Peter John Mahrenholz

Weltrettung als Gesellschaftsvertrag

Peter John Mahrenholz sieht in der Gestaltung des überfälligen Wandels eine vornehme Aufgabe für das Marketing

Marketing soll die Welt retten? Super, endlich mal was Nützliches! Also: Wer genau macht das jetzt? Unternehmen, Institutionen und die Ideengeber und Entscheider darin. Die zumindest zeichnen wir hier aus. Wir loben sie dafür, dass sie in ihrer Arbeit Gemeinschaftsbezug zeigen. Und wir erwarten das zu Recht.
 
Die Gemeinschaft als Rahmen 
© Marketing For FutureUnternehmen existieren nicht in einem parallelen Wirtschaftskosmos, sondern sind Teil einer Gemeinschaft, ohne die unternehmerisch nichts gedeihen kann. Die Gemeinschaft stellt Arbeitskräfte sowie Absatzmärkte und bietet über ihre Institutionen Mehrwerte von Ausbildung bis Rechtsschutz. Und so, wie wir erwarten, dass Unternehmen die Gemeinschaft durch faires Steuerzahlen unterstützen, so erwarten wir, dass auch im Handeln selbst ein Gemeinschaftsbezug erkennbar wird. Die omnipräsenten Diskussionen über CSR, über Nachhaltigkeit, über Corporate Citizenship und Purpose zeugen von einem neuen Verständnis: Unternehmen schließen mit den Gemeinschaften, in denen sie agieren, quasi implizite Verträge.
 
Implizite Verträge als Interessenausgleich 
Der Deal ist einfach: Respektiere unsere Werte und Bedürfnisse, dafür kaufen wir gerne, vielleicht sogar teurer, Deine Produkte! Wir sind auch bereit, bei Dir zu arbeiten. „Läuft", sagt das Unternehmen, und „wenn Du mir versprichst, dabei motiviert und engagiert zu sein, dann lege ich sogar noch Müsli und Mobilitätszuschuss drauf". Marketingtypisch entsteht eine fruchtbare Austauschbeziehung. Camp- Unternehmen und Camp-Gemeinschaft vergessen ihre Differenzen, bauen quasi ein gemeinsames Dorf in neuer Harmonie. Tatsächlich ist der Interessenausgleich ein machtvolles Instrument. Auch die besten und glaubwürdigsten Beispiele nachhaltigen Marketings basieren exakt darauf. Sie sind Beispiele eines umfassenden und tiefen Marketingverständnisses. Sie verlassen die reine Absatzförderung, adressieren auch die Ebene von Produkten und Geschäftsmodellen. In der daraus folgenden Aufhebung von Interessengegensätzen und strategischen Zielkonflikten liegt die transformative Kraft eines „Gesellschaftsvertrags des Guten".
 
Das Individuum als Problem 
Also: Unternehmen halten sich an unseren Gesellschaftsvertrag und die Welt kann gerettet werden. Aber Unternehmen und Gemeinschaft sind keine selbsthandelnden Akteure! So wie Entscheider für die Unternehmen handeln, so konstituieren sich Werte und Wert der Gemeinschaft erst aus kollektiven Überzeugungen und Verhalten ihrer Individuen. Und hier gibt es Probleme. Denn ein 2-Tonnen-Auto mit 700 PS durch die Stadt zu fahren ist auch mit Elektroantrieb am Ende nicht nachhaltig. Genauso wenig die Fahrt im ÖPNV zum Flughafen. Der progressive Touch des Salats vom regionalen Biobauern verblasst beim Barbecue neben dem klassischen Status eines eineinhalbpfündigen T-Bones aus Argentinien. Die Avocado daneben ist urbanes Trendfood genauso wie ökologisches Trauerspiel. Meint die Gesellschaft es ernst mit dem Klima?
 
