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Anton Schumann

Textilrecycling 4.0

Herausforderungen und neue Geschäftsmodelle

Die Textilbranche ist eine der größten Industrien der Welt und eine der schmutzigsten. Neue Arten des Recyclings sind unausweichlich. Interessante Geschäftsmodelle nehmen die Herausforderung an.

In der Tu?rkei und in China haben sich mittlerweile geschlossene Kreisläufe fu?r recycelte Baumwolle entwickelt. Wenn die Fasermischung zu 100 Prozent aus Baumwolle besteht, sind diese geschlossenen Kreisläufe kaufmännisch gut umsetzbar. © shutterstock, ImagincyIn der Tu?rkei und in China haben sich mittlerweile geschlossene Kreisläufe fu?r recycelte Baumwolle entwickelt. Wenn die Fasermischung zu 100 Prozent aus Baumwolle besteht, sind diese geschlossenen Kreisläufe kaufmännisch gut umsetzbar. © shutterstock, Imagincy
Ohne Frage: Recycling wird das dominierende Thema in der Textilindustrie der nahen Zukunft sein. Durch den weiterhin wachsenden Kleidungskonsum und neue Verwendungen von Textilien in vielen unterschiedlichen Bereichen wird es entscheidend sein, dass zirkuläre Technologien und Geschäftsmodelle entwickelt werden. Die Herausforderung besteht darin, dem Bedarf gerecht zu werden und dabei dennoch ressourcenschonend und kosteneffizient vorzugehen.

Fast Fashion verlangt von den Spielern im System Textil, sich mit den End-of-life-Szenarien ihrer Produkte zu beschäftigen. Die Verbraucher und gesetzliche Initiativen werden in den nächsten Jahren die Spielregeln dieser Industrie vehement verändern müssen.

Mitte der 90er-Jahre rückten die sozialen Standards der Textilindustrie in den Fokus der Wahrnehmung von Konsumenten. Entsprechend verschärfte sich die Gesetzgebung. Seit nunmehr zehn Jahren treten die ökologischen und ökonomischen Aspekte in den Blickwinkel von Behörden, Verbänden und der Konsumenten. Eindrucksvolle Beispiele wie der Film „The True Cost” von Andrew Morgan haben das Thema des ökologischen Fußabdrucks und der vielfach schädlichen Wirkungen der weltweit tätigen Textilindustrie mit einprägsamen Bildern transportiert.

Geschäftsmodelle an den Wandel anpassen
Textiler Rohstoff zur Wiederverwertung bei einem Mu?llverwerter in Sachsen. Laut dem Fachverband Textilrecycling liegt die Menge ­angesammelter Altkleidung in Deutschland bei circa 1,01 Millionen Tonnen. Das ist um ein Vielfaches höher als der inländische Bedarf. © shutterstock, Martin de JongTextiler Rohstoff zur Wiederverwertung bei einem Mu?llverwerter in Sachsen. Laut dem Fachverband Textilrecycling liegt die Menge ­angesammelter Altkleidung in Deutschland bei circa 1,01 Millionen Tonnen. Das ist um ein Vielfaches höher als der inländische Bedarf. © shutterstock, Martin de Jong
Geleitet durch diese Erkenntnisse entstehen in jüngster Zeit neue Verbandsstrukturen und Organisationen, die versuchen, Problemlösungen über die Wertschöpfungsketten hinaus zu entwickeln und verbindlich zu regeln. Der Konsument wird weitaus mehr in die Betrachtung einbezogen als bisher. Entscheidender ist aber vielmehr, dass die Industrie und ihre Akteure erkennen, dass sie durch neue Gesetzgebungen im Bereich des Recyclings ohnehin bald gezwungen sein werden, ihre Spielregeln und Entwicklungen anders zu gestalten.

Für eine solche Neugestaltung bedarf es sowohl technologischer als auch struktureller Veränderungen der Textilindustrie. Textilien und textiler Rohstoff sind in Masse vorhanden. Die Industrie hat sich in den vergangenen Jahren zur Hochleistung getrieben, schneller, billiger und effizienter zu produzieren, um alle Wünsche der Verbraucher zu erfüllen. Die Artikel wurden billiger und billiger. Angeheizt durch Fast Fashion sind Kleidungsstücke nicht mal mehr eine Saison lang beim Kunden in Gebrauch, bevor sie aussortiert oder weggeworfen werden.
Circular Economy Ansätze
Beschreibung/
Geschäftsmodell
Herausforderungen
Beispiele
Wiederverkauf
  • Sortierung und Aufbereitung sind Services, welche vom Kunden gezahlt werden müssen.
  • Geschäftsmodell muss Rendite erwirtschaften.
  • Sicherung der Qualität
  • Kosten der Aufbereitung
  • Werthaltigkeit des Produk­tes muss ausreichen für „ein zweites oder drittes” Leben.
Tauschbörsen
  • Sortierung und Aufbereitung sind Services, welche vom Kunden gezahlt werden müssen
  • Sicherung der Qualität
  • Kosten der Aufbereitung
  • Werthaltigkeit des Produk­tes muss ausreichen für „ein zweites oder drittes” Leben.
Thermische oder
kompostierende Verwertung
  • Renditedenken ist im Geschäftsmodell sekundär.
  • Ein steigender Anteil von synthetischen Fasern. Weitverbreitete Fasermischungen und teilweise erhebliche Belastung durch Farbstoffe und andere Chemikalien erschweren diese Art von Verwertung. Kreislaufkonzepte müssen schon bei der Produktgestaltung berücksichtigt werden.
Rückfluss in den textilen Kreislauf – Up- und Downcycling
  • sortenreines Recycling
  • nicht-sortenreines Recycling
  • Wiederaufbereitung
  • Trennung der Rohstoffe nach Fasern
  • Säuberung von Fremd­körpern und Verunreini­gungen für den industriellen Weiterverarbeitungsprozess

Neben dem Wiederverkauf und der kompostierenden beziehungsweise thermischen Verwertung entstehen derzeit neue Geschäftsmodelle und neue technologische Ansätze, um aus dem "Hausmüll Textil” durch Upcycling wieder neue, werthaltige Produkte zu entwickeln. Tauschbörsen und Secondhand-Plattformen, wie beispielsweise kleiderkreisel.de, etablieren sich im textilen Massenmarkt derzeit jedoch noch sehr zögernd.

