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Nach dem Ausscheiden bei der EM steht Fußball-Deutschland vor einem Scherbenhaufen

Für den Philosophen und Fußball-Kenner Christoph Quarch spiegelt sich im deutschen Fußball seit Jahrzehnten der Zustand der Gesellschaft.

Die Schockwellen schwingen nach: Zum zweiten Mal nach der Weltmeisterschaft 2018 ist die deutsche Fußballnationalmannschaft bei einem großen Turnier früh ausgeschieden und weit hinter den Erwartungen der Fans zurückgeblieben. So hat die Ära des Weltmeistertrainers von 2014, Jogi Löw, nach 15 Jahren ein unrühmliches Ende gefunden. Fußball-Deutschland steht vor einem Scherbenhaufen, dessen Ausmaß nicht auf den Sport beschränkt bleibt. Mit unserem Philosophen Christoph Quarch haben wir schon öfter über die gesellschaftliche Bedeutung des Fußballspiels gesprochen.
 
Herr Quarch, was verrät das Ausscheiden der deutschen Mannschaft über unser Land?
© OpenClipart-Vectors, pixabay.com
Viel. Tatsächlich spiegelt sich im deutschen Fußball seit Jahrzehnten der Zustand der Gesellschaft. Denken wir nur an die Weltmeistertitel: 1954, Wiederaufbau nach dem Krieg, ein neues Selbstbewusstsein treibt die Herberger-Elf zum Titel; 1974, Deutschland ist sozial-liberal, ein frischer Wind weht durchs Land; 1990, Deutschland ist wiedervereinigt, nach Jahren der Kohl-Lethargie wacht das Land auf; 2014, Deutschland steht im Zenit seiner politischen und wirtschaftlichen Macht, das Land ist mit sich im Reinen. Und 2021: Nach 16 Jahren Merkel ist Deutschland erlahmt, uninspiriert, mutlos und gefangen in der Selbsttäuschung, immer noch Reise-, Export- oder Logistik-Weltmeister zu sein. Nach 15 Jahren Löw sieht’s im Fußball genauso aus.

Aber vor dem Turnier war doch viel Begeisterung spürbar. Auch die Spieler sprühten vor Optimismus.
Das stimmt, aber dieser Optimismus wirkte irgendwie gezwungen. So gezwungen, wie das Spiel der Mannschaft. Auch das ist symptomatisch. Es gibt in unserer Gesellschaft einen Zwang zum Optimismus, der aber aufgesetzt ist. Denn in Wahrheit dominiert die Angst unser Denken und Handeln – genauso wie die Spiele gegen Frankreich, Ungarn und England. Und das ist kein Wunder. Denn in unserem Land wird seit eineinhalb Jahren fortwährend die Angst geschürt. Denken Sie nur an die ständige Kritik daran, dass das Turnier in Covid-Zeiten überhaupt ausgetragen wird. Denken Sie an die Situation in den Stadien: Deutschland durfte bei minimaler Inzidenz in München vor 16.000 Zuschauern spielen, England bei hoher Inzidenz vor 45.000, Ungarn gar vor 70.000 fanatischen Fans. So etwas geht an den Mannschaften nicht vorüber: Deutschland spielt ängstlich, England beschwingt und Ungarn entfesselt.

Aber Herr Quarch, Sie wollen damit doch nicht etwa sagen, dass wir um des sportlichen Erfolges willen alle medizinischen Bedenken in den Wind schlagen sollten?
Nein, ich sage damit nur, dass das Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft etwas damit zu tun hat, dass wir in einer Gesellschaft leben, die von Bedenkenträgern dominiert wird, die irgendwie den Bezug zur Realität verloren haben. Nehmen wir nur die Grünen-Politikerin Claudia Roth, die gerade erst lautstark rausposaunte, es sei unvernünftig und unverantwortlich, diese EM auszutragen. Ich glaube, kein Brite, der das Spiel gegen Deutschland in Wembley verfolgt hat, wird ihr beipflichten. Im Gegenteil: Er konnte eintauchen in eine Woge der Euphorie, von der er noch seinen Enkeln erzählen wird. Um das zu erleben, hatte er doch monatelang auf so vieles verzichtet. Genau das lehrt diese EM: Es geht uns Menschen nicht allein um Sicherheit und Lebensdauer, sondern viel mehr noch um Lebensqualität, Begeisterung und Glück. Dass daran nichts falsch ist, hat übrigens schon Aristoteles gelehrt.

Aber was nutzen einem ein paar Tage der Begeisterung, wenn danach der nächste Lockdown kommt?
Extrem viel, weil man jetzt wieder weiß, wofür man sich das alles antut. Und auch das spiegelt uns der Fußball. Die Engländer – genau wie die Schweizer oder die Tschechen – werden jetzt auf der Woge der Euphorie spielen und damit auch gegen starke Gegner buona figura machen. Die Emotionen sind da, die Leidenschaft. So kommt man durch jedes Spiel, und wenn man verliert, dann verliert man mit Anstand und Würde. Die Nationalelf unter Löw hingegen spielte ohne Leidenschaft; gefangen in der Angst vorm Ausscheiden; belastet durch die politische Instrumentalisierung des Ungarn-Spiels; und gelähmt durch den Erfolg früherer Tage. Die Leidtragenden sind dabei genau wie in der Gesellschaft die jungen Talente, die sich nicht entfalten können. Löw hätte früher gehen müssen. Genau wie Merkel. Schade nur, dass nirgends ein politischer Flick zu sehen ist.

Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch

Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
 
In seinem neuen Buch "Begeistern! Wie Unternehmen über sich hinauswachsen" geht's um Fragen wie diese:
Wie kommt der Geist in unsere Unternehmen? – Durch Begeisterung! Und wie entsteht Begeisterung? Anders als die meisten glauben.

Lesen Sie mehr von ihm unter www.christophquarch.de
 
Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel".

Gesellschaft | Politik, 30.06.2021
     
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