Gesellschaft | Pioniere & Visionen, 09.02.2026
Wenn das System kippt
Positive soziale Kipppunkte als Hebel für echte Transformation
Transformation verläuft nicht linear. Ab einem bestimmten Punkt beschleunigt sie sich – und wird unumkehrbar. Moritz Spielberger, Behaviour-Change-Experte beim WWF Deutschland, erklärt im Interview, wie positive soziale Kipppunkte funktionieren, warum Erneuerbare Energien diesen Punkt bereits überschritten haben und was Unternehmen heute tun können, um nicht im Modus des „ein bisschen Optimierens" stecken zu bleiben.

Herr Spielberger, was ist ein „positiver sozialer Kipppunkt" (PSKP) und was unterscheidet diesen von klassischem Change Management?
Das Konzept verfolgt eine sehr systemische Logik. In der Arbeit damit geht es zunächst darum, die relevanten Komponenten des Systems und ihre Beziehungen untereinander zu beschreiben. Wir haben festgestellt, dass diese Betrachtung für Unternehmen nicht nur die Beziehung zu externen Akteuren wie Politik und Gesellschaft bedeutet, sondern auch eine Selbstbetrachtung und ein Hinterfragen, wie die verschiedenen Abteilungen und Personen im Unternehmen zusammenarbeiten müssen, um das Nachhaltigkeitsziel zu erreichen.
Ines Bradshaw von der Krones AG sagt hierzu: „Bei PSKP wurde deutlich, dass hier eine sehr viel schnellere, insbesondere auch extern verursachte Dynamik zur Veränderung sowohl intern auch als extern führen kann."
Das zentrale Stichwort, was diese Wahrnehmung ermöglicht, ist Non-Linearität des Wandels. Das System wandelt sich nicht Stück für Stück, sondern ab dem Kipppunkt beschleunigt und verselbstständigt sich der Wandel. Die Vorstellung dieses Kipppunkts hilft unseren Erkenntnissen zufolge, die Motivation und Hoffnung der Mitarbeitenden zu steigern. Während Wandel und Transformation gerade im derzeitigen Kontext oft mit Skepsis und Befürchtungen einhergehen, bietet das Kipppunkte-Framework durch gemeinsame Vision und klare Pfade zur Erreichung eine alternative Sichtweise an.
Welche Kipppunkte sind in Deutschland am nächsten daran, wirklich „umzuspringen" – und was hält uns noch auf?
Da erst seit einigen Jahren Analysen und Modellierungen von sozialen Kipppunkten entwickelt werden und diese meist global angelegt sind, ist es zurzeit noch schwierig, konkrete Prognosen für Deutschland zu treffen. Die Beste mir bekannte Analyse für Deutschland beschreibt tatsächlich einen negativen Kipppunkt: Wie wir in den 1970er Jahren ein funktionierendes Mehrwegflaschen-System hatten und dann im Zeitraum von 1985 bis 2010 durch den Aufschwung von Einwegplastik und das Pfandsystem in ein Single-Use System gekippt sind. Die Marktanteile von Mehrwegflaschen gingen von 97 Prozent auf heute 43 Prozent zurück. Auch wenn das nicht direkt hoffnungsvoll stimmt, kann die Analyse solcher Kipp-Dynamiken aus der Vergangenheit viel Aufschluss für zukünftige positive Kipppunkte geben, zum Beispiel in der Circular Economy. Das Beispiel zeigt ja, dass unsere Gesellschaft auch mit einem Mehrweg-System funktioniert hat. Entsprechende gesetzliche Vorgaben, Geschäftsmodelle und Anpassungsbereitschaft der Konsument:innen könnten das System also auch wieder in dieses Paradigma kippen.
Im WWF-Bericht zu Kipppunkten in der Nachhaltigkeitstransformation wurde unter anderem auch mit Acker e.V. der folgende Kipppunkt untersucht: „Acker e.V. ermöglicht bis 2030 jedem Kind, den Wachstums- und Wertschöpfungsprozess von Lebensmitteln in seiner Kita- und Schullaufbahn zu erleben."