In Tunesien hingegen entwickelte sich in den vergangenen Jahren eine eigene Industrie, welche die Aufbereitung von gebrauchter Kleidung und das anschließende Inverkehrbringen profitabel umgesetzt hat. Ausrangierte, abgetragene Produkte aus Europa haben somit in Tunesien Arbeitsplätze geschaffen, indem Unternehmer den Rohstoff günstig aus dem europäischen Müll sammeln. In der Türkei und in China haben sich mittlerweile geschlossene Kreisläufe für recycelte Baumwolle entwickelt, welche sich auf die Verwendung von alten Textilien aus dem Hotel- und Krankenhausbereich konzentrieren. Wenn die Fasermischung zu 100 Prozent aus Baumwolle besteht, sind diese geschlossenen Kreisläufe kaufmännisch gut umsetzbar. Dennoch muss man anerkennen, dass diese Produkte gegenüber dem nicht-recycelten Garn immer noch durchschnittlich 20 Prozent teurer sind. Der Kunde muss diese Mehrkosten derzeit akzeptieren, wenn signifikante Verbesserungen in der Textilindustrie auch ökonomisch vertretbar bleiben sollen.

Die Herausforderungen im textilen Recycling
Die Hauptproblematik bleibt die Trennung der unterschiedlichen Fasermischungen. Für die Wiederverwendung von Textilien in Produktionsprozessen müssen die unterschiedlichen Rohstoffe erst voneinander getrennt werden, es sei denn, das neue Produkt verlangt nicht nach sortenreinen Faserkomponenten. Putzlappen und Dämmvliesstoffe sind hier die einfachsten und dankbarsten Produkte, die eine weitere und längere Verwendung von Textilen ermöglichen. Textilrecycling kann jedoch nur durch ausgeklügelte Geschäftsmodelle eine ernstzunehmende Position in der bestehenden Textilindustrie entwickeln. Das Hauptproblem bleibt bislang, dass die ursprünglichen Rohstoffe weitaus günstiger sind als die recycelten Alternativen.

Textilrecycling wird in der ökologischen und nachhaltigen Wirtschaft in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Es ist allerdings entscheidend, dass Geschäftsmodelle entwickelt werden, die sich gegen die derzeit noch konkurrenzlos günstigen Polyester- und Baumwollpreise im Garn, wie auch im Non-woven-Segment durchsetzen können. Wir produzieren immer mehr Textilien, welche vom Konsumenten viel zu kurz verwendet werden. Erst wenn durch neue Reglements oder durch andere Faktoren die Preise der nativen Stoffe teurer werden als die der aufbereiteten, kann sich recyceltes Textil in der Industrie fest etablieren.
 
Anton Schumann Der Textilingenieur und Master of Philosophy, Business Studies and Politics blickt auf mehr als 15 Jahre Erfahrung in der Textilindustrie zurück, insbesondere in den Bereichen Textilveredlung, Technische Textilien und Outdoor. Seine jüngsten Tätigkeiten führten ihn in die Bereiche Nachhaltigkeit, Technologieentwicklung und Geschäftsfeldinnovation. 

© Springer Gabler Verlag© Springer Gabler Verlag
Peter Heinrich
Nachhaltiges Management in der Bekleidungs- und Textilbranche

Dieses Buch liefert für die Bekleidungs- und Textilbranche einen fundierten Überblick über CSR-Strategien, CSR-Kommunikation und Managementprozesse. Der Herausgeber Peter Heinrich legt damit ein Kompendium vor, das Theorie und Praxis gekonnt verknüpft. Namhafte Wissenschaftler und Experten beleuchten Themen wie die textile Lieferkette, Managementinstrumente, Medienrelevanz und Kommunikation. Das Buch lebt von den Best Practice-Beispielen führender Markenhersteller und Organisationen aus verschiedenen Produktsegmenten wie Bremer Baumwollbörse, engelbert strauss, Greenpeace, GREIFF Mode, Hess Natur-Textilien, Jack Wolfskin, Lidl, MEY, PUMA, TEXAID, Textiles Bündnis, van Laak und VAUDE.

2018, 344 Seiten, deutsch
ISBN 978-3-662-57697-7
29,99 EUR
© Springer Gabler Verlag© Springer Gabler Verlag
Jana Kern, Alex Vogt
Der Guide für zukunftsorientiertes, verantwortungs-bewusstes Wirtschaftsdenken in der Modebranche / A guide to future-oriented, responsible economic thinking in the fashion industry

Das Buch Future. Fashion. Economics. interpretiert den Nachhaltigkeitsbegriff neu: Die Autoren Jana Kern und Alex Vogt verknüpfen Innovationsgeist mit neuen Denkmustern und entwerfen ein zukunftsorientiertes Bild der Mode- und Textilbranche. Anhand von Szenarien, Best-Practice-Beispielen, Dossiers und Experteninterviews zeigen sie aktuelle Entwicklungen auf und geben Empfehlungen für erfolgreiches, verantwortungsbewusstes Handeln.

2016, 208 Seiten, deutsch/englisch
ISBN 978-3-86641-316-0

Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 04/2018 - Frauen bewegen die Welt erschienen.



     
        
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