Tobias Grün
Technik | Energie, 01.12.2025
Kohle für die Energiewende
Klimatechnologie braucht Kapital – und einen besseren Plan
Deutschland will klimaneutral werden, doch die nötigen Investitionen bleiben aus, besonders im Bereich Klimatechnologien. Dabei ließe sich der Wandel durch stärkere Vernetzung von Start-ups, Industrie und Kapitalgebern deutlich beschleunigen.
Deutschland steht vor einer doppelten Herausforderung: Die Transformation hin zu einer klimaneutralen Wirtschaft muss gelingen – und zwar in einem Zeitrahmen, der wenig Spielraum für Verzögerungen lässt. Gleichzeitig erfordert dieser Wandel massive Investitionen, insbesondere in die technologische Infrastruktur der Energiewende. Allein für die Modernisierung der Stromverteilnetze prognostiziert die Bundesnetzagentur bis 2035 einen Investitionsbedarf von bis zu 160 Milliarden Euro. Diese Summe zeigt, welche Größenordnung die Umsetzung zentraler Klimaziele erfordert.
Doch während politisch und gesellschaftlich weitgehende Einigkeit darüber herrscht, dass die Dekarbonisierung der Wirtschaft notwendig ist, spiegelt sich diese Einsicht nicht in der Kapitalallokation wider. Laut PwC ist das Volumen von Venture-Capital-Investitionen in Klimatechnologien in Deutschland 2023 auf etwa 1,2 Milliarden Euro gefallen – ein Rückgang um rund 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dabei wäre gerade in diesem Bereich eine kontinuierliche und gezielte Finanzierung essenziell, um technologisch tragfähige Lösungen schneller in die Breite zu bringen. Auch global ist ein klarer Trend zu sehen: Die Venture-Capital-Investitionen in Klimatechnologien sind im dritten Jahr in Folge gesunken.
Fragmentierte Förderung und zurückhaltendes Kapital
Ein Teil des Problems liegt in der Struktur der deutschen Innovations- und Förderlandschaft. Viele Programme sind gut gemeint, aber kleinteilig organisiert. Sie folgen oft einem Projektlogik-Paradigma, während der Kapitalbedarf wachstumsorientierter Start-ups eine andere Logik verlangt: Geschwindigkeit, Skalierbarkeit und Bereitschaft zum Risiko. Besonders in energieintensiven Industrien, wo die Hebelwirkung neuer Technologien hoch ist, fehlt es häufig an der Bereitschaft, mit jungen Unternehmen in Pilotprojekte zu gehen. Die Folge: Gute Ideen verharren im Prototypenstatus, ohne Marktreife zu erlangen.
Ein internationaler Vergleich zeigt, wie es anders geht. In den Niederlanden bündelt etwa das Ökosystem rund um InnoEnergy staatliche Förderung, private Investoren und industrielle Anwendungspartner, um gezielt marktnahe Innovationen im Cleantech-Bereich zu skalieren.
Technologie ist da – was fehlt, ist die Umsetzung
Die Lücke zwischen technologischer Machbarkeit und ökonomischer Umsetzung ist oft riesig – viele Start-ups bringen hochrelevante Lösungen mit – doch ohne passende Industriepartner, Testumgebungen und Investoren bleibt die Wirkung begrenzt.
Einen Lösungsansatz liefern Programme wie zum Beispiel der „Energy Tech Accelerator", den die BRYCK Start-up Alliance als eine jüngst vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) prämierte Start-up Factory Deutschlands entwickelt. Ziel ist es, technologische Innovationen systematisch mit den Bedarfen etablierter Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu verzahnen.
Dabei wird gezielt auf Pilotierungsmodelle gesetzt: So konnte etwa das Start-up Greenflash in Zusammenarbeit mit regionalen Partnern ein modulares, regeneratives Energiesystem beim FC Schalke 04 umsetzen und dessen externen Stromverbrauch so um 20 Prozent senken – ein Projekt, das nicht nur technologische Machbarkeit beweist, sondern auch öffentlich wahrgenommen wird. Genau solche Formate zeigen, wie Cleantech-Innovationen durch die Kombination aus industriellem Zugang, politischer Unterstützung und passender Finanzierung schneller in reale Anwendung überführt werden können.
