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Verstehen der Hintergründe - und Verständnis für die Täter?

Christoph Quarchs Überlegungen zum deutschen Dilemma im Gaza-Konflikt

Täglich erreichen uns neue Nachrichten und Bilder aus dem Nahen Osten. Waren es erst die Gräueltaten palästinensischer Terroristen an israelischen Zivilisten, die uns erschütterten, so sind es nun die Berichte vom Leiden und Sterben der Menschen in Gaza. Wie können wir nicht unmittelbar beteiligten Europäer damit umgehen? Darüber sprechen wir mit unserem Philosophen Christoph Quarch.
 
Herr Quarch, der Terror gegen Israel und die Not im Gazastreifen entziehen sich unserer Vorstellungkraft. Hat es dann überhaupt einen Sinn, die Hintergründe dieser Taten verstehen zu wollen?
© lilizaeima, pixabay.com
Ja, unbedingt. Der Psychiater Viktor Frankl sagte einmal: „Der Wille zum Sinn bestimmt unser Leben." Ich glaube er hat Recht. Wir Menschen können gar nicht anders, als den Versuch zu unternehmen, uns irgendwie einen Reim auf die Ereignisse zu machen. 

Aber es gibt Stimmen, die den Versuch, die Akte der Terroristen zu verstehen als Zeichen mangelnder Loyalität zu Israel deuten.
Diejenigen, die es schlimm finden, die Täter und ihre Taten verstehen zu wollen, täuschen sich über sich selbst. Auch sie wollen verstehen – bzw. sie glauben, verstanden zu haben, wollen nun aber ihre Deutung nicht mehr durch andere Deutungen in Frage stellen lassen. Ihre Deutung ist einfach. Sie lautet: Die Täter sind böse. Aber diese Deutung bringt uns nicht weiter. Nur wenn wir die Hintergründe und die Vorgeschichte der Taten verstehen, werden wir den Boden gewinnen, auf dem andere und bessere Lösungen als der Terror wachsen können. Wenn wir hingegen den Willen zum Verstehen einstellen, entziehen wir dem menschlichen Miteinander den Boden. Dann bleiben nur noch Gewalt und Diktatur, um das Miteinander der Menschen zu koordinieren. Deswegen sage ich: Wer das Verstehenwollen diffamiert, tötet die Demokratie. Ich sage aber auch: Die Hintergründe der Taten verstehen wollen, heißt mitnichten, Verständnis für die Täter aufbringen.

Was ist der Unterschied zwischen einem Verstehen der Hintergründe und dem Verständnis für die Täter?
Die Hintergründe einer Tat zu verstehen, heißt in keiner Weise, diese Tat zu entschuldigen oder Verständnis für den Täter aufzubringen. Denn es gibt keine Kasuistik, die von einer hochproblematischen israelischen Siedlungspolitik zu einem palästinensischen Terrorakt führt. Es hieße, den Tätern ihr Menschsein abzusprechen, wenn man ihnen unterstellte, dass sie nicht auch anders hätten handeln können. Sie haben sie für den Terror entschieden – aus freien Stücken. Dafür müssen sie sich vor den Opfern und vor der Menschheit verantworten. Mit Verständnis können sie nicht rechnen und auf Vergebung können sie nicht hoffen. Ihre Taten sind unverzeihlich.

UN-Generalsekretär Guterres hat versucht, nach den Ursachen für den Angriff zu suchen, und dabei auch in Richtung Israel gezeigt. Lässt das nicht gerade Mitgefühl mit einem traumatisierten Land vermissen? 
Man kann niemanden zum Mitgefühl verpflichten. Und man kann niemandem verbieten, verstehen zu wollen. Wenn jemand – wie Guterres – sein Leiden an dem Geschehenen bekundet und versucht, sich einen Reim darauf zu machen, dann ist das zutiefst menschlich. Daran ist moralisch nichts auszusetzen. Dass dieser Versuch scheitern oder unliebsame Sichtweisen zutage fördern kann, bleibt angesichts der Komplexität geschichtlicher Ereignisse nicht aus. Aber so etwas müssen Demokraten aushalten können – zumindest dann, wenn sie nicht selbst betroffen sind und unter Schock stehen. Systeme, in denen der Versuch zu verstehen unterbunden wird und nur eine mögliche Sichtweise zugelassen wird, sind totalitär. 

