"Es gibt keine guten Crowdfunding-Plattformen"

rowdfunding verspricht Start-ups schnelles Geld von vielen Kleininvestoren.

Worauf man beim funden achten soll und ob das Thema auch beim Mittelstand ankommt, fragte forum Oliver Gajda vom European Crowdfunding Network.
 
Beim "Crowddialog" in München sagten Sie, es gäbe in Deutschland keine gute Crowdfunding-Plattform. Warum nicht?
Oliver Gadja ist Mitgründer und Präsident des European Crowdfunding Network, der Europäischen Interessenvertretung der Crowdfunding-Industrie. Sie will ein politisches Bewusstsein für das Potenzial des Sektors schaffen, die junge Industrie professionalisieren und einheitliche Standards schaffen. © Oliver Gadja Ich bin vielleicht etwas überskeptisch, aber das ist auch meine Aufgabe. Wir sollten die Branche nicht glorifizieren, dafür ist sie zu jung. Natürlich gibt es in Deutschland spannende Plattformen. Aber im Vergleich zu etablierten Sektoren der Finanzbranche ist da noch viel Spielraum.

Woran hapert es denn?
Zum Beispiel an der Skalierbarkeit. Die ist nötig, damit Plattformen finanziell nachhaltig operieren können. Dann fehlt es an Konsumentenschutz. Verbraucher sollten wissen, welche Informationen wie und an wen weitergegeben werden. Sie interessiert, ob Verträge unterschiedlicher Plattform-Betreiber vergleichbar sind. Von solchen Standards sind wir in der Praxis national noch weit entfernt, erst recht auf europäischer Ebene.

Es braucht also mehr Regulierung?
Die gibt es schon, mehr als genug. Das Problem ist: Die vorhandenen Regeln wurden nicht für Crowdfunding geschrieben, sondern für das konventionelle Bankwesen, für Fondsmanager, für Venture Capital Fonds (VCs) usw. Dennoch haben viele dieser Regeln Einfluss auf Crowdfunding, das passt dann nicht immer.

Wo ist das besonders unstimmig?
Im Eigenkapitalbereich etwa. Bei Eigenkapitalbeteiligungen von Firmen, die nicht öffentlich an der Börse gelistet sind, muss für Transaktionen über 100.000 Euro ein Prospekt erstellt werden. Das ist die transparente Darstellung eines Unternehmens, die in der Regel ein Fachmann machen muss. Dafür fallen hohe Kosten an, mitunter bis zu 20.000 Euro und mehr. Bei einer Transaktionssumme von 100.000 Euro ist das natürlich wenig sinnvoll. Das kann man umgehen, indem man Privatinvestoren anspricht. So agieren Start-ups, wenn sie Geld von Business Angels oder Venture Capital Fonds einsammeln. Auch Venture Capitalists gehen so vor. Die sprechen gezielt vermögende Privatiers - so genannte High-Net-Worth Individuals - oder Familien an, aber auch institutionelle Investoren. Beim Crowdfunding geht das nicht, man richtet sich ja an die Öffentlichkeit. Also versucht man derzeit, diese Regelung über bestimmte Darlehensformen zu umgehen. Das ist aber keine perfekte Lösung.

Statt von wenigen viel Geld zu bekommen, verspricht man sich vom Crowdfunding, genug kleine Geldbeträge von vielen einzusammeln. Wie aussichtsreich ist das?
Da muss man stark unterscheiden. Beim Spenden oder beim "reward-based" Crowdfunding, wo Unterstützer für ihre Aufwendung eine Gegenleistung erhalten, lässt sich die Crowd gut über den Projektbetreiber motivieren.

Weil er Emotionen weckt?
Ja. Freunde, Verwandte und Bekannte sind oftmals die ersten 30 Prozent, die Geld geben. Erst ab einer gewissen Hürde kommen auch die Freunde der Freunde dazu. Danach beteiligen sich Unbekannte. Wir reden in der Regel von Transaktionssummen zwischen ein paar hundert und vielleicht 15.000 Euro, wobei es auch wesentlich höhere Beträge sein können. Das ist das typische Crowdfunding für kreative Projekte, wo man als Dankeschön ein T-Shirt oder dergleichen bekommt. Im Kreditbereich ist das Sozialgefühl weniger stark ausgeprägt. Es geht um Rückzahlung, den Zinssatz und um Bonität des Kreditnehmers. Beim Eigenkapital werden die Start-ups, die sich um eine Finanzierung bemühen, ebenfalls viel genauer ausgesucht als beim klassischen Crowdfunding. Companisto, Innovestment, Fundsters und Seedmatch betreiben solche Plattformen und machen eine Vorauswahl. Dort wird die Crowd also "geleitet". Das Modell ähnelt dem, was Business Angels oder Venture Capitalists machen.

