Eckard Christiani
Technik | Green Building, 01.03.2026
Gesund bauen, natürlich wohnen
Wie die Berliner Architektin Silke Epple mit Holz, Lehm und klugem Energiedesign neue Standards setzt
Schon der erste Satz in Silke Epples Arbeitstagebuch könnte als Leitmotiv über einer neuen Baukultur stehen: „Bauen soll nicht stressen, sondern guttun." Was banal klingt, ist in einer Branche, die zu lange über Quadratmeterpreise, Normen und kurzfristige Renditen definiert wurde, eine kleine Revolution.
Epple, Architektin aus Berlin, plant Häuser, die das Naheliegende radikal ernst nehmen: ökologisch verträgliche Materialien, atmende Konstruktionen, ein gutes Raumklima – und ein Entwurf, der die Menschen und ihren Ort respektiert. Ihr Credo: Nachhaltiges Bauen ist kein Technikfetisch, sondern eine Haltung, langlebige, natürliche Baustoffe so zu kombinieren, dass sich Wohlbefinden einstellt – und zwar dauerhaft.Vom Nischenthema zum neuen Normal
Was in den 1990er-Jahren als Öko-Nische begann, wird nach und nach zum Mainstream: Holz ersetzt Beton, wo immer es möglich ist; Gebäudetechnik wird gezielt reduziert, wo Materialintelligenz das Gleiche – oder Besseres – leistet. Epple beobachtet: „Die Wertigkeiten verschieben sich. Holz bindet Kohlenstoff, Beton verursacht ihn. Wer heute baut, entscheidet mit, wie die Klimabilanz von morgen aussieht." In Bundesländern mit Holzbau-Tradition zeigt sich dieser Wandel bereits in der Fläche; Metropolregionen wie Berlin und Brandenburg holen auf. Pilotquartiere – vom ehemaligen Flughafengelände Tegel bis zu neuen Schul- und Wohnbauten – öffnen den Weg für mehrgeschossigen Holzbau, vereinfachte Genehmigungen und praxistaugliche Brandschutzkonzepte.
Das Haus als Ökosystem
Ein Projekt in der Nähe von Wien bündelt exemplarisch, wofür Epples Architektur steht. Das Haus liegt am steilen Hang; statt die Topografie wegzuplanieren, folgt der Bau dem Gelände. Das nimmt dem Ort Härte – und der Statik Ressourcen. „Wir rücken das Gebäude in den Hang, schaffen Halt, erweitern die Ebene über einen Pool als horizontale Fläche und orientieren die Räume so, dass Lichtverlauf und Ausblick tragen", sagt Epple.
Das Entscheidende geschieht jedoch im Verborgenen: Ein ganzheitliches Energiekonzept ersetzt fossile Abhängigkeit. Geheizt wird mit Erdwärme über eine Tiefenbohrung. Strom liefert eine Photovoltaikanlage auf dem Dach. Große Zisternen sammeln Regenwasser für Garten und Nebennutzungen; die Bewässerung folgt dem natürlichen Gefälle des Grundstücks. Ergebnis: hohe Autarkie, niedrige Betriebskosten, resiliente Versorgung.
Das Tragwerk ist ein Massivholzbau – metallfrei verbunden, wo möglich –, kombiniert mit Lehm. Die Gründe sind handfest:
- Holz speichert Kohlenstoff über seine gesamte Nutzungsdauer, ermöglicht schnelle, trockene Baustellen und bietet hervorragende Vorfertigung. Als nachwachsender Rohstoff ist es reparier- und rückbaubar; Bauteile lassen sich im Sinne der Kreislaufwirtschaft sortenrein trennen.
- Lehm ist der stille Held des gesunden Wohnens: feuchtepuffernd, temperaturausgleichend, emissionsarm und beliebig wiederverwendbar. In Fußbodenaufbauten, als Putz oder Lehmbauplatte erhöht er die Speichermasse und sorgt für konstante Luftfeuchte – spürbar für Haut, Atemwege und Wohlbefinden.
- Kalkputz ergänzt dort, wo Nässe entsteht: diffusionsoffen, alkalisch und dadurch von Natur aus schimmelhemmend, mit traditioneller Oberflächenbehandlung („seifen") robust genug, um in Bädern weitgehend auf Fliesen zu verzichten.
Diese Kombination ersetzt Technik: Wo andere Klimaanlagen planen, erreicht Epple dieselben Effizienzwerte über Materialwahl und Ausrichtung – inklusive sommerlichem Hitzeschutz durch Speichermasse und gezielte Verschattung. Das Haus „arbeitet" mit Tageslauf, Jahreszeit und Nutzung, statt sie zu bekämpfen.
Im Wohnbereich trennt ein großformatiger Stampflehmofen mit Sichtfenster Essen und Sitzen – ein Möbel aus Erde, regionalem Material, Schicht für Schicht verdichtet. Sein Rauchrohr zieht als gestaltetes Element durch das Haus, gibt auf dem Weg Restwärme an Bad und Obergeschoss ab und spart so Bauteile wie zusätzliche Schächte oder Heizzonen. Das ist Epples Pragmatismus: „Intelligentes Bauen heißt, ein Bauteil mehrere Aufgaben erfüllen zu lassen – schöner, einfacher, günstiger."
