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Renaissance des europäischen Humanismus

Der Geist Europas - Wie die zivilisatorische Krise Europas überwunden werden kann

Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine kann sich niemand mehr über eine verstörende Wahrheit hinwegtäuschen: Europa steckt in einer zivilisatorischen Krise von historischem Ausmaß. Die Zukunft Europas wird sich daran entscheiden, welche Antworten die Menschen in Europa auf sie finden – und zwar alle Menschen in Europa. Eine philosophische Spurensuche für eine überfällige Renaissance.

© Ines Maria EckermannKrieg in der Ukraine, Erfolge demokratiefeindlicher Rechtspopulisten, nationale Egoismen, Zögerlichkeit beim Umgang mit dem Klimawandel. Europa steckt in einer Krise; nicht nur in einer politischen oder ökonomischen Krise, sondern vor allem in einer geistigen Krise, die von weit her kommt. Sie gründet in einer geistigen Matrix, die sich über Jahrhunderte in den Herzen und Hirnen der Europäerinnen und Europäer eingebrannt hat. Diese Matrix hat die Katastrophen des 20. Jahrhunderts möglich gemacht, sie steckt im Hintergrund der drohenden Klimakatastrophe und sie zeigt sich nicht minder in der Dynamik, die zum Ukraine-Krieg geführt hat und ihn nun befeuert.

Europas Krankheit: der Willen zur Macht
Mit einem Wort von Friedrich Nietzsche kann man diese Matrix als einen Kult des Willens zur Macht bezeichnen. Einfacher gesagt: Wir glauben an den Willen, und wir glauben an die Macht – nicht mehr an den Willen und die Macht eines Gottes, sondern daran, dass wir selbst kraft unseres Willens und kraft unserer Macht das Schicksal dieser Welt bestimmen können: politisch, ökonomisch, technologisch, wissenschaftlich.

Die von René Descartes zum Programm erhobene Behauptung, der Mensch sei „Herr und Meister der Natur", hat neben einem 350 Jahre lang bejubelten Triumphzug des technischen Fortschritts eine beispiellose Zerstörung des Ökosystems Erde gezeitigt. Als Homo Faber haben wir gelernt, unsere Macht mit Hilfe der Technik exponentiell zu steigern, und sie mit der eigenen Vorteilsnahme verknüpft.

Dazu ermächtigt uns die ökonomische Doktrin, der wir seit Adam Smith Glauben schenken: Als Homo Oeconomicus sind wir gefordert, unseren persönlichen Interessen und Bedürfnissen zu folgen. Unser Wille, wenn nicht unsere Gier, gilt als zentrale Produktivkraft unserer Wirtschaft. Diese Grunddoktrin des Liberalismus hat uns einen nie gekannten Wohlstandszuwachs beschert, doch der Markt, der lange Zeit ein Segen schien, hat sich in einen Fluch gewandelt. Die vom Liberalismus verheißene Freiheit verkehrt sich in eine neue Form der Knechtschaft. Das ist verhängnisvoll, weil wir in Europa unsere Hoffnung auf die Versprechen des Liberalismus gesetzt hatten. Ein gemeinsamer Markt sollte die Europäische Union im Innersten zusammenhalten. Durch wirtschaftliche Annäherung sollte Russland in das europäische Haus integriert werden. Durch globale Handelsbeziehungen – etwa mit China – sollte der Weltfrieden stabilisiert werden.

Der Trümmerhaufen des Liberalismus
Nun stehen wir vor einem Trümmerhaufen: Die politische Einheit der Europäischen Union ist in weiterer Ferne als in den 1980er Jahren; das Europäische Haus ist eine Bauruine und es wird Jahrzehnte dauern, bis sich eine neue europäische oder eurasische Friedensordnung etablieren lässt; auch der Weltfrieden ist fragiler denn je, da sich infolge des Ukraine-Krieges künftig nur noch zwei Weltmächte um die Weltherrschaft streiten: China und die USA.

