Für ein neues Zeitalter von Unternehmertum?! - Wege in ein Resonanz-Unternehmertum. 11. bis 13. Juni 2024

Marktwirtschaft paradox!

Warum Erneuerbare Energie immer öfter den Bedarf zu 100 Prozent deckt - und es Geldgeschenke in Millionenhöhe für Atom- und Kohlestrom gibt.

Von Ingo Leipner

Die Kosten für ein zusätzliches MegaWatt (MW) Strom sind bei der Atomenergie am geringsten. Dann folgen die übrigen Energieträger, die in der Merit-Order immer teurer werden. Aus diesem Zusammenhang lässt sich die rote Angebotskurve an der Börse ableiten. Die grünen Nachfragekurven stehen in der Grafik senkrecht, weil sich die jeweilige Nachfrage bei einem steigenden Preis nicht verändert (vereinfacht dargestellt). Stimmen Angebot und Nachfrage überein (Schnittpunkt: grüne und rote Kurve), wird zu dem so ermittelten Preis der Strom an der Börse verkauft.Eigentlich fegen die Erneuerbaren Energien Atom- und Kohlestrom vom Markt. Zumindest an Tagen, an denen die Nachfrage gering ist - und viel Wind weht oder die Sonne kräftig scheint, wie es Weihnachten 2012 der Fall war. Zu diesem Zeitpunkt hätte kein Atom- oder Kohlekraftwerk in Betrieb sein müssen, denn den Bedarf deckte zu 100 Prozent Strom aus Erneuerbarer Energie.

Aber die Realität ist viel komplizierter: "Wenn nur Erneuerbare Energie auf dem Markt ist und ihr Angebot quasi die gesamte Nachfrage deckt, lässt sich Strom aus konventionellen Kraftwerken nicht mehr verkaufen", erklärt Energie-Experte Prof. Andreas Löschel vom "Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung" (ZEW). Die Konsequenz am Strommarkt: negative Preise!

"Es ist für die Betreiber konventioneller Kraftwerke günstiger, ihren Kunden für den Strom etwas zu bezahlen, als die Kraftwerke mit hohen Kosten herunterzufahren", so Prof. Löschel. Im Klartext: Aus betriebswirtschaftlichen Gründen bleiben konventionelle Kraftwerke am Netz, obwohl ihre Leistung gar nicht gebraucht wird. Und das kostet richtig Geld: Am ersten und zweiten Weihnachtsfeiertag 2012 wurden am PHELIX-Spotmarkt 689 Millionen kWh gehandelt, allerdings zahlten die Käufer nichts für diesen Strom - und bekamen als "Dankeschön" für die Abnahme 74,88 Millionen Euro geschenkt. Atom- und Kohlestrom als "Ladenhüter", die nur mit einer Prämie über die Theke gehen!

Strompreis um 17 Prozent gesunken

Doch der Strommarkt hält noch weitere Überraschungen bereit: Erneuerbare Energie senkt den Preis an der Strombörse, laut dem "Internationalen Wirtschaftsforum Regenerative Energien" (IWR) um 17 Prozent. Dabei hat das IWR die ersten fünf Monate von 2011 und 2012 verglichen. Trotzdem steigt die EEG-Umlage. Warum? Das liegt am "Merit-Order-Effekt": Die Merit-Order beschreibt die Reihenfolge, in der konventionelle Kraftwerke ans Netz gehen. Zuerst Atomkraftwerke mit den niedrigsten Kosten pro MW, zuletzt die Ölkraftwerke mit den höchsten Kosten pro MW. Die ökonomische Logik: Am Anfang werden die günstigsten Kraftwerke eingeschaltet, weil sie den größten Gewinn erwirtschaften - das geschieht so lange, bis Angebot und Nachfrage übereinstimmen. Das heißt: Das so genannte "Grenzkraftwerk" geht als letzter Anbieter ans Netz und legt mit seinen Kosten den einheitlichen Börsenpreis fest.

Dieser Preis ergibt sich nicht als Durchschnittswert aller möglichen Kosten, sondern entsteht beim Hochfahren des "Grenzkraftwerks", bei dem die Einnahmen gerade die Kosten decken. Alle anderen Kraftwerke vor dem "Grenzkraftwerk" arbeiten mit Gewinn (bzw. positiven Deckungsbeiträgen), denn sie werden in der Merit-Order zuerst eingeschaltet. Die übrigen Kraftwerke nach dem "Grenzkraftwerk" gehen nicht ans Netz, da ihre Kosten den Börsenpreis übersteigen. In der Grafik sind das beispielhaft ein Teil der Gaskraftwerke und alle Ölkraftwerke (Nachfrage nach konventioneller Energie (1) - Gaskraftwerk als "Grenzkraftwerk").

Jetzt kommt die Erneuerbare Energie ins Spiel: Sie hat gesetzlich Vorrang vor den atomar-fossilen Energieträgern und praktisch keine variablen Kosten. Sie reduziert daher die Nachfrage nach konventioneller Energie (Graphik: Die grüne Nachfrage-Kurve verschiebt sich nach links). Es entsteht ein neues Gleichgewicht aus Angebot und Nachfrage, zu einem niedrigeren Preis, der für alle Energieträger gilt (Grafik: Nachfrage nach konventioneller Energie (2) - Steinkohlekraftwerk als "Grenzkraftwerk"). Die Folge: Atom-, Braunkohle- und Steinkohlekraftwerke sind weniger rentabel bzw. ein paar Steinkohlekraftwerke sind bereits zu teuer.

