Eckard Christiani
Gesellschaft | Bildung, 01.03.2026
Beziehung statt Kontrolle
Bildungsgerechtigkeit durch Beziehungslernen
Wenn der Schulunterricht ins Wanken gerät, liegt es selten am Stoff. Dieser Befund ist in der Bildungsforschung gut belegt: Der Schulerfolg hängt maßgeblich von der Qualität der Lehrer-Schüler-Beziehung ab. Mit dem Ansatz „Potenzialblick" zeigt die Helga Breuninger Stiftung, wie Beziehungslernen trainierbar wird – evidenzbasiert und inzwischen KI-gestützt.
Internationale Metastudien der Bildungsforschung zeigen, dass die Qualität der Schüler-Lehrer-Beziehung zu den besonders wirksamen Faktoren für Motivation, Beteiligung und Lernerfolg zählt. Was in Debatten über Unterrichtsqualität oft als „weiches Thema" abgetan wird, erweist sich in der Praxis als harte Realität: Beziehung ist die Infrastruktur des Lernens.Genau hier setzt die Helga Breuninger Stiftung an. Ihr Fokus liegt nicht auf der nächsten Lehrmethode oder dem besseren Unterrichts-Tool, sondern auf der Haltung, die Lehrkräfte in „anspruchsvollen" Konfrontations- und Lehrsituationen einnehmen. Denn wer unter Stress handelt, tut dies selten professionell.
Helga Breuninger erklärt: „Lehrkräfte sind fachlich und didaktisch meist gut ausgebildet, setzen sich jedoch selten systematisch mit ihrer Beziehungs-Haltung auseinander oder reflektieren ihre eigene Schulbiografie. In der Folge reproduzieren viele unbewusst dominante Interaktionsmuster." Die Stiftung macht daraus eine zentrale Frage der Stabilisierung von Lehrkräften: Welche Haltung wirkt deeskalierend, welche motivierend und befähigend? Und wie kann man sie so trainieren, dass sie im entscheidenden Moment verfügbar wird?
Nicht dominieren, disziplinieren, belehren, …
In angespannten Klassenraum-Atmosphären liegt der Reflex nahe: Kontrolle herstellen, „durchgreifen" und Störungen abstellen. Kurzfristig kann das funktionieren. Langfristig erzeugt es oft Nebenwirkungen – Machtkämpfe, Rückzug oder Lernverweigerung. Besonders fatal ist das bei Kindern, die ohnehin unter Druck stehen – etwa durch Sprachhürden oder Abwertungserfahrungen. Wenn Schule dann vor allem Problemverwaltung wird, verlieren alle.
… sondern lernseitig und resonant handeln
Empirisch wirksam sind dagegen Zugewandtheit, Wertschätzung und demokratisches Handeln. Die Stiftung knüpft dabei an einen Begriff an, der international an Bedeutung gewonnen hat: Resonanzfähigkeit. Lernen entsteht dort, wo Menschen sich wahrgenommen fühlen – als Gegenüber, nicht als „Leistungsoutput". Der Schulpädagoge Michael Schratz beschreibt diesen Perspektivwechsel als „lernseitige Haltung" – der Blick richtet sich weniger auf Stoff und Kontrolle, sondern mehr auf das, was Lernende aktiviert und bindet. So gewinnt Unterricht Anschlussfähigkeit.
Der Potenzialblick: Perspektivenwechsel mit Folgen
Zur resonanten Haltung tritt ein zweites Element, das dem Ansatz der Stiftung ein klares Profil gibt: der Potenzialblick. Er meint keinen erzwungenen Optimismus, sondern einen trainierbaren Wechsel der professionellen Perspektive – weg vom Defizit, hin zu Ressourcen, Stärken und Möglichkeiten, die im jeweiligen Kind bereits angelegt sind. Nach Erfahrungen aus der lerntherapeutischen Arbeit (u.a. mit Schulverweigerern) steigt die Selbstwirksamkeit deutlich, wenn Stärken nicht nur „gesehen", sondern benannt und gezielt genutzt werden – gerade bei Kindern, die in einem defizitorientierten System schnell als „schwierig" oder „lernschwach" etikettiert werden.
