Journalistische Entgleisung: ARD verunglimpft Umweltaktivistin Vandana Shiva

Der aktuelle Kommentar von Evelyn Rottengatter

Wer "Bio" kauft, tut das, um Lebensmittel und Produkte zu erhalten, die frei von Gentechnik und Pestiziden sind, und die zudem auf umweltfreundlichere und nachhaltigere Weise produziert wurden. Der Bio-Markt ist in den letzten Jahrzehnten enorm gewachsen, Tendenz steigend. Vandana Shiva steht für Bio wie keine andere. Seit über 40 Jahren setzt sie sich für Ökologie und biologische Landwirtschaft ein. Nun wurde sie in der ARD-Sendung „Faktenfinder" verunglimpft. Hier eine Gegendarstellung.

Vandana Shiva, Umweltaktivistin und Trägerin des Alternativen Nobelpreises. © Neue Erde VerlagIm Oktober 2022 erschienen Vandana Shivas Memoiren "Terra Viva". Ende November kam sie nach Deutschland, um die Autobiographie vorzustellen und an der Premiere des Dokumentarfilms über ihr Leben teilzunehmen, der seit Dezember in deutschen Kinos läuft. Von WDR und SWR über die Hamburger Morgenpost, die Badische Zeitung und den Münchner Merkur bis zur Deutschen Welle, der WELT und dem Focus erschienen Berichte und Interviews mit der indischen Umweltaktivistin und Trägerin der Alternativen Nobelpreises.
 
Doch der hauseigene Faktencheck der ARD – das Onlineportal "Faktenfinder", das nach eigenen Angaben dazu dienen soll, "Phänomene wie politische Propaganda, Gerüchte, Lügen und Halbwahrheiten im Internet zu sammeln und richtigzustellen" (Quelle: Wikipedia) – nahm wohl das große Medienecho um Vandana Shiva zum Anlass, um seine ganz eigene Sicht der Dinge darzustellen. Am 13.12.2022 erschien der Artikel "Indische Aktivistin Shiva: Öko-Ikone mit fragwürdigen Ansichten", der selber eher fragwürdig ist, in dem es von Halbwahrheiten nur so wimmelt und der aber weder auf den Kinofilm, noch auf die Arbeit von Dr. Shiva näher eingeht.
 
Hingegen beklagt der Faktenfinder gleich zu Beginn, sie werde "von der Politik seit Jahren hofiert", verbreite jedoch gleichzeitig "Desinformation und Verschwörungsmythen" – und spricht unseren Politikern somit indirekt die Fähigkeit ab, selber zwischen echten Informationen und Humbug unterscheiden zu können. Auch die Tatsache, dass eine Büste von Dr. Shiva im Garten von Highgrove, dem Familiensitz von König Charles III. steht, scheint für den Faktenfinder verdächtig, wobei man sich fragt, für welche Argumentation das herhalten soll, zumal es sich nur um eine unter vielen Büsten von Persönlichkeiten handelt, die sich alle um den Schutz der Natur verdient gemacht haben.
 
Gentechnik besser als Natur?
Fast der gesamte Faktenfinder-Artikel liest sich wie eine Werbekampagne für Gentechnik. Diese sei das Natürlichste auf der Welt, in der Tat viel besser als die Natur selber, habe den Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft verringert, bringe Heil und Segen für die Welternährung und jeder, der das anders sieht, sei ein Verschwörungsideologe und hoffnungsloser Romantiker, so der Unterton. Der Mann, der die Gentechnik wie kein anderer weltweit pusht – Bill Gates – sei Opfer von Feindbildern, die solch unwissende Menschen, die sich gegen Gentechnik sperren, unbewusst aufbauen. Überhaupt jeder, der ihn kritisiert, verbreite Fake News, allen voran Vandana Shiva.
 
Doch ist das tatsächlich so? Wurden vom Faktenfinder wirklich alle Fakten zum Thema gesammelt und alle Meinungen und Standpunkte verglichen oder wurde hier selektiv nur das präsentiert, was ins vorgefertigte Bild passt? Sind die angeführten Quellen unabhängig oder industriefinanziert? Eine ausführliche Analyse des Faktenfinder-Artikels ergibt erstaunliche Antworten.
 
Bt-Baumwolle und Selbstmorde
Das Kultur-Format der ARD "Titel, Thesen, Temperamente" berichtete am 26.11.2022 in einem an sich sehr guten Beitrag über den Kinofilm und Vandana Shivas Arbeit, stellte darin aber bereits überraschend den Vorwurf in den Raum, Shiva "beuge die Wahrheit", indem sie einen Zusammenhang zwischen der Einführung der gentechnisch veränderten Bt-Baumwolle und den Selbstmorden indischer Baumwollbauern herstellt. Dabei beruft sich der Beitrag auf "Statistiken", die dies belegen sollen, allerdings ohne die Quelle dafür zu nennen. Das holt der ARD-Faktenfinder nach und präsentiert ein von der Agrarindustrie finanziertes Discussion Paper von 2008. Anderslautende Studien, die das Gegenteil belegen, wurden außer Acht gelassen, die Aussagen der indischen Regierung, die den Zusammenhang offen bestätigen, ebenfalls. Nur ein einmaliger Recherche-Fehler?
 
