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Christoph Quarch

Wert hat das, was gewollt wird

Christoph Quarch fordert Klarheit im Umgang mit scheinbar objektiven Werten

Wenn es in der Politik turbulent zugeht, wird oft der Ruf nach Werten laut. Vor allen in konservativen Kreisen. Man müsse sich mehr auf seine "Kernwerte" konzentrieren, heißt es dann. Oder es sei notwendig, die eigenen Werte besser zu kommunizieren. Davon verspricht man sich mehr Erkennbarkeit und Zuspruch in der Wählerschaft. Oder man tritt mit dem Versprechen an, dem vermeintlichen Niedergang des Landes durch eine klare Werteorientierung entgegenzuwirken. Aber können Werte dieses Versprechen wirklich einlösen? Geben sie echte Orientierung oder dienen sie der Manipulation? Das sind Fragen, über die wir mit dem Philosophen Christoph Quarch reden wollen.
 
© RosZie; Pixabay.comHerr Quarch, lassen Sie uns nach philosophischer Manier die Sache grundsätzlich angehen: Was sind Werte?
Danke, dass Sie das fragen. Da braucht es wirklich Klarheit. Gerade in der Politik wird auf ziemlich fahrlässige Weise mit dem Wert-Konzept umgegangen. Man tut so, als seien Werte etwas Allgemeingültiges und Objektives, für das man sich einsetzen und für das man Opfer verlangen kann. Werte bekommen damit einen quasi-religiösen Anstrich. Sie treten an die Stelle, die einst von Gott besetzt wurde. Aber so ist es gerade nicht. Es liegt zwar im Wesen der Werte, dass sie Zustimmung verlangen, bei näherer Betrachtung ist dieser Anspruch aber unbegründet. In der Philosophie sagt man: Das Sein der Werte ist ihre Geltung. Das heißt: Ein Wert ist überhaupt nur dann ein Wert, wenn er in Geltung steht. Und in Geltung steht er nur dann, wenn viele Menschen ihn gemeinsam als etwas Wünschenswertes anerkennen.

Wenn das zutrifft, gibt es keine objektiven Werte, sondern immer nur subjektive Werte, die von bestimmten Personen, Gruppen oder Kulturen vertreten werden. Sind Werte relativ?
Friedrich Nietzsche hat das behauptet. Für ihn war klar: Dass Werte in Geltung stehen, verdankt sich ausschließlich der Macht derer, die diese Werte gesetzt oder durchgesetzt haben. Und umgekehrt sagte er: Einen echten Machthaber erkennt man daran, dass er seine Werte durchsetzen kann. Wie er dabei vorgeht, ist zweitrangig. Man kann Werte "per l'ordre de Mufti" mit Gewalt durchsetzen - wie Autokraten das tun - oder man kann sie demokratisch legitimieren, indem man sie mit Mehrheiten unterfüttert und ihnen so zu Geltungsmacht verhilft. So oder so sind Werte Instrumente der Machtergreifung und Machterhaltung. Das erklärt, warum Politiker so gern von Werten schwadronieren; und warum politische Umbrüche oft mit einer "Umwertung aller Werte" verbunden sind, wie Nietzsche das nannte. Nachhaltigkeit z.B. war lange ein allgemein anerkannter Wert in Politik und Wirtschaft. Dann hat es die neue Rechte geschafft, diesen Wert in den Augen ihrer Wähler zu entwerten.

Aber gilt das denn für alle Werte? Denken wir an Freiheit, Gerechtigkeit oder Leben. Das sind doch universale Werte, die von allen Menschen gleichermaßen anerkannt werden.
Da wäre ich mir nicht so sicher. Es gibt Kulturen und Phasen, in denen diese Werte keine Rolle spielten. Das Wertkonzept selbst ist eine späte Erfindung. Erst um 1900 ist es aus der Volkswirtschaftslehre in die Moralphilosophie gewandert. Auch Ökonomen reden von Werten. Sie wissen: Je größer die Nachfrage und je knapper das Gut, desto höher der Wert. Bei moralischen Werten ist es genauso. Wert hat das, was gewollt wird. Und je mehr etwas gewollt wird, desto mächtiger der Wert. Zumal dann, wenn Werte vertreten werden, die man nicht nur selbst will, sondern von denen man meint, dass alle sie wollen sollen. Da liegt das Problem: Werte sind wie Waren, die man den Leuten andrehen kann. Das macht sie manipulationsanfällig. Zum Beispiel Sicherheit: Rede den Menschen ein, sie lebten in einem unsicheren Land. Sorge dafür, dass sie Sicherheit wollen. Je mehr sie Sicherheit wollen, desto mächtiger der Wert. Dann biete ihnen Sicherheit an, und du gewinnst die Wahl. So geht es mit allen Werten; auch mit denen, die universal oder unveräußerlich scheinen.

Sollten wir das Wertkonzept aus unseren politischen Diskursen verbannen?
Das ist unmöglich, weil Politiker in einer Demokratie adressieren müssen, was die Menschen wollen. Aber anstatt Werte als gottgeben vorauszusetzen, sich für sie einzusetzen, um sie durchzusetzen, sollten sie erklären, warum man sie mit gutem Grund wollen sollte. Das wirft eine andere Frage auf: Nicht "Was soll man wollen?", sondern „Was ist gut?" Dabei geht es nicht um moralische Gebote, sondern darum, was sinnvoll ist: Ein gutes Auto ist ein sinnvolles Auto: eines, das funktioniert. So ist es auch mit der Gesellschaft: Sie ist eine gute Gesellschaft, wenn sie ihren Sinn erfüllt. Was heißt das? Es heißt, dass sie den Einzelnen Freiheit und dem Ganzen Stabilität gibt. Diesen Zustand nennt man Gerechtigkeit. Das kann man begründen. Aber man muss er erklären. Und das wünsche ich mir von der Politik: Sie sollte erklären, was gut ist und warum man es aus guten Gründen wollen sollte. Das ist etwas anderes, als einfach nur zu fordern, dass man etwas wollen soll.

Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum future economy. © Christoph Quarch
Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
 
 
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org

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