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Ein Road Movie über die Zukunft

Der Regisseur Cyril Dion über seinen Film „Tomorrow“ und dazu, wie man Filme über den gesellschaftlichen Wandel erzählen kann.

Tomorrow. Die Welt ist voller Lösungen: Ab 2. Juni im Kino.

"Tomorrow" trifft den Nerv der Zeit. Mit dem César als Bester Dokumentarfilm ausgezeichnet, avancierte der Film in den vergangenen Monaten in Frankreich zum Publikumsliebling und inspirierte bisher mehr als 800.000 Zuschauer. Für ihren mitreißenden Dokumentarfilm reisten Mélanie Laurent und Cyril Dion in zehn Länder. Wie bei einem Puzzle wird bald klar, dass erst die Summe der Lösungsansätze das Bild einer anderen Zukunft zeichnet. "Tomorrow" beweist, dass aus einem Traum die Realität von morgen werden kann, sobald Menschen aktiv werden.
Lesen Sie dazu das ausführliche Forum-Interview mit Cyril Dion:
 

Dein Film „Tomorrow" erweckt den Eindruck, dass du davon überzeugt bist, dazu imstande zu sein mit einem Film zu einem Wandel in der Welt beitragen zu können. Siehst du dich mehr als Aktivist oder als Filmemacher?
Filmstart ist am 2. Juni 2016!Tatsächlich war ich Aktivist. Es war meine Haupttätigkeit in den letzten zehn Jahren. Und davor war ich Schauspieler und ich bin schon lange Schriftsteller, ich habe Gedichte geschrieben. Romane und Essays. Und dann hatte ich einen Burn-Out und ich erkannte, dass ich die beiden Seiten von mir zusammenbringen musste, die kreative und die des Aktivisten. Das ist der Grund warum ich „Tomorrow" gemacht habe. Es ist also beides. Ich fühle mich als Mensch, der sich über die Zukunft und darüber, was in der Welt passiert, Sorgen macht. Und ich fühle mich als Künstler, der versucht, das zu machen, worin er gut ist, um sich an der Lösung der Probleme zu beteiligen.

Dein Film wurde letztes Jahr auf der Klimakonferenz in Paris gezeigt. Wie haben die Leute dort auf den Film reagiert?
Die Reaktionen waren sehr gut. Wir zeigten den Film auch einigen französischen Ministern, auch Francois Hollande. Alle Politiker, die den Film sahen, sind davon sehr bewegt. Sie stimmen zu etwa siebzig, achtzig Prozent dem zu, was wir sagen. Wir hatten viele Gespräche, mit Ségolène Royal, der Ministerin für Umwelt, nachhaltige Entwicklung und Energie (seit 11.2. auch zuständig für internationale Fragen des Klimas, Anm. Klein) und drei vier anderen der Regierung. Sie weiß, was schief läuft, sie weiß, was gemacht werden müsste. Aber sie sitzen fest. Und das ist etwas, was mich hinsichtlich des Themas Demokratie sehr interessiert. Ich glaube, wenn man will, dass die Gesellschaft sich ändert, kann man sich nicht auf die politische Führung verlassen. Wir müssen ihnen helfen. Wir müssen unsere Macht zurückgewinnen, in