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Save the date: Dörte Eißfeldt – Wildniß

Kunstausstellung vom 19. September bis 22. November 2015 in der Alfred Ehrhardt Stiftung in Berlin

Eröffnung: Freitag, 18. September 2015 um 19 Uhr in Anwesenheit der Künstlerin
Eröffnungsrede: Dr. Christiane Stahl
 
Wildniß mit SZ geschrieben - mit Blick auf den Namen der Künstlerin vermutet man natürlich schnell Absicht. Und schon ist man über den Stolperstein gepurzelt und denkt über das Thema WILDNIS nach. Heute, im Zeitalter des Anthropozän, stellt sich die Frage, ob es eine vom Menschen unberührte Natur, eine echte Wildnis überhaupt noch gibt? Oder ob nicht alle Wildnisgebiete eigentlich anthropogen beeinflusste Kulturlandschaften sind?
 
Dörte Eißfeldt, Grizzly # 2, 2014, Pigmentdruck auf Silbergelatine-Barytpapier, © Dörte Eißfeldt Eine Gruppe von 200 Experten der Naturschutzorganisation Conservation International hat errechnet, dass 2002 noch 46 % der irdischen Landoberfläche aus unberührter und damit schützenswerter Wildnis bestand, wobei der größte Anteil in Fels-, Eis- oder Wüstenregionen liegt, die ohnehin nicht besiedelt werden können. Betrachtet man nur die bewohnbaren Regionen, sind noch rund 25 % wild. Aber die Maßstäbe für Wildnis sind unterschiedlich und die verschiedenen Organisationen kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Nach National Geographic waren 2008 noch 17 % der eisfreien Erdoberfläche (inkl. der Meere) ohne Anzeichen menschlichen Tuns, während die International Union for the Conservation of Nature lediglich 10,9 % „relativ unberührte Natur" errechnet hat (Stand 2003).
 
In Dörte Eißfeldts Serien Redwood, Grizzly und Fog Drip geht es um jene Gebiete der Vereinigten Staaten, in denen Mammutbäume anzutreffen sind. Der in der Sierra Nevada vorkommende Redwood (Sequoiadendron giganteum), der Riesenmammutbaum, kann eine Wuchshöhe von bis zu 95 Meter und einen Stammdurchmesser an der Basis von bis zu 17 Meter und ein Gewicht von 1500 Tonnen erreichen. Als größter lebender Baum gilt der General Sherman Tree mit einem Stammvolumen von 1487 Kubikmetern. Die ältesten Exemplare sind über 2500 Jahre alt. Mammutbäume existierten bereits vor 250 Millionen Jahren, also lange bevor die Dinosaurier ausgelöscht wurden. Der Verwandte der Redwoods, der in den Küstengebieten Nordkaliforniens und im Süden Oregons heimische Küstenmammutbaum (Sequoia sempervirens), ist zwar nicht ganz so massereich, kann aber dafür bis zu 115 Meter hoch wachsen, wie der Baum Hyperion. Bis zu den 1960er Jahren wurden binnen 100 Jahren rund 90 % der Bestände großflächig eingeschlagen für den Bau von Häusern, Eisenbahnschwellen, Schiffsplanken und Bergminen. Auch nach Gründung der wichtigsten State und National Parks 1968 mit rund 50 % des gesamten verbliebenen Bestandes ging die Nutzung weiter. Heute existieren 97 % vom ursprünglichen Bestand dieser Baum-Giganten nicht mehr. Und auch die restlichen 3 % sind nicht in Gänze geschützt.
 
Über die Entdeckung der Redwoods wird von James Mason Hutchings berichtet, der 1849 im Sog des Goldrauschs nach Kalifornien gekommen war, dann aber das Gold sein ließ, um Bücher über seine Reisen zu schreiben. In seinem bekanntesten, Scenes of Wonder and Curiosity in California, erzählt er die Geschichte der Entdeckung dieser Riesen. Mr. Augustus Dowd, der bei der Union Water Company in Murphy‘s Camp im Calaveras County als Jäger beschäftigt war und für frisches Wildbret zu sorgen hatte, schoss eines Tages im Frühjahr 1852 einen Grizzlybären an und verfolgte das Tier tief ins Unterholz, um es ganz zu erlegen. Vollkommen unvorbereitet stand er plötzlich einem Ungeheuer gegenüber. Es war ein ungeheuer riesiger Baum, ein giant sequoia tree. Der Grizzly war entwischt, dafür hatte er einen sehr viel größeren Grizzly entdeckt, einen hölzernen Riesen. Der Baum, der den Namen Discovery Tree erhielt, wurde unverzüglich gefällt, nur um zu beweisen, dass man den Riesen bezwingen konnte. Auf dem abgehobelten Baumstumpf fanden 32 Tänzer Platz, die darauf Kotillon tanzten. Der Stumpf kann heute noch im North Grove des Calaveras Brig Trees State Park besichtigt werden, der sich unweit des Yosemite National Park und weiteren Redwood Groves in der Sierra Nevada befindet. Forstleute haben ihn untersucht und sein Alter auf 2500 Jahre geschätzt.
 
