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Finanzmarkt fordert Humusaufbau

Bauern stärken – Lieferketten sichern

Landwirte und Landwirtinnen brauchen einen Anreiz, Humus aufzubauen und zu erhalten. Aber auch Unternehmen aus der Lebensmittelbranche haben einen triftigen Grund, sich um die Bodengesundheit zu kümmern. Schließlich geht es um ihre Lieferketten. Und außerdem: Der Boden geht uns alle an. forum zeigt erste Erfolgsmodelle.
 
Humusaufbau und -erhalt sind aus zwei Gründen wichtig: erstens um CO2-Emissionen aus der Landwirtschaft zu reduzieren, also einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Zweitens, um die Resilienz der Landwirtschaft zu erhöhen und damit Agrarstandorte und letztendlich deren Lieferfähigkeit im sich ändernden Klima zu sichern. Um die Leistung der Landwirte im Aufbau und Erhalt von Humus zu honorieren, hat sich in den letzten Jahren ein Verfahren etabliert: die so genannten lokalen Emissionszertifikate.
 
Vorreiter Österreich
Wenn Landwirte, Politik und Unternehmen sich erfolgreich um den Aufbau von Humus kümmern, ist die Vergabe von C02-Zertifikaten eine mehr als gerechte Belohnung. © StMUG, Lederer / Hofbräu MünchenDie Ökoregion Kaindorf in Österreich war hier vor circa zehn Jahren ein Vorreiter. Inspiriert von dieser Arbeit, haben sich weitere Akteure im deutschsprachigen Raum auf den Weg in Sachen Humus gemacht. Soil & More Impacts (SMI) etwa hat gemeinsam mit den regionalen Biomessen in Deutschland ein ähnliches Konzept entwickelt. Ziel war es, die Emissionen der Messen durch Humusaufbau auf Biohöfen in Deutschland auszugleichen. Das Projekt startete 2014 mit Bodenproben. Nach fünf Jahren wurden die Flächen erneut beprobt. Daraus hat sich ergeben, dass dank der Maßnahmen weit mehr CO2 gebunden werden konnte, als SMI beim Projektstart konservativ modelliert hatte.
 
„Auch wenn es noch viel Verbesserungspotenzial gibt", erklärt Tobias Bandel, Geschäftsführer von SMI, „konnten wir zeigen, dass so ein Projekt funktioniert. Die Modelle erwiesen sich als richtig und so entsteht für Landwirt*innen quasi kein Risiko."
Mittlerweile haben sich dem Projekt zusätzlich zu den Biomessen weitere Unternehmen angeschlossen. Insgesamt konnten seit Projektbeginn auf den vier teilnehmenden landwirtschaftlichen Betrieben knapp 20.000 Tonnen CO2 gebunden und dafür 300.000 Euro Honorar ausgezahlt werden.
 
Kompensation in der Lieferkette
Diesem Prinzip folgend, hat SMI einen „Insetting-Ansatz" für Unternehmen entwickelt und umgesetzt. Hier geht es darum, die eigene Produktion oder die gesamte Produktpalette CO2-neutral zu vermarkten – soweit wie möglich kompensiert mithilfe der Landwirte, die die jeweiligen Rohstoffe anbauen. Das ist nicht zwingend ein geografisch regionaler Ausgleich, aber dennoch direkt in der eigenen Wertschöpfungskette. Dieser Ansatz ist eine attraktive Möglichkeit für Unternehmen der Lebensmittel- und Agrarbranche, mehrere Themen gleichzeitig anzugehen:
  • 1) Authentischer Emissionsausgleich in der eigenen Lieferkette, ohne Umweg über den Emissionshandel.
  • 2) Sicherung der Klimaresilienz der Lieferbetriebe und damit Erhöhung der eigenen Rohstoffsicherheit. Der CO2-Preis ist somit nicht eine Kostenstelle im Nachhaltigkeitsbudget, sondern eine strategische Investition in die Beschaffungssicherheit.
  • 3) Erhöhung der Kreditwürdigkeit, denn die Beschaffungssicherheit wird zunehmend auch von Finanzmarktakteuren bei der Kreditvergabe als neue Anforderung an das Beschaffungsrisiko-Managementsystem gefordert. Humusaufbau senkt in diesem Kontext ökonomische Risiken für den eigenen Betrieb und in der Beschaffung der Rohstoffe.
Da hier Nachhaltigkeitsleistung direkt mit betriebswirtschaftlichem Nutzen verknüpft ist, erfreut sich dieser Ansatz großen Interesses.  
 