Die Sache mit dem "Goldenem Reis"
Wohl eher nicht, denn es geht weiter mit der Behauptung, Vandana Shiva und andere Aktivisten hätten den Einsatz des gentechnisch veränderten "Goldenen Reises" in der Dritten Welt verhindert und somit hungernden Kindern den Zugang zu Vitamin A verwehrt. Nicht erwähnt wird, dass der Gentechnik-Reis in seiner Entwicklung weder ausgereift ist – so die Entwickler selber –, noch ernährungsphysiologisch Relevanz hat – laut niemand geringerem als der amerikanischen Lebensmittelbehörde FDA. Tatsächlich waren politische und patentrechtliche Hürden, aber auch technische Probleme der Grund für die Verzögerung. Aktivisten hatten damit nichts zu tun, wie selbst einer der führenden Wissenschaftler in diesem Bereich zugibt. Das ist kein sachlicher Faktencheck unter Berücksichtigung aller verfügbaren Quellen, sondern Meinungsmache.
 
Weniger Pestizide durch Gentechnik?
 Auch die Behauptung des Faktenfinder-Artikels, durch Gentechnik habe sich der Einsatz von Pestiziden verringert, ist bei genauerer Betrachtung nicht haltbar. Denn während sich der Einsatz von Insektiziden zwar verringert hat, ist der Einsatz von Herbiziden – darunter Roundup von Monsanto auf Glyphosat-Basis – gestiegen und das um ein Vielfaches. Beide sind sogenannte Pflanzenschutzmittel – Pestizide – und wiegt man das eine gegen das andere ab, ist der Pestizid-Einsatz insgesamt um sieben Prozent gestiegen, wie Studien belegen, die aber keinen Eingang in den Faktencheck fanden. Lediglich eine Meta-Analyse wurde herangezogen, deren Autor selbst gleich fünf eigene Studien beisteuert – und Fördermittel und Preise von der Agrarindustrie erhielt. Eine solche Darstellung ist einseitig und weder neutral noch ausgewogen.
 
Bill Gates und "Verschwörungsmythen"
Das zieht sich so durch den gesamten Artikel, der dann natürlich auch Bill Gates nennt, um den man beim Thema Gentechnik, Agrarindustrie und Hungerproblem in der Dritten Welt ohnehin nicht herumkommt. Aber anstatt sich mit seinem Einfluss zu beschäftigen und der Frage, wie erfolgreich seine Bemühungen wirklich waren und welche Konsequenzen sie haben, wird mit der Keule der "Verschwörungsideologie" um sich geschlagen und alles, was sich kritisch mit dem Thema auseinandersetzt, verurteilt. Kein Wort zu den internationalen journalistischen Recherchen, die die Hintergründe der Arbeit seiner Stiftung beleuchten, noch zu den Millionen von Menschen weltweit, die sich für Agrarökologie ohne Pestizide sowie für Ernährungssouveränität und Wahlfreiheit bei Gentechnik einsetzen. Kein Wort davon, dass der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen in der EU immer noch strengstens reguliert ist und in Deutschland seit 2013 faktisch nicht mehr stattfindet, selbst wenn die Industrie-Lobby dies zu ändern versucht.
 
Gegendarstellung
In einer vom Verlag der Bücher von Vandana Shiva erstellten detaillierten Analyse und Gegendarstellung sind all jene Punkte aufgeführt, die der Faktenfinder-Artikel hätte beleuchten und abwägen müssen, wenn er denn objektiv und sauber gearbeitet hätte. Neben weiteren Studien, Quellen und Hintergrundartikeln werden darin auch andere ARD-Formate zitiert, die in früheren Beiträgen zu diesen Themen Behauptungen des Faktenfinders gegensätzlich darstellen. Es stellt sich also die Frage, was den Faktenfinder zu solch einem Lehrstück an Befangenheit, einseitiger Berichterstattung und Vernachlässigung der Sorgfaltspflicht bewogen hat, das zudem die Persönlichkeitsrechte von Vandana Shiva verletzt. Zitiert aus der Zusammenfassung der Gegendarstellung:
 
"Abschließend kann festgestellt werden, dass sich der vorliegende Faktenfinder-Artikel größtenteils auf unfundierte und widerlegbare Kritik an der Person Vandana Shivas konzentriert, ohne sich fachlich mit ihrer Arbeit auseinanderzusetzen. Es wurden lediglich industrienahe und/oder unqualifizierte Quellen verwendet, ohne unabhängige Sichtweisen, andere Standpunkte oder Gegenargumente zu beleuchten. Aussagen von Vandana Shiva wurden aus dem Kontext gerissen oder verzerrt, Sachverhalte irreführend wiedergegeben".
 
Fazit
Evelyn Rottengatter. © privatDer Artikel des Faktenfinders – der sich als "Verifikationsteam der ARD" bezeichnet – ist weit von einer sachlichen und objektiven Analyse der Fakten entfernt, zudem tendenziös verfasst und stellt schwere Anschuldigungen in den Raum, die jedoch nicht glaubhaft untermauert werden. Dies kann keinesfalls mit Presse- oder Meinungsfreiheit gerechtfertigt werden, umso weniger, als dass es sich ja um einen sogenannten Faktencheck handeln soll.
 
Es drängt sich fast der Eindruck auf, als wolle der Faktenfinder zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Die Diskreditierung der gesamten Bio-Bewegung und eine Absolution für die weiterhin höchst umstrittene Gentechnik, inklusive ihres größten Investors, Bill Gates. Von einem öffentlich-rechtlichen Medium, das zu unabhängigem, kritischem und ausgewogenem Journalismus verpflichtet ist, hätte man sich eigentlich mehr erwarten dürfen. Zumal sich der Faktenfinder bereits in der Vergangenheit laut FAZ-Bericht verrechnet hat und auch schon von einem Gericht juristisch belehrt werden musste. Faktenfinder, quo vadis?

Evelyn Rottengatter
ist freie Journalistin, ehrenamtliche Redakteurin bei Pressenza und engagiert sich schon seit Jahren für Frieden, Gewaltfreiheit, Menschenrechte, Agrarökologie und Ernährungssouveränität.

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