Dann ist Crowdfunding gerade für Sozialunternehmer, deren Projekte emotionalisieren, eine Chance?
Absolut. Die Finanzierungslandschaft für Sozialunternehmer in Deutschland ist ohnehin spärlich. Eine Reihe von Initiativen versucht aktuell, Plattformen nur für Sozialunternehmen aufzubauen. Social Impact Finance bei Startnext etwa, eine Initiative vom Social Impact Lab oder bettervest (siehe Beitrag S. 118). Wenn man als Startup sein Finanzierungsziel durch Crowdfunding erreicht hat, kann man sich viel besser vor Investoren präsentieren. Man hat sich bewährt und kann ein Netzwerk vorweisen. Hier gibt es also große Möglichkeiten, auch weil viele Sozialunternehmer in der Spendenakquise sehr aktiv sind.

Wann ist Crowdfunding Erfolg versprechend?
Grundsätzlich, wenn man mit seinem Projekt ein Problem lösen kann, das viele Menschen haben. Wenn es eine soziale Komponente erfüllt, zum Beispiel Hilfebedürftige unterstützt. Aber auch dann, wenn man schon eine große Fangemeinde hat, wenn man auf Hunderte oder Tausende zurückgreifen kann.

Muss das zwangsläufig in der Seedphase, also in der Frühphase einer Unternehmung passieren?
Nein, Crowdfunding eignet sich auch sehr gut zur Projektfinanzierung. Wenn man etabliert ist, aber für einige Initiativen nicht genug Geld hat. Es mag sein, dass dafür noch nicht die richtigen Plattformen existieren. Aber es haben sich auch schon viele Produkte ohne Hilfe von Kickstarter oder dergleichen funden lassen. Es gibt heute technische Lösungen aus dem Open Source-Bereich, die man kostengünstig nutzen kann, wie IgnitionDeck oder Fundify für WordPress.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Star Citizen, ein Multiplayer-Game fürs Web, von der Firma Roberts Space Industries. Die haben eine eigene Crowdfunding-Seite für ihr Projekt gebaut und stehen damit jetzt bei 36 Millionen Euro (Stand Januar 2014). Das Game ist eine laufende Spenden-Kampagne.
Es kursieren Zahlen, wonach in den ersten neun Monaten 2013 mit Crowdfunding rund 3,4 Millionen Euro eingesammelt wurden, das ist mehr als 2012 insgesamt. Trotzdem ist das Risiko beträchtlich. Was raten Sie Investoren, die sich zum ersten Mal an Crowdinvesting-Projekte heranwagen?
Geht es um Eigenkapital, muss man sich bewusst sein, dass das Geld langfristig gebunden ist. Das ist im Grunde genommen Glückssache. Man vertraut darauf, dass der Unternehmer seinen Plan erfolgreich umsetzt. Die Investitionen sind hochriskant, viele werden ihr Geld nicht zurückbekommen. Mit einer einzigen Investition hat man kaum Gewinnchancen, man sollte in jedem Fall streuen und sich ein wenig mit Portfoliotheorie befassen. Als Faustregel gilt: Investiere nur so viel Geld, wie Du bei Verlust verkraften kannst.

Worauf muss man bei der Wahl der Crowdinvesting-Plattform achten?
Auf das richtige Bauchgefühl. Welche Plattform sieht gut aus, wo kann ich mich gut bewegen. Wichtig ist auch, dass die Seite schon vor der Registrierung sehr transparent ihre Prozesse, die vertragliche Bindung, die Risiken und Chancen einer Investition bekannt macht. Man sollte ständig hinterfragen, was nicht immer ganz leicht ist. Daher sind viele Crowdinvestoren im Eigenkapitalbereich schon etwas älter, also ab Mitte 30, verdienen gut und haben vielleicht schon Erfahrung mit Unternehmensgründungen.

