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Hoffnung pflanzen ist wirtschaftlich

Wie Sekem die Wahat Wüste begrünt

Wenn selbst die Wüste sich begrünen lässt, wächst Hoffnung: Ein beeindruckendes Projekt in der Wahat Wüste des ägyptischen Unternehmens Sekem zeigt, wie es geht und was die Wirtschaft davon lernen kann.

Visionen werden wahr: Im Mittelpunkt der Begrünung der Wahat Wüste stehen engagierte Menschen, die nicht nur an Wunder glauben, sondern sie auch umsetzen. © Tina TeucherAuf 1.000 Hektar ergrünt die Wüste: Im trockenen Klima der ägyptischen Region Wahat Bahareya entsteht eine Oase. Hier, etwa 370 km südwestlich von Kairo, wagt das Unternehmen Sekem das scheinbar Unmögliche. Etwa 60 Menschen arbeiten daran, biologisch-dynamische Landwirtschaft einzuführen: Mithilfe von Kompost machen sie die Wüste wieder fruchtbar und bauen Feldfrüchte wie Minze, Kamille, Calendula, Jojoba und Datteln an. Ungefähr drei Monate dauert es, den Kompost vorzubereiten. Und davon braucht Sekem jede Menge: Denn um einen Hektar Wüstenland in fruchtbares Land zu verwandeln, sind mehr als 70 Tonnen Kompost nötig – allein im ersten Jahr. Sekem rechnet damit, dass die Wahat Farm mit der neu geschaffenen Anlage mehr als 12.000 Tonnen Kompost jährlich produzieren kann. Bis Ende 2025 soll das Projekt mehr als 100.000 Hektar Wüstenfläche landwirtschaftlich nutzbar machen.

Wüste kann CO2 binden und Artenvielfalt fördern
Sekem-Gründer Helmy Abouleish zeigt eine der 'Cash-Crops' in der Wahat Wüste: Etwa zehn Jahre alte Feigenbäume bringen schmackhafte süße Feldfrüchte hervor und binden gleichzeitig Treibhausgase. © Tina TeucherDas „Wunder in der Wüste" trägt zum Klimaschutz bei: Die Wahat Farm arbeitet daran die Qualität ihres Komposts weiter zu verbessern, um mehr CO2 zu binden. Dafür experimentieren die Mitarbeiter*innen damit, ihrem Kompost unterschiedliche Mengen Basalt beizumischen. Die Wirkung dieses mineralstoffreichen Gesteins testen sie dann an unterschiedlichen Feldfrüchten. Zudem pflanzen sie zahlreiche trockenheitsrobuste Bäume, um nach und nach das Mikroklima zu verändern und lokale Ökosysteme zu regenerieren. 400.000 sind es bisher. Arten wie die der Kasuarinen gedeihen hier besonders schnell. Mit neun Metern pro Jahr kann man ihnen regelrecht beim Wachsen zuschauen. Die Überlebensrate von 65 Prozent in den ersten zwei Jahren ist hoch – gerade unter den trockenen Bedingungen. Durch diese Bemühungen konnte die Wahat Farm die lokale Biodiversität schon drastisch steigern: Um 397 Prozent bei Fluginsekten, 430 Prozent bei Vögeln und 667 Prozent bei Pflanzen. Auch zur Erhaltung der bedrohten ägyptischen Lamarckii-Biene wurde ein Projekt gestartet.

Die Finanzierung des Wunders in der Wüste: „Wirtschaft der Liebe"
Neben der ökologischen Dimension der Nachhaltigkeit spielen auf der Wahat Farm die anderen drei Dimensionen – ökonomische, soziale und kulturelle Nachhaltigkeit – eine ebenso wichtige Rolle: Durch den Handel mit Carbon Credits erhält die Farm finanzielle Mittel, um ihren Einflussbereich zu vergrößern.
 
Die Basis der Ausstellung dieser Klimazertifikate sind das Pflanzen von Bäumen (binden ca. 8 Tonnen CO2 pro Hektar), die Verbesserung der Bodenqualität, die Erzeugung von Kompost sowie die Nutzung von Sonnenenergie zur Stromerzeugung. Sekem nennt diese Art des Wirtschaftens „Economy of Love".
 
"Allein im Jahr 2021 konnte Sekem bereits 14.500 Carbon Credits generieren und verkaufen."

