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Schokolade

Immer eine Sünde wert?

Schokolade ist lecker, hebt die Stimmung und gilt als eine süße Belohnung. Doch ein Großteil der in Deutschland und Österreich konsumierten Schokolade kommt nicht aus nachhaltiger Kakaoproduktion. Und auch bei „bio" und „fair" produziertem Kakao gibt es große Unterschiede. forum zeigt die gesamte Bandbreite von „geht gar nicht" bis zur „Champions League" in Sachen Schokoladengenuss.

© Andy Johnson, flickr.comKakao (Theobroma cacao) wächst nur bei mittleren Jahrestemperaturen von 22-25°C und Niederschlägen von etwa 2.000 Litern pro Quadratmeter. Längere Trockenzeiten übersteht er nicht. Das sind genau die Anforderungen, die auch tropische Regenwälder benötigen. Legt man eine Karte geeigneter Kakaoanbauflächen über eine Weltkarte, so überlagern diese sich fast vollständig mit den Gebieten ehemaliger und existierender tropischer Regenwälder. Damit sind schon zwei Probleme des Kakaohandels genannt. In Europa produzierten, regionalen Kakao – mit kurzen Lieferwegen – kann es nicht geben! Und: Der Kakaoanbau steht in unmittelbarer Flächenkonkurrenz zu den artenreichsten Ökosystemen der Erde. Schlecht für letztere, denn unser Hunger nach Kakao wächst kontinuierlich. Somit müssen immer mehr Regenwälder den Kakaoanbauflächen weichen. Verstärkt wird dieser Trend auch dadurch, dass in vielen Regionen der Erde gerade erst eine Mittelschicht entsteht, die unter anderem auch das will, was wir schon lange haben: Schokolade!

So konsumieren Chinesen bislang nur 70 g Schokolade pro Kopf und Jahr, verschwindend wenig im Vergleich zu den 7 kg, die jeder Europäer im Jahr verspeist, oder der 9,12 Kilogramm bzw. über 90 Tafeln Schokolade im Durchschnitt pro Jahr (Angaben des BDSI für 2017) die wir uns in Deutschland alljährlich zu Gemüte führen. Nimmt man die schokoladehaltigen Lebensmittel dazu sind es gar 11.2 kg. Doch die Lust auf Schokolade steigt nun auch in Asien rapide. So hat sich etwa der Schokoladenkonsum in China in den letzten 10 Jahren glatt verdoppelt. Schlechte Nachrichten also für Regenwälder. Allein in Ghana, nach der Elfenbeinküste der zweitgrößte Kakaoproduzent der Welt, hat die Zerstörung von Wäldern zwischen 2017 und 2018 um 60% zugenommen, hauptsächlich um Platz für weitere Kakaoplantagen zu schaffen. Schuld an dieser Entwicklung haben aber nicht nur die Konsumenten, die billige Schokolade en masse kaufen, Treiber dieser Entwicklung sind auch die miserablen Anbaumethoden in den Produktionsländern.
 
Schokohasen fressen Regenwälder
Das Grundproblem: Weltweit werden neue Kakaoplantagen häufig durch Brandrodung geschaffen, bei der hochproduktive und artenreiche Regenwälder in kürzester Zeit und für immer zerstört werden. Weil der Großteil der Nährstoffe in diesen Ökosystemen in der „stehenden Biomasse" und nicht in den Böden vorhanden ist, trügt die Annahme, dass hier lukrative Landwirtschaft in Monokulturen nachhaltig möglich ist. Trotz hohem Gift- und Kunstdüngereinsatz können solche Flächen oft nur wenige Jahre ertragreich bewirtschaftet werden. Um dennoch lukrativ zu sein, wird an der Kostenschraube gedreht: Die Ernte der begehrten Früchte erfolgt deshalb oft in Kinder- und/oder Sklavenarbeit. Allein in Ghana und der Elfenbeinküste arbeiten laut Südwind ca. 2,2 Millionen Kinder auf Kakaoplantagen. Damit weist kaum ein anderes Lebensmittel eine so große Diskrepanz zwischen „Genuss hier und Leid dort" auf.

Für die Bauern in den größten Kakaoproduktionsstandorten der Welt (Elfenbeinküste und Ghana) ist Kakao eine exotische Frucht, mit der sie wenig Erfahrung haben. Kaum steht die Monokultur, werden nach der Devise „viel hilft viel" Kunstdünger und Pestizide in großen Mengen ausgebracht. Weil viele Kleinbauern noch nicht einmal wissen, dass Kakao von Insekten bestäubt wird und am besten unter großen Schattenbäumen wächst, sind die Anbaumethoden oft haarsträubend. Ohne den für die Bestäuber (winzige Bartmücken) notwendigen Unterwuchs und die schattenspendenden Baumriesen kümmern die Kakaobäume dahin und liefern niedrige und oft kontinuierlich fallende Erträge. Bei uns wird aus diesem Kakao trotzdem – dank schöner Marketingdarstellungen – ein wunderbares „Traumprodukt". Schokohase, Weihnachtsmann und Chocolatier schmunzeln um die Wette, denn alles ist – angeblich – von höchster Qualität. In Wirklichkeit wird aus billigem Industriekakao mit jeder Menge Palmöl und viel Zucker eine Art „Todescocktail" aus und für tropische Regenwälder.

Fair oder fraglich?
Der lange Weg zum süßen Genuß: Viele Verarbeitungsschritte und große Sorgfalt in der Wertschöpfungskette sind nötig, um wirklich hochwertige Schokolade zu erhalten. (Quelle: REWE, Leitlinien Kakao)Die gute Nachricht: Es geht auch anders. Es gibt Bio-Kakao und fair gehandelte Schokolade. Doch auch hier gibt es große Unterschiede und einige Fragen. Wie viel besser kann man eigentlich Kakao produzieren und Schokolade herstellen? Lohnt sich das für Umwelt und Bauern? Kann man die Produkte dann überhaupt noch bezahlen? Die Antwort lautet: im Prinzip ja, aber...
 
Wie bei vielen anderen Produkten machen die meisten Produzenten auch bei Kakao erstmal eher kleine Schritte. Eine Vielzahl dieser Miniansätze wird vielfältig und öffentlichkeitswirksam kommuniziert. Beim Konsumenten kommt dadurch oft an, dass eigentlich alles gut ist. Alle geben sich doch Mühe und anders geht es eben nicht! Aber stimmt das wirklich?

Verfolgen wir deshalb die Wertschöpfungskette einer, mehr oder weniger, nachhaltig produzierten Tafel Schokolade: Manche Hersteller werben mit dem Pflanzen neuer Bäume. Das ist immer dann gut, wenn sie viele verschiedene Arten einheimischer Bäume pflanzen und dann dauerhaft schützen. Doch manchmal verbirgt sich hinter solchen Pflanzaktionen schlicht das Erneuern oder Ausweiten von Kakaoplantagen durch neue Kakaobäume, oft sogar in Monokultur. Eine Mogelpackung, die für den Konsumenten nicht einfach zu erkennen ist. Ein weiteres Problem: Bei mangelnder Pflege sterben neu gepflanzte Bäume häufig in kurzer Zeit wieder ab. Dann wird der mögliche positive Effekt einer solchen Pflanzaktion innerhalb weniger Wochen ins Gegenteil verkehrt, weil die absterbenden Bäume umgehend all das CO2 freisetzen, das sie in ihrem kurzen Leben gespeichert haben. Weil der Großteil des Kohlenstoffs zudem in Böden gespeichert ist, kann durch die Bodenbearbeitung im Rahmen der Pflanzaktion womöglich noch wesentlich mehr CO2 freigesetzt werden. In diesem Fall wird aus der kommunizierten Klimaschutzaktion ein fragwürdiger Marketinggag – Klimaschaden inklusive.
 
Ich war sehr beeindruckt, wie der gemeinsame Anbau mit anderen Bäumen und stickstoffbildenden Pflanzen Beikräuter vermeidet und den Boden feucht hält.
 

Legt man eine Karte geeigneter Kakaoanbauflächen über eine Weltkarte, so überlagern diese sich fast vollständig mit den Gebieten ehemaliger und existierender tropischer Regenwälder. Mehr als 75 Prozent der weltweiten Kakaoproduktion stammen aus Ghana und der Elefenbeinküste. (Quelle: REWE Group – Leitlinie für Kakaoerzeugnisse)Artenvielfalt bewahren: Kakaobaum und Regenwald Hand in Hand 
Von zentraler Bedeutung für die Artenvielfalt ist natürlich die Anbaumethode. Während artenreiche Agroforstsysteme einen wichtigen Beitrag zum Erhalt von Biodiversität und Ökosystemleistungen leisten – und Kleinbauern zudem zusätzliches Einkommen und eine gesunde Ernährung sichern, sind Monokulturen immer Treiber des Verlustes von Biodiversität. Das gilt auch dann, wenn sie biozertifiziert sind, denn eine Handvoll Arten ersetzt in Monokulturen ein großes Set an dort vorher existierenden Tieren und Pflanzen.