„Nachhaltig bauen heißt, Ressourcen ernst zu nehmen – die des Planeten ebenso wie die der Menschen, die darin leben.”
Raumführung als Bewegung
Weil das Leben am Hang naturgemäß unten stattfindet – nah am Garten, nah am Wasser – kehrt Epple das Übliche um: Der Eingang liegt oben, doch eine breite Treppenskulptur aus Sitz- und Gehstufen führt wie nebenbei nach unten. Licht lenkt. Großzügige Schiebeelemente öffnen den Wohnbereich zur Terrasse, die Küche orientiert sich gen Osten auf einen windgeschützten Vorplatz; drinnen und draußen sind Entscheidungen des Moments, keine Entweder-oder-Zwänge. Der Effekt: ein Haus, das sich wie eine Landschaft anfühlt.
„Feng Shui" – als leise Methode, nicht als Stil
Wenig Lampen, viel Klarheit: Epples Bezug zu Feng-Shui bleibt Hintergrundmusik. Gemeint ist kein Deko-Kanones, sondern eine systemische Lesart: Mensch, Ort, Zeit. Wie fließen Wind und Licht? Wie „trägt" der Boden – Sand in Berlin, Lehm und Fels im Wienerwald? Wo liegt das Haus ideal im Relief – nicht exponiert auf Kammhöhe, sondern so, dass es Schutz, Aussicht und Sonnengewinn balanciert? Diese Fragen, verbunden mit einer präzisen Landschaftsanalyse, führen zu Grundrissen, die selbstverständlich wirken. Was bleibt, ist eine spürbare Stimmigkeit.Planung beginnt mit Zuhören
„Ich bin Spezialistin dafür, Lebensgefühle in Räume zu übersetzen", sagt Epple. Darum startet jeder Entwurf mit einem Gespräch: Welche Bilder, Orte, Erinnerungen bedeuten Geborgenheit? Welche Routinen prägen den Tag? Im erwähnten Haus waren es Fotos einer afrikanischen Lodge – Wasserblick, tiefer Horizont, abends Feuer. Der Entwurf übersetzt das Motiv klimatisch korrekt für Mitteleuropa: Poolkante statt Flussufer, Lehmofen statt Lagerfeuer, großformatige Öffnungen statt dauerhafter Offenheit. Nicht das Symbol zählt, sondern seine Wirkung.
Warum solche Häuser gesünder sind
Der gesundheitliche Gewinn entsteht auf mehreren Ebenen:
- Raumluft: Natürliche Putze und Platten reduzieren Emissionen, speichern Feuchte und geben sie zeitversetzt ab. Das stabilisiert die relative Luftfeuchte – gut für Schleimhäute, Atemwege und Oberflächen.
- Akustik und Haptik: Holz und Lehm dämpfen Schall; hölzerne Böden oder Wandoberflächen fühlen sich warm an, auch bei niedrigen Vorlauftemperaturen.
- Thermik: Speichermasse glättet Temperaturspitzen. In Hitzesommern bleibt Innenluft länger behaglich, in Übergangszeiten reicht milde Strahlungswärme.
- Lichtführung: Tageslicht wird als Material behandelt – Ausrichtung, Tiefe der Laibungen, Reflexion an Oberflächen. Das unterstützt den circadianen Rhythmus und erhöht die Aufenthaltsqualität.
- Reparierbarkeit: Natürliche Materialien altern würdevoll und lassen sich instandsetzen. Das bindet weniger graue Energie über den Lebenszyklus.
Technik – dort, wo sie Sinn stiftet
Epple ist keine Technikgegnerin. Sie setzt sie dort ein, wo sie echte Resilienz schafft: Erdwärme als grundlastfähige Wärmequelle; Photovoltaik mit Überschusseinspeisung oder Speicher; Regenwassermanagement für Garten, WC-Spülung oder Wäsche, wo die Regeln es erlauben. Die Gebäudehülle bleibt jedoch das Fundament: diffusionsoffen, hoch gedämmt und mit möglichst viel Speichermasse innen. „Die beste Kilowattstunde ist die, die ich gar nicht erst brauche."
Epples Entwurfsarbeit ist detektivisch. Lagepläne, Höhenlinien, Straßenlärm, Geruchsquellen, Nachbarschaftstypologien, Sonnenbahnen – bis zu zwanzig Schichten Analyse hängen im Büro, bevor der erste Raum gezeichnet wird. Daraus entsteht kein Monument, sondern eine wandelbare Struktur, in der Familien wachsen, Routinen sich ändern, neue Nutzungen andocken können. „Wohnhäuser sind keine Statements, sondern Begleiter. Sie sollen sich mitentwickeln können", sagt Epple.
