Christoph Quarch
Gesellschaft | Politik, 03.09.2025
Demokratie und Sozialstaat gehören zusammen
Christoph Quarchs philosophische Analyse der Reformdebatte um Bürgergeld und Vermögenssteuer
Dass der Sozialstaat reformbedürftig ist - darüber sind sich die Berliner Koalitionäre einig. Wie er reformiert werden sollte - darüber wird jedoch heftig gestritten. Um eine Finanzierungslücke von 30 Milliarden Euro zu schließen, schlägt Bundeskanzler Friedrich Merz vor, die Ausgaben für das Bürgergeld um mindestens 10 Prozent zu kappen. Finanzminister Lars Klingbeil hingegen plädiert für eine Anhebung des Spitzensteuersatzes und eine Wiedereinführung der Vermögenssteuer auf Privatvermögen - was aus Unionskreisen wiederum kategorisch abgelehnt wird. Welcher Weg ist der richtige? Wie lässt sich diese Frage jenseits von Machtkämpfen und Parteiengerangel beantworten? Vielleicht hilft der Blick des Philosophen. Als Vertreter dieser Zukunft beschäftigt sich Christoph Quarch auch mit Themen der Sozialethik.
Herr Quarch, wie viel Sozialstaat können wir uns leisten?
Ich glaube, die Frage ist falsch gestellt. Sie suggeriert, dass Sozialleistungen in einem demokratisch verfassten Gemeinwesen zur Disposition gestellt werden könnten; so wie man eine geplante Urlaubsreise oder einen Konzertbesuch zur Disposition stellen kann, wenn man wider Erwarten knapp bei Kasse ist. Tatsächlich kann der Sozialstaat in einem demokratischen Gemeinwesen aber nicht zur Disposition gestellt werden, denn die Demokratie lebt davon, dass sich ihre Bürgerinnen und Bürger am Gemeinwesen beteiligen und die dafür erforderliche Mindestversorgung sichergestellt ist. Wenn das nicht anders als durch Sozialleistungen wie Bürgergeld gewährleistet werden kann, müssen wir um unserer Demokratie willen in den sauren Apfel beißen und die Mittel dafür aufbringen.In der Theorie mag das stimmen - und womöglich könnten sich die Koalitionäre sogar darauf verständigen. Aber was tun, wenn diese Mittel nicht da sind? Das ist doch die Frage, um die gestritten wird.
Ja, aber man kann diese Frage aus philosophischer Sicht nur angemessen beantworten, wenn man verstanden hat, dass Demokratie und Sozialstaat zusammengehören. Beide haben ihren gemeinsamen Ursprung im politischen Denken der alten Griechen. Die Demokratie wurde erfunden, als ungleiche Vermögensverhältnisse das alte Athen an den Rand des Bürgerkriegs führten. Damals erkannte der legendäre Solon, dass die Katastrophe nur abgewendet werden könne, wenn gerechte Verhältnisse geschaffen werden. Konkret hieß das: Angleichung der Vermögensverhältnisse durch einen Schuldenschnitt und demokratische Beteiligung aller Bürger an der Politik. Was wir daraus für heute lernen können, ist Folgendes: Das Wohl und Wehe eines Staates hängt daran, dass er Gerechtigkeit ins Werk setzt. Die probaten Mittel dafür sind Demokratie und sozialer Ausgleich. Wenn eines von beiden fehlt, droht eine Gesellschaft auseinanderzufallen - und das wäre der worst case der Politik.
Sie sagen: Für die Politik ist Gerechtigkeit das Maß aller Dinge. Zumindest aus Sicht der Philosophen. Aber was heißt das konkret im Blick auf die deutsche Haushaltspolitik? Ist es gerechter, die Reichen zu besteuern oder beim Bürgergeld zu sparen?
Aus philosophischer Sicht scheint mir die Sache ziemlich klar zu sein. Wenn in Deutschland nur knapp 4.000 Personen ein Drittel des gesamten Nettovermögens besitzen - in Zahlen etwa 1.000 Milliarden Euro - und bei den 50 Milliarden Euro fehlen, dann scheint es mir unter Gerechtigkeitsgesichtspunkten durchaus vertretbar, über die Wiedereinführung der Vermögenssteuer nachzudenken. Das hat nichts mit Sozialneid oder linker Ideologie zu tun. Es geht hier schlicht um den Erhalt eines freien demokratischen Gemeinwesens, von dem auch die Superreichen in vielerlei Hinsicht profitieren; was viele übrigens auch wissen, die in Kampagnen wie "Tax me now" darum bitten, vom Staat stärker in die Steuerpflicht genommen zu werden.
Trotzdem stellt sich die Frage, ob es gerecht ist, eine Bevölkerungsgruppe durch neue Steuern zu belasten, wenn auf der anderen Seite Einsparpotenziale bestehen.
Die Frage ist doch, ob diese Potenziale wirklich bestehen. Sicher gibt es Fälle von Sozialmissbrauch und Schmarotzertum. Und sicher ist es sinnvoll, dem einen Riegel vorzuschieben. Aber das erreicht man nicht durch pauschale Leistungskürzungen, mit denen man im Zweifelsfall doch nur die Falschen trifft. Nicht die Falschen trifft man hingegen, wenn man Privatvermögen von über 100 Millionen Euro besteuert. Diese Personengruppe ist klar definiert, überschaubar und im Besitz so vieler Privilegien, dass ihr eine zusätzliche Besteuerung zugemutet werden kann und dass das auch unter Gerechtigkeitsgesichtspunkt gerechtfertigt wäre. Zumal in keinem anderen europäischen Land die Superreichen so wenig belastet werden wie in Deutschland. Wenn es etwas gibt, das wir uns in unserem Gemeinwesen nicht länger leisten können, dann ist es diese Unwucht und nicht die Sozialausgaben.

Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
Aktuelle Bücher von ihm sind „Wacher Geist und fester Schritt. The Donkey School for Leadership" (2024), „Schönheit rettet die Welt” (2024) und "Der Club der alten Weisen" (2023).
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org
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