Christoph Santner
Technik | Digitalisierung, 01.09.2025
Code Green
Wie KI das Nachhaltigkeitsmanagement transformiert – und Unternehmen fit für morgen macht
KI und Nachhaltigkeit verschmelzen zu etwas Größerem als die Summe ihrer Teile. Als Game-Changer beflügeln sie schon heute Wirtschaft und Gesellschaft und maximieren die Chancen für ein erfolgreiches ESG-Engagement (Environmental, Social, Governance) und für „gute Geschäfte" in der Zukunft.

Eine Windturbine bei Flaute oder ein Elektroauto mit fast leerem Akku: Genauso schwach bleibt heute Nachhaltigkeitsmanagement ohne KI. Während die Klimakrise eskaliert, soziale Ungleichheit wächst und die Wirtschaft unter Transformationsdruck ächzt, kann sich unsere Welt ein langsames Vorankommen nicht leisten.
Dennoch stehen viele Nachhaltigkeitsverantwortliche in Unternehmen vor einem Berg an Daten, Regularien und Erwartungen – und fragen sich, wie sie ohne zusätzliche Ressourcen diesem Druck standhalten sollen. Die gute Nachricht: Es gibt Lösungen.
Frank Siebke, Geschäftsführer von SDGready, formuliert es glasklar: „Wer die Transformation ohne KI und Nachhaltigkeit umsetzt, verpasst gleich zwei essentielle Trends zur Sicherstellung seines Geschäftsmodells auf einmal." Der ESG-Experte ist davon überzeugt, dass Künstliche Intelligenz und Resilienz über die Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weg zur Industrie 5.0 entscheiden. Genau dazu veröffentlichte die EU-Kommission bereits 2021 einen Forschungsbericht, der die Richtung hin zu einer nachhaltigeren, resilienteren Wirtschaft weist – durch ein besseres Miteinander von Mensch und Maschine.
Wer heute Nachhaltigkeit ohne KI vorantreibt, riskiert, den Anschluss zu verlieren. Der KI-Bundesverband plädiert in seiner Studie mit dem Titel „Wie Künstliche Intelligenz Klimaschutz und Nachhaltigkeit fördern kann" für digitale Nachhaltigkeits-Plattformen, die Zusammenarbeit fördern: „Denn Künstliche Intelligenz hat enormes Potenzial, Produkte und Prozesse effizienter und nachhaltiger zu gestalten." Statt Gegensätze zu sehen, sollten KI und Nachhaltigkeit als natürliche Verbündete einer zukunftsfähigen Wirtschaft betrachtet werden.
Digitale Werkzeuge für reale Probleme
Die regulatorischen Anforderungen explodieren förmlich. CSRD, EU-Taxonomie & Co. stellen Unternehmen vor Berichts-Herausforderungen, die ohne technologische Unterstützung kaum zu stemmen sind. Die KPMG-Studie „Addressing the Strategy Execution Gap in Sustainability Reporting" bestätigt: Über die Hälfte der befragten Führungskräfte setzt auf KI, um in den kommenden drei Jahren Daten besser zu konsolidieren und zu analysieren – und damit ihre ESG-Performance zu steigern.
Konkret heißt das: KI erledigt doppelte Wesentlichkeitsanalysen deutlich schneller, prüft und optimiert Nachhaltigkeitsberichte und destilliert aus dem Datendschungel wertvolle Erkenntnisse. Der KI-gestützte SAP Sustainability Control Tower verspricht: „Nutzen Sie Ihre Daten, um Nachhaltigkeitsziele zu erfassen, zu kommunizieren und umzusetzen." Parallel etablieren sich spezialisierte KI-Lösungen kleinerer Anbieter, die auch mittelständischen Unternehmen den Einstieg erleichtern.
Besonders spannend entwickeln sich Large Language Models (LLMs): Neben Perplexity und ChatGPT bieten hier Open-Source-Alternativen wie Llama oder DeepSeek (etwa von kvant in der Schweiz ohne chinesische Restriktionen angeboten) maßgeschneiderte Optionen für unternehmensspezifische Anwendungen – vorausgesetzt, man lernt diese Systeme nach einer Schulung korrekt zu bedienen und optimal zu prompten.
Wenn Intelligenz grün denkt
Menschliche und künstliche Intelligenz zusammenzubringen, eröffnet auch neue Möglichkeiten für die UN-Nachhaltigkeitsziele, die 17 SDGs. KI modelliert dafür komplexe ökologische Zusammenhänge, während wir Menschen ethische Grundsätze und gesellschaftlichen Kontext beisteuern. Auch das KI-Labor des Umweltbundesamtes zeigt diesen Ansatz in Aktion: Dort entwickeln Experten KI-Systeme, die etwa geschützte Arten auf Online-Handelsplattformen identifizieren, die Satellitenbilder für die Energiewende analysieren und die mit „Predictive Analytics" Trends
vorhersagen.
