Fritz Lietsch
Lifestyle | Sport & Freizeit, Reisen, 16.11.2024
Zukunftsvisionen für Osttirol
Die einzigartige Region zwischen Bergen und Flüssen hat sich Nachhaltigkeit zum Ziel gesetzt
Osttirol will aus seinem Schattendasein treten und sich als Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit positionieren. Konferenzen, Erfahrungsaustausch und Partnerschaften sollen den Weg dorthin ebnen, ganz im Sinne von SDG#17. Ein wertvoller Inspirator kann dabei Prof. Dr. Rene Schmidpeter sein, der als Herausgeber der größten CSR-Buchreihe ein anerkannter Experte in Sachen Nachhaltigkeit ist und in Osttirol lebt. forum fragte nach, welche innovativen Projekte und Visionen in den Bereichen Wirtschaft, Tourismus, Gesellschaft und Politik vor Ort diskutiert werden und vor allem welche Schritte konkret ergriffen werden müssen, um gemeinsam eine nachhaltige und zukunftsorientierte Entwicklung in der Region zu gestalten.

Herr Schmidpeter, was ist aus Ihrer Sicht so besonders an der Region Osttirol?
Osttirol ist in vielerlei Hinsicht einzigartig. Es beginnt mit seiner sonnigen Lage zwischen den unzähligen Dreitausendern im Süden des Alpenhauptkamms, den schroffen Lienzer Dolomiten über dem offenen Talkessel sowie den beiden weitgehend unberührten Alpenflüssen Isel und Drau. Historisch gesehen ist Osttirol – als Teil Tirols ohne direkte Landverbindung mit Nordtirol und in unmittelbarer Nachbarschaft zu Italien und Kärnten – immer ein Ort gewesen, an dem unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen.
Was ist daraus entstanden?
Die Menschen haben über Jahrhunderte gelernt, mit den Herausforderungen der Natur eigenverantwortlich umzugehen und dabei ihre gewachsene alpine Kultur bewahrt. Diese zeigt sich in vielen Brauchtumsveranstaltungen, einer eigenen Kulinarik und einem breiten ehrenamtlichen Engagement in den Gemeinden und dem guten sozialen Zusammenleben. Zwar wird Osttirol oft als peripher bezeichnet, doch liegt es meiner Meinung nach im Herzen Europas – innerhalb von drei Stunden erreicht man ganz unterschiedliche Natur- und Kulturräume wie die Adria, den Gardasee, Slowenien, Graz, Salzburg, Innsbruck und München.Welche Rolle spielt die nachhaltige Entwicklung in der Region?
Osttirol liegt inmitten unberührter Naturlandschaften und hat, anders als viele andere Regionen, den Massentourismus nicht etabliert. Der Nationalpark Hohe Tauern schützt die ursprüngliche Kultur- und Naturlandschaft, sodass das „ursprüngliche Tirol" weitgehend erhalten blieb. Gleichzeitig beherbergt Osttirol viele Vorzeigebetriebe in zukunftsorientierten Branchen, die in der Nachhaltigkeitstransformation eine wichtige Rolle spielen werden – von Wärmepumpen-Herstellern über Klimatechnik bis hin zu Entsorgungsunternehmen sowie innovativen Ingenieurbüros. Viele Gemeinden setzen hier auf umweltfreundliche und erneuerbare Energieproduktion. So verkörpert Osttirol sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft nachhaltigen Wirtschaftens und Lebens im alpinen Raum.
Wer sind die Treiber dieser Entwicklung?
