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Wissenschaftler begrüßen EU-Pestizidvorschriften, aber Mitgliedstaaten und Industrie müssen aufhören, Schlupflöcher zu nutzen

"Es ist kontraproduktiv, einfach alles zu töten."

In einem neuen Bericht äußert EASAC Besorgnis darüber, dass die Mitgliedstaaten und die Industrie Schlupflöcher in den EU-Pestizidvorschriften nutzen, um die weitere Verwendung verbotener Insektizide zu ermöglichen. Prof. Michael Norton, Direktor des EASAC-Umweltprogramms: "Die Behauptung, dass die Bedrohung der Lebensmittelsicherheit durch die russische Invasion in der Ukraine bedeutet, dass wir an der konventionellen, chemieabhängigen Landwirtschaft festhalten müssen, ist ungerechtfertigt. Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass die vorgeschlagenen alternativen Methoden die gleichen oder sogar bessere Erträge liefern können und gleichzeitig die Ökosystemleistungen der Natur erhalten."

© EASAC/Communication WorksDie Überprüfung der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse durch EASAC bestätigt, dass die EU richtig gehandelt hat, als sie vor fünf Jahren die drei wichtigsten Neonicotinoide verbot. Diese Klasse von Insektiziden hat unterschiedslos Auswirkungen nicht nur auf Schädlinge, sondern auch auf Bestäuber und andere nützliche Insekten und stellt damit eine ernsthafte Bedrohung für die biologische Vielfalt und die langfristige Ernährungssicherheit dar.

Die Wissenschaftler loben zwar die Vorreiterrolle der EU, warnen aber vor dem Fortbestehen von Schlupflöchern, die die eigentliche Regulierung untergraben. Das erste Schlupfloch besteht darin, dass die Verwendung von Notfallgenehmigungen für den weiteren Einsatz von verbotenen Neonicotinoiden in einigen Ländern zur Gewohnheit geworden ist. "Wie der Europäische Gerichtshof vor kurzem entschieden hat, muss der übermäßige Gebrauch dieser Praxis aufhören", erklärt Norton.

Ein ähnliches Problem wie bei Antibiotika
Das zweite Schlupfloch ist der immer schneller werdende Wettlauf um die Entwicklung neuer Toxine. Die Beschränkungen für die ursprünglichen Neonicotinoide haben Anreize geschaffen, Ersatzstoffe zu entwickeln, welche die gleichen neuronalen Mechanismen der Insekten nutzen. Die EASAC-Analyse zeigt eine lange Reihe möglicher künftiger Chemikalien auf, die die Grenzen des behördlichen Zulassungssystems austesten und die Verwendung ebenso schädlicher Ersatzstoffe ermöglichen könnten.

Studien zufolge enthalten sieben von zehn Honigproben Spuren von mindestens einem der bienengiftigen Pestizide. "Es wird oft nicht erkannt, wie sehr sich einige landwirtschaftliche Betriebe in den letzten zwei Jahrzehnten in eine giftige Landschaft verwandelt haben, in der die Giftbelastung für alle Insekten um Größenordnungen gestiegen ist", sagt Professor Lars Walløe, Vorsitzender des EASAC-Umwelt-Steering-Panels. "Wir sehen noch immer eine zunehmende Verschmutzung von Böden, Gewässern und sogar Flussmündungen und Küstenmeeren."

"Die Industrie hat sich auf ein Rennen eingelassen, bei dem alle nur verlieren können. Es ist kontraproduktiv, einfach alles zu töten. Wenn sich der Schädling erst einmal an das Pestizid gewöhnt hat, gibt es möglicherweise keine natürlichen Feinde mehr, geschweige denn wichtige Bestäuber. Wir sehen hier ein ähnliches Problem wie bei dem breiten Einsatz von Antibiotika", kommentiert Professor Edward Mitchell von der Universität Neuchatel in der Schweiz.

Integriertem Pflanzenschutz Vorrang einräumen
Der EASAC-Bericht unterstützt die Bemühungen der Europäischen Kommission, die integrierte Schädlingsbekämpfung (Integrated Pest Management - IPM) zum wichtigsten Instrument für eine nachhaltige Landwirtschaft zu machen. IPM beruht auf einer Reihe von Praktiken, die umfassende Informationen über die Lebenszyklen von Schädlingen und ihre Interaktion mit der Umwelt nutzen. Risikoarme Pestizide können auf Bakterien, Pilzen oder Substanzen wie Kalk oder Pfeffer basieren. "Einfach auf synthetische Pestizide zurückzugreifen, ist altmodisches Denken. Manchmal würde ein Schwarm Marienkäfer eine viel bessere Arbeit leisten", erklärt Norton. Der Bericht zeigt auf, welche Schritte unternommen werden müssen, damit IPM von den Landwirten als bevorzugter Ansatz begrüßt wird.

Der Bericht fasst die Forschungsergebnisse der letzten Jahre zusammen und bekräftigt frühere Schlussfolgerungen aus dem EASAC-Bericht von 2015 über die weitreichenden Auswirkungen von Neonicotinoiden auf das Ökosystem. Er befürwortet Maßnahmen zur Minimierung des künftigen Einsatzes über die bestehenden Beschränkungen hinaus, einschließlich einer Überprüfung der Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) im Rahmen der Zulassungsverfahren.

Vorschriften und Prüfverfahren verschärfen
"Diese politische Debatte ist wichtig. Selbst mit dem Ziel der EU, die Umweltverschmutzung um 50 Prozent zu reduzieren, haben wir noch einen langen Weg vor uns, bis wir uns einer wirklich nachhaltigen Landwirtschaft nähern. Aber ohne eine Verschärfung der Vorschriften und Prüfverfahren werden wir diesem Ziel nicht einmal nahekommen", schließt Cláudia de Lima e Silva, Wissenschaftlerin an der Universität Wageningen, ab. "Wir ermutigen die Industrie, sich auf Möglichkeiten zu konzentrieren, die IPM zu unterstützen, und von der Massenvermarktung in der konventionellen Landwirtschaft abzurücken."

>>> Bericht
 
Kontakt: EASAC Environment Programme, Prof. Michael Norton | Michael.Norton@easac.eu | easac.eu


     
        
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