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Motivierte Mitarbeiter durch „Betriebliches Gesundheitsmanagement“

Die steigenden Anforderungen im Arbeitsalltag sind besser zu bewältigen, wenn man gerne zur Arbeit geht und motiviert ist, viel zu leisten, ohne sich zu überfordern.

Das wissen auch die meisten Personalchefs. Doch die Realität sieht anders aus: Jeder sechste Mitarbeiter hat innerlich gekündigt, nur noch 16 Prozent der Arbeitnehmer sind bereit, sich freiwillig für die Ziele ihrer Firma einzusetzen, so die Ergebnisse einer aktuellen Gallup-Umfrage.

Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse 2012Es liegt auf der Hand, dass die 67 Prozent der Deutschen, die laut Gallup-Umfrage nur noch „Dienst nach Vorschrift" machen, kaum Ideen entwickeln, wie man die Firma nach vorne bringen kann. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass solche Arbeitnehmer häufiger fehlen und irgendwann das Unternehmen verlassen. Qualifizierte Nachfolger zu finden ist gar nicht (mehr) so einfach, denn durch den demografischen Wandel stehen immer weniger geeignete Bewerber zur Auswahl. Konnte man früher neue Arbeitskräfte noch mit Geld locken, sind für die Bewerber heute vor allem das Arbeitgeberimage, flexible Arbeitszeiten aber auch attraktive Gesundheitsangebote wichtige Kriterien für die Jobwahl. Firmen, denen der Ruf eines schlechten Betriebsklimas vorauseilt, werden es schwer haben, gute Mitarbeiter zu finden – und zu halten! Wer im Wettbewerb die Nase vorn halten möchte, ist auf zufriedene, motivierte Mitarbeiter angewiesen. Und damit auf eine gesunde Unternehmenskultur.

Fehlende Wertschätzung macht krank
Von Ausnahmen abgesehen wollen die meisten Menschen etwas erreichen – im Privaten wie im Beruf. Sie wollen stolz auf das Geschaffte sein und freuen sich über Anerkennung. Genau die bleibt aber allzu häufig aus: „Ich habe mich monatelang abgerackert, um die Ziele zu erreichen, und gedankt hat es mir keiner", klagen viele Frustrierte. Sie sind enttäuscht, dass sich ihr Chef nicht für ihre Belange interessiert, ihnen nicht den Rücken stärkt, sie nicht einbezieht oder weiterentwickelt. Woran liegt das? Sind solche Chefs selbst Getriebene, die meinen, keine Zeit aufbringen zu können, ihre Mitarbeiter zu motivieren und zu fördern, oder unterschätzen sie die Wirkung von Wertschätzung?

Führungskräfte müssen unterstützt werden
FDrei Säulen eines Betrieblichen Gesundheitsmanagements. Quelle: Giesert, Reiter, Reuter 2013ührungskräfte leiden oft unter maximaler Arbeitsbelastung und enormem Erfolgsdruck. Nicht selten geben sie den Druck nach unten weiter. Sie sind selbst am Limit. Sie haben ihre eigene Gesundheit vernachlässigt – ihnen fehlt die Kraft, sich ausreichend um ihre Truppe zu kümmern. Das macht krank. Nicht nur die Führungskräfte selbst, sondern auch die Mitarbeiter. Wer für seine Arbeit nicht angemessen wertgeschätzt wird, leidet nach dem Medizinsoziologen Johannes Siegrist stärker unter Dauerstress und trägt ein doppelt so hohes Risiko an Herzinfarkt oder Depressionen zu erkranken.

Gesundheit stärken, um steigenden Belastungen entgegenzuwirken
Die Anforderungen an Unternehmen in einem globalen Wettbewerb steigen, die Arbeitsmenge wird nicht weniger, sondern eher mehr und kann nur bedingt durch effizientere Arbeitsgestaltung aufgefangen werden. Personal aufzustocken ist in der Regel keine Option. Wirtschaftlich interessanter ist es, die vorhandenen Ressourcen zu stärken, also die Belastbarkeit der Beschäftigten zu erhöhen, und damit auch die Zufriedenheit und das Wohlbefinden der Kollegen. Zum Beispiel, indem Unternehmen ihre Belegschaft motivieren, gesünder zu leben. Menschen, die mit Bewegung für Ausgleich und den Abbau von Stresshormonen sorgen, die sich gesund ernähren und gezielt entspannen können, sind den steigenden Anforderungen viel eher gewachsen als Kollegen, die sich unfit fühlen und lieber noch eine Stunde länger arbeiten, statt ihren Akku nach Feierabend wieder aufzuladen. Nur wer mit vollen Batterien zur Arbeit kommt, kann volle Leistung bringen! Die wenigsten Führungskräfte sind hier gute Vorbilder. Und erwarten manchmal sogar noch von ihren Teams, dass sie rund um die Uhr verfügbar sind. Dass die Zahl der psychischen Erkrankungen so stark steigt, ist kein Zufall. Die Notwendigkeit von Stressmanagement und Entspannung wird unterschätzt, das Wissen, wie man aktiv entspannen kann, fehlt.

Unternehmen profitieren vom BGM
Auch wenn die Verantwortung für die Gesundheit beim Einzelnen liegt, trägt der Arbeitgeber – im eigenen Interesse – eine Mitverantwortung für die Gesundheit seiner Angestellten. Dies ist umso wichtiger, wenn man den zweiten Effekt der demografischen Entwicklung sieht: Das Durchschnittsalter der Mitarbeiter steigt. Für 2050 prognostiziert das statistische Bundesamt den Anteil der 20- bis 60-Jährigen auf 45,5 Prozent und den Anteil der über 60-Jährigen auf 38,9 Prozent. Ältere Mitarbeiter fallen zwar nicht häufiger, aufgrund chronischer Erkrankungen in der Regel aber ­länger, aus. Ein Grund mehr, als Arbeitgeber frühzeitig in ein Gesundheitsmanagement zu investieren und vor allem die Ursachen für psychische Erkrankungen auszuräumen. Die werden nämlich nach Angaben der BAUA zu 41 Prozent für die Frühberentungen verantwortlich gemacht.

Handlungsfelder im Betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM)
© KKHEin BGM umfasst die drei Themen Arbeitsschutz, Betriebliches Eingliederungsmanagement und Gesundheitsförderung. Während der Arbeitsschutz in Deutschland weitestgehend funktioniert, wird das betriebliche Eingliederungsmanagement oft vernachlässigt und die betriebliche Gesundheitsförderung verzettelt sich in Einzelmaßnahmen.

Arbeitsschutz: 1996 wurde die Gesundheitsdefinition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in das Deutsche Arbeitsschutzgesetz aufgenommen: „Gesundheit ist der Zustand vollkommenen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens" und damit weit mehr als die Abwesenheit von Krankheiten. Die Erfüllung der gesetzlichen Arbeitsschutzanforderungen ist für die meisten Unternehmen kein großes Handlungsfeld mehr. Eine Ausnahme ist die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen. Der Gesetzgeber hat deshalb Ende 2013 „nachgelegt" und eine Änderung des Arbeitsschutzgesetzes auf den Weg gebracht. Nach §5, Absatz 3, Nummer 6 sind alle Unternehmen verpflichtet, die Gefährdung durch psychische Belastungen zu beurteilen. Zum Beispiel durch eine Mitarbeiterbefragung.

Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM): Auch hier gibt es eine gesetzliche Vorgabe: Unternehmen müssen seit 2004 nach dem neunten Sozialgesetzbuch, § 84, Absatz 2 allen Mitarbeitern, die innerhalb von zwölf Wochen länger als sechs Wochen krank waren, ein BEM-Gespräch anbieten. Ziel ist es, den Arbeitsplatz des Mitarbeiters zu erhalten und für ein gesundheitsförderliches Arbeitsumfeld zu sorgen. Positiver Nebeneffekt: Betriebsklima und Arbeitgeberimage verbessern sich, wenn die Gespräche konstruktiv geführt werden.

Gesundheitsförderung: Ein Gesundheitstag, eine Rückenmassage und kostenloses Obst oder Wasser machen zwar noch kein Gesundheitsmanagement aus, sind aber zumindest ein Anfang. Welche der vielen Gesundheitsmaßnahmen in dem einzelnen Unternehmen den größten Kosten-Nutzen-Effekt haben, kann eine Bedarfsanalyse ermitteln. Wichtig ist, dass das Unternehmen einerseits eine gesunde Lebensweise der Belegschaft fördert (z.B. Ernährungsberatung, Motivation zu mehr Bewegung oder Seminare zu Entspannungsmethoden und Stressmanagement). Und andererseits ein gesundheitsförderliches Arbeitsumfeld schafft (z.B. Ergonomie am Arbeitsplatz oder Seminare zum Thema „Gesund führen").

