Umwelt | Wasser & Boden, 01.03.2021
Finanzmarkt fordert Humusaufbau
Bauern stärken – Lieferketten sichern
Humusaufbau und -erhalt sind aus zwei Gründen wichtig: erstens um CO2-Emissionen
aus der Landwirtschaft zu reduzieren, also einen Beitrag zum
Klimaschutz zu leisten. Zweitens, um die Resilienz der Landwirtschaft zu
erhöhen und damit Agrarstandorte und letztendlich deren Lieferfähigkeit
im sich ändernden Klima zu sichern. Um die Leistung der Landwirte im
Aufbau und Erhalt von Humus zu honorieren, hat sich in den letzten
Jahren ein Verfahren etabliert: die so genannten lokalen
Emissionszertifikate.
Vorreiter Österreich
Die Ökoregion Kaindorf in Österreich war hier
vor circa zehn Jahren ein Vorreiter. Inspiriert von dieser Arbeit, haben
sich weitere Akteure im deutschsprachigen Raum auf den Weg in Sachen
Humus gemacht. Soil & More Impacts (SMI) etwa hat gemeinsam mit den
regionalen Biomessen in Deutschland ein ähnliches Konzept entwickelt.
Ziel war es, die Emissionen der Messen durch Humusaufbau auf Biohöfen in
Deutschland auszugleichen. Das Projekt startete 2014 mit Bodenproben.
Nach fünf Jahren wurden die Flächen erneut beprobt. Daraus hat sich
ergeben, dass dank der Maßnahmen weit mehr CO2 gebunden werden konnte, als SMI beim Projektstart konservativ modelliert hatte. „Auch wenn es noch viel Verbesserungspotenzial
gibt", erklärt Tobias Bandel, Geschäftsführer von SMI, „konnten wir
zeigen, dass so ein Projekt funktioniert. Die Modelle erwiesen sich als
richtig und so entsteht für Landwirt*innen quasi kein Risiko."
Mittlerweile haben sich dem Projekt zusätzlich
zu den Biomessen weitere Unternehmen angeschlossen. Insgesamt konnten
seit Projektbeginn auf den vier teilnehmenden landwirtschaftlichen
Betrieben knapp 20.000 Tonnen CO2 gebunden und dafür 300.000 Euro Honorar ausgezahlt werden.
Kompensation in der Lieferkette
Diesem Prinzip folgend, hat SMI einen
„Insetting-Ansatz" für Unternehmen entwickelt und umgesetzt. Hier geht
es darum, die eigene Produktion oder die gesamte Produktpalette CO2-neutral
zu vermarkten – soweit wie möglich kompensiert mithilfe der Landwirte,
die die jeweiligen Rohstoffe anbauen. Das ist nicht zwingend ein
geografisch regionaler Ausgleich, aber dennoch direkt in der eigenen
Wertschöpfungskette. Dieser Ansatz ist eine attraktive Möglichkeit für
Unternehmen der Lebensmittel- und Agrarbranche, mehrere Themen
gleichzeitig anzugehen:
-
1) Authentischer Emissionsausgleich in der eigenen Lieferkette, ohne Umweg über den Emissionshandel.
-
2) Sicherung der Klimaresilienz der Lieferbetriebe und damit Erhöhung der eigenen Rohstoffsicherheit. Der CO2-Preis ist somit nicht eine Kostenstelle im Nachhaltigkeitsbudget, sondern eine strategische Investition in die Beschaffungssicherheit.
-
3) Erhöhung der Kreditwürdigkeit, denn die Beschaffungssicherheit wird zunehmend auch von Finanzmarktakteuren bei der Kreditvergabe als neue Anforderung an das Beschaffungsrisiko-Managementsystem gefordert. Humusaufbau senkt in diesem Kontext ökonomische Risiken für den eigenen Betrieb und in der Beschaffung der Rohstoffe.
Da hier Nachhaltigkeitsleistung direkt mit
betriebswirtschaftlichem Nutzen verknüpft ist, erfreut sich dieser
Ansatz großen Interesses.