Israels Gegenschläge haben die humanitäre Lage für die Menschen im Gazastreifen drastisch verschlechtert. Wie kann man über das Leid der Palästinenser reden, ohne Dinge gegeneinander aufzurechnen oder gar zu relativieren? Schließen Mitgefühl für Israel und Mitgefühl für die Palästinenser einander aus?
Israelis sind Menschen und Palästinenser sind Menschen – und auch ich bin ein Mensch. Als Mensch aber kann ich sagen: Es ist menschlich zu leiden, wenn andere Menschen leiden. Und es ist unmenschlich, das Leiden der einen mit dem Leiden der anderen aufrechnen zu wollen. Ebenso unmenschlich ist es, das Leiden eines Menschen moralisch zu qualifizieren – als ob es gutes oder böses Leiden gäbe. Nein, es gibt nur Leiden. An diesem Punkt können wir von den alten Griechen lernen. Sie maßten sich nicht an, den schicksalhaften Verstrickungen des Lebens durch moralische Wertungen beizukommen. Stattdessen waren sie sich der unabwendbaren Tragik des Lebens bewusst. Wir Heutigen täten gut daran zu begreifen, dass in Gaza eine Tragödie stattfindet, die man durch moralische Wertungen nicht lösen kann.

Kritik an Israel wird oft als israelbezogener Antisemitismus aufgefasst. Kann es "unverbrüchliche Solidarität" (Zitat Olaf Scholz) mit Israel geben, wenn unter Israelischen Gegenschlägen die Zivilbevölkerung im Gazastreifen leidet?
Ob unverbrüchliche Solidarität wirklich möglich ist, weiß ich nicht. Dass man sie im Raum des Politischen erklärt, ist hingegen nicht nur möglich, sondern auch sinnvoll. Wir müssen uns doch Folgendes klarmachen: In einer tragischen Situation wie dieser kann man als Politiker nicht umhin, sich schuldig zu machen. So auch Olaf Scholz, der Tausenden von Palästinensern Unrecht tut, wenn er Deutschland ohne Wenn und Aber an die Seite Israels stellt. Täte er dies nicht, würde er Tausenden von Israelis Unrecht tun. Und würde er schweigen, täte er allen Betroffenen Unrecht. Kurz: Es ist ein Dilemma – und ich habe Respekt vor Olaf Scholz und seinen Mut, konsequent den einzigen Weg zu verfolgen, der vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte geboten ist. Gleichzeitig aber muss unterstrichen werden, dass unverbrüchliche Solidarität niemals bedeuten kann, zu allem „Ja und Amen" zu sagen. Die Verantwortung für einen Partner verlangt, ihn auf mögliche Fehler aufmerksam zu machen und ihn zu kritisieren, wo eigenes Wissen und Gewissen dies verlangen. Kurz: Solidarität ist kein blinder Gehorsam.

Sie sprachen von einer Tragödie. Gibt es irgendeine Auflösung?
Die griechische Tragödie lehrt: Ja, die gibt es; aber es gibt sie nur durch eine echte mentale Disruption der Beteiligten. Dass solches geschieht, ist nicht wahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Die Hamas-Kämpfer könnten kapitulieren und damit der Bevölkerung von Gaza viel Leid ersparen. Israel könnte humanitäre Korridore zulassen. Wir dürfen nicht aufhören, an die Lösbarkeit solcher Konflikte zu glauben. Die Größe des Menschen besteht darin, dass er immer auch anders könnte, selbst wenn er scheitert. So entstehen tragische Heldinnen und Helden. Es stimmt mich zutiefst traurig, dass solche Menschen derzeit nicht in Sicht sind.

Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch

Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
 
In seinem neuen Buch "Begeistern! Wie Unternehmen über sich hinauswachsen" geht's um Fragen wie diese:
Wie kommt der Geist in unsere Unternehmen? – Durch Begeisterung! Und wie entsteht Begeisterung? Anders als die meisten glauben.

Lesen Sie mehr von ihm unter www.christophquarch.de

Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel". 

Gesellschaft | Politik, 30.10.2023

     
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