Die Zusammenarbeit von Bildung, Innovation und Wirtschaft, spielt eine zentrale Rolle bei der nachhaltigen Transformation. Im Rahmen eines regionalen „Vordenken-für-Osttirol"-Prozesses haben wir bereits vor über zehn Jahren damit begonnen, gemeinsam mit den Bürgern über die notwendige visionäre, nachhaltige und mutige Entwicklung Osttirols nachzudenken. Dabei war es wichtig, die vielen Ideen und Projekte gemeinsam mit regionalen Akteuren und dem Land Tirol umzusetzen. Die Wirtschaftskammer, das Regionsmanagement Osttirol sowie zahlreiche Unternehmen und Organisationen haben damit in den letzten Jahren Pionierprojekte gestartet. In diesem Prozess entstand auch die Innos GmbH, die Unternehmen bei der aktuellen Transformation begleitet, innovative Projekte initiiert und andere bei der Umsetzung unterstützt. Eine eigene Plattform für Osttiroler, die außerhalb leben, aber verbunden bleiben wollen, wurde geschaffen, ebenso eine Jobmesse, um Arbeitskräfte für die Region zu begeistern. Ein Hochschulcampus setzt mit neuen Studiengängen und in enger Zusammenarbeit mit Unternehmen neue Impulse und soll Osttirol zu einem innovativen und attraktiven alpinen Lebens- und Wirkungsraum sowie zu einer nachhaltigen Vorzeigeregion machen. Dabei spielt auch die Kreislaufwirtschaft eine immer wichtigere Rolle – Osttirol fungiert hier im Rahmen eines Pilotprojekts des Landes Tirols als Labor, in dem mit Hilfe künstlicher Intelligenz und unter Einbezug von Unternehmen, Schulen und Verwaltung innovative Ideen aus der Kreislaufwirtschaft in umsetzbare Projekte weiterentwickelt werden. Wir erhoffen uns durch das enge Zusammenspiel von Wirtschaft und Bildung eine starke Innovationskraft, die die Region zukunftsfähig machen wird.
Wie ist die Wirtschaft in der Region strukturiert?
Osttirol zeichnet sich durch einen gesunden Mix aus Industrie- und Handwerksbetrieben, Dienstleistungen, Landwirtschaft und Tourismus aus, was die regionale Wirtschaft widerstandsfähig macht und in Zeiten des Umbruchs Stabilität verspricht.Nun wird das Thema Nachhaltigkeit und Digitalisierung immer wichtiger. Durch eine rechtzeitige Breitbandoffensive wurde frühzeitig ein flächendeckendes Glasfasernetz geschaffen – sowohl im Lienzer Talboden als auch in den umliegenden Seitentälern. Das ermöglicht die Teilhabe an der digitalen Welt und viele unternehmerische Innovationen. Neue Technologien wie 3D-Druck, künstliche Intelligenz und innovative IT-Anwendungen gewinnen an Bedeutung. Mit einem eigens geschaffenen Inkubator und dem etablierten Wirtschaftspark werden Unternehmen und Gründer dabei unterstützt, neue Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln. Auch das Thema Design rückt immer mehr in den Vordergrund – die Wirtschaftskammer Tirol und die Innos GmbH organisieren in Kooperation mit dem Institute for Design Education Austria den jährlichen Peter Bruckner Preis sowie eine Fachtagung, die die innovative Rolle des Designs thematisiert.
Und wie steht es um den Tourismus?
Im Tourismus hatte Osttirol das Glück, den Massentourismus „verschlafen" zu haben. Es gibt Täler, die jetzt mit ihrer Ursprünglichkeit werben können, weil es dort keine großen Resorts oder Skilifte gibt. Andere Täler sind als Bergsteigerdörfer ausgewiesen, und die alpine Lage, eingerahmt vom Nationalpark Hohe Tauern, hat eine Kultur des „sanften Tourismus" etabliert. Der Iseltrail knüpft genau an diesem Prinzip an (siehe Beitrag „Pssst, nicht weitersagen!").
Kann man damit auch Geld verdienen?
Osttirol ist durch seinen Wasserreichtum, die schönen Almen und traditionell bewirtschafteten Berghütten eine ausgewiesene Sommerdestination. Das bedeutet, dass keine einseitige Abhängigkeit vom Wintertourismus besteht. Dieser „eigene Weg" Osttirols im Tourismus wird langfristig von Vorteil sein, und ich hoffe, dass es gelingt, diese nachhaltige Ausrichtung weiter zu erhalten und zu stärken. Dafür gilt es, die gemeinsame Wertschöpfung zwischen Landwirtschaft und Tourismus weiter zu vertiefen.