Humusaufbau lohnt sich für alle!
Das sagt auch das Landwirtepaar Manuela und
Michael Reber vom Betrieb Innovative Landwirtschaft in Schwäbisch Hall
Gailenkirchen. Die Rebers sind Vertragspartner der ersten Stunde bei CarboCert, einem Anbieter für Klimaschutzlösungen, dem fruchtbarer Boden
ein großes Anliegen ist. „Auf unseren schweren Tonböden haben wir schon
vor zehn Jahren gemerkt", so Michael Reber, „dass die Klimaextreme
stark zunehmen und wir mit unserem Wissen über den Boden an Grenzen
gestoßen sind." Die intensive Suche nach neuem Wissen führte Reber
2014/15 zum sogenannten Bodenkurs im Grünen. In 5 x 2 Tagen lernte er
nach eigener Aussage alles rund um das „System Boden": von der
Bodenchemie (alles rund um die Nährstoffe, die ein Boden für die
Ernährung gesunder Pflanzen braucht) über die Bodenphysik (die
„Struktur" des Bodens) bis hin zur Bodenbiologie. „Ganzheitliche
Zusammenhänge und nicht nur die einzelnen Bausteine zu verstehen,
brachte mir enorme Erkenntnisse", erklärt der Landwirt begeistert, „und
es zeigte mir, wie wenig ich darüber wusste, obwohl ich mich als Bauer
schon seit über 30 Jahren damit beschäftige!"
Seither setzen die Rebers das System der
sogenannten „Regenerativen Landwirtschaft" ein, um die
Bodenfruchtbarkeit zu verbessern (zu regenerieren). Die Folge: sie
brauchen weniger (mineralische) Düngung, weniger (chemischen)
Pflanzenschutz und erkennen ihre Handlungsmöglichkeiten im Kampf gegen
den Klimawandel.
Aller Anfang ist schwer
Das Problem ist nach Ansicht von Reber jedoch
die „Investitionsphase". Das sind die Startjahre, in denen Landwirte
viel Sorgfalt in ihre Böden stecken müssen: mehr und andere
Bodenuntersuchungen, vielfältigere Zwischenfrüchte, also Kulturen, die
zwischen zwei sogenannten Hauptkulturen stehen, und andere
Bodenbearbeitungstechniken. Nach 5-7 Jahren Investition sollte sich nach
ersten Erkenntnissen von Carbocert der Boden soweit verbessert haben,
dass stabilere Erträge mit weniger Input entstehen. Das Problem ist
dabei die oftmals zu kurze Laufzeit von Flächenpachtverträgen, die
kürzer sind als diese Investitionsphase.
„Der Zertifikatehandel mit CarboCert gibt uns
bei erfolgreichem Humusaufbau einen Teil der höheren Aufwendungen in der
Investitionsphase wieder zurück. Das macht das Ganze sehr viel
leichter, auch um zu experimentieren und in neue Technik zu investieren.
Für uns war das Neuland und ein Risiko, aber wir waren davon überzeugt,
dass wir das schaffen können, darum haben wir daran teilgenommen. Wenn
wir nun nachgewiesenermaßen den CO2-Ausstoß
eines mittelgroßen PKWs mit rund 20.000 Kilometern Laufleistung pro
Jahr auf einem Hektar kompensieren, dann sind wir da schon ein bisschen
stolz darauf!", erklärt Manuela Reber selbstbewusst.
Humusaufbau ist aber mehr als CO2-Speicherung:
Er verbessert die Wasserspeicherfähigkeit des Bodens, vermindert
Erosion, stabilisiert lokale Wasserkreisläufe und die dauerhaft
bewachsenen Flächen haben gerade in heißen Sommern eine wichtige
Kühlungsfunktion. Der Nutzen für die Gesellschaft ist also sehr
vielfältig, darum halten es die Rebers für fair, dass sich ihr
Engagement ein Stück weit über den Zertifikatehandel refinanziert.
Dieser Artikel ist in forum 01/2021 - SOS – Rettet unsere Böden! erschienen.
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