das Land flott bekommen könnte, verordnet man Griechenland eine Rosskur. Die Kanzlerin und ihr Kabinett reagieren technisch, funktional – doch ohne jeden Anhauch einer politischen Vision für unser Land und für Europa. Man wurschtelt sich so durch – und fragt sich nicht einmal, wie lange das noch gut geht. 
 
Doch ist es müßig, den Finger nur gen Brüssel und Berlin zu strecken. Dort zeigt sich nur, was in uns allen waltet: der Niedergang des Politischen. Umfragen zeigen, dass es seit dem 2. Weltkrieg noch keine Studentengeneration in Deutschland gab, die so unpolitisch ist wie diese. Doch damit nicht genug: Nach den Pariser Anschlägen gaben 89 Prozent der Deutschen zu Protokoll, als angemessene Reaktion auf den Terror erscheine ihnen, an ihrem Leben nichts zu ändern. Weitermachen wie bisher, heißt die Devise. 

Ein Volk von Egoisten
Was das bedeutet, verrät eine andere frische Zahl: Ein Werteranking von Infratest im November hat ergeben, was dem Deutschen wirklich wichtig ist: An erster Stelle steht Gesundheit, gefolgt von individueller Freiheit und persönlichem Erfolg. Gerechtigkeit kommt erst an neunter Stelle. Wir sind ein Volk von Egoisten – ein Haufen unpolitischer Gesundheits- und Glückssüchtiger. So ziemlich das, was Nietzsche „letzte Menschen" nannte: „Sie haben ein Lüstchen für den Tag und ein Lüstchen für die Nacht, aber sie ehren die Gesundheit."
 
Mit dieser Haltung werden wir den Herausforderung der nächsten Jahre nicht gewachsen sein: nicht der Schuldenkrise, nicht den Flüchtlingsströmen, nicht dem Islamismus, nicht dem Klimawandel. Es gibt nur einen Weg, der in die Zukunft führt: Wir müssen politischer werden. Wir müssen einen Gemeinsinn entwickeln und den Raum des Politischen zurückgewinnen. Wir müssen ihn mit unseren wahren Werten füllen und mit bürgerlichen Tugenden beleben. Wir brauchen eine Renaissance des Politischen in Deutschland, aber mehr noch in Europa. Denn den genannten Herausforderungen der Zukunft werden wir nur als Europäer begegnen können.
 
Renaissance des Politischen
Was heißt „Renaissance des Politischen"? Es heißt Besinnung auf die Werte, die diesen Kontinent zu einem Ort der Freiheit und des Wohlstands machten: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Humanität, Solidarität Liebe zum Menschen und zur Natur, Schönheit und Vertrauen… Doch Werte bleiben leere Worte, wenn sie nicht als Tugenden gelebt werden: Gerechtigkeit und Weisheit, Tapferkeit und Besonnenheit, Nächstenliebe und Naturschutz. Die Liste ist nicht abgeschlossen.
 
Wir Europäer müssen uns unserer Werte und Tugenden besinnen. Vor allem aber müssen wir lernen, sie tätig auszuüben. Das ist ein Auftrag an die Bildung. Politische Bildung ist das Gebot der Stunde – nicht theoretisch-kognitiv, sondern aktiv und praktisch. Nur wenn die Werte als Tugenden gelebt und geübt werden, schlagen sie im Herz der Menschen Wurzeln. Nur dann entfalten sie die Kraft zur politischen Tat und zur politischen Vision.
 
Europäischer Bürgerdienst
Wie lässt es sich erreichen, die Werte und Tugenden Europas in den Herzen der Europäerinnen und Europäer zu verwurzeln? Wie lässt sich ein europäisches Wertbewusstsein implementieren, das uns die Festigkeit und Kraft gibt, den Herausforderungen der Zukunft zu begegnen. Die Antwort, die ich vorschlage, ist einfach: Wir schaffen einen Europäischen Bürgerdienst: Jede(r) Bürger(in) der Mitgliedsstaaten der EU wird dazu verpflichtet, an der Schwelle zur Volljährigkeit ein Jahr soziale, ökologische oder andere zivile Aufgaben in einem anderen Mitgliedsland der EU zu verrichten. Teil des Bürgerdienstes ist ein entsprechender Sprachkurs sowie eine Schulung in europäischer Politik und europäischen Werten. Vom Bürgerdienst befreit ist, wer in seinem Heimatland Wehrdienst leistet. Zum Bürgerdienst eingezogen werden auch anerkannte Flüchtlinge und Einwanderer.
 