Ein einziger solcher Economy of Love Carbon Credit bewirkt vielfältige Verbesserungen:
    Das Wahat-Projekt trägt gleich zur Erreichung von 9 Zielen der Sustainable Development Goals (SDG) bei.
  • 410 kg produzierter Kompost
  • 13 gepflanzte Bäume
  • 545 qm Boden angereichert mit gebundenem Kohlenstoff
  • 100 % Boden- und Ökosystemheilung durch biodynamische Ansätze
  • 10 % der Flächen sind der biologischen Vielfalt gewidmet
  • 3 % der Einnahmen sind für die Innovationen der Landwirt*innen bestimmt
  • 10 % der Arbeitszeit ist der Kunst und der persönlichen Entwicklung gewidmet
  • 100 % der Vollzeitbeschäftigten erhalten eine Krankenversicherung (Ziel: bis 2025 auch alle Aushilfskräfte mitversichern)
  • 100 % faire Löhne durch Economy of Love-Wertschöpfungsketten
  • 100 % weniger Einsatz synthetischer Pestizide
Bildung und Kultur als Basis für wirtschaftlichen Erfolg
Sekem legt besonderen Wert darauf, die Mitarbeiter*innen und ihre Familien gut auszubilden, damit diese ihr ganzes Potential entdecken und leben können. Dafür errichtete das Unternehmen am Standort Wahat seit 2021 einen Kindergarten und eine Schule für die Jahrgangsstufen 1-7, die 120 ortsansässige Kinder aufnehmen können. Sekem startete zudem ein Programm für Mitarbeiter*innen, die nicht Lesen und Schreiben können. Ein Amphitheater bietet Raum für den künstlerischen Ausdruck der Einheimischen und eine Cafeteria dient als sozialer Treffpunkt.
 
Bäume binden ca. 8 Tonnen CO2 pro Hektar. © Tina Teucher
Rendite auf 4 Ebenen: Durch großangelegte Wiederherstellung von Ökosystemen
Gemäß dem Modell der vier Renditen von Commonland schafft die großflächige Begrünung der Wahat Wüste also einen Mehrwert auf mehreren Ebenen:
  • Inspiration: Menschen Hoffnung und ein Gefühl der Sinnhaftigkeit geben
  • Soziales Kapital: Arbeitsplätze und Wirtschaftsaktivitäten, Bildung und Sicherheit schaffen
  • Naturkapital: Wiederherstellung von Biodiversität, fruchtbaren Böden, Wasserqualität und Treibhausgasbindung
  • Finanzielles Kapital: Die Realisierung von langfristig nachhaltigem Ertrag
Herausforderung angenommen, Unterstützung willkommen
Nach knapp 2 Jahren steht man schon fast in einem kleinen Wald. © Tina TeucherNeben den Klimaextremen der Wüste mit sehr hohen Temperaturunterschieden stellt der Wassermangel die Wahat Farm vor Herausforderungen. Zwar ist Wasser vorhanden, allerdings als fossiles Wasser aus dem Nubian Einzugsgebiet, das seit langer Zeit nicht mehr am atmosphärischen Wasserkreislauf teilgenommen hat. Dazu kommen schlechte Infrastruktur und Bildungsstand in der Region und der „verzerrte" Lebensmittelmarkt, da Gemüse v.a. aus Kairo zugekauft wird. Von den 250 Millionen Tonnen CO2, die Ägypten emittiert, stammen allein 50 Millionen Tonnen aus der Landwirtschaft. Hier besteht also ein enormes Potenzial für den Klimaschutz.

Dass die Transformation gelingen kann, hat Sekem bereits an seinem Hauptstandort etwa 60 km nördlich von Kairo bewiesen. Hier arbeiten etwa 2.000 Menschen aus 13 umliegenden Dörfern in mehreren Firmen an der bio-dynamischen Produktion von Lebensmitteln, Textilien, Duftstoffen und mehr. 600 Schüler*innen lernen in der eigens errichteten Schule, und die von Sekem vor zehn Jahren gegründete Heliopolis Universität in Kairo ist die erste im nordafrikanischen Raum, die sich komplett dem Thema Nachhaltigkeit verschrieben hat.

Für das weitere Wachstum seiner Projekte heißt Sekem Partner und Spender*innen willkommen. Auch Organisationen, die im freiwilligen Markt der Kompensation von Treibhausgas-Emissionen teilnehmen möchten, sind hier angesprochen. Zu den Zielen gehört, in der Wahat Wüste über 1 Million Bäume zu pflanzen (bisher 350.000), 21.000 Tonnen Treibhausgase in Form von 70.000 Tonnen hochwertigem Kompost zu binden, die Schule und die Gemeinschaftsgebäude auszubauen, kurzfristig über 2.100, mittelfristig 40.000 und langfristig über 250.000 Landwirt*innen einzubinden und so die „Economy of Love" auszubauen.

Von Tina Teucher

Umwelt | Naturschutz, 01.06.2023
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 02/2023 mit dem Schwerpunkt: Künstliche Intelligenz - Künstliche Intelligenz oder natürliche Dummheit? erschienen.
     
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