Politische und wirtschaftliche Weichenstellungen sind notwendig
Was müsste strukturell verändert werden, damit Klimatechnologie in Deutschland systematisch besser gefördert wird?
- Verlässliche Rahmenbedingungen statt kurzfristiger Einzelmaßnahmen: Start-ups und Investoren brauchen Planbarkeit. Es braucht endlich einen klaren industriepolitischen Fahrplan – also eine langfristige Strategie, die Förderungen, Infrastruktur und Regeln sinnvoll aufeinander abstimmt. Wer heute grüne Technologien entwickelt, muss wissen, dass sich das in fünf oder zehn Jahren noch lohnt.
- Mehr Mut von öffentlichen und privaten Investoren: Staatliche Banken, Stiftungen und öffentliche Geldgeber könnten gezielter in junge Klimatechnologien investieren – vor allem in der Frühphase, wenn Venture Capital Fonds noch zögern. Solche Anschubfinanzierungen helfen, technologische Risiken abzufedern und private Mittel anzuziehen.
- Reale Testfelder statt nur theoretische Förderung: Start-ups brauchen echte Partner aus der Industrie oder dem öffentlichen Sektor, um ihre Technologien in der Praxis zu testen. Der Zugang zu solchen Pilotprojekten muss einfacher werden – mit weniger Bürokratie und mehr Offenheit auf Unternehmensseite.
Zudem wäre es hilfreich, die Förderarchitektur stärker auf die Anforderungen von Deep-Tech-Vorhaben auszurichten. Klassische Gründungsförderung greift oft zu kurz, wenn es um komplexe Technologien geht, die längere Entwicklungszeiten und hohe Kapitalbedarfe mit sich bringen. Programme, die auf Skalierung, Co-Innovation und Infrastrukturzugang setzen, könnten hier deutlich wirksamer sein.
Die Verantwortung liegt nicht nur beim Staat
Gleichzeitig ist auch die Wirtschaft gefragt: Energieunternehmen, Stadtwerke und Industriepartner könnten viel stärker als Innovationspartner agieren. Anstatt nur auf bestehende Lieferanten zu setzen, sollten sie gezielt mit jungen Technologieanbietern zusammenarbeiten – zum Beispiel, indem sie Testumgebungen bereitstellen, erste Aufträge vergeben oder gemeinsam neue Produkte entwickeln. Denn das bringt handfeste Vorteile: Unternehmen erhalten früh Zugriff auf neue Lösungen, die ihre Prozesse effizienter oder klimafreundlicher machen. Sie können Technologien unter realen Bedingungen testen – ohne langwierige Ausschreibungen. Und sie bauen direkten Zugang zu Start-ups auf, die Zukunft der Industrie gestalten.
Ein konkretes Beispiel dafür ist das Start-up vGreens, das in Essen gemeinsam mit regionalen Partnern eine automatisierte, vertikale Farm aufgebaut hat – direkt in der Stadt, mit minimalem Flächenverbrauch und maximaler Ressourceneffizienz. Die Kooperation mit einem lokalen Pilot-Kunden sowie Entwicklungspartnern war entscheidend, um die Technologie vom Konzept in die Anwendung zu bringen – und zeigt, wie echte Co-Innovation aussehen kann.
In einem sich schnell verändernden Markt kann es sich kein Unternehmen leisten, potenzielle Lösungen von außen zu ignorieren. Wer heute mit Start-ups zusammenarbeitet, erschließt sich nicht nur neue Technologien, sondern auch konkrete Wettbewerbsvorteile. Und je mehr deutsche Unternehmen früh in klimarelevante Innovationen einsteigen, desto mehr steigt auch die Chance, dass daraus neue Produkte und Geschäftsmodelle entstehen, die später international gefragt sind.