Passend dazu ist der Wandel des Ernährungssystems zu einer nachhaltigen Ernährung, vor allem durch einen höheren Anteil an pflanzlichen statt tierischen Proteinquellen ein wichtiger potenzieller Kipppunkt. Hier sehen wir im absoluten Fleischkonsum noch keinen eindeutigen Trend zur Reduktion, der Kipppunkt ist also noch nicht absehbar. Es gibt allerdings Frühwarnsignale für einen möglichen Systemwandel wie die Preisstudie 2025 von ProVeg, laut der erstmals in fast allen deutschen Supermärkten der pflanzliche Warenkorb günstiger war als das tierische Pendant. Die Preis-Parität als ein wichtiges Kipppunkt-Kriterium ist damit erreicht und könnte einen Wendepunkt bedeuten (peak meat wie es die Boston Consulting Group in einer Analyse aus 2021 für 2025 prognostiziert hat). Die Betrachtung solcher unterstützender Bedingungen kann zeigen, was uns noch aufhält, wenn neben den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auch die Verfügbarkeit von Alternativen, die Fähigkeit zur Anpassung der Bürger:innen und eine sich wandelnde soziale Norm vorliegen. Dann wird der Kipppunkt immer wahrscheinlicher (vgl. Positive-Tipping-Points-for-Food-and-Land-Use-Systems-Transformation.pdf. S.18).
Bitte nennen Sie ein paar Beispiele solcher Kipppunkte.
Das erfolgreichste Beispiel, bei dem der Kipppunkt als erreicht angesehen wird, sind Erneuerbare Energien. Trotz Rückschlägen und bremsender Gesetzgebung wird der Wandel hier als unaufhaltbar angesehen, was sich auch in den Zahlen widerspiegelt.
Zitat aus WWF-Bericht zu Kipppunkten in der Nachhaltigkeitstransformation: „Durch die positive Rückkopplung zwischen Produktionskosten, die schneller als erwartet sanken, und steigender Nachfrage wurde ein Kipppunkt erreicht. Im Jahr 2022 machten Erneuerbare global 92,5 Prozent der neu zugebauten Stromkapazitäten aus, Solar- und Windenergie sind durchschnittlich 40 bis 50 Prozent günstiger als fossile Alternativen, und die Investitionen in Erneuerbare sind doppelt so hoch wie die in Fossile (Quelle: un-energy-transition-report_2025.pdf). In der deutschen Gesellschaft zeigt sich der stattfindende Normwandel auch bei den Bürger:innen, die seit 2023 mehrheitlich Ökostrom beziehen und immer mehr Photovoltaikanlagen an Privathaushalten anbringen (zwölf Prozent in 2023 mit steigender Wachstumsrate)."
Ein weiteres Beispiel in diesem Zusammenhang ist die Elektrifizierung des Individualverkehrs. Auch dieses System ist laut dem Global Tipping Points Report 2025 bereits über den Kipppunkt hinausgegangen und befindet sich in der Phase beschleunigten Wandels. Hier gibt es allerdings große regionale Unterschiede: So sind China und vor allem Norwegen in dieser Transition deutlich weiter fortgeschritten als Deutschland oder die USA (vgl. GTP Report 2025 S. 199).
Viele der untersuchten Beispiele stammen von Unternehmen, die ohnehin schon engagiert sind. Wie realistisch ist es, dass weniger nachhaltige Branchen oder „Late Mover" Kipppunkte überhaupt erreichen wollen?
Je weiter das eigene Geschäftsmodell von der nachhaltigen gerechten Zukunft entfernt ist, desto größer sind die Hürden, überhaupt ernsthafte Anstrengungen in diese Richtung zu unternehmen. Gleichzeitig geht die Transformation an diesen Akteuren ja nicht spurlos vorbei. Wir können hier oft auch ein Dagegenhalten des momentan dominanten Systemzustands beobachten, die sogenannten „dämpfenden Feedbacks", die durch Lobby-Arbeit oder Einflussnahme auf die öffentliche Meinung noch zusätzlich verstärkt werden sollen.
Interessant wird es hier, wenn man merkt, dass das dominante System an Resilienz verliert und diese Akteure deshalb umso mehr und mit weniger Erfolg versuchen, bestehende Strukturen zu verteidigen und Innovation zu erschweren. In der Systemtheorie nennt man diese Symptome ‘Critical Slowing Down’. Man könnte beispielsweise das in der EU derzeit verhandelte Verbot der Bezeichnung von Fleischersatzprodukten mit Begriffen wie Burger und Wurst als solch ein Symptom werten. Klar ist das zunächst ein Rückschlag in der Proteinwende und bedeutet Mehraufwand für die Innovatoren. Es zeigt aber auch, dass die Akteure, die hierfür lobbyiert haben, die Konkurrenz durch pflanzliche Alternativen ernst nehmen und sich zu solch einem Vorgehen genötigt sehen, das in der breiten Öffentlichkeit wenig Zustimmung erfuhr." (84% der Deutschen sprachen sich in einer Befragung von Foodwatch gegen die Regelung aus, Klare Mehrheit gegen "Veggie-Burger"-Verbot FW DE).