Klimaschutz als moralisches Dilemma 
Geben wir zu: Unser Wissen um den katastrophalen Klimawandel ist deutlich ausgeprägter als unsere Bereitschaft zur Verhaltensänderung. Sollen doch die anderen was tun! Wenn wir aber von Unternehmen verlangen, in einen neuen Gesellschaftsvertrag einzutreten, dann müssen wir ihn auch selbst unterschreiben. Eine freiwillige Selbstbindung als Moralsetzung im Sinne des Kant’schen Imperativs. OK — den Bezug zur menschlichen Verhaltensökonomik haben wir jetzt verlassen. Stellen wir ihn her! Informieren wir! Motivieren wir, die Welt als Ergebnis eigenen Handelns zu begreifen und überfälligen Wandel jetzt zu gestalten! Das ist eine vornehme Aufgabe für das Marketing. Weltrettung inklusive.

Peter John Mahrenholz ist Gründer und Partner von Das 18te Kamel & Komplizen. Der ehemalige Strategiechef von Jung von Matt zählt zu den profiliertesten Marken- und Kommunikationsstrategen Deutschlands und hat als Jury-Präsident maßgeblich zum Erfolg der Marketing for Future Awards beigetragen.

Dieser Artikel ist in forum 03/2020 - Digitalisierung und Marketing 4 Future erschienen.

Weitere Artikel von Peter John Mahrenholz:

CXR
Die Neuerfindung der CSR
Das neue Konzept der CXR gibt wirklich verantwortlichem Handeln eine zentrale Rolle, denn es fördert die Unternehmenstransformation und stärkt die Wettbewerbsfähigkeit.




     
        
Cover des aktuellen Hefts

Zukunft braucht Frieden

forum 02/2026

  • Militär & Märkte
  • Grüner Wasserstoff
  • Moorschutz als Invest
  • ESG loves KI
Weiterlesen...
Kaufen...
Abonnieren...
28
APR
2026
BootCamp Impact Business Design
Zertifizierter Impact Business Design Master
Köln
21
MAI
2026
Munich Impact Night
Ein Abend ist für alle, die die Zukunft noch nicht aufgegeben haben
81379 München
20
JUN
2026
Woche des Wasserstoffs 2026 (#WDW2026)
Wasserstoff verbindet
deutschlandweit
Alle Veranstaltungen...
forum goes international! Download the international edition for forum free of charge.
Anzeige

Der Mittelstand im ESG-Dschungel. Sie müssen nicht alles machen. Sie müssen nur wissen, was.

Sie erhalten einen klaren Fahrplan: was jetzt zu tun ist, was Sie auf dem Schirm behalten sollten und was Sie getrost ignorieren können.

Politik

Gute Politik bedient nicht Partikularinteressen
Christoph Quarchs Überlegungen zum Wahlsonntag
B.A.U.M. Insights
Hier könnte Ihre Werbung stehen! Gerne unterbreiten wir Ihnen ein Angebot

Jetzt auf forum:

Circular Economy stärkt Wettbewerbsfähigkeit

Engagement gegen Desinformation

Gastfreundschaftslektionen aus Südtirol

Selbstwirksamkeit statt Geldtabu

The Virgin Islands Climate Change Trust Fund Launched with Global Audience at GSIS 2026

Neues Buch "Enkelfähigkeit® & ihre Perspektiven"

Tipps zur Installation einer Balkon-Solaranlage für Anfänger

Ausbau erneuerbarer Energien

  • Futouris - Tourismus. Gemeinsam. Zukunftsfähig
  • Engagement Global gGmbH
  • TÜV SÜD Akademie
  • WWF Deutschland
  • 66 seconds for the future
  • Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V. (BNW)
  • ZamWirken e.V.
  • World Future Council. Stimme zukünftiger Generationen
  • SUSTAYNR GmbH
  • Protect the Planet. Gesellschaft für ökologischen Aufbruch gGmbH
  • Global Nature Fund (GNF)
  • Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG
  • BAUM e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften
  • circulee GmbH
  • NOW Partners Foundation
  • DGNB - Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen