Christoph Quarch
Gesellschaft | Politik, 06.05.2025
Mehr Europa!
80 Jahre nach Kriegsende überlegt Christoph Quarch, wie das Bewusstsein für unsere historische Verantwortung an die nächsten Generationen weitergegeben werden kann
Am 8. Mai 1945 endete in Europa der Zweite Weltkrieg. Die Bilanz war verheerend: Rund 80 Millionen Tote, zerstörte Städte, Vertreibung, Not und Hunger. Zugleich aber auch die Chance auf einen Neubeginn. Eine solche Katastrophe, darüber waren sich alle einig, darf sich nie mehr wiederholen. Achtzig Jahre später ist der Krieg nach Europa zurückgekehrt. Nicht nur auf den Schlachtfeldern im Donbas, sondern auch in den Köpfen der Menschen. Plötzlich erscheint Krieg wieder als politische Handlungsoption. Haben wir die Lektion aus der Vergangenheit nicht gründlich genug gelernt? Haben wir - gerade in Deutschland - zu früh die Aufarbeitung dieses dunkelsten Kapitels unserer Geschichte eingestellt? Darüber reden wir mit dem Philosophen Christoph Quarch.
Herr Quarch, wie können wir 80 Jahre nach Kriegsende das Bewusstsein für unsere historische Verantwortung und Schuld an die nächsten Generationen weitergeben?
Da müssen wir differenzieren. Schuld und Verantwortung sind zwei unterschiedliche Kategorien. Schuld hat etwas mit persönlicher moralischer Zurechenbarkeit zu tun. Deshalb ist schwierig, 80 Jahre nach Kriegsende von der jungen Generation so etwas wie ein Schuldbewusstsein zu verlangen. Wer solches tut, wird nicht ohne Grund auf Widerstand stoßen - nach dem Motto: Was habe ich mit den Vergehen meiner Urgroßeltern zu tun? Mit der Verantwortung ist das anders. Verantwortung erwächst aus dem, was geschehen ist. Es gilt, auf die historischen Fakten die angemessene Antwort zu geben. In dieser HInsicht stehen wir für die Geschehnisse des 2. Weltkriegs weiterhin voll in der Verantwortung .Dann stellt sich umso dringender die Frage, wie wir dieser Verantwortung genügen können.
Am wichtigsten scheint mir zu sein, dass wir die historische Realität akzeptieren und der Versuchung widerstehen, Geschichtsknitterei zu betreiben oder uns die Dinge schön zu reden. In Zeiten systematischer Manipulation und der Rückkehr einer revisionistischen Deutschtümelei ist das schwieriger als es eigentlich sein sollte. Die Ereignisse des 2. Weltkriegs sind bestens dokumentiert, ebenso wie die Kriegsverbrechen von SS und Wehrmacht. Darüber sollte nicht mehr diskutiert werden. Auch nicht darüber, dass wir als Deutsche vor diesem Hintergrund in der Verantwortung dafür stehen, dass sich so etwas nicht wiederholt - weder bei uns noch sonst irgendwo in Europa.
Ist das Engagement für Frieden und Völkerverständigung die wichtigste Lektion, die wir aus dem 2. Weltkrieg zu ziehen haben?
Ja, aber die Frage ist, wie wir das tun. Ohne Zweifel ist das politische größte und wichtigste Friedensprojekt nach 1945 die Europäische Union bzw. das politische Zusammenwachsen Europas. Alle Rechtspopulisten, die dagegen Stimmung machen, haben aus der Geschichte nichts gelernt. Sie verhalten sich schlicht verantwortungslos. Die richtige Antwort darauf kann nur sein: Noch mehr Europa, ein EU-weiter europäischer Friedensdienst zum Beispiel, genauso aber auch eine gemeinsame europäische Verteidigungspolitik. Da mit Russland ein offener Aggressor nach Europa greift, werden wir nicht darum herumkommen.
Was sie sagen, betrifft die große Politik. Wie aber können wir unserer Verantwortung als Bürger, Eltern oder Großeltern genügen?