Das Interessante an der Vorstellung eines Kipppunkts ist dabei, dass ab diesem Punkt die selbstständigen Dynamiken so stark werden, dass man sich dem Paradigmenshift nicht verweigern kann. Auch diese Akteure müssen sich letztlich an das neue System anpassen und vielleicht kann die Forschung zu dem Thema dazu beitragen, dass sie früher anfangen, ihre Ressourcen in die notwendige Anpassung, statt in künstliche dämpfende Feedbacks zu stecken.
Viele Unternehmen stecken im Nachhaltigkeits-Modus „wir optimieren ein bisschen". Was braucht es, damit daraus echter Transformationsschub wird?
Genau diese Herausforderungen wurde in den Workshops durch das Szenario von ‚oberflächlichem Wandel‘ abgebildet. Hier haben die Ergebnisse deutlich gezeigt, dass dieses Ergebnis weder im Sinne der Unternehmen noch der Nachhaltigkeit wäre.
Für den Transformationsschub braucht es laut Ines Bradshaw (Product Sustainability & Market Compliance bei Krones AG): „First-Mover, die innovativ vorausgehen und somit wiederum einen Impuls für andere Unternehmen darstellen." Das kennen wir auch aus der Sozialforschung zu neuen Trends und Normen: Gerade die zögerlichen Akteure wollen erstmal sehen, dass es funktionieren kann, einen proof of concept.
Gleichzeitig betont Marcus Reher (Geschäftsführer noordtec) die Bedeutung von „Vertrauen und langfristigen Rahmenbedingungen, und mittelfristig immer ein sich selbst tragendes, bezahlbares, wettbewerbsfähiges Geschäftsmodell zu haben."
Ein überzeugender Case für einen nahenden Kipppunkt in einer Branche, der durch Akteure aus der Zivilgesellschaft und Politik vorgetragen wird, könnte hier also gleichzeitig den Mehrwert einer Anstrengung für zurückhaltende Akteure deutlich machen und die Weichen für geeignete und langfristig verbindliche Rahmenbedingungen stellen.
Welche Rolle spielen Emotionen und Narrative, wenn es darum geht, Kipppunkte auszulösen?
Eine sehr große, gerade wenn wir über Verbreitung von neuen Normen in sozialen Systemen sprechen. Der Aufschwung erneuerbarer Energien geht ja nicht allein auf technische und wirtschaftliche Faktoren zurück, sondern auch auf eine positive Wahrnehmung in der Bevölkerung und beispielsweise das Versprechen, den eigenen Energiebedarf unabhängig von fossilen Importen aus autokratischen Ländern decken zu können. Solche Argumentationen und gemeinsamen Zielvorstellungen, auf die man sich einigen kann, sind auch in kleineren sozialen Systemen wie Unternehmen bedeutend. Denn damit können sich die Menschen, die den Wandel letztlich umsetzen müssen, mitgenommen und wirksam fühlen. Gerade nach den Rückschlägen im Nachhaltigkeitsbereich der letzten Jahre liegt hier die Chance, wieder motivierende Erzählungen zu finden.
Es gibt auch Kritik an „positiven Kipppunkten", z.B. bezüglich Ressourcenverbrauch für die Infrastruktur für erneuerbare Energien, E-Autos etc. – die negativen Auswirkungen davon trägt meist der Globale Süden. Wie stehen Sie dazu?