Der Potenzialblick stärkt Lernende – und entlastet Lehrkräfte, weil er in Stresslagen Handlungsspielraum zurückgibt. In Zeiten von Lehrkräftemangel ist das auch Prävention.
Vom Essener Modell zum „Haltungs-Simulator"
Die systematische Schulung von Haltung hat eine lange Vorgeschichte. Bereits 1976 verankerte Breuninger gemeinsam mit Dieter Betz das Beziehungslernen im Essener Modell der Lehrerbildung. Ergänzend zur Fachdidaktik wurde dort eine lernseitige, resonante Haltung mit Potenzialblick vermittelt. Mit dem Ausbau inklusiver Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg rückte der notwendige Haltungswechsel ab 2012 auch bildungspolitisch in den Fokus.
In Zusammenarbeit mit dem Kultusministerium entstand ein videobasiertes Trainingsprogramm, das professionelles Handeln in Konfliktsituationen sichtbar und lernbar macht – ein „Performance-Simulator". In inszenierten Videosequenzen werden typische Konfliktsituationen gezeigt: Einerseits lehrseitig-dominantes Handeln, das durch Disziplinierung, Belehrung sowie Schuld- und Schamzuschreibungen zu Rückzug oder Widerstand führt. Andererseits der Wechsel in eine lernseitige, resonante Haltung: Die Lehrkraft begegnet wertschätzend, aktiviert über offene Fragen, beteiligt Lernende und klärt Erwartungen – und gewinnt Beziehung zurück, ohne Autorität zu verlieren.
KI-Bots als Trainingspartner
Unter dem Dach von intus³ beziehungslernen entwickelte die Stiftung das Trainingsmaterial laufend weiter: neue Videoformate und interaktive KI-Bots. Der Gedanke dahinter ist pragmatisch: Haltung entsteht nicht durch Einsicht allein, sondern durch Erfahrung, Wiederholung, Reflexion und Feedback. Genau dafür ist das Training konzipiert – als strukturiertes Übungsprogramm, das den Wechsel zur resonanten Haltung und zum Potenzialblick Schritt für Schritt trainiert.
Der neueste Baustein ist der KI-Bot Digital Makerspace: eine KI-gestützte Übungsumgebung, in der Lehrkräfte mit virtuellen Schülern realistische Interaktionssituationen erproben können. „Den Anfang macht die resonante Haltung, dann übt man den Wechsel von Haltung und Perspektive, bis man die lernseitige Haltung und den Potenzialblick intus hat. Die Wirkung eigener Interventionen wird dadurch unmittelbar erfahrbar", meint Helga Breuninger dazu.
Wer nicht weiter weiß, aktiviert einen Interventionsjoker: Eine pädagogische Mentorin unterstützt dabei, die Lage zu reflektieren und im Potenzialblick zu intervenieren. Fehlentscheidungen führen nicht zum Scheitern, sondern werden zur Lernquelle – wie im Flugsimulator. Ein Chatprotokoll macht sichtbar, welche Interventionen deeskalieren, welche blockieren, welche öffnen. Dazu Breuninger: „Und wenn man will, gibt der Bot auch noch persönliches Feedback. So sehen m.E. die Trainingsformate der Zukunft auch in der Personalentwicklung aus!"
Der Bot ersetzt dabei keine pädagogische Beziehung, sondern ist ein geschützter Trainingsraum, in dem Lehrkräfte Handlungsalternativen entwickeln können, bevor es im Klassenzimmer „ernst" wird.
Wirkung in die Fläche – aber nur mit Vertrauen
Nach Angaben des Programms wird intus³ beziehungslernen bereits in mehreren Bundesländern in allen drei Phasen der Lehrkräftebildung genutzt. Der Ansatz ist anschlussfähig – wenn er keine Zusatzbelastung ist, sondern eine Entlastung mit attraktivem Praxisbezug. Gerade bei KI-gestützten Formaten entscheidet jedoch Vertrauen über eine Akzeptanz. Deshalb gehört zur Skalierung zwingend eine klare Governance: transparente Ziele (Training statt Bewertung), didaktische Einbettung (Reflexion und Transfer), nachvollziehbare Kriterien für Feedback sowie ein sauberer Umgang mit Protokollen und Daten. Wer KI in die Bildung bringt, muss erklären können, was gespeichert wird, was nicht – und wer Verantwortung trägt. Nur dann wird aus der technischen Möglichkeit ein pädagogischer Fortschritt.
