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Greenwashing-Alarm

Wird die Finanzwirtschaft wirklich grün?

Ende Januar endete der Fondskongress in Mannheim, der wichtigste Treff der Finanzbranche in Deutschland. Wer über die Messe gegangen ist, der konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass plötzlich jede Fondsgesellschaft zu Nachhaltigkeit und zum Thema ESG etwas zu sagen hat, was dann auch gleich in einem käuflichen Produktangebot mündet…

Ein kritischer Kommentar von Volker Weber
Volker Weber ist Vorstandsvorsitzender des FNG – Forum Nachhaltige Geldanlagen e.V. und Vorstand für Nachhaltigkeit der Nixdorf Kapital AG. © Nixdorf KapitalTatsächlich hat die Fonds- und Finanzbranche ihr grünes Herz entdeckt, nachdem das Thema lange sehr stiefmütterlich, ja sogar von einigen ablehnend, behandelt wurde. Doch nun sind Nachhaltigkeit, ESG, Klimaschutz- oder SDG-Investment einige der am häufigsten verwendeten Begriffe auf die man hier stößt. Es stellt sich daher die Frage: Wie ernst ist es der Finanzwirtschaft mit der Nachhaltigkeit? Schnell taucht das Wort „Greenwashing" auf. Der Verdacht lautet: Nachhaltigkeit wird mehr unter Marketingaspekten denn als echtes Engagement betrieben. Dies untermauert auch der Marktbericht des Forums Nachhaltige Geldanlage (FNG), demzufolge der Markt für nachhaltige Fonds in Deutschland gerade mal bei knapp 5 Prozent des Gesamtvolumens angekommen ist. Da bleibt noch viel Luft nach oben.

There is no business but show business 
Dieses plötzliche Interesse der Fondsindustrie war allerdings absehbar und folgt einfach den Gesetzen des Marktes. Die Steigerungsraten der grünen Geldanlagen in den vergangenen zwei Jahren von mehr als 40 Prozent wecken Begehrlichkeiten bei den Anbietern. Gleichzeitig setzt die öffentliche Debatte um Generationengerechtigkeit und Klimawandel auch die Finanzbranche immer mehr unter Druck. Dieser Druck steigt seit 2015 kontinuierlich an, so dass Nachhaltigkeit zumindest in den Prospekten zum Mainstream wird und jeder Anbieter ganz schnell dabei sein will.  Doch was ist Grundlegendes passiert und woher kommt der Gesinnungswandel der Finanzindustrie? Drei Großereignisse prägten das Jahr 2015 entscheidend und machten es zur Ausgangslage für den kometenhaften Aufstieg der Nachhaltigkeit im Finanzmarkt. 

  • Papst Franziskus veröffentlichte die Enzyklika "Laudato si", die sich vorrangig mit ökologischen Fragen beschäftigt und deren Lösung zu der größten Herausforderung für die Menschheit erklärte. 
  • Auf der Pariser Klimakonferenz (COP21) im Dezember 2015 beschlossen 195 Länder die erste umfassende und rechtsverbindliche weltweite Klimaschutzvereinbarung mit dem langfristigen Ziel, den Anstieg der Durchschnittstemperatur weltweit auf deutlich weniger als 2 °C gegenüber dem vorindustriellen Stand zu beschränken und einen Temperaturanstieg von höchstens 1,5 °C anzustreben. Dabei wurde zum ersten Mal auch die bedeutende Rolle der Finanzwirtschaft bei der Erreichung dieses Zieles hervorgehoben.
  • Die Vereinten Nationen verabschiedeten die 17 Sustainable Development Goals (SDG).

Übrigens war 2015 auch das Jahr mit dem Volkswagen-Diesel-Skandal, auch Diesel-Gate genannt. Die meisten Nachhaltigkeitsfonds waren davon nicht betroffen, denn VW war da aufgrund mehrerer Nachhaltigkeitskriterien bereits seit Jahren ausgeschlossen. Die Vorreiter der nachhaltigen Finanzanalyse, die bei der Beurteilung eines Unternehmens auch auf die ökologische, soziale Nachhaltigkeit und die gute Unternehmensführung achten (ESG-Ansatz) hatten sich bereits über zwei Jahrzehnte eine guten Datenbasis aufgebaut, um solche Unternehmen herauszufiltern. Das funktionierte auch bei BP oder Tepco. Die Kursrutsche gingen an den guten Nachhaltigkeitsfonds somit vorbei.  

Die Regulierungswelle greift
2018 veröffentlichte die EU-Kommission ihren EU-Aktionsplan „Finanzierung nachhaltigen Wachstums" und setzte damit eine EU-weite und nationale Regulierungswelle für die Finanzindustrie in Gang. Diese geballte Intervention aus Politik und Regulierung holte die „Nachhaltigkeit im Finanzmarkt" aus der Nische. Und als auch noch die Deutsche Bundesbank in ihrem

Monatsbericht Oktober 2019 darüber berichtete, dass Anlagen in nachhaltige Produkte finanziell attraktiv sind, fiel das letzte Argument der bisher ultrakonservativen Banker – nämlich das Finanzrendite-Argument, weg. Der Druck auf die klassischen Finanzanbieter steigt seither permanent und wer sich nicht abhängen lassen will, muss ein nachhaltiges Produkt im Angebot haben. Die Marketing-Maschine wird angeschmissen und das Thema um jeden Werbepreis besetzt. Plötzlich sind alle irgendwie nachhaltig. Damit sind allerdings noch nicht zwangsläufig die Mitarbeiter in die neue Strategie und den Kurswechsel involviert worden, denn sonst hätte es auf der Messe nicht solche Antworten auf die Frage nach der Nachhaltigkeit gegeben: „Dazu können wir noch nichts Genaues sagen" oder „für diese Themen ist eine andere Abteilung zuständig."  

Einkaufen ist (zu) einfach
Beim schnellen Wechsel zur Nachhaltigkeit wird ein bekanntes Schema verwendet, wie man es auch aus anderen Branchen kennt: Was man in absehbarer Zeit nicht selbst schaffen kann, wird einfach dazugekauft. Know-How-Transfer findet in Supermarktmentalität statt. Nachhaltige Fonds werden geschluckt oder gar die Emissionshäuser übernommen, und schon verfügt man über eine ganz neue „Jahrzehntelange Expertise" in diesem Markt. Schnell werden dann noch die UN-Prinzipien für verantwortungsvolles Investieren (PRI) unterzeichnet und schon sind alle Vermögensanlagen nachhaltig. Etwas zu einfach, aber doch vorhersehbar: Einfaches „Window-Dressing" soll echtes Engagement vortäuschen. Jüngst hat sich nun selbst Larry Fink, Chef von BlackRock, geäußert und Nachhaltigkeit zum neuen Investmentstandard erklärt. Er sieht in diesem Thema eine grundlegende Umgestaltung der Finanzwelt. BlackRock bezeichnet sich als Pionier der Nachhaltigkeit, da sie seit 2015 (!) Daten zu Klimarisiken sammeln und bewerten. Man darf auf die Definition von Nachhaltigkeit von BlackRock gespannt sein.

Ablenkungsmanöver durchschauen
Doch es gibt auch andere Beispiele, wie davon abgelenkt werden soll, dass man nicht aus vollem Herzen in das Thema eingestiegen ist. Man bezeichnet Nachhaltigkeit als Bürokratiemonster, und au
ßerdem habe man das Thema „schon immer" in die Unternehmensanalyse integriert. Man schmückt sich mit Attributen wie „dauerhaft", „beständig" und „zukunftsfähig" und macht klar, Nachhaltigkeit bedeute letztlich nur einen langfristig finanziellen Erfolg. Somit wird suggeriert, dass man Nachhaltigkeit schon immer im Blick hatte, auch wenn man das nicht explizit so bezeichnet hat, und spielt damit ihre Bedeutung herunter. Durch diese „Kontra-Meinung" schafft man es auch immer wieder in die Öffentlichkeit auf Podiumsdiskussionen zu kommen und die Dringlichkeit zu verwässern. Große Vorsicht ist deshalb für Investoren angesagt, die verantwortlich handeln möchten. Der Mainstream der Finanzwirtschaft übernimmt die öffentliche Diskussion und drückt die bisherigen Vorreiter an die Wand. Natürlich ist es für den Erfolg und den Impact, den der Finanzmarkt im Hinblick auf die Bekämpfung des Klimawandels leisten kann, sehr wichtig, wenn die großen Asset-Manager die Nachhaltigkeit endlich in ihr Blickfeld nehmen. Eine echte Nachhaltigkeitswende bei BlackRock wäre zum Beispiel ein Klimaschutz-Meilenstein und würde den Boom am nachhaltigen Geldanlagemarkt weiter verstärken.
Doch wie kann der Investor die Spreu vom Weizen trennen?

Auf das Umfeld achten
Oft sind es schon Kleinigkeiten, die ein erstes Indiz für die Ernsthaftigkeit zum Thema Nachhaltigkeit dokumentieren. Da werden Produktunterlagen auf Hochglanzpapier und nicht auf umweltfreundlichem Papier aufgelegt. Plastikkugelschreiber als Giveaways überreicht. Dann wird womöglich hervorgehoben, dass man mit einem bestimmten Datenanbieter im Nachhaltigkeitsbereich zusammenarbeitet, erkundigt man sich aber nach der dahinterliegenden Nachhaltigkeitsstrategie, werden die Antworten schon lückenhaft. Ein weiteres Schlagwort ist Stimmrechtsausübung oder Engagement. Doch das ist eine Selbstverständlichkeit – haben doch Asset-Manager bisher auch schon auf Hauptversammlungen abgestimmt und sich in Finanzgesprächen mit dem Unternehmensmanagement besprochen – und es sagt nichts aus, ob das Engagement wirklich im Sinne der Nachhaltigkeit erfolgt. 

Erfahrene Anbieter in diesem Bereich, die wahren Pioniere, beschäftigen sich mit der Überprüfung von Qualitätssteigerungen und Impactmessungen. Mit dem Eurosif Transparenzkodex für Investmentfonds steht dafür ein europäischer Standard zur Verfügung, der für Klarheit bei der Definition der Nachhaltigkeit des Anlageproduktes sorgt. Seit 2015 verleiht das FNG das FNG-Siegel an nachhaltige Investmentfonds und prüft dabei neben bereits erwähnten Aspekten auch die Einhaltung eines Mindeststandards, der Investments in Kernkraft, Kohle oder Menschenrechtsverletzungen ausschließt. Daneben sollte sich der Investor immer auch die tatsächliche Nachhaltigkeitsstrategie des Produktanbieters anschauen. Es reicht da eben nicht, nur die PRI unterzeichnet zu haben. Meist sind die tatsächlich nachhaltig verwalteten Vermögen nur ein Bruchteil des Gesamtbestands.Doch die gute Nachricht zuletzt: Insgesamt ist es gut, dass sich die Finanzbrache nun auf Nachhaltigkeit eingelassen hat. Ein Umdenken setzt ein. Und am Ende wird es ernst.  

Volker Weber ist Vorstandsvorsitzender des FNG – Forum Nachhaltige Geldanlagen e.V. und Vorstand für Nachhaltigkeit der Nixdorf Kapital AG.


Wirtschaft | Marketing & Kommunikation, 10.02.2020

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