Als der Geschäftsmann George Gale, der ursprünglich nach Kalifornien gekommen war um im Showbiz Karriere zu machen, 1854 von den Riesenbäumen im Calaveras Grove hörte, witterte er das große Geschäft. Er suchte sich den größten Baum aus, den er finden konnte, mit einem sagenhaften Umfang von 28 Metern am Schaft und einer Höhe von 98 Metern, den man Mother of the Forest nannte. Er baute ein Gerüst um den Baum, ließ die Rinde bis zu einer Höhe von 35 Metern ablösen und beförderte sie über San Francisco weiter nach New York. Überraschenderweise waren die meisten Besucher entrüstet, dass ein Baum, von dem man behauptete, er sei der größte der Erde, sterben musste. Anlässlich dieses Trauerspiels formulierte der Dichter und Harvardprofessor James Russell Lowell 1857 in einem Zeitungsartikel die These, dass seine Landsleute „eine ererbte Abneigung gegen Indianer und Bäume zu haben scheinen, waren doch beide die Feinde, auf die er zuerst traf, als er sich hier im Westen eine Heimstatt eroberte". Das war Gales Bankrott. Im gleichen Jahr wanderte die Baumattrappe weiter nach London in den Crystal Palace, wo sie, mehrere Jahre lang zur Schau gestellt, mit einem pathetischen Werbetext gepriesen wurde: „Welch erhabenes Monument ist dies, aufgerichtet von der Hand des Allmächtigen? Das älteste und größte Lebewesen der Erde; ein Baum, der des Glanzes und Niedergangs von Griechenland und Rom ansichtig wurde; der Zerstörung von Jerusalem, von Babylon und Palmyra; er sah die Flucht von Paris und Helena; er wußte von den Irrfahrten und Prüfungen des Odysseus; er war Zeuge der Empfängnis, der wundersamen Berufung, der Kreuzigung und Auferstehung des Messias – vermöchte er uns nicht von großen Ergebnissen zu erzählen, verloren für die Geschichte, von denen keiner jemals Kenntnis haben wird?"
 
Im Grunde nahm die Naturschutzbewegung in den USA bereits mit Ralph Waldo Emerson seinen Anfang, der 1836 in seinem berühmten Buch Nature den Wald als eine unschätzbare, ewig sprudelnde Quelle beschrieb, die Zuflucht bietet, Kraft und Trost spendet und die Harmonie zwischen Mensch und Natur gewährleistet. Während Emerson und dessen Anhänger Henry David Thoreau und Walt Whitman die naturphilosophischen Grundlagen der Naturschutzbewegung legten, ging der aus Schottland stämmige Naturforscher, Geologe und Abenteurer John Muir konkretere Schritte, als er mit der Gründung des Sierra Club 1892 und seinen Veröffentlichungen für den Erhalt der amerikanischen Wildnis eintrat. In seinem auch in literarischer Hinsicht bemerkenswerten Bericht The Mountains of California, 1894 erschienen, schrieb er besorgt: „Beim Studium des Schicksals unseres Waldkönigs haben wir bislang nur den Einfluss rein natürlicher Ursachen betrachtet; leider kommt jedoch der Mensch in die Wälder, so dass Verwüstung und Zerstörung rasch voranschreiten. Hätte man die Bedeutung der Wälder überhaupt verstanden, selbst von einem ökonomischen Standpunkt, dann würde ihr Schutz die größte Aufmerksamkeit der Regierung wecken. Erst in den letzten Jahren ist durch die Waldreservate die simpelste Grundlage für die vorhandenen Gesetze geschaffen worden, obwohl in vielen der schönsten Wälder noch immer jede Art von Zerstörung mit erhöhter Geschwindigkeit weitergeht. […] Falls man nicht schnellstens schützende Maßnahmen ersinnt und anwendet, werden von der Sequoia gigantea in allerhöchstens ein paar Jahrzehnten nur einige zerstückelte und vernarbte Mahnmale bleiben."
 