Ein BGM erfolgreich aufbauen
Was kann ein Arbeitgeber tun, um ein BGM erfolgreich auf den Weg zu bringen? Ein BGM ist immer dann nachhaltig und effizient, wenn für alle drei Bereiche (Arbeitsschutz, BEM, Gesundheitsförderung) folgende fünf Kriterien erfüllt sind:

  • Commitment der Führungsebene (z.B. Aufnahme des BGMs in die Unternehmensleitlinien)
  • Festlegung von Strukturen und Prozessen (z.B. strategisch und operativ ausgerichtete Gremien etablieren, Arbeitsweisen und Verantwortlichkeiten klären, Ziele festlegen)
  • Bedarfsanalyse zur Maßnahmenableitung (z.B. Mitarbeiterumfragen und Kennzahlen wie Fluktuation, Fehlzeiten, Arbeitsunfälle, Altersstrukturanalyse, Mitarbeiterzufriedenheit, Beteiligungsrate an Gesundheitsmaßnahmen oder BEM-Verfahren)
  • Umsetzung der Maßnahmen (Fokus auf größten Kosten-Nutzen-Effekt)
  • Evaluation (Messbarkeit des Erfolges durch Analyse der Kennzahlen, Ableiten von Verbesserungsmöglichkeiten)

BGM rechnet sich
Unternehmen lassen sich leicht überzeugen, Geld zum Beispiel für produktivitätssteigernde Techniken auszugeben. Mindestens genauso wichtig ist es, in die Menschen zu investieren, von denen der Unternehmenserfolg maßgeblich abhängt. Nach einer „Faustregel" ist der jährliche Einsatz von 100 Euro pro Mitarbeiter ausreichend, um deutliche Effekte zu erzielen. Viele Untersuchungen bestätigen, dass sich jeder Euro, der in ein zielgerichtetes BGM investiert wird, mindestens dreifach rechnet:

  • Die Mitarbeiter sind zufriedener, motivierter und bereit, viel zu leisten
  • Fehlzeiten sinken, was auch vor dem Hintergrund der älter werdenden Bevölkerung schon in den nächsten 5 bis 10 Jahren ein großes Thema sein wird
  • Das Arbeitgeberimage steigt, mit positiven Effekten auf die Rekrutierung

Mareke Wieben
leitete elf Jahre lang den Nachhaltigkeitsbereich bei IKEA Deutschland. Die studierte Ökotrophologin hat sich 2011 als Gesundheitsmanagerin selbstständig gemacht und unterstützt neben ihrem früheren Arbeitgeber auch andere Unternehmen bei der Einführung eines betrieblichen Gesundheitsmanagements.


Beispiele für Maßnahmen der Betrieblichen Gesundheitsförderung

  • Information/Motivation
    Infomaterialien, Gesundheitstage, Seminare zur Sensibilisierung für Gesundheitsthemen, gemeinsame Aktionen mit Kranken­kassen, Bonus für gesundheitsförderliche Verhaltensweisen, Wettbewerbe (z.B. mit Schrittzählern)
  • Ernährung
    Ernährungsberatung, kostenloses Obst und kostenlose Getränke (z.B. Wasserspender), gesunde Meeting- und ­Pausenverpflegung, gesundes Essen in der Kantine, Kochevents
  • Entspannung/Stressbewältigung
    Entspannungskurse, Blitzentspannungsübungen am Arbeitsplatz, Seminare/Beratung zum Umgang mit Stressoren, Massagen, Ruheraum
  • Bewegung/Sport
    Motivation für mehr Bewegung, aktive Pausen/Bürogymnastik, Lauftreff, Betriebssport, Vergünstigungen für Fitnessstudios oder Sportkurse, Rückenkurse, ergonomische Arbeitsplatz­gestaltung inklusive Beratung
  • Medizinische Vorsorge
    Vorsorgeuntersuchungen, medizinische Check-ups, Schutz­impfungen, reisemedizinische Beratung
  • Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf
    Flexible Arbeitszeiten, Homeoffice, Kinderbetreuung, Sabbatjahr
  • Mitarbeiterberatung
    Mitarbeiterhotline, Sozialberatung, Fehlzeitengespräche, Suchtberatung inklusive Nichtraucherkurse

  • Führungskräfteberatung
    Seminare für gesundheitsgerechte Mitarbeiterführung und gesunden Umgang mit sich selbst, Einzelcoaching
Mareke Wieben
leitete elf Jahre lang den Nachhaltigkeitsbereich bei IKEA Deutschland. Die studierte Ökotrophologin hat sich 2011 als Gesundheitsmanagerin selbstständig gemacht und unterstützt neben ihrem früheren Arbeitgeber auch andere Unternehmen bei der Einführung eines betrieblichen Gesundheitsmanagements.

Wirtschaft | Führung & Personal, 01.01.2015
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 01/2015 - Grünes Reisen im Trend erschienen.
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