Humusaufbau lohnt sich für alle!
Wolfang Abler, Geschäftsführer der Carbocert GmbH © CarbocertDas sagt auch das Landwirtepaar Manuela und Michael Reber vom Betrieb Innovative Landwirtschaft in Schwäbisch Hall Gailenkirchen. Die Rebers sind Vertragspartner der ersten Stunde bei CarboCert, einem Anbieter für Klimaschutzlösungen, dem fruchtbarer Boden ein großes Anliegen ist.
„Auf unseren schweren Tonböden haben wir schon vor zehn Jahren gemerkt", so Michael Reber, „dass die Klimaextreme stark zunehmen und wir mit unserem Wissen über den Boden an Grenzen gestoßen sind." Die intensive Suche nach neuem Wissen führte Reber 2014/15 zum sogenannten Bodenkurs im Grünen. In 5 x 2 Tagen lernte er nach eigener Aussage alles rund um das „System Boden": von der Bodenchemie (alles rund um die Nährstoffe, die ein Boden für die Ernährung gesunder Pflanzen braucht) über die Bodenphysik (die „Struktur" des Bodens) bis hin zur Bodenbiologie. „Ganzheitliche Zusammenhänge und nicht nur die einzelnen Bausteine zu verstehen, brachte mir enorme Erkenntnisse", erklärt der Landwirt begeistert, „und es zeigte mir, wie wenig ich darüber wusste, obwohl ich mich als Bauer schon seit über 30 Jahren damit beschäftige!"
 
Seither setzen die Rebers das System der sogenannten „Regenerativen Landwirtschaft" ein, um die Bodenfruchtbarkeit zu verbessern (zu regenerieren). Die Folge: sie brauchen weniger (mineralische) Düngung, weniger (chemischen) Pflanzenschutz und erkennen ihre Handlungsmöglichkeiten im Kampf gegen den Klimawandel.
 
Aller Anfang ist schwer
Das Problem ist nach Ansicht von Reber jedoch die „Investitionsphase". Das sind die Startjahre, in denen Landwirte viel Sorgfalt in ihre Böden stecken müssen: mehr und andere Bodenuntersuchungen, vielfältigere Zwischenfrüchte, also Kulturen, die zwischen zwei sogenannten Hauptkulturen stehen, und andere Bodenbearbeitungstechniken. Nach 5-7 Jahren Investition sollte sich nach ersten Erkenntnissen von Carbocert der Boden soweit verbessert haben, dass stabilere Erträge mit weniger Input entstehen. Das Problem ist dabei die oftmals zu kurze Laufzeit von Flächenpachtverträgen, die kürzer sind als diese Investitionsphase.
 
„Der Zertifikatehandel mit CarboCert gibt uns bei erfolgreichem Humusaufbau einen Teil der höheren Aufwendungen in der Investitionsphase wieder zurück. Das macht das Ganze sehr viel leichter, auch um zu experimentieren und in neue Technik zu investieren. Für uns war das Neuland und ein Risiko, aber wir waren davon überzeugt, dass wir das schaffen können, darum haben wir daran teilgenommen. Wenn wir nun nachgewiesenermaßen den CO2-Ausstoß eines mittelgroßen PKWs mit rund 20.000 Kilometern Laufleistung pro Jahr auf einem Hektar kompensieren, dann sind wir da schon ein bisschen stolz darauf!", erklärt Manuela Reber selbstbewusst.
 
Humusaufbau ist aber mehr als CO2-Speicherung: Er verbessert die Wasserspeicherfähigkeit des Bodens, vermindert Erosion, stabilisiert lokale Wasserkreisläufe und die dauerhaft bewachsenen Flächen haben gerade in heißen Sommern eine wichtige Kühlungsfunktion. Der Nutzen für die Gesellschaft ist also sehr vielfältig, darum halten es die Rebers für fair, dass sich ihr Engagement ein Stück weit über den Zertifikate­handel refinanziert.

Dieser Artikel ist in forum 01/2021 - SOS – Rettet unsere Böden! erschienen.



     
        
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