Europa ist die Verliererin in dieser Konstellation. Ihr droht die geopolitische Marginalisierung – nicht nur aufgrund schlechter Politik, nicht nur aufgrund ökonomischer Fehlentscheidungen, nicht nur aufgrund einer verschlafenen technologischen Entwicklung – sondern aufgrund einer Pathologie des Denkens. Man könnte diese Pathologie als eine Form der Demenz beschreiben: Europa hat vergessen, wer sie ist, woher sie kommt, was ihre Kraft und Schönheit ausmacht. Europa hat sich infizieren lassen von einem Mindset, der sie erst an einen mächtigen und willensstarken Gott glauben ließ, vor dem sie von der Spätantike bis an die Schwelle zur Renaissance zitterte – und nach dessen Tod sie meinte, das entstandene Vakuum durch ihre eigene Macht und ihren eigenen Willen füllen zu müssen. Deshalb hat sie mit Hilfe ihrer Technik, ihrer Wissenschaft und ihrer Wirtschaft sich und ihre Welt in eine machtvolle Maschine verwandelt, deren Kontrolle ihr zunehmend entglitten ist; weil sie – mit gutem Grund – nie aufgehört hat an ihre ursprünglichen Werte zu glauben und auf die ihnen angemessenen politischen Instrumente zu vertrauen: Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Frieden, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie. Die machtvolle, „technisch-ökonomische Willen-Exekutionsmaschine" des modernen Mindsets verlangt aber nach einer Herrschaft, die sich mit diesen Werten nicht bewerkstelligen lässt. Um sie zu steuern bräuchte man entweder den kybernetisch optimierten, totalen technisierten Staat nach chinesischem Vorbild oder die absolute kybernetische bzw. Künstliche Intelligenz, die uns die Propagandisten des Transhumanismus in Aussicht stellen.

Wenn es neben diesen beiden Dystopien, die auf je ihre Weise die Matrix des Willens zur Macht perfektionieren werden, irgendeinen Ausweg geben soll, kann er nur in einer Rückbesinnung Europas auf ihre Ursprungs-Matrix sein, der sie all das verdankt, wonach sich zu sehnen, sie nie aufgehört hat: Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Frieden, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie. Diese Ursprungsmatrix nenne ich den europäischen Humanismus. Ihn zu erinnern und durch eine neue Renaissance in das politische, ökonomische, kulturelle und persönliche Bewusstsein der Europäerinnen und Europäer zu bringen, ist das Gebot der Stunde.
 
… Im weitesten Sinne ist die zivilisatorische Krise Europas ein religiöses Problem. Religiös in dem Sinne, dass dasjenige, woran wir Maß nehmen und woran wir uns rückbinden (lat. religare), keine Handhabe mehr bietet, den Krisen des 21. Jahrhunderts beizukommen.

Europas Geist: die Liebe zum Sein
Der europäische Humanismus folgt einem Programm, das zu drei schon in antiker Zeit geflügelten Worten verdichtet ist, die von Delphi aus in die antike Welt strahlten:

Sei! (è), Erkenne dich selbst! (Gnothi sautón), Das Beste ist das Maß! (áriston métron). Die Bedeutung des ersten Wortes ermisst man erst, wenn man es vor der Kontrastfolie des neuzeitlichen Mindset liest: Dessen Moral fordert den Menschen dazu auf zu wollen und appelliert folglich an seinen Willen. Das delphische Wort fordert ihn auf zu sein und appelliert deshalb an sein Verstehen. Das führt uns zum zweiten Merksatz: Erkenne dich selbst! Hierbei geht es nicht um eine psychoanalytische Nabelschau, sondern um den schlichten Appell, das Menschsein geistig zu ergründen: Sokrates jedenfalls hat es so gedeutet – und damit den Weg zum Verständnis des dritten Sprichworts gebahnt: „Das Beste ist das Maß." Das Maß, an dem wir unser Tun und Lassen orientieren sollen, ist die Antwort auf die Frage, wer wir sind. Durch Fragen und Denken das eigene Sein zu ergründen, um so die Maßgabe für ein angemessenes Leben zu ermitteln: Das ist das Programm des europäischen Humanismus. Er ver zichtet auf moralische oder kategorische Imperative, die den Menschen sagen, was sie wollen sollen. Er stellt stattdessen Fragen, die den Menschen dazu einladen, das eigene Sein zu ergründen und sich auf diese Weise in das Sein der Welt zu integrieren.

