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Regeneration als Wertschöpfungsfaktor

Wie Kakaohandel Biodiversität stärken statt zerstören kann

Die Bundesrepublik ist einer der größten Kakao-Importeure und -Verarbeiter weltweit. 2024 belief sich die Produktionsmenge für Schokolade auf rund 13 Kilogramm pro Kopf. Die hohe Nachfrage treibt Artensterben und Entwaldung in den Anbauregionen voran. Als bedeutender Abnehmer trägt Deutschland Verantwortung für einen Paradigmenwechsel: weg vom konventionellen, extraktiven Kakao-Handel, hin zu biodiversitätsfördernder Wertschöpfung durch Wildernte und direkte Partnerschaften. Regenerative Geschäftsmodelle beweisen die Machbarkeit dieser Kehrtwende.
 Takamanda Kakao-Mitgründerin Bedwin Ngwasina mit Kakaobauern im Takamanda-Nationalpark, einer der Wachstumsregionen des Wildkakaos. © Takamanda Kakao
Der globale Kakaomarkt ist ein Lehrstück für strukturelle Instabilität. Vor zehn Jahren kostete ein Kilogramm auf den Weltmärkten rund drei US-Dollar, 2024 wurde Kakao zeitweise für über 12 Dollar gehandelt, im Februar 2026 lag der Preis wieder bei etwa drei Dollar je Kilo. Steigende Nachfrage und massive Ernteausfälle treiben diese Entwicklung. In Europa zogen die Preise deshalb vorübergehend kräftig an. Verbraucher hierzulande reagierten mit Kaufzurückhaltung. Der Absatz von Weihnachtsschokolade brach Vergleich zu 2024 um 12 % ein.  Kaum Beachtung findet, dass die Kosten vor allem die Menschen in den Anbauländern im Globalen Süden tragen. 

Mit etwa 300.000 Tonnen Kakao pro Jahr liegt Kamerun weltweit auf Platz fünf der Top-Produzenten. Vor Ort treffen die Menschen die Umweltschäden durch die Plantagenwirtschaft unmittelbar. Der Biodiversitätsverlust ist die tragische Konsequenz eines Wertschöpfungsmodells, das Mengenmaximierung über alles stellt und externe Kosten ignoriert. Nur deshalb profitieren Endkonsumenten von niedrigen Abgabepreisen. Sie lassen außer Acht, dass diese die realen Aufwendungen entlang der Wertschöpfungskette um ein Vielfaches unterbieten. Daher schließen Diskussionen über einen zukunftsfähigen Kakaosektor die Frage ein, welche Aufwände bislang externalisiert wurden, aber zwingend Berücksichtigung finden müssen.

Anreize statt Auflagen  
Wildkakao wächst ohne menschliches Zutun in der unteren Baumschicht des tropischen Regenwaldes in Kamerun. © Takamanda KakoIn der politischen Debatte stehen regulatorische Instrumente im Vordergrund. So sind Unternehmen seit dem Inkrafttreten des deutschen Lieferkettensorgfaltsgesetzes (LkSG) dazu verpflichtet, ein effektives Risikomanagement einzurichten, um die Gefahr von spezifischen Arten von Umweltzerstörung und Menschenrechtsverletzungen zu identifizieren, zu vermeiden und zu minimieren. Die Überwachung dessen erweist sich in der Realität als kompliziert. Eine Gegenmodell dazu wäre, jene Firmen durch Abgabenminderungen oder Fördermittel unter die Arme zu greifen, die bereits einen regenerativen Kurs verfolgen. Höhere Produktionskosten, die Notwendigkeit, den Markt über reale Wertschöpfungskosten aufzuklären, geduldiger Kapitalbedarf sowie logistische Komplexität und Risiken im Sourcing stellen substanzielle Herausforderungen dar. Attraktive Rahmenbedingungen für zukunftsfähiges Unternehmertum würden Innovation belohnen und Skalierbarkeit erleichtern. Regeneration wird zum Wettbewerbsvorteil, wenn sie auf langfristigen Strategien basiert. Wird Biodiversität als Brand Value zum Differenzierungsmerkmal, gehen Wirtschaftlichkeit und ökologische Integrität Hand in Hand. 
 
Daneben tragen auch die Verbraucher eine Verantwortung. Ein gesunder Markt fußt auf fairer Preisbildung und ressourcenangemessener Verfügbarkeit. Reflektieren Endkonsumenten ihre Kaufentscheidungen, nutzen sie die eigene Marktmacht gezielt, um grüne Geschäftsmodelle zu stärken. Letztere sind auf diese bewusste Nachfrage angewiesen. Es ist wieder die Aufgabe der Politik, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Verbraucher dahingehend befähigen, die Herkunft von Produkten kritisch zu hinterfragen und Konsum als Investition in Systeme und Firmen zu begreifen. 

Moral braucht gutes Storytelling
Anstatt sich auf bloßen Schadensbegrenzung zu beschränken, lautet der Auftrag an Unternehmen, verstärkt in die Herkunftsländer selbst zu investieren, ihre ökonomische Resilienz zu fördern und Handelspartner zu befähigen. Dies gelänge unter anderem durch die verbindliche Integration von Biodiversität in unternehmerische Steuerungsgrößen, einer Rohstoffbewertung nach Systemwirkung sowie durch Transparenz bei Produktionskosten und Margen, die auf nachhaltiger Wertschöpfung gründen. Genau hier liegt die Kernherausforderung: Operieren Unternehmen nach diesen Maßstäben, geraten sie wirtschaftlich schneller ins Hintertreffen oder kämpfen mit der Rechtfertigung höherer Preise, sofern sie Verbrauchern den ökologischen und sozialen Mehrwert nicht glaubhaft vermitteln können. 