Der Hype um Crowdfunding erinnert an die Anfangszeiten von ebay oder Airbnb. Um Missbrauch vorzubeugen, entstehen nun immer mehr Regeln. Macht das die Sache nicht sehr bürokratisch und damit unattraktiv?
Ja und ja. Bislang gibt es kaum Berichte über Betrügereien oder Geldwäsche. Das dürfte aber auch kommen. Dennoch glaube ich nicht, dass es mehr Missbrauch beim Crowdfunding geben wird als im Bankgeschäft. Damit aus den Ängsten keine Realität wird, müssen Plattformen stark auf Transparenz und die Qualität ihrer Informationen achten, auf Vergleichbarkeit von Verträgen. Reguliert man zu stark, verhindert man Innovationen und neue Geschäftsmodelle. Den Königsweg zu finden ist zugegeben sehr schwer.

Wie stark ist die Freude der Banken über die hippe Konkurrenz aus dem Internet?
Die meisten haben Crowdfunding noch gar nicht wahrgenommen. Die Umsätze dieser Industrie sind zu gering, um von den Banken als relevante Konkurrenz gesehen zu werden. Es gibt aber Ausnahmen wie ABN AMRO oder die französische Postbank, die mit Crowdfunding experimentieren und das Potenzial erkennen. Denn künftig könnten sie damit neue Kundensegmente im niedrigen Kreditbereich bedienen. In Deutschland sind es eher kleine Banken, wie die Fidor Bank, die sich gegenüber Crowdfunding offen zeigen.

Wann wird Crowdfunding für den Mittelstand ein Thema?
Die Plattform "Bergfürst" geht schon in diesen Bereich. Die Frage ist, ob es technisch machbar, regulatorisch gewollt ist und ob die Leute dazu bereit sind. So könnten klamme Unternehmen über eine B2B Lending-Plattform Geld von liquiden Unternehmen erhalten und bräuchten den Schwarm nicht. Das ist durchaus denkbar, aber vom Bankgesetz, dem Regulator, bislang verboten. Mit Geld handeln dürfen nur Banken.

Halten Sie es denn für wünschenswert, den Banken ihr Monopol zu nehmen?
Für diejenigen, die glauben, dass das Bankensystem nicht genügend Finanzierungsmöglichkeiten bietet, ja. Menschen mit einem hohen Sicherheitsbedürfnis werden das anders sehen. Die Frage ist, ob die jetzige Entwicklung das Ende der Fahnenstange ist oder der Anfang. Vor 20 Jahren waren Seiten wie ebay putzig. Facebook war vor zehn Jahren auch nur ein Studentennetzwerk. Heute sind das marktbeherrschende Konzerne.

Entwickelt sich Crowdfunding vom Trend zum Wirtschaftsfaktor?
Wenn man eine sinnvolle Form der Regulierung findet, dann sicher. Crowdfunding kann ein Standard für Banken werden, um Kleinkredite zu gewähren. Auch bei der Entwicklung von Konsumgütern kann Crowdfunding einen gigantischen Effekt haben: Wenn ich für meine Produktidee schon Geld bekomme, bevor sie auf dem Markt ist, habe ich eine Vorfinanzierung und dazu die Abnehmer. Ich brauche dann keine Marktforschung mehr machen. Unternehmen können eine Menge Geld sparen, aber auch die Umwelt profitiert. Schauen Sie sich die Hardware-Industrie an. Sie produziert Handys und Computer, die sich nicht verkaufen. Man bleibt auf Millionen von Microchips, Plastik und Silikon sitzen. All die Entwicklungskosten und die Ressourcen sind nicht nur für die Katz, das ganze Zeug muss auch noch teuer entsorgt werden. Außer man verbuddelt es in Afrika, wo es Böden und Grundwasser verschmutzt. Auch im Sinne einer gezielten Produktion und Co-Kreation kann Crowdfunding also eine Antwort sein.
 
Ein Interview von Anna Gauto  

Wirtschaft | Gründung & Finanzierung, 01.04.2014
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 02/2014 - Voll transparent, voll engagiert erschienen.
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