Auch das UN World Food Programme treibt mit seinem Innovation Accelerator konkrete KI-Lösungen voran. Der Gründer und Leiter dieser Abteilung, Bernhard Kowatsch, erklärt: „828 Millionen Menschen auf unserem Planeten hungern – und ich bin überzeugt, dass Innovation und Technologie so viel Gutes in der Welt bewirken können." Die HungerMap etwa nutzt aktuelle Wetter- und Konfliktdaten, um mittels Predictive Analytics Hungerrisiken frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig zu handeln.
Code green: Algorithmen empowern ESG
Auch das Digital Sustainability Lab der Berner Fachhochschule unter Prof. Dr. Jan Biser erforscht diese Chancen. Er betont: „KI ist kein Wundermittel für Umweltprobleme. Aber richtig eingesetzt und in Verbindung mit menschlicher Urteilskraft kann sie uns helfen, Lösungen für unsere drängendsten Probleme zu finden."
Es geht also nicht um die Ersetzung von Menschen durch Maschinen, sondern um die Nutzung von Synergien – insbesondere bei der Entwicklung neuer Lösungen. Die Autoren dieses Artikels haben mit angehenden Nachhaltigkeitsmanagern der Alanus Hochschule und deren Prodekan Prof. Dr. Stephan Hankammer und Prof. Andrea Sunder-Plassmann einen „hAIckathon" durchgeführt: In nur zwei Tagen entstanden mit KI-Unterstützung nachhaltige Startup-Konzepte, die den 17 SDGs folgen.
Die KI beschleunigte dabei kreative Prozesse enorm und half, völlig neue und sinnvolle Produkte zu entwickeln. Auch Prof. Dr. Andreas Moring, Co-Autor von „Nachhaltige Künstliche Intelligenz", erkennt die Chancen der KI, warnt aber vor blinder Technikeuphorie: „KI kann Daten analysieren und Muster erkennen, aber keine ethischen Entscheidungen treffen. Dafür brauchen wir nach wie vor den Menschen mit seiner Intuition und seinem moralischen Kompass." Moring führt Seminarteilnehmer auch in die Wälder, um deren Naturverbundenheit und Intuition zu schärfen – eine Qualität, die KI (noch) nicht simulieren kann. Diese Verbindung aus Technologie und natürlicher Intelligenz scheint der Schlüssel für eine wirklich nachhaltige Transformation.
„KI kann Daten analysieren und Muster erkennen, aber keine ethischen Entscheidungen treffen. Dafür brauchen wir nach wie vor den Menschen mit seiner Intuition und seinem moralischen Kompass.”
Prof. Dr. Andreas Moring, Co-Autor von „Nachhaltige Künstliche Intelligenz"
Digitale Schattenseiten
Die Vorteile von KI im ESG-Kontext reichen von effizienteren Berichten über prädiktive Klimarisikoanalysen bis zu neuen AI-Agents für verschiedenste Aufgaben. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten: Der Energiehunger der KI, mögliche „Halluzinationen", das Wegfallen bestimmter Jobs neben der Entstehung neuer Berufe, und auch Cybersecurity-Risiken verlangen Aufmerksamkeit.
Gerade in Zeiten, wo in den USA KI-Regulierungen wieder fallen, KI-Unternehmer wie Elon Musk gnadenlos in politische Prozesse eingreifen und China bis 2030 die KI-Weltmacht Nr. 1 sein will, ist Vorsicht geboten. Europa muss deshalb aufmerksam UND zugleich innovativ sein, damit sich nicht bewahrheitet: America innovates, China imitates and Europe regulates.
Wohin die Reise geht
Die Ehe zwischen KI und Nachhaltigkeit steht erst am Anfang. Mit zunehmender Reife werden wir immer raffiniertere Anwendungen erleben, die nicht nur Probleme lösen, sondern proaktiv eine grünere Wirtschaft gestalten. Für Unternehmen und ESG-Verantwortliche bedeutet das: Wer heute in KI-gestützte Nachhaltigkeitslösungen investiert, punktet nicht nur in Compliance und Effizienz, sondern positioniert sich als Pionier in einer Wirtschaft, in der ökologische und soziale Verantwortung zum Wettbewerbsvorteil werden. Um im Bild des Beginns zu bleiben: Mit KI als frischem Wind in den Segeln kann das Nachhaltigkeitsmanagement deutlich Fahrt aufnehmen.
Christoph Santner und Christine Papadopoulos sind KI-Experten, Innovations-Consultants und langjährige forum- und Buch-Autoren. Christoph Santner ist auch Mitglied des forum-Kuratoriums. Nach dem erfolgreichen Bestseller „Alles KI? Die neue Welt der Künstlichen Intelligenz verstehen und nutzen" arbeiten sie gegenwärtig an ihrem nächsten KI-Buch. Mehr Info dazu unter www.ainitiative.net
Dieser Artikel ist in forum 04/2025 - Zukunft gestalten erschienen.
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