Übertragbare Erfolgsmodelle
  • Rohstoffe über Corporate Behaviour und Herkunftsnachweis premiumisieren 
  • Preisstrategie so ausrichten, dass höhere Erträge für die Bauern einkalkuliert sind     
  • Qualität in allen Produktdimensionen sicherstellen 
  • Lieferketten aufbauen, die Wirkung sichtbar und resonanzfähig machen 
  • Beständige Partnerschaften statt Spotmarkt-Einkauf pflegen
  • Mittels direkter Partnerschaften Stabilität und faire Preise gewährleisten
  • Einen Teil der Umsatzerlöse an gemeinnützige Projekte weitergeben  
  • Werte und Positionierung in die Marketing- und Vertriebsstrategie übersetzen 
  • Starke Kundenbindung durch eine gemeinsame Mission aufbauen
Wichtige Verbände und Organisationen zum Thema 

Märkte funktionieren über Attraktivität. Nachhaltigkeit ist für viele Marken mittlerweile ein zentrales Differenzierungsmerkmal, weil die Nachfrage stetig steigt. Für 66 % der Verbraucher in Deutschland zählt sie inzwischen zu den wichtigsten Kaufkriterien.  Wenn Fair Trade zur Commodity wird, reicht es nicht mehr nur „besser" zu sein oder moralisch recht zu haben. Ein Produkt muss Begehren wecken. Notwendig ist eine Neupositionierung – weg vom erhobenen Zeigefinger, hin zu Genuss, Sinnlichkeit und kultureller Relevanz. Premium-Produkte mit hochwertigen Inhaltsstoffen, anspruchsvollem Packaging und emotionalem Storytelling erzeugen eine Sogwirkung und legitimieren höhere Endkundenpreise. Und eine Positionierung im Luxussegment eröffnet den wirtschaftlichen Spielraum, um oben genannten Investitionen langfristig zu managen. Bei Takamanda Kakao verfolgen wir diesen Absatz und beweisen, das wirtschaftliches Handeln unter dem Regenerationsgedanken wirtschaftlich tragfähig sein kann.

Das regenerative Modell in der Praxis    
Am Standort Freiburg im Breisgau fertigen wir Rohkakao-Pralinen in Handarbeit und finanzieren aus dem operativen Geschäft heraus gemeinnützige Projekte in Kamerun. Vor Ort bewirtschaften die Bäuerinnen und Bauern gewachsene wilde Strukturen und entnehmen bei der Ernte lediglich einen Teil des Wildkakaos. Zusätzlich werden bestehende Kakaosorten und andere Pflanzen kulturviert, die die regionale Flora und Fauna stärken und Ökosysteme rund um den Takamanda National Park schützen. Aufforstungsprojekte, Forschung zur Tier- und Habitatstruktur, infrastrukturelle Maßnahmen unter Berücksichtigung sensibler Lebensräume und Bildungsprojekte für die lokale Bevölkerung greifen ineinander und unterstützen die Eigenständigkeit der Gemeinden. Unser erklärtes Ziel ist es, Wertschöpfung zu steigern, unterdessen Biodiversität wieder zunimmt. 

Viktoria Pohl ist CEO von Takamanda Kakao. © Takamanda Kakao
Angesichts immenser Preisschwankungen am Weltmarkt setzen wir auf höhere Preise für Qualitätsware und schaffen stabile Anbau- und Lebensbedingungen für Kleinbauern. Direkte Partnerschaften machen Zwischenhändler überflüssig und stellen sicher, dass der Kakaopreis gewachsene Kosten transparent und fair abbildet. Die Erlöse der Anbaufamilien variiert abhängig von Saison, Region und Erntemenge. Deshalb verpflichtet wir unsere Partnerbetriebe auf keinen Fixpreis. Diese führen bekanntermaßen dazu, dass gestiegene Produktionskosten nicht refinanziert werden, wenn Zwischenhändler Abnahmepreise drücken. Das Modell nimmt den Preisdruck von den Schultern der Endprodukten und ist gleichzeitig ein großer Zugewinn für die Landwirte. Das mehrstufige Handelsketten ihre Einnahmen schmälern, zeigt eine Beispielrechnung der Kampagne „Make Chocolate Fair" eindrücklich: Gerade einmal 8 Cent erhalten die Bauern vom Verkauf einer Tafel Eigenmarken-Vollmilchschokolade zu 89 Cent. Dabei verringern alternative Einkommensquellen erfahrungsgemäß den Anreiz für illegale Abholzung und Wilderei. So entsteht auf Grundlage eines partnerschaftlichen Deals die ökonomischer Motivation, Wald zu erhalten: faire Bezahlung als Gegenzug für einen achtsamen Umgang mit Natur und Umwelt. 

Die 24-jährige Viktoria Pohl ist CEO von Takamanda Kakao und verantwortet als solche die strategische und operative Führung des 2022 gegründeten Anbieters von Rohkakao-Pralinen. Als Unternehmerin verfolgt Viktoria Pohl das Ziel, wirtschaftliche Wertschöpfung und gesellschaftliche Verantwortung konsequent zusammenzudenken.


     
        
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