Das ist natürlich eine große Herausforderung in diesem Themenfeld. Aktuell sind die meisten Beispiele von positiven Kipppunkten technologische Innovationen, bei denen immer auch der Gerechtigkeitsaspekt und der absolute Ressourcenverbrauch beachtet werden muss. Rebounds müssen mitgedacht werden. Genau deshalb wurde in den Workshops für die Zukunftsvision explizit eine ‚nachhaltige und gerechte Zukunft‘, die nach dem Kipppunkt entstehen soll, als Zielbild formuliert. Hier sind auf jeden Fall auch die Rolle von zivilgesellschaftlichen Akteuren sowie die globalen und sozialen Konsequenzen von Transformationsprozessen mitzudenken und zu adressieren. Klar ist auch, dass nicht jede Herausforderung über eine technische Lösung, die letzten Endes nur einen neuen Wachstumsmarkt innerhalb der bestehenden Logik erschließt, gelöst werden kann. Zusätzlich braucht es Anpassungen in der Gesellschaft, etwa in der Art wie Mobilität auch mit geringerem Anteil an Individualverkehr ermöglicht und durch zirkuläres Wirtschaften der absolute Ressourcenfußabdruck reduziert werden kann.
Was müsste regulierungsseitig passieren, damit positive soziale Kipppunkte schneller entstehen – zum Beispiel bei Kreislaufwirtschaft oder Energie?
In der Kipppunkte-Logik werden Policy-Änderungen als elementarer Feedback-Loop begriffen, der Veränderungen treiben oder bremsen kann. Dabei geht es neben den konkreten Inhalten, die stimmen müssen, laut Ines Bradshaw (Krones AG) vor allem auch um „Klarheit mit weniger wechselnden Anforderungen/Anpassungen, sodass klare Rahmenbedingungen für alle herrschen".
Dadurch soll Planungssicherheit gegeben und Wettbewerbsnachteil vermieden werden. Wenn ganze Produktionszweige angepasst oder neue Technologien auf dem Markt etabliert werden sollen, muss auch über einzelne Legislaturperioden heraus Verlässlichkeit herrschen. Das hat den zusätzlichen Effekt, dass diese Klarheit positive Rückkopplungseffekte mit den Verbraucher:innen erzeugt. Sieht man sich den Hochlauf von E-Autos in Norwegen an (inzwischen 97 Prozent aller Neuzulassungen) wird deutlich, welche Potenziale klare zukunftsgewandte Regularien haben. In Deutschland wurden dieses Jahr erstmals mehr Wärmepumpen als fossile Heizungen verkauft, dennoch sind wir regulatorisch weit von Klarheit und Planungssicherheit für Hersteller, Monteure und Verbraucher entfernt. Da wäre mehr möglich.
Wenn Sie einen Kipppunkt für Deutschland benennen müssten, der in den nächsten fünf Jahren alles verändern könnte – welcher wäre das und warum?
Ein Wandel unseres Wohlstandsverständnisses, weg von Wachstum und Bruttoinlandsprodukt als einzige Maxime und hin zu einer ausgewogenen Betrachtung, die auch Faktoren wie Gesundheit, eine intakte Umwelt, in der wir leben, und soziale Gerechtigkeit miteinbezieht. Das wäre als Gegensatz zu all den technologischen Entwicklungen ein gesellschaftlich normativer Kipppunkt, der auch im Global Tipping Points Report als vielversprechend beschrieben wird.
Es gibt dazu bereits viele gute Konzepte der erweiterten Wohlstandsmessung und Zielsetzung. Was es braucht, wäre ein breiter gesellschaftlicher Diskurs. Ein solches gemeinsames Aushandeln, was uns wichtig ist und woran wir uns orientieren wollen, wäre in sich schon ein wertvoller Prozess, der auch die angegriffene Resilienz unserer Demokratie stärken könnte. Besonders spannend wäre zu sehen, wie sich ein solcher Wandel der gemeinsamen Wertegrundlage, der sich wahrscheinlich zunächst auf gesellschaftlicher Ebene formiert, in andere Kreise wie die politische Führung und Chefetagen von großen Konzernen wirkt. Mir gefällt daran der verbindende Gedanke, denn obwohl „Beyond GDP" vielleicht erstmal abstrakt klingt, findet man mit den meisten Menschen schnell Übereinstimmungen, wenn man darüber spricht, welchen Wert dem Wohlergehen von Mensch und Natur in unserem Land eigentlich beigemessen werden sollte.Vielen Dank für das Gespräch!
Moritz Spielberger ist beim WWF Deutschland für die Themen Behaviour Change und Social Tipping Points zuständig. Als studierter Psychologe rückt er beim Umweltschutz die Rolle von menschlichem Verhalten und sozialen Prozessen in den Fokus, um die nachhaltige Transformation der Gesellschaft und von Unternehmen voranzutreiben.
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