Susanne Weller

Von der Vision zur Umsetzung

Weltausstellungen als Reallabore für nachhaltige Städte

Die Zeit drängt: 2050 werden etwa 67 % der Weltbevölkerung in Städten leben, heute sind es etwa 57 %, rund 4,4 Mrd. Menschen. Städte sind die zentralen Wohn- und Arbeitsräume unserer Zeit. Zugleich konzentrieren sich hier dreiviertel des Verbrauchs natürlicher Ressourcen, knapp 80 % der weltweiten Energie, etwa 70 % der Treibhausgasemissionen und rund die Hälfte der globalen Abfallproduktion

Club of Rome © Studio SchwitallaSoll die internationale Staatengemeinschaft ihre eigenen Ziele erreichen – von der UN-Agenda 2030 über das Pariser Klimaabkommen bis zur angestrebten Klimaneutralität –, führt am nachhaltigen Umbau der Städte kein Weg vorbei. Er ist eine weltweite Aufgabe und eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. 

Architekten, Stadtplaner, Datenexperten, Politiker und Bürger arbeiten weltweit an Konzepten für eine zukunftsfähige Stadt. Viele Lösungen entstehen lokal, doch die verbindenden Leitbilder und Visionen entwickeln sich im internationalen Austausch. Für diesen Kontext spielen Weltausstellungen eine wichtige Rolle. Alle fünf Jahre zeigen Expos unter einem gemeinsamen Leitthema, wie Länder und Städte auf die zentralen Fragen der Zeit reagieren. Sie sind einer der wenigen Orte, an denen Ideen und Entwürfe für die Stadt der Zukunft nicht nur präsentiert und sichtbar gemacht, sondern diskutiert und erlebbar werden. 

Historische Expos: Das Versprechen von Industrie, Technik und Fortschritt 
Die erste Weltausstellung fand 1851 im legendären Crystal Palace in London statt. Die „Great Exhibition" stand ganz im Zeichen der industriellen Revolution mit Inszenierungen von technischen Errungenschaften, neuen Produktionsweisen und industrieller Leistungsfähigkeit. Über Jahrzehnte prägten Erfindungen, Innovationen und nationale Selbstdarstellung die Expos. Ikonische Bauwerke wie der Eiffelturm in Paris (1889) und das Atomium in Brüssel (1958) wurden zu Symbolen ihrer Zeit. Technik lieferte das Versprechen für eine bessere Zukunft, galt als Ausdruck von Fortschritt und Modernität – nicht als Antwort auf gesellschaftliche oder ökologische Zukunftsfragen. 

Vom Fortschrittsversprechen zur globalen Verantwortung 
Diese Ausrichtung änderte sich in den 1970er- und 1980er-Jahren grundlegend. Expos wandelten sich von Produktmessen zu Diskursräumen. Die thematische Neuaufstellung rückte Umweltfragen, Bevölkerungswachstum und soziale Entwicklung ins Zentrum. Verantwortlich für Themenwahl und Organisation der Weltausstellungen ist seit 1928 Bureau International des Expositions, kurz BIE. Dessen Generalsekretär Dimitri Kerkentzes beschreibt den Wendepunkt beim Club of Rome Salon in Berlin so: „In the 1990s, the United Nations created Agenda 21 in Rio and in 1994 the BIE passed the resolution asking that all Expos in the future follow these big key challenges that that humanity has to face. … Expo Hanover in 2000 was the first Expo to follow Agenda 21.” 

Club of Rome © Studio Schwitalla
Expos als Reallabore für die Zukunft der Stadt
Städte sind der Schlüssel zur nachhaltigen Transformation – und zugleich Proberaum und Bühne. Weltausstellungen schaffen temporäre Reallabore, in denen urbane Konzepte vom Reißbrett in den gebauten Raum überführt und über Monate unter realen Bedingungen erprobt werden. Im Fokus stehen zentrale Bausteine nachhaltiger Stadtentwicklung wie Energie, Mobilität, neue Bauweisen und digitale Infrastrukturen.
 
Expos machen urbane Zukunft sichtbar und erfahrbar und öffnen diese Experimentierräume für eine breite Öffentlichkeit. Erkenntnisse aus diesen Reallaboren fließen in die Stadt- und Regionalentwicklung der Gastgeber ein und prägen den internationalen Austausch über nachhaltige Städte. Dimitri Kerkentzes: „Expos are collaborative platforms. They are there for education, for innovation but also, maybe more importantly today than ever, for dialogue.”

