Mit Experten kann man kein Land regieren!

Christoph Quarch fordert, die Entscheidungen wieder dahin zu verlagern, wo sie hingehören: ins Parlament.

Die Infektionszahlen steigen und die Regierenden antworten mit neuen Maßnahmen. Zwar redet man nicht von einem neuen Lockdown, doch in der Sache läuft es auf eben diesen hinaus. Nun hofft man, dass die Bevölkerung das neue Maßnahmen-Paket akzeptiert. Unser Philosoph Christoph Quarch ist sich da nicht so sicher. Er bemängelt schon seit längerem die Kommunikation seitens der Regierenden. Und er meint, nun habe sie einen Tiefpunkt erreicht.
 
© Tumisu, pixabay.comHerr Quarch, wo klemmt’s?
Überall. Man hat zunehmend den Eindruck, von der Politik geschulmeistert zu werden. Karl Lauterbach erscheint wie ein Bußprediger, der seiner zunehmend genervten Gemeinde dauernd „Kehret um!" zuruft. Auch die Kanzlerin kann immer schlechter die Pastorentochter verheimlichen und verkündet in salbungsvollen und dabei völlig unempathischen Worten den ökonomischen Todesstoß für ganze Wirtschaftszweige – meinen eignen auch, by the way. 
 
Und wenn Herr Altmeier gravitätisch verkündet, man wolle den betroffenen Branchen Nothilfen gewähren, dann setzt sich darin nur der gleiche unerträglich paternalistische Duktus fort. Zumal es keine valide Begründung für die neuen Maßgaben gibt - außer der Merkelschen Nebelkerze, ein nationaler Gesundheitsnotstand sei zu vermeiden. Akzeptanz gewinnt man dadurch nicht.

Aber große Teile der Bevölkerung verlangen nach schärferen Regeln.
Ich wüsste gerne, von wem hier die Rede ist. Ich vermute, vor allem von der Generation Ü-65, die ökonomisch am wenigsten betroffen ist. Aber bei all denen, die irgendwie sehen müssen, wie sie ihr Geschäft am Laufen halten, deren Kinder langsam depressiv werden und die mit ihrer Arbeit gleichwohl dazu beitragen, dass die Wirtschaft nicht ganz kollabiert, erodiert die Akzeptanz. Sie glauben nicht, wie oft ich in den letzten Wochen gehört habe: Ja, haben die sich denn den Sommer über gar nichts überlegt? Ich teile diesen Eindruck. Mir scheint, in Berlin und in den Staatskanzleien der Länder hat man das Denken eingestellt.

Ein harter Vorwurf. Wie wollen Sie den begründen?
Ich habe keine Beweise, es ist mehr ein gefühlter Eindruck, der sich aber zunehmend bestätigt: Die politischen Verantwortlichen – genauso wie leider auch viele Medienleute -  sind in einem Tunnel gefangen. Sie starren nur noch auf Zahlen, rechnen, kalkulieren und holen sich Rat bei Experten, die allesamt den Tunnelblick haben. Bußprediger Lauterbach ist ein gutes Beispiel dafür. Experten sind eben Experten, sie sehen nur das, wofür sie Experten sind. Mit Experten kann man kein Land regieren. Der Blick fürs Ganze geht verloren. Man verzettelt sich im Relaunch alter Maßnahmen, obwohl sie die Lasten der Pandemie völlig ungerecht verteilen, und man versäumt dabei, über neue Wege und alternative Strategien nachzudenken, die die ohnehin schon Überstrapazierten entlasten.

Was wäre zu tun?
So viel, dass ich nicht weiß, wo ich beginnen soll. Das Wichtigste ist: Wir müssen das Virus aus den Köpfen bekommen und zu denken beginnen: Was wollen wir eigentlich? Gut, man sagt uns, wir wollen den Kollaps des Gesundheitssystems vermeiden. Wollen wir dafür wirklich den Kollaps unserer Kulturlandschaft in Kauf nehmen? Man sagt uns, wir müssen die Risikogruppen schonen? Warum wagt man es dann nicht, wie in Frankreich im Frühjahr Kontaktbeschränkungen für die Älteren einzuführen, damit die arbeitende Bevölkerung wieder ihre Arbeit machen kann? Vor allem: Wir brauchen den weiteren und offeneren Blick – den multiperspektivischen Blick, der das Ganze der Gesellschaft abdeckt. Die Entscheidungen müssen deshalb wieder dahin verlagert werden, wo sie hingehören: Ins Parlament. So lange man die Volksvertretungen nicht mitreden lässt, braucht man bei der Bevölkerung für die neuen Maßnahmen nicht auf Akzeptanz zu hoffen.
  
Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch
Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."

Hören Sie ihn persönlich im SWR-Podcast Frühstücks-QuarchLesen Sie mehr von ihm unter www.christophquarch.de
 
Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel".

Gesellschaft | Politik, 29.10.2020
     
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