Katja Zanger
Umwelt | Klima, 31.08.2020

Netto-Null

Ist unkonventioneller Klimaschutz der einzige Ausweg?

Bis 2050 kein Zuwachs an Treibhausgasen in der Atmosphäre – dieses ehrgeizige Ziel ist nur mit Hilfe hochtechnologischer Verfahren zur Abscheidung von CO2 aus der Atmosphäre erreichbar. Das sagt eine neue Studie aus Berlin. Gibt es wirklich keine Alternative?
 
Nationale geologische CO2-Speicher- bzw. Lageroptionen. © Wuppertal InstitutIm EU-Entwurf zur Klima-Langfriststrategie wurde verankert, dass bis zum Jahr 2050 der Zuwachs an CO2 und anderen Treibhausgasen in der Atmosphäre auf dem Gebiet der Europäischen Union auf Null abgesenkt werden soll. Dieses sogenannte Netto-Null bedeutet, dass es zwar weiterhin Emissionen geben wird, denn besonders in der Stahl- und Zementproduktion, beim Flugverkehr und in der Landwirtschaft lassen sie sich nicht vermeiden. Um diese Restemissionen jedoch auszugleichen, müssen Verfahren zum Einsatz kommen, die CO2 aus der Atmosphäre entfernen. So argumentiert zumindest die im Mai dieses Jahres veröffentlichte Studie „Unkonventioneller Klimaschutz" der Stiftung Politik und Wissenschaft. Deren Autoren Oliver Geden und Felix Schenuit gehen der Frage nach, auf welche Weise „unkonventioneller Klimaschutz" als neuer Ansatz in die EU-Klimapolitik integriert werden kann.

Was ist unkonventioneller Klimaschutz?
Der konventionelle Klimaschutz, der auf Vermeidung und Verringerung von Emission setzt, wird vom unkonventionellen Klimaschutz unterschieden. Bei letzterem geht es darum, der Atmosphäre CO2 zu entziehen. Es stehen dazu verschiedene natürliche Methoden zur Diskussion, an erster Stelle die Aufforstung von Waldgebieten. Weitere Möglichkeiten könnten die Anreicherung von Böden mit CO2, die Ausbringung spezieller Steinmehle in Böden und Ozeane oder die Düngung der Ozeane zur Förderung des Planktonwachstums bieten. Alle diese Verfahren haben Vor- und Nachteile. Alle gemeinsam, davon gehen die Autoren der Studie aus, können der Atmosphäre nicht genug Kohlendioxid entziehen, um die Restemission auszugleichen. Deshalb kommen Verfahren ins Spiel, die CO2 aus der Luft entfernen.

CO2 bleibt CO2
Eine Möglichkeit ist, die Produktion von Energie aus Biomasse direkt mit der Abscheidung von Kohlendioxid zu kombinieren. „Da Biomasse während ihres Wachstums CO2 bindet, ist die Kombination beider Prozesse gleichbedeutend mit einer Netto-Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre", heißt es in der Studie. Die Autoren weisen aber darauf hin, dass diese Entnahmestrategie in Konflikt mit der Nahrungsmittelproduktion und der Biodiversität steht, da die benötigten schnellwachsenden Pflanzen in Monokulturen angebaut werden.
 
Ein technologisches Verfahren ist die Direktabscheidung von CO2. Mittels chemischer Prozesse wird es aus der Umgebungsluft gefiltert und kann dann weiterverarbeitet oder gespeichert werden.
 
Doch hier beginnt die Problematik beider Verfahren. Nur ein kleiner Teil des abgeschiedenen Kohlendioxids kann genutzt werden, z.B. zur Produktion synthetischer Treibstoffe oder als Rohstoff in der (Getränke-)Industrie. Doch auch hier landet das CO2 früher oder später wieder in der Luft. Um es aus der Atmosphäre zu verbannen, müsste es also dauerhaft gespeichert werden – in geologischen Formationen und in den Böden der Ozeane. Das CCS (Carbon Capture Storage) genannte Verfahren würde damit die unterirdische Speicherung riesiger Mengen risikobehafteter Gase auf unabsehbare Zeit und in wachsendem Umfang bedeuten.

Aus den Augen, aus dem Sinn
Geden und Schenuit sehen darin die Lösung der Treibhausgasproblematik und stellen in ihrer Studie fest: „Mittelfristig wird die EU nicht umhinkommen, technologische Senken in ihre Klimapolitik zu integrieren." Auf die Nachteile und Gefahren dieser Verfahren gehen sie nur am Rande ein. Unbeantwortet bleibt bei ihnen die Frage, wie es zum Paradigma der Nachhaltigkeit passt, kommenden Generationen Unmengen an Kohlendioxid in unterirdischen Speichern zu hinterlassen. Dies mögen Ursachen dafür sein, dass sich EU-Gremien mit konkreten Plänen und Vorgaben zur Integration des unkonventionellen Ansatzes in die europäische Klimapolitik noch zurückhalten und eine Debatte um die CO2-Entnahme-Methoden vermieden wird. Gleichzeitig wird jedoch auf ihre Notwendigkeit verwiesen und es werden schon Forschungsgelder bereitgestellt...
 
Katja Zanger ist studierte Medienwissenschaftlerin und lebt in Berlin. Ihre Interessen sind weit gestreut. Film, besonders der Dokumentarfilm, und Musik gehören dazu. Journalistisch arbeitet sie zu den Themen Umweltschutz und Nachhaltigkeit.

Dieser Artikel ist in forum 03/2020 - Digitalisierung und Marketing 4 Future erschienen.



     
        
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