Bausteine für die nachhaltige Stadt 
Expos liefern wichtige Impulse, doch nachhaltige Stadtentwicklung ist kein Top-down-Projekt. Sie entsteht im Zusammenspiel von Politik, Planung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Beteiligung und Akzeptanz der Bevölkerung sind zentrale Voraussetzungen, damit urbane Transformation langfristig trägt. „Ein nachhaltiges Handeln kann nur bedingt verordnet werden. Es muss durch positive Anreize schmackhaft gemacht werden, so dass alle Stakeholder Lust auf eine bessere, wünschenswerte Zukunft verspüren, die gleichzeitig auch ökologisch verträglich ist.", so Jörg Geier, Club of Rome-Mitglied und Partner bei PDIE Group, einer Agentur, die grüne Innovationen voranbringt. „Städte wie Kopenhagen, Wien, Singapur oder Stockholm zeigen, wie nachhaltige Stadtentwicklung gelingen kann: durch erneuerbare Energien, nachhaltige Mobilität, ressourcenschonendes Bauen und grüne öffentliche Räume. Und das mit breiter gesellschaftlicher Akzeptanz."

Auch Heidelberg positioniert sich als Vorreiterin für Nachhaltigkeit und verknüpft soziale, ökologische und wirtschaftliche Ziele. Mit der Bahnstadt entstand dort eines der größten Passivhausquartiere weltweit – mit erneuerbarer Energieversorgung, kurzen Wegen und sozialer Infrastruktur. Oberbürgermeister Eckart Würzner beschreibt den Prozess beim Club of Rome Salon so: „We decided to develop a new city—not based on the vision of a single person, a mayor or anybody else. Instead, we set up a huge dialogue-based process with the citizens”. Und weiter: „Today, 15 years later, it has been built. We now have more than 6,000 new jobs and 10,000 new residents, and around €3 billion has been invested—not by the city itself, but as a private investment in the city. It’s comparable to an Expo area.”

Expo 2035 als Grassroots-Bewegung? 
Ab April 2026 steht die nächste Bewerbungsphase für die Expo 2035 an. Ob sich Berlin bewirbt und für Deutschland ins Rennen geht, ist aktuell unklar. Das Konzept weicht erneut von alten Vorstellungen von Expos ab. Es setzt stärker auf Beteiligung und dezentrale Formate. Im Mittelpunkt steht jetzt ein Bottom-up-Ansatz. Alle Bürgerinnen und Bürger sind aufgerufen sich zu beteiligen. Erstmals soll die Ausstellung dann auch in der Fläche, verteilt auf die gesamte Stadt und darüber hinaus, zu sehen sein. Ob sich daraus ein neues Expo-Modell entwickelt, das Stadtgesellschaften dauerhaft einbindet, wird sich zeigen. Und ob diese Ideen so oder anders umgesetzt werden, entscheidet sich 2026. Klar ist: Die Frage, wie wir künftig in Städten leben wollen, rückt damit noch stärker ins Zentrum.

Wie sich dieser Reallabor-Ansatz konkret auf Stadtentwicklung auswirken kann, zeigen Beispiele aus diesem Jahrtausend: 
  • Seit Hannover 2000 sind alle Weltausstellungen thematisch an globale Zukunftsfragen gebunden: „Better City, Better Life" (Shanghai 2010), „Feeding the Planet, Energy for Life" (Mailand 2015), „Connecting Minds, Creating the Future" (Dubai 2020), „Designing Future Society for Our Lives” (Osaka 2025). 

  • Expo 2010, Shanghai: Die Expo 2010 gilt als eines der deutlichsten Beispiele für den städtebaulichen Nachhall einer Weltausstellung. Große Teile des ehemaligen Industrieareals wurden im Zuge der Expo umgestaltet und anschließend dauerhaft in die Stadt integriert. Entstanden sind neue öffentliche Grünflächen, Parks und urbane Nutzungen, die Teil langfristiger Stadterneuerungsprozesse wurden. Nachhaltige Bauweisen und emissionsarme Konzepte spielten bereits in der Planung eine zentrale Rolle.

  • Expo 2020, Dubai (wegen Covid erst 2021 umgesetzt): Auch die Expo 2020 in Dubai wurde von Beginn an mit einer klaren Nachnutzungsstrategie geplant. Das Expo-Areal bildet heute das Fundament für „District 2020", ein neues urbanes Quartier mit Fokus auf Arbeiten, Wohnen, Innovation und nachhaltige Infrastruktur. Gebäude, Mobilitätskonzepte und Energieversorgung wurden so ausgelegt, dass sie über die Expo hinaus genutzt werden können – ein bewusster Bruch mit früheren, rein temporären Expo-Logiken.
Susanne Weller ist Initiatorin von Eco Twin, einer Wissens- und Serviceplattform für Lösungen aus der Circular Economy und für die Dekarbonisierung, zudem Managing Consultant für strategische Kommunikation, Storytelling und Transformation, Redakteurin und Autorin.
 
HinweisEntsprechende Best Practice–Projekte zur nachhaltigen Stadtentwicklung können Sie gerne bei Johanna Schwarz einreichen, um diese in einer der kommenden forum-Ausgaben zu präsentieren.


     
        
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