Von den großen Denkern und der Vergangenheit lernen
Exekutiert wurde dieses Programm durch die großen Denker des 6. und 5. Jahrhunderts v.Chr. Um das Sein der Welt zu ergründen, betrieben sie etwas, was sie theoría nannten. Sie beobachteten die Welt und stellten fest, dass die Natur ein ewiger Fluss des Wandels ist, in dem sich immer neue lebendige Systeme zu harmonischen Ganzheiten fügen. Damit war das Maß entdeckt, von dem das delphische Wort sagte, es sei „das Beste": Harmonie – die spannungsvolle und doch zugleich stimmige Interaktion eines lebendigen Systems mit sich selbst und mit der Welt, den Anderen, dem Kosmos…

Menschsein gelingt, so die Idee des europäischen Humanismus, wo wir mit uns und der Natur im Einklang sind; und uns so in die pólis – das Gemeinwesen – einbringen, dass wir auch mit anderen im Einklang leben. Man könnte auch sagen: Wo wir unsere Energie so ins Ganze einbringen, dass sowohl wir unsere als auch das Ganze seine Potenziale voll entfalten können. Was es dafür braucht, liegt auf der Hand: Freiheit des Einzelnen, Gerechtigkeit der pólis und Frieden mit den Nachbarn. Damit sind die politischen Kernideen des europäischen Humanismus benannt. An ihnen muss Maß nehmen, wer für die pólis in der Verantwortung steht und ihr eine gute Ordnung geben möchte.

Frieden, Gerechtigkeit und eine gute Rechtsordnung: diese drei mythologischen Töchter der Themis und des Zeus konstituieren im europäischen Humanismus das Politische. Sie sind die Garanten des Gelingens bzw. der Blüte eines lebendigen Gemeinwesens. Macht, Herrschaft und das Ringen um den Mehrheitswillen spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Es geht nicht um den machtvollen Staat, sondern das blühende Gemeinwesen. Seine Voraussetzung sind Freiheit und Gleichheit der Bürgerinnen und Bürger. Nicht die Freiheit von staatlicher Lenkung oder Einflussnahmen, sondern die Freiheit zur Mitbestimmung. Nicht die Gleichheit an Gütern oder Eigentum, sondern die Gleichheit vor dem Recht und in den öffentlichen Angelegenheiten. Heute sind diese Tugenden in den Hintergrund getreten. Getrieben von der Matrix des Willens zur Macht haben wir das Politische dem Ökonomischen geopfert. Diese unheilvolle Dynamik hat die Krisen des 21. Jahrhunderts begünstigt. Wir werden ihnen nur begegnen können, wenn wir den europäischen Humanismus neuerlich zur Geltung bringen. Dafür braucht es die Rückbesinnung auf das, was man den Primat des Politischen genannt hat.

Europas Zukunft: die Begeisterung für ein lebendiges Menschsein
Wir können die Augen nicht länger davor verschließen, dass der Liberalismus als Ordnungsprinzip an seine Grenzen gekommen ist. Nun gilt es, seinen Einfluss zurückzudrängen und in Europa das Politische neuerlich zur Geltung zu bringen. Der Krieg in der Ukraine zeigt: Wenn es hart auf hart kommt, kehrt das Primat des Politischen zurück. Die Wehrfähigkeit des Staates wurde über Nacht zu einer wichtigeren Qualität als seine Bonität auf den internationalen Finanzmärkten. Gemeinsinn und Bürgerbewusstsein wurden plötzlich zu diskurstauglichen Vokabeln, wo man zuvor nur von Verbrauchern oder Marktteilnehmern sprach. Diese Verschiebung unserer gesellschaftlichen Grundordnung bietet Chancen und Risiken.

Das Risiko ist der Rückfall in die Matrix des Willens zur Macht: zurück zu Nationalismus, Herrschaft und starkem Staat. Die Chance liegt in einer sukzessiven Erneuerung der Politik aus dem Geist des europäischen Humanismus: voran zu einem politisch geeinten Europa.

Europa braucht einen guten Geist, der uns rückbindet an Werte an denen wir uns orientieren können – Werte, die der europäische Humanismus ans Licht gebracht hat. Und wir brauchen eine begeisternde Vision für ein harmonisches Leben im Einklang mit der Natur. Ohne diese Begeisterung für die Schönheit eines wahrhaft menschlichen Lebens wird die Matrix des Willens zur Macht nicht zu bezwingen sein. Wir brauchen Menschen, die begeistert sind vom Europäischen Humanismus. 

 
Dr. Christoph Quarch ist Philosoph, Autor, Hochschullehrer, Denkbegleiter und Gründer der Akademie 3, die es sich zum Ziel gemacht hat, neue Sprach- und Ausdrucksformen für den Geist zu finden, der die großen Blütezeiten der europäischen Kultur ermöglich hat. Mit seinen Podcasts, Artikeln und der wöchentlichen Radiokolumne „Frühstücksquarch" im SWR erreicht er ein breites Publikum im deutschsprachigen Raum.

Gesellschaft | Politik, 01.03.2024
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