Helga Breuninger und ihre Stiftung
Dr. Helga Breuninger ist Diplom Volkswirtin, klinische Psychologin und Lerntherapeutin. 1976 initiierte sie mit Dieter Betz das Essener Modell der Lehrerbildung, über das sie 1980 mit „Lernziel Beziehungsfähigkeit" promovierte.
Im gleichen Jahr gründete sie die Helga Breuninger Stiftung GmbH. Sie fördert die Transformation des Bildungssystems durch innovative Ansätze und stärkt mit dem Potenzialblick gezielt Bildungsgerechtigkeit.
Die Helga Breuninger Stiftung verfolgt damit ein klares Ziel: Bildungsgerechtigkeit durch Beziehungslernen. Der Potenzialblick stärkt Selbstwirksamkeit – bei Lernenden und Lehrkräften. Und er liefert etwas, das der aktuellen Bildungsdebatte oft fehlt: eine handwerklich trainierbare Antwort auf systemischen Druck.
Helga Breuninger ganz persönlich:
Finden Sie hier ein aktuelles 66 seconds Video von Dr. Breuninger, in dem sie von ihrer Stiftungs-Vision erzählt.
Dieser Artikel ist in forum 02/2026 - Zukunft braucht Frieden erschienen.
Weitere Artikel von Eckard Christiani:
Eckard Christiani: wie wir morgen lehren und lernen wollen
Band 7 der Reihe "morgen - wie wir leben wollen" zum Thema Wissen und Bildung
In diesem Band vereinen sich die drängendsten Bildungsthemen unserer Zeit zu einem vielstimmigen Gesamtbild, das zum Nach- und Umdenken anregt. Wie bereiten wir junge Menschen auf eine Zukunft vor, die wir selbst noch nicht kennen? Welche Rolle spielen Future Skills wie kritisches Denken, Teamfähigkeit, Empathie und digitale Mündigkeit - und was bedeutet das konkret für Unterricht, Ausbildung und Weiterbildung?
Band 7 der Reihe "morgen - wie wir leben wollen" zum Thema Wissen und Bildung
In diesem Band vereinen sich die drängendsten Bildungsthemen unserer Zeit zu einem vielstimmigen Gesamtbild, das zum Nach- und Umdenken anregt. Wie bereiten wir junge Menschen auf eine Zukunft vor, die wir selbst noch nicht kennen? Welche Rolle spielen Future Skills wie kritisches Denken, Teamfähigkeit, Empathie und digitale Mündigkeit - und was bedeutet das konkret für Unterricht, Ausbildung und Weiterbildung?
Gesund bauen, natürlich wohnen
Wie die Berliner Architektin Silke Epple mit Holz, Lehm und klugem Energiedesign neue Standards setzt
Schon der erste Satz in Silke Epples Arbeitstagebuch könnte als Leitmotiv über einer neuen Baukultur stehen: „Bauen soll nicht stressen, sondern guttun." Was banal klingt, ist in einer Branche, die zu lange über Quadratmeterpreise, Normen und kurzfristige Renditen definiert wurde, eine kleine Revolution.
Wie die Berliner Architektin Silke Epple mit Holz, Lehm und klugem Energiedesign neue Standards setzt
Schon der erste Satz in Silke Epples Arbeitstagebuch könnte als Leitmotiv über einer neuen Baukultur stehen: „Bauen soll nicht stressen, sondern guttun." Was banal klingt, ist in einer Branche, die zu lange über Quadratmeterpreise, Normen und kurzfristige Renditen definiert wurde, eine kleine Revolution.
Friedensnobelpreis für die Kinder der Welt?
Die Gestalter und Gestalterinnen der Zukunft
Wenn es nach Peter Spiegel geht, dann gehört die wichtigste Auszeichnung der Welt nicht Staatschefs, Diplomaten oder internationalen Organisationen – sondern den Kindern. Genauer: allen jungen Menschen bis 18 Jahre, weltweit.
Die Gestalter und Gestalterinnen der Zukunft
Wenn es nach Peter Spiegel geht, dann gehört die wichtigste Auszeichnung der Welt nicht Staatschefs, Diplomaten oder internationalen Organisationen – sondern den Kindern. Genauer: allen jungen Menschen bis 18 Jahre, weltweit.