Gaskraftwerke aus dem Markt gedrängt

Klimafreundlichere Gaskraftwerke werden aus dem Markt gedrängt, weil ihre Kosten über dem Marktpreis liegen (Grafik: Verlustgeschäft). Aber noch lohnt sich der Betrieb schmutziger Braunkohlekraftwerke, da bei ihnen in der Regel keine Abschreibungen mehr anfallen. Außerdem steigt die EEG-Umlage, weil sie die Differenz aus der staatlich garantierten Einspeisevergütung und dem Strompreis an der Börse ausgleicht. Das Paradoxe dabei: Die Endkunden bezahlen eine höhere EEG-Umlage, die Käufer an der Strombörse profitieren von gesunkenen Preisen.

Vor diesem Hintergrund fragt sich Prof. Löschel: "Wie kann der Markt künftig einen Anreiz bieten, Gaskraftwerke zu betreiben?" Ein Weg könnte sein, den scheintoten Emissionshandel in der EU zu reanimieren. Im Moment (Stand April 2013) kostet eine Tonne CO2 rund fünf Euro, was an zu großzügig verteilten CO2-Zertifikaten liegt. Das hat gravierende Folgen: Besonders Braunkohlekraftwerke stoßen viel CO2 aus, was die Betreiber aber wenig Geld kostet.

Die Tonne CO2 muss deutlich mehr kosten

"Es besteht oft kein Anreiz, Gas- statt Kohlekraftwerke zu betreiben", erklärt Prof. Löschel, "entsprechend ist im letzten Jahr mehr Kohle verstromt worden, und wir haben deutlich weniger Strom aus Gaskraftwerken erzeugt." Dadurch sind die CO2-Emissionen in Deutschland gestiegen - und es werden immer weniger klimafreundliche Gaskraftwerke gebaut. Die Schlussfolgerung des Energie-Experten: "Damit ein Gaskraftwerk gegenüber einem Braunkohlekraftwerk konkurrenzfähig wird, brauchen wir bei den augenblicklichen Brennstoffkosten einen deutlich höheren Preis für eine Tonne CO2 - über 20 Euro!"

Quelle:
Technik | Energie, 12.07.2013
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 03/2013 - Die Food-Industrie erschienen.
     
Cover des aktuellen Hefts

Jede Menge gute Nachrichten

forum Nachhaltig Wirtschaften 02/2024 mit dem Schwerpunkt "Der Weg zum Mehrweg – Transport und Logistik"

  • Circular Cities
  • Kllimagerecht bauen
  • Kreislaufwirtschaft für Batterien
  • ToGo-Mehrwegverpackungen
Weiterlesen...
Kaufen...
Abonnieren...
30
MAI
2024
Klimacamp München
Mach mit!
80333 München, Königsplatz
06
JUN
2024
Change Makers Dialogues #2 an der KLU in Hamburg
Nachhaltigkeit messen, zählen, wiegen.
20457 Hamburg
13
JUN
2024
Kommunale Wärmeplanung München – Stand und Ausblick
In der Reihe "Klima - neue Heizung?"
81379 München, SHK Innung und online
Alle Veranstaltungen...
The VinylPlus Sustainability Forum 2024. Together towards higher ambitions

Professionelle Klimabilanz, einfach selbst gemacht

Einfache Klimabilanzierung und glaubhafte Nachhaltigkeitskommunikation gemäß GHG-Protocol

Energie

Ökologisch vorbildlich warm baden
Die Moseltherme Traben-Trarbach spart nach umfassender Sanierung mehrere 10.000 Liter Heizöl ein
B.A.U.M. Insights

Jetzt auf forum:

Dankbarkeit und Verpflichtung, wichtige Events und Freitickets für forum Leser*innen

6 gute Gründe für Refurbished IT - Die effiziente Lösung für Unternehmen

Evonik saniert Grundwasser in Hanauer Stadtteil in preisgekröntem Projekt

Biodiversität entdecken: Einladung zur Porsche Safari

Zum Tag der biologischen Vielfalt:

2.600 Tonnen CO2 eingespart: Weleda Cradle Campus verwendet heimische Hölzer

Fahrrad-Leasinganbieter Company Bike gewinnt Giesecke+Devrient als Neukunden und baut damit sein Portfolio an Großunternehmen am Standort München weiter aus.

TK Elevator veröffentlicht dritten Nachhaltigkeitsreport „Moved by What Moves People":

  • Energieagentur Rheinland-Pfalz GmbH
  • B.A.U.M. e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften
  • Kärnten Standortmarketing
  • Futouris - Tourismus. Gemeinsam. Zukunftsfähig
  • circulee GmbH
  • Global Nature Fund (GNF)
  • DGNB - Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
  • World Future Council. Stimme zukünftiger Generationen
  • Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG
  • Engagement Global gGmbH
  • ECOFLOW EUROPE S.R.O.