Was aus der Sicht des Philosophen noch zu selten geschieht ist die geistige Ursachenforschung: Wie kommt es eigentlich, dass wir den Krieg nicht aus unseren Köpfen bekommen? Eine mögliche, aus dem 17. Jahrhundert stammende aber bis heute nachgebetete Antwort besagt: Das liegt daran, dass der Mensch von Natur aus ein feindseliges Wesen und sein Naturzustand der Krieg aller gegen aller ist. Diese Denkweise ist weiterverbreitet und zugleich doch höchst fragwürdig, wie neuere Erkenntnisse aus Hirnforschung und Biologie zeigen. Sie legen nahe, dass wir durchaus kooperationsfähig und nicht auf Krieg, sondern auf Frieden angelegt sind. Vielleicht ist der 80. Jahrestag des Kriegsendes ein guter Anlass, unser aktuelles Menschenbild einer gründlichen Revision zu unterziehen.

Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
Aktuelle Bücher von ihm sind „Wacher Geist und fester Schritt. The Donkey School for Leadership" (2024), „Schönheit rettet die Welt” (2024) und "Der Club der alten Weisen" (2023).
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org
Weitere Artikel von Christoph Quarch:
Innovation und Kreativität brauchen Spielräume
Christoph Quarchs Gedanken zum Frühlingserwachen
... und es wird Frühling. Nicht zum ersten Mal im Leben, sondern alle Jahre wieder. Und das ist auch gut so. Denn zusammen mit dem Frühling kommt bei vielen Menschen ein guter Vibe. Und wenn wir ehrlich sind, können wir davon im Augenblick gar nicht genug bekommen. Zumal mit der guten Stimmung oft auch neuer Schwung und neue Lebenslust kommen.
Christoph Quarchs Gedanken zum Frühlingserwachen
... und es wird Frühling. Nicht zum ersten Mal im Leben, sondern alle Jahre wieder. Und das ist auch gut so. Denn zusammen mit dem Frühling kommt bei vielen Menschen ein guter Vibe. Und wenn wir ehrlich sind, können wir davon im Augenblick gar nicht genug bekommen. Zumal mit der guten Stimmung oft auch neuer Schwung und neue Lebenslust kommen.
Wie sieht eine "Wahre Wirtschaft" aus?
Die Ökonomie der Gegenwart braucht eine Disruption ihres Mindsets
Unsere Wirtschaft steht an einem Wendepunkt. Der Philosoph Christoph Quarch zeigt, warum das bisherige ökonomische Mindset an seine Grenzen stößt – und warum es Zeit ist, die Maschine neu zu denken: weg von Profitmaximierung und Beschleunigung, hin zu einer Wirtschaft, die dem guten Leben dient. Ein Plädoyer für eine „wahre Wirtschaft“, die Mensch, Natur und Zukunft wieder ins Zentrum stellt.
Die Ökonomie der Gegenwart braucht eine Disruption ihres Mindsets
Unsere Wirtschaft steht an einem Wendepunkt. Der Philosoph Christoph Quarch zeigt, warum das bisherige ökonomische Mindset an seine Grenzen stößt – und warum es Zeit ist, die Maschine neu zu denken: weg von Profitmaximierung und Beschleunigung, hin zu einer Wirtschaft, die dem guten Leben dient. Ein Plädoyer für eine „wahre Wirtschaft“, die Mensch, Natur und Zukunft wieder ins Zentrum stellt.
Gute Politik bedient nicht Partikularinteressen
Christoph Quarchs Überlegungen zum Wahlsonntag
Es ist wieder so weit: Am Sonntag wird in Baden-Württemberg ein neuer Landtag und damit auch ein neuer Ministerpräsident gewählt. Und wie bei solchen Wahlen - gerade im "Ländle" - nicht unüblich: Zwischen 15 und 20 Prozent der Wählerinnen und Wähler sind Umfragen zufolge noch unentschlossen, bei wem sie dieses Mal ihr Kreuzchen machen werden. Was hilft bei der Entscheidungsfindung?
Christoph Quarchs Überlegungen zum Wahlsonntag
Es ist wieder so weit: Am Sonntag wird in Baden-Württemberg ein neuer Landtag und damit auch ein neuer Ministerpräsident gewählt. Und wie bei solchen Wahlen - gerade im "Ländle" - nicht unüblich: Zwischen 15 und 20 Prozent der Wählerinnen und Wähler sind Umfragen zufolge noch unentschlossen, bei wem sie dieses Mal ihr Kreuzchen machen werden. Was hilft bei der Entscheidungsfindung?
Deutsche wünschen starke Führung
Christoph Quarch analysiert die neue Sehnsucht nach Macht und Herrschaft
Wenn wir ehrlich sind, haben wir mit dem "starken Mann" in Deutschland ja nicht so gute Erfahrungen gemacht. Nichtsdestotrotz erfreuen sich hierzulande autoritäre Ideen zunehmender Beliebtheit. Mehr als 20 Prozent der Bundesbürger, so der kürzlich veröffentlichte Deutschland Monitor 2025 liebäugeln mit autokratischen Strukturen wie Einparteienherrschaft oder „starker Führer".
Christoph Quarch analysiert die neue Sehnsucht nach Macht und Herrschaft
Wenn wir ehrlich sind, haben wir mit dem "starken Mann" in Deutschland ja nicht so gute Erfahrungen gemacht. Nichtsdestotrotz erfreuen sich hierzulande autoritäre Ideen zunehmender Beliebtheit. Mehr als 20 Prozent der Bundesbürger, so der kürzlich veröffentlichte Deutschland Monitor 2025 liebäugeln mit autokratischen Strukturen wie Einparteienherrschaft oder „starker Führer".
Der Zauber von Olympia - und Geschichten von Hass und Hetze
Christoph Quarch wünscht sich einen Fokuswechsel in der Berichterstattung von den Olympischen Spielen
Die Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina neigen sich dem Ende. Und was haben wir nicht wieder für faszinierende Geschichten erlebt! Große Dramen wie den Sturz von Ski-Star Lindsey Vonn, die nur wegen Schneefall verpasste Medaille unseres Skispringer-Duos oder die verunglückte Kür von Eisläufer Ilia Malinin; genauso die märchenhaften Glücksmomente wie den Überraschungssieg des Brasilianers Lucas Braathen beim Riesenslalom.
Christoph Quarch wünscht sich einen Fokuswechsel in der Berichterstattung von den Olympischen Spielen
Die Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina neigen sich dem Ende. Und was haben wir nicht wieder für faszinierende Geschichten erlebt! Große Dramen wie den Sturz von Ski-Star Lindsey Vonn, die nur wegen Schneefall verpasste Medaille unseres Skispringer-Duos oder die verunglückte Kür von Eisläufer Ilia Malinin; genauso die märchenhaften Glücksmomente wie den Überraschungssieg des Brasilianers Lucas Braathen beim Riesenslalom.
Zukunft braucht Frieden
forum 02/2026
- Militär & Märkte
- Grüner Wasserstoff
- Moorschutz als Invest
- ESG loves KI
Kaufen...
Abonnieren...
20
MÄR
2026
MÄR
2026
Erneuerbare - rund um die Uhr (nutzen)
33. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Solar-Initiativen (ABSI)
84524 Neuötting
33. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Solar-Initiativen (ABSI)
84524 Neuötting
21
APR
2026
APR
2026
08
JUN
2026
JUN
2026
SuperReturn Energy Transition - Ticket discount for forum readers!
Powering progress. Investing in the future of energy.
10789 Berlin
Powering progress. Investing in the future of energy.
10789 Berlin
Anzeige
Professionelle Klimabilanz, einfach selbst gemacht
Einfache Klimabilanzierung und glaubhafte Nachhaltigkeitskommunikation gemäß GHG-Protocol
Politik
Gute Politik bedient nicht PartikularinteressenChristoph Quarchs Überlegungen zum Wahlsonntag
Jetzt auf forum:
Innovation und Kreativität brauchen Spielräume
Richtiges Haushalten denkt das Morgen mit
Keine Transformation ohne Frauen
Circular Valley Convention 2026 erfolgreich gestartet
Gemeinsam Städte zukunftsfähig machen
Gemeinsamer Appell an den Koalitionsausschuss zum Klimaschutzprogramm



