Am Ende riecht man den Unterschied. Lehm, Holz, Kalk – das ist kein Wohlfühl-Marketing, sondern messbares Raumklima. Die Luft ist mild, Flächen sind warm, der Hall reduziert. Nichts schreit, alles atmet. So entsteht jene „Stimmigkeit", die man schwer in Kennzahlen fasst, die aber jeden Tag wirkt: morgens beim ersten Licht, mittags im Schatten, abends am Ofen. Häuser wie das von Silke Epple sind keine Wunderwerke – sie sind das Ergebnis konsequenter Entscheidungen. Und sie zeigen, wie „modern" eigentlich gemeint ist: nicht als neue Form, sondern als neues Verantwortungsgefühl.
Fazit
Nachhaltig bauen heißt, Ressourcen ernst zu nehmen – die des Planeten ebenso wie die der Menschen, die darin leben. Mit Holz, Lehm und Kalk, mit solider Hülle und kluger Energieplanung, mit Präzision in Analyse und Empathie im Entwurf wird Wohnen zum Gesundheitsraum. „Die beste Architektur", sagt Epple, „ist die, in der man leicht atmet und gerne bleibt." So baut man heute.
Materialsteckbrief – kurz erklärt
Massivholz / Holzbau
Vorteile: Kohlenstoffspeicher, trockene und schnelle Montage, hohe Präzision durch Vorfertigung, gute Tragfähigkeit auch mehrgeschossig. Brandschutz? Holz verkohlt an der Oberfläche und schützt so den Kern – berechenbares Tragverhalten bei richtiger Dimensionierung. Rückbau: sortenrein möglich; Elemente lassen sich häufig wiederverwenden.
Lehm (Putz, Platten, Stampflehm, Schüttung)
Vorteile: hervorragender Feuchtepuffer, reguliert Gerüche, bindet Feinstaub, sorgt für ausgeglichene Temperaturen. Regional verfügbar, niedriges Brandlast- und Schadstoffprofil. Kann mit Wasser wieder lösbar gemacht und erneut verwendet werden – echte Kreislauffähigkeit. In Decken- und Bodenaufbauten verbessert Lehm spürbar den Schallschutz.
Kalkputz (v. a. in Nassräumen)
Vorteile: diffusionsoffen, alkalisch, erschwert Schimmelwachstum, robust durch traditionelle Oberflächenbehandlung (Seifen, Polieren). Ermöglicht fugenarme, reparierbare Flächen. Ästhetik: matte, tiefe Oberflächen mit angenehmer Lichtstreuung.
Mondholz / traditionell geschlagenes Holz
Praxis aus der Forstwirtschaft, bei der Holz zu bestimmten Jahreszeiten geerntet wird. Für Bauherr:innen relevant ist weniger der Mythos als die Qualitätssicherung: richtige Trocknung, Sortierung und Verarbeitung sind entscheidend – chemische Holzschutzmittel lassen sich durch konstruktiven Schutz und Detailplanung häufig vermeiden.
Klimawirkung: Entscheidend ist die erste Tonlage
Wer nachhaltig bauen will, sollte den größten Hebel früh ansetzen: an der Konstruktion. Jede nicht gebaute Tonne Beton spart Emissionen; jedes tragende Holzteil bindet Kohlenstoff. Innenmaterialien mit Speichermasse – etwa Lehmplatten – verbessern das Klima im Haus, ohne Kilowattstunden zu verbrauchen. Und jedes Bauteil, das zwei Funktionen übernimmt (Tragen + Speichern, Trennen + Heizen), reduziert Materialmenge, Kosten und Komplexität.
Sechs konkrete Schritte
Was Bauherr:innen jetzt tun können
- Lage & Bestand prüfen: Erst analysieren, dann entwerfen. Wo sind Klima, Lärm, Wind, Höhen? Lässt sich Bestehendes umbauen statt neu zu bauen?
- Materialstrategie festlegen: Tragwerk aus Holz, Innenausbau mit Lehm/Kalk, diffusionsoffene Hülle.
- Technik sparsam planen: Effizienz zuerst über Hülle und Material, dann Erdwärme/PV/Regennutzung ergänzen.
- Lebensgefühle klären: Was bedeutet Geborgenheit? Welche Routinen haben Vorrang? So entstehen Räume, die wirklich genutzt werden.
- Handwerk früh einbinden: Lehmbau, Kalkputz, Holzverbindungen – Qualität steht und fällt mit erfahrenen Teams.
- Zukunftsfähigkeit sichern: Rückbaubarkeit, Reparaturfreundlichkeit, modulare Details; so bleibt das Haus über Jahrzehnte anpassbar.
Eckard Christiani ist Journalist, Herausgeber und Autor der Buchreihe „morgen – wie wir leben wollen", die sich mit den drängenden Zukunftsfragen unserer Zeit beschäftigt. Gemeinsam mit Nizar Rokbani und Prof. Rammler ist er Mitgründer der Stiftung beyond new – The Human Future Foundation.
Dieser Artikel ist in forum 02/2026 - Zukunft braucht Frieden erschienen.
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