Das Ende des 'Mark Twain Stammes'. © Dörte Eißfeldt Wie Simon Shama in seinem Buch Der Traum von der Wildnis schrieb, sah man die Redwoods als die botanische Entsprechung zum heroischen Nationalismus der Republik, die mit dem Bürgerkrieg ihre größte Zerreißprobe durchmachte. Die zu Urzeiten entstandenen Sequoien stellten die Zeitmaßstäbe europäischer Geschichte komplett in den Schatten. Die Vorstellung, dass ihr Alter in Jahrtausenden zu messen und so mit der gesamten christlichen Ära gleichaltrig sei, verstärkte nur das Gefühl ihrer angeborenen Heiligkeit. 1864 schrieb Sydney Andrews nach einer Pilgerfahrt zu den Redwoods im Boston Daily Advertiser: "Ich glaube, ich werde nie wieder etwas so Schönes sehen, bis ich glücklich in den Mauern des Himmlischen Jerusalem stehe". Was war schon das Parthenon im Vergleich zu diesen prähistorischen Grizzly-Giganten? Der Grizzly stand als Inbegriff heroischer Ausdauer durch Jahrtausende, narbig und verbrannt, von den Zeiten verwüstet und vom Blitz enthauptet, aber anders als jene europäischen Altertümer zeigte er noch Leben in seinen Trieben. Die Riesenbäume waren Amerikas natürliche Tempel.
 
Dörte Eißfeldts Arbeiten dieser Serien sind 2013 in der Sierra Nevada entstanden sowie in den nordkalifornischen Redwood National Parks nahe der Küste an der Grenze zu Oregon. Dabei ging es ihr darum, den besonderen Eindruck, den diese "Monarchen der Wälder" hinterlassen, in einen adäquaten künstlerischen Ausdruck zu fassen. Denn seit jeher beschäftigt sie sich mit der Frage um die Beschaffenheit des Bildes. „Ich möchte das Fotografische, das Medium als Prozess, zum Gegenstand machen. Das fotografische Bild soll sich sozusagen selbst porträtieren." (Dörte Eißfeldt)
 
Insgesamt kennzeichnet ihre Arbeit die konsequente Erforschung der künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten und ein entsprechend experimenteller Umgang mit den fototechnischen und fotochemischen Bedingungen des Mediums. Ihre mittels Bildmontagen und Mehrfachbelichtungen zu "Belichtungsmontagen" zusammengefügten Bilder verweisen weniger auf eine außerhalb von ihnen existierende Realität als vielmehr auf ihren fotografischen Werdungsprozess. Man erkennt durch Solarisation entstandene graue Bildflächen, die sich an die Stämme schmiegen und über die Zweige legen, Spuren der Entwicklung auf Gebirgszügen, Ablagerungen von metallischem Silber im Himmel und als goldschillernde Tönungen an Baumstämmen, die durch alchemistische Prozesse beim Entwickeln entstehen. Teil der Ausstellung ist auch eine Aufnahme ihrer bekanntesten Serie Schneeball, bei der sie dasselbe Negativ über dreißigmal so variationsreich und subtil abgezogen hat, dass der Eindruck entsteht, es handele sich um verschiedene Aufnahmen. Ute Eskildsen, eine der größten Fotokuratorinnen Deutschlands, hat sie nicht von ungefähr als "Meisterin der Schwarz-Weiß-Fotografie" bezeichnet. Dass sie nicht bei der analogen Fotografie stehen geblieben ist, zeigt sich in der Serie Grizzly, wo sie über die Silberbarytabzüge der Redwoods eine digitale Datei aufbringt, die sie aus Büchern zum Thema heraus fotografiert hat.
 
Selbstverständlich ist bei einer solchen Arbeitsweise dem Zufall viel Raum gegeben und wird das Unvorhergesehene spielerischer Bestandteil des Prozesses, der den wie federleicht wirkenden, malerischen Gesamtausdruck bewirkt. Dabei wird die radiographische Qualität ihrer Schwarz-Weiß-Bilder zur zeitgenössischen, ins fotografische Medium übertragenen Naturbeobachtung.
 
„Fotografie ist für mich das Arbeiten mit Realitätsfragmenten, das Experimentieren mit dem Material im fotografischen analogen bzw. digitalen Prozess mit dem Ziel, in der Arbeit eine eigenständige, intensive und zugleich offene Verbindung zur Welt herzustellen; das Wilde, das Dunkle, das Ungreifbare, das Schöne im Bild wirksam bleiben bzw. werden zu lassen, in einer offenen, anregenden, überraschenden Form, ganz groß oder ganz klein" (Dörte Eißfeldt).
 
KontaktARTPRESS - Ute Weingarten 
schrauer.artpress@uteweingarten.de | www.artpress-uteweingarten.de/projekte

Gesellschaft | Pioniere & Visionen, 26.08.2015

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