Zahlen, Daten und Fakten
Zentrale Herausforderungen:
- 250 Mrd. Euro Investitionsbedarf Stromverteilnetze bis 2035 (Bundesnetzagentur)
- 1,2 Mrd. Euro Climate Tech Funding in Deutschland 2023 (PwC)
- minus 30 Prozent Rückgang der Investitionen gegenüber 2022 (PwC)
- 3,4 Mrd. Euro jährlicher globaler Investitionsbedarf für Netto-Null bis 2050 (IEA)
Chancen:
- 400.000 neue Arbeitsplätze in Deutschland durch grüne Technologien bis 2030 (Deloitte)
- 100 Mrd. Euro Klima- und Transformationsfonds der Bundesregierung
- 10 Mrd. Euro potenzielle Investitionen allein über BRYCK / Partnernetzwerk
Wichtige Finanzierungsanbieter
VCs & Climate-Tech-Investoren
- EIT InnoEnergy: EU-gestützter Innovationsförderer für nachhaltige Energien, Bildung & Start-up-Support.
- Future Energy Ventures (E.ON): Corporate VC von E.ON, fokussiert auf digitale, dezentrale Energielösungen.
- High-Tech Gründerfonds (HTGF): Frühphasen-Investor mit starker staatlicher Beteiligung – investiert auch in Greentech. www.htgf.de
- World Fund: Europäischer VC-Fonds mit Fokus auf Start-ups mit großem CO2-Minderungspotenzial.
- SET Ventures (NL): Investiert in europäische Climate-Tech-Start-ups im Energiebereich.
- Blue Impact (ehemals Blue Horizon): Impact-Investor, fokussiert auf nachhaltige Lebensmittel- & Agrartechnologien.
- Greentec Capital Partners: Beratungs- und Investmentfirma, aktiv in Europa und Afrika.
- GF BRYCK Ventures: Investiert gezielt in frühphasige Deep-Tech Start-ups.
Öffentliche & institutionelle Akteure
- Germany Energy Agency (dena): Bundesweite Innovationsplattform für Energiewende & Start-up-Förderung.
- Innosuisse: Fördert wissensbasierte Innovationen, unterstützt Start-ups, Forschungsprojekte und Technologietransfer.
- FFG – Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft für unternehmensnahe Forschung & Entwicklung in Österreich: „One-Stop Shop" für Innovations- und Technologieförderung.
- KfW – Kreditanstalt für Wiederaufbau: Staatliche Förderbank mit starker Rolle bei Finanzierung von Klimaschutz-, Energieeffizienz- und Innovationsprojekten im In- und Ausland.
Ökosysteme & Netzwerke
- Start Up Energy Transition (SET): Globaler Award und Netzwerk für Energie-Start-ups, organisiert von der dena.
- Digital Hub Initiative / de:hub: Netzwerk von Innovationszentren in ganz Deutschland – auch mit Fokus auf Green Tech.
- GreenTech Hub Berlin (z.B. EUREF-Campus, ClimateTech-Zentren): Innovations-Cluster für urbane Energielösungen und Mobilität.
- H2UB: Europas führende Open Innovation Plattform für die gesamte Wasserstoff-Wertschöpfungskette.
- SpinLab: Start-up Accelerator, der das Wachstum unternehmerischer und innovativer Teams insbesondere in den Bereichen eHealth, Energie und Smart City unterstützt.
- CONNECTR: Niederländische Energie-Innovationsplattform, die Programme, Laborflächen und Anlagen zur Testung neuer Technologien bereitstellt.
Tobias Grün ist Member of the Executive Board, Leiter des Energie-Marktes und Start-up-Mentor bei BRYCK. Er beschäftigt sich mit der Frage, wie aus Ideen wirtschaftlich tragfähige Geschäftsmodelle werden – insbesondere dort, wo Technologie auf Infrastruktur trifft.
Dieser Artikel ist in forum 01/2026 - forum Nachhaltig Wirtschaften heißt jetzt forum future economy erschienen.
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