Auf diese Weise könnte innerhalb kurzer Zeit in der Breite der europäischen Bevölkerung ein Bewusstsein für die Zugehörigkeit zum europäischen Gemeinwesen gebildet werden. Weil jede(r) Bürger(in) eines EU-Staates zum Bürgerdienst verpflichtet ist, wird mit ihm die Integration von Einwanderern und Flüchtlingen beschleunigt. Sehr schnell wird sich ein Beziehungsnetz von Menschen über ganz Europa ausbreiten. Die in vielen Mitgliedsstaaten der EU grassierende Jugendarbeitslosigkeit könnte gelindert werden. Europa verfügte permanent über eine starke Man-Power, die in Krisensituationen (z.B. zur Erstversorgung von Flüchtlingen in Griechenland) zum Einsatz gebracht werden kann. 
 
Es gibt auch Freiheitspflichten
Vor allem aber würden auf diese Weise den jungen Europäer(inne)n soziale, ökologische und politische Kompetenzen und Tugenden vermittelt werden. Das Bewusstsein der Zugehörigkeit zu einem umfassenden Gemeinwesen würde entfaltet und gestärkt werden, während gleichzeitig Narzissmus und Egozentrik eingedämmt würden. Wir haben viel zu lange ignoriert, dass Freiheit nicht allein aus Freiheitsrechten besteht. Es gibt auch Freiheitspflichten, ohne die alle Freiheitsrechte bodenlos werden, die Pflicht zur Bildung etwa (Schulpflicht). Wir müssen wieder dienen lernen – und zwar den Werten unserer Kultur. Es liegt in der Verantwortung unserer Politiker, den Mut aufzubringen, dies einer hedonistischen Gesellschaft beizubringen. Es liegt in unser aller Verantwortung, das Dienen neu zu lernen. Sonst werden wir die letzten Europäer sein.
 
Weitere Infos:
Wenn Sie die Petition zur Einführung eines Europäischen Bürgerdienstes unterstützen wollen, dann unterschreiben Sie auf https://weact.campact.de/petitions/einfuhrung-eines-europaischen-burgerdienstes 
Eine ausführliche Beschreibung finden Sie unter: http://www.christophquarch.de/category/blog/ 

Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 01/2016 - Herausforderung Migration und Integration erschienen.

Weitere Artikel von Christoph Quarch:

Erfolgreicher Kinostart von "The Odyssee" in USA
Der Philosoph und Mythologie-Experte Christoph Quarch analysiert, was uns der Anti-Held heute sagen kann
"Die Odyssee" von Christopher Nolan ist angelaufen - ein Film, der schon vor der Premiere kontrovers diskutiert wurde. Lobeshymnen kommen aus der Gaming-Branche, die sich an der epischen Bildsprache ergötzt, griechische Medien beklagen, dass keine griechischen Akteure gecastet wurden. Und Elon Musk ereifert sich mit rechten US-Influencern darüber, dass die Rolle der schönen Helena von einer Farbigen gespielt wird.


Der Rummelplatz als Kulturgut
Christoph Quarchs Gedanken zur Volksfestzeit
Sommerzeit ist Volksfestzeit: Ob Kirmes, Schützenfest oder Jahrmarkt - an vielen Orten werden im Juli und August die Festzelte aufgebaut. Nicht nur zur Freude der Besucher, sondern auch einer ganzen Branche: Tatsächlich haben sich Volksfeste hierzulande zu einem erfolgreichen Wirtschaftszweig entwickelt. Mit Stolz vermeldet der Deutsche Schaustellerbund DSB, dass in Deutschland jährlich rund 10.000 große und kleine Volksfeste von mehr als 200 Millionen Menschen besucht werden.