Muster und Macht
Warum gerade jetzt durch KI die Weichen für Generationen gestellt werden
Manche Zeiten verlangen viel von uns: Klarheit, Erkenntnis, Mut, Entschlossenheit. Die alten Griechen nannten solche Wendepunkte „Kairos-Momente“: jene entscheidenden Augenblicke, die unverhofft wie ein Spalt im Gewebe der Zeit hervortreten – offen nur für einen Atemzug. Wer zögert, verpasst sie. Wir leben in einem solchen Kairos-Moment: KI ist der Schlüssel für eine radikale Veränderung der Weltordnung.
Warum gerade jetzt durch KI die Weichen für Generationen gestellt werden
Manche Zeiten verlangen viel von uns: Klarheit, Erkenntnis, Mut, Entschlossenheit. Die alten Griechen nannten solche Wendepunkte „Kairos-Momente“: jene entscheidenden Augenblicke, die unverhofft wie ein Spalt im Gewebe der Zeit hervortreten – offen nur für einen Atemzug. Wer zögert, verpasst sie. Wir leben in einem solchen Kairos-Moment: KI ist der Schlüssel für eine radikale Veränderung der Weltordnung.
Logistik im Klimawandel
Wieso Lieferketten neu gedacht werden müssen
Die Logistik ist das Rückgrat der globalisierten Wirtschaft – und zugleich einer der größten CO2-Verursacher weltweit. Wie kann eine Branche, die auf ständige Bewegung angewiesen ist, ihren ökologischen Fußabdruck verringern, ohne
an Effizienz zu verlieren? Der langjährige Logistik-Journalist Jürgen W. Konrad benennt zahlreiche Initiativen, die Mut machen und fordert: Die Branche muss raus aus der Zuschauerrolle.
Wieso Lieferketten neu gedacht werden müssen
Die Logistik ist das Rückgrat der globalisierten Wirtschaft – und zugleich einer der größten CO2-Verursacher weltweit. Wie kann eine Branche, die auf ständige Bewegung angewiesen ist, ihren ökologischen Fußabdruck verringern, ohne
an Effizienz zu verlieren? Der langjährige Logistik-Journalist Jürgen W. Konrad benennt zahlreiche Initiativen, die Mut machen und fordert: Die Branche muss raus aus der Zuschauerrolle.
Frau Reiche – es reicht!
forum 03/2026
- Resilienz
- Klimafinanzierung
- Wald
- Startups
Kaufen...
Abonnieren...
22
JUL
2026
JUL
2026
3-30-300: Mehr Grün in die Stadt
Im Rahmen der Serie "München 'grüner' machen"
80336 München und online
Im Rahmen der Serie "München 'grüner' machen"
80336 München und online
15
SEP
2026
SEP
2026
24
NOV
2026
NOV
2026
Forum Solar Plus - Frühbucherpreis bis 27. Juli
Die erneuerbare Energiewelt im Fokus - Ticketrabatt für forum-Leser*innen!
10178 Berlin
Die erneuerbare Energiewelt im Fokus - Ticketrabatt für forum-Leser*innen!
10178 Berlin
Anzeige
Der Mittelstand im ESG-Dschungel. Sie müssen nicht alles machen. Sie müssen nur wissen, was.
Sie erhalten einen klaren Fahrplan: was jetzt zu tun ist, was Sie auf dem Schirm behalten sollten und was Sie getrost ignorieren können.
Sport & Freizeit, Reisen
Hinaus in die Wildnis!Christoph Quarchs Blick auf die junge Kulturgeschichte von Naturschutz und Naturtourismus
Jetzt auf forum:
Böden, Wasser, Waldbrand- und Lebensgefahr – forum zeigt Lösungen
Mehr Kreislaufwirtschaft im Textilsektor
In Kraft getretenes Vernichtungsverbot für Textilien und Schuhe
Günstig durch das teure Reiseparadies
Sondervermögenstracker: Jeder fünfte Euro aus dem KTF ist nicht klimawirksam
Von der Idee ins Machen: Warum der nächste Schritt leichter ist, wenn man ihn nicht alleine geht





