Kommen wir zurück zu den verschiedenen Kulturen, die die Region über Jahrhunderte hinweg geprägt haben. Welche Spuren haben sie hinterlassen?
Osttirol zeichnet sich durch seine Kulturgeschichte aus. Dies beginnt mit der einzigen antiken Römerstadt auf Tiroler Boden namens Aguntum sowie der Besiedelung aus den drei verschiedenen Kulturräumen der Slawen, Romanen und Bajuwaren. Dies hat eine einzigartige Prägung hinterlassen. Das oft harte Zusammenleben von Mensch und Natur hat immer wieder neue Lösungen im Dreieck Natur-Mensch-Technik hervorgebracht. Die Abwanderung, die viele periphere Regionen in den letzten Jahrzehnten hinnehmen mussten, ist in Osttirol gestoppt, und die innovative Aufbruchstimmung lockt viele Menschen an.
Das klingt vielversprechend. Ich bedanke mich für das Gespräch und möchte sie zum Abschluss bitten, Ihre persönliche Zukunftsvision zu beschreiben.
Ich kämpfe dafür, dass das Thema Nachhaltigkeit endlich Gehör findet, besonders wenn es um ein einzigartiges Naturerbe wie Osttirol geht. Länderübergreifende Konferenzen, interregionale Projekte und Kooperationen zwischen Unternehmen und Bildungseinrichtungen sollen den Austausch zu Themen wie Kreislaufwirtschaft, Regionalität, Digitalisierung, Nachhaltigkeit sowie neue Lebens- und Wirtschaftsstile fördern. Ich glaube, Osttirol kann seine Entwicklung vorantreiben und zugleich einen positiven Beitrag leisten, um die ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen zu meistern, vor denen wir alle stehen.
Prof. Dr. Rene Schmidpeter lehrt an der BFH in Bern und ist Scientific Researcher an der Parmenides Stiftung in München. Als Gründungsdirektor des Nachhaltigkeitsinstituts an der CBS in Köln sowie als Honorarprofessor und Gastprofessor in England, USA, Indien, Australien, Neuseeland und China hat er über die letzten 15 Jahre maßgeblich die betriebswirtschaftliche Diskussion zum Thema Nachhaltigkeit mitgestaltet.
Innovationsgeist im Themendreieck "Natur – Mensch – Technik"
Osttirol ist nicht nur ein „verborgenes Natur-Juwel", sondern auch eine Region mit einer außergewöhnlichen Wirtschaftsvielfalt und großem Innovationsgeist. In der alpinen Landschaft haben sich die Menschen seit Jahrhunderten, bei der harten Arbeit einen Vorteil durch technische Hilfs- und Arbeitsmittel geschaffen. Damit ist technisch-innovatives Talent Teil der „DNA" der Osttiroler Bevölkerung. Umgerechnet auf die Einwohnerzahl ist Osttirol der industriestärkste Bezirk in Tirol doch auch Gewerbe und Handwerk sind sehr stark ausgeprägt. Rund 1.300 Dienstgeberbetriebe beschäftigen 16.000 Mitarbeiter*innen in der Region. Circa 53 % dieser Dienstnehmer*innen arbeiten im produzierenden Bereich und sind damit überwiegend technisch ausgebildet. Diese Ausrichtung wird durch Schwerpunkte in der Fachberufsschule, der Fachschule für Mechatronik sowie der privaten HTL Lienz verstärkt.Osttirol ist seit kurzem auch MINT-Region mit Initiativen in allen Gemeinden sowie in den Zentralorten Lienz, Sillian und Matrei. Von der Aerospace-Technik über Gastronomie bis zum Tischlereibetrieb ist alles in der wunderbaren Bergwelt Osttirols vertreten. Der „Vordenken-Prozess" im Themendreieck „Natur – Mensch – Technik" lässt noch einiges aus dieser Grenzregion erwarten. So beliefert etwa die Firma MICADO den Flugtaxi-Pionier Volocopter mit Werkzeugen und Vorrichtungen für das Flugobjekt „VoloCity".
Dieser Artikel ist in forum 01/2025 - Pioniere der Hoffnung erschienen.
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