By the dawn's early light
Christoph Quarchs Überlegungen zum 250. Jahrestag der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika
Am 4. Juli jährt sich zum 250. Mal die Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika, mit der sich 13 nordamerikanische Kolonien von der britischen Krone lossagten und damit den Grundstein für die heutige USA legten. Und nicht nur das: Die Autoren - allen voran Thomas Jefferson - begründeten ihren Schritt durch die Berufung auf allgemeine und unveräußerliche Menschenrechte.


Hinaus in die Wildnis!
Christoph Quarchs Blick auf die junge Kulturgeschichte von Naturschutz und Naturtourismus
Wenn der Sommer heiß läuft, zieht es die Menschen hinaus in die Natur. Wälder und Seen, Berge und Flüsse verheißen nicht nur eine willkommene Abkühlung, sondern auch einen wohltuenden Tapetenwechsel; der jedoch nicht immer gelingt. Denn Hitze und Trockenheit machen auch der Natur zu schaffen. Kahlschlag im Wald, Quallen im Meer und Blaualgen im Badesee können einem die Urlaubsfreude vergällen.


Spielerischer Wettbewerb oder klassischer Wettkampf?
Christoph Quarchs philosophischer Blick auf die Bundesjugendspiele
Wenn es auf die Sommerferien zugeht, stehen in den Schulen die Bundesjugendspiele auf dem Programm. Doch die sind inzwischen zum politischen Zankapfel geworden. Spätestens, seit die Kultusministerkonferenz den Beschluss fasste, die Bundesjugendspielen so umzugestalten, dass es bei ihnen vor allem um die Freude an der Bewegung gehen soll, reißt die Kritik konservativer Bildungspolitiker nicht ab.




     
        
Cover des aktuellen Hefts

Frau Reiche – es reicht!

forum 03/2026

  • Resilienz
  • Klimafinanzierung
  • Wald
  • Startups
Weiterlesen...
Kaufen...
Abonnieren...
11
SEP
2026
Den Demokratie-Muskel stärken – Zusammen für das Gemeinwohl!
Training mit Christian Felber & Roman Huber
38489 Beetzendorf
11
SEP
2026
Den Demokratie-Muskel stärken
Live-Online-Training in Echtzeit mit Grit Bümann, Roman Huber, Christian Felber
online
22
OKT
2026
csrTAG 2026 – Nachhaltigkeit als Wirtschaftsfaktor
R³essourcen. R³esilienz. R³entabilität. - Ticketverkauf gestartet
A-6236 Alpbach
Alle Veranstaltungen...
forum goes international! Download the international edition for forum free of charge.
Anzeige

Der Mittelstand im ESG-Dschungel. Sie müssen nicht alles machen. Sie müssen nur wissen, was.

Sie erhalten einen klaren Fahrplan: was jetzt zu tun ist, was Sie auf dem Schirm behalten sollten und was Sie getrost ignorieren können.

Pioniere & Visionen

Väterliche Güte - Liebe, Wohlwollen, Vertrauen
Zum Vatertag überlegt Christoph Quarch, was einen guten Vater ausmacht
Lassen Sie sich begeistern von einem Buch, das Hoffnung macht.
Hier könnte Ihre Werbung stehen! Gerne unterbreiten wir Ihnen ein Angebot

Jetzt auf forum:

Langjährige Partnerschaft für nachhaltige Schul-IT

Beste IT Staff Augmentation Firmen in Deutschland 2026

Regen sammeln, wo er gebraucht wird

Klimarisiken für Energieanlagen

Altbau, Energie und Verantwortung

Ten Years of Impact

Start der Bewerbungsphase für den ESG Transparency Award 2026

Verpackungspflichten im Kleingewerbe nachhaltig erfüllen

  • Klimabündnis Ebersberg-München
  • Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V. (BNW)
  • World Future Council. Stimme zukünftiger Generationen
  • WWF Deutschland
  • 66 seconds for the future
  • Engagement Global gGmbH
  • TÜV SÜD Akademie
  • Energie- und Klimaschutzagentur Rheinland-Pfalz GmbH
  • BAUM e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften
  • Global Nature Fund (GNF)
  • Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG
  • SUSTAYNR GmbH
  • ZamWirken e.V.
  • Futouris - Tourismus. Gemeinsam. Zukunftsfähig
  • Protect the Planet. Gesellschaft für ökologischen Aufbruch gGmbH
  • DGNB - Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
  • NOW Partners Foundation