Weil die Biozertifizierung keinen Unterschied kennt zwischen Bio-Monokultur und Bio-Agroforstsystem können Kunden diesen entscheidenden Faktor nicht leicht erkennen. Champions League ist somit der aktive Regenwaldschutz, bei dem Flächen, die ansonsten keinen Schutzstatus haben, von Kakaobauern dauerhaft vor der intensiven Nutzung/Zerstörung bewahrt und extensiv für den Kakaoanbau genutzt werden. Kaum ein Schokoladenproduzent kann diesen hohen Standard für sich nachweisen. Monokulturen haben aber auch soziale und ökonomische Auswirkungen. Wer nur eine Art von „Cash Crop" anbaut, der muss alles andere zukaufen. Damit sind solche Kleinbauern plötzlich und „ungeübt" abhängig von Angebot und Nachfrage ihrer Grundnahrungsmittel. Oft ein sicherer Weg in die Armutsfalle. Soziale Aspekte spielen somit eine wichtige Rolle bei der Bewertung nachhaltiger Schokolade.
 
Wir gehen davon aus, dass Kinder- und Sklavenarbeit bei jedem, der sich Nachhaltigkeit auf die Fahne geschrieben hat, nicht in die Tüte bzw. Tafel kommen. Aber auch bei fairer Schokolade gibt es deutliche Unterschiede, was am Ende für den Kleinbauern übrigbleibt. In fast allen Fällen gilt: Kleinbauern verkaufen ihre Ernte an Intermediäre und müssen dabei große Abschläge durch die Einschaltung von bis zu acht Zwischenhändlern in Kauf nehmen. Dadurch sinkt der von ihnen erzielte Verkaufspreis – und das oft deutlich (in Westafrika laut Südwind auf 60 bis 70 Prozent des Weltmarktpreises). Selbst wenn sie Bio- und Fair-Trade Boni erzielen, stehen diese Bauern dann mit einem Erlös da, der unterhalb des Weltmarktpreises liegt. Und trotzdem steht auch auf solcher Schokolade am Ende „fair gehandelt".
 
Hier kommt das Schlagwort „Direct Sourcing", also das Ausschalten von Zwischenhändlern, ins Spiel. Das ist ein guter Ansatz, aber nur, wenn auch wirklich faire Preise bezahlt werden. Wer es bei der Aussage „wir kaufen direkt" belässt, dem sollten Konsumenten kritisch gegenüberstehen. Am besten einfach mal nachfragen, wieviel denn beim einzelnen Kleinbauern ankommt. Ebenso wichtig ist es für Kleinbauern, ob ihre Handelspartner „Produzententreue" zeigen, oder ob sie jede Ernte neu verhandeln. Wird keine dauerhafte Handelsbeziehung aufgebaut, stehen die Kleinbauern alljährlich in erneuter Konkurrenz miteinander. So können (Zwischen-) Händler einen Preisdruck zulasten der Kleinbauern aufbauen.
 
Wo ist die Wertschöpfung?
Immer wieder wird gefordert, einen größeren Teil der Wertschöpfungskette in den Ursprungsländern zu belassen. Das kann geschehen, indem man neben der üblichen Fermentation auch das Rösten, Schroten, Trocknen oder die Schokoladenproduktion vor Ort durchführt. Nur wenn lokal produzierte Schokolade aus artenreichen Agroforstsystemen stammt, bio-zertifiziert ist und nachweislich ein höheres Einkommen der Kleinbauern zur Folge hat, ist sie mit in Europa produzierter Schokolade in einer Art Nachhaltigkeitsranking überhaupt konkurrenzfähig. Die einfache Aussage „wir produzieren im Land", macht die Schokolade noch nicht fairer und nachhaltiger, ebenso wenig, wie ein billiges T-Shirt dadurch besser wird, dass es in einem Sweat-Shop in Pakistan hergestellt wurde. Weil Schokolade auch noch schmelzen kann, gilt es darüber hinaus zu bedenken, dass diese Schokolade ihren weiten Weg nach Europa in gekühlten Containern zurücklegen muss, was ihren ökologischen Fußabdruck noch einmal deutlich erhöht.
 
Unser Fazit
Auch bei bio&fair gehandelter Schokolade gibt es große Unterschiede in Qualität, Fairness und erreichtem Schutz tropischer Regenwälder. Wer möglichst alles richtig machen will, der wirft einen Blick auf unseren Schoko-Check. Ein gutes Beispiel: PERÚ PURO.
 

 
von Fritz Lietsch


Lifestyle | Essen & Trinken, 01.09.2019
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 03/2019 - Social Business beseitigt Plastik-Müll und schafft neue Jobs erschienen.
     
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