Der Weg zur Wahrheit
Können Statistik, Analytics und Big Data dazu beitragen, zukünftig bessere Entscheidungen zu treffen?
„Big Data verschafft einen Blick in die Zukunft." So beginnt Ferry Abolhassan, Geschäftsführer der T-Systems International, seinen aktuellen Beitrag im Big Data Blog. Big Data scheint den Traum, die Zukunft nicht nur prognostizieren, sondern tatsächlich vorhersehen zu können, endlich wahr werden zu lassen. Sind Hard- und Software nur leistungsfähig, die Datenmengen groß und die statistischen Methoden ausgefeilt genug, dann lassen sich Entscheidungen berechnen und die Unsicherheit besiegen. Davon träumt auch ein namhafter Industriekonzern, der seine Lagerhaltungskosten senken und nachgefragte Produkte mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Lager halten möchte. Dafür soll ein Forecasting-Tool entwickelt werden, das monatliche Prognosen für jeweils mehrere hundert Artikel pro Business Unit vollautomatisch erstellt. Mein Team diskutiert als Sparrings-Partner mit dem Kunden den Vorschlag, der von einer Beratungsgesellschaft präsentiert wird. Deren Software vergleicht bei jeder Prognose drei Dutzend Modelltypen. Außerdem sucht das Tool automatisch diejenige Datenmenge aus der Vergangenheit, mit der das Modell die beste Anpassung an die Nachfrage generiert. Damit sei der Konzern bereit für Big Data, sagen die Berater. Die Gesichter werden lang, als wir empfehlen, den Vorschlag abzulehnen, weil wir befürchten, dass der Zufall sie sonst zum Narren halten wird.
Für das Jahr 2013 lag die Prognose der DZ-Bank am nächsten an der tatsächlichen Entwicklung. Das zeigte das Portal „WirtschaftsWunder" in einem Ranking. Nun ja, fast. Das Ranking zeigte vor allem eines: Fast alle 46 Prognostiker hatten Prognosen abgegeben zu Wirtschaftswachstum, Konsum, Export und Investitionen. Aber nur 30 Prozent davon lagen überhaupt in der Nähe der tatsächlichen Entwicklung. Selbst die guten Prognosen hatten den Rückgang des Wachstums falsch begründet, nämlich damit, dass die Deutschen weniger konsumieren würden. Tatsächlich brachen jedoch die Exporte stark ein. Zudem lag der strahlende Sieger, die DZ-Bank, für das Jahr 2013 zwar auf Platz 1, für das Jahr 2012 aber ganz hinten auf Platz 41. Dafür wurde der beste Prognostiker vom Vorjahr, die Landesbank Baden-Württemberg, diesmal nur Viertletzter. 2014 rutschten übrigens sowohl die DZ-Bank als auch die LBBW wieder auf die hintersten Rangplätze. Zwar argumentiert die „Süddeutsche Zeitung", aus den mittleren Platzierungen über die vergangenen 13 Jahre ließe sich dann doch ableiten, wer langfristig ein Händchen für Prognosen habe. Doch der Mittelwert sagt nichts aus über die Streuung: Wer wie das Ifo-Institut im Durchschnitt aller Jahre auf Rang 21 lag, kann abwechselnd erster und letzter gewesen sein – oder konstant im Mittelfeld. Die Lehre daraus: Man sollte dieses Ranking besser nicht benutzen, um eine Prognose für den besten Prognostiker 2014 abzugeben.
Das Institute for Operations Research and the Management Sciences (INFORMS) definiert Analytics als „the scientific process of transforming data into insight for making better decisions". C.R. Rao hat Jahrzehnte zuvor schon Statistik ein „Mittel zur Entscheidungsfindung bei Unsicherheit" genannt. Aus einem Missverständnis dieser Formulierungen resultiert der grundlegende Denkfehler, dass Entscheidungen mit Hilfe von Datenanalyse berechnet werden können. Aber ohne Unsicherheit braucht man keine Entscheidung. Und wenn es nichts zu entscheiden gibt, braucht man keine Entscheider.
Big Data Analysen schaffen eine scheinbare Sicherheit. Statistische Analysen benutzen Algorithmen, mathematische Formeln und deren exakte Umsetzung in Programmcodes. Statistik ist aber mehr als eine Sammlung von Rezepten zum Kneten von Daten. Statistik ist eine ganz spezielle Art des Denkens. Ein guter Statistiker denkt nicht in „richtig" oder „falsch", in „null" oder „eins", in „sicher" oder „unsicher". Statistik, egal ob auf kleine oder unvorstellbar große Datenmengen angewandt, liefert im Grunde nur eine Information: Sie beantwortet die Frage, wie groß die restliche Unsicherheit ist, die man selbst mit der kompliziertesten Mathematik, den leistungsstärksten Computern und den cleversten Statistikern auf diesem Planeten nicht beseitigen kann. Oft gibt es in der Datenanalyse noch nicht einmal eine eindeutig richtige Methode, genauso wenig wie die Ergebnisse eindeutig sind. Der Statistiker selbst muss schon entscheiden, mit welchen Werkzeugen er die Daten analysieren will, noch bevor er die erste Berechnung durchführt. Sicherlich gibt es Faustregeln und „best practices", aber die gewählte Statistik hängt auch davon ab, was der Entscheider hinterher mit dem Ergebnis anfangen möchte. Mir ist bewusst: Das klingt zunächst, als seien dann doch alle Statistiken irgendwie gefälscht. Tatsächlich behaupte ich, ein guter Statistiker ist in erster Linie ein Kommunikationsprofi. Statistik komprimiert Informationen, so wie es unsere alltägliche Sprache auch tut. Wenn ich Ihnen beschreiben möchte, wie mein legendärer Schokoladenkuchen zubereitet wird, dann benutze ich genau die Worte, die für mein Empfinden die Prozedur am treffendsten zusammenfassen. Würden Sie exakt dieselben Worte wählen? Und würde die Beschreibung nicht davon abhängen, ob Sie das Rezept Ihrer leidenschaftlich backenden Mutter erklären oder Ihrer 14-jährigen Tochter?- Akzeptieren Sie, dass Statistik nicht objektiv ist. Nicht nur die Daten, sondern auch der Zweck der Analyse bedingen die Methoden.
- Kommunizieren Sie offen mit demjenigen, der Ihre Daten auswerten soll. Je genauer der Statistiker weiß, was erreicht werden soll und was Ihre Motive sind, umso punktgenauer und auch nachhaltig belastbarer (!) wird das Ergebnis ins Ziel treffen.
- Misstrauen Sie jedem Analytiker, der behauptet, er hätte die einzig wahre Lösung.
- Trauen Sie sich! Vertreten Sie entschlossen den Standpunkt, dass wir nicht alles wissen können und dass wir durch unser Handeln selbst die Zukunft beeinflussen können.
- Benutzen Sie Statistik nicht wie der Betrunkene den Laternenpfahl, sondern wie der Nüchterne. Sie müssen sich nicht festhalten, sondern Sie suchen im Licht der Algorithmen den Punkt, an dem Ihre Entscheidung gefragt ist. Den Punkt, an dem die Unsicherheit beginnt.
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 02/2015 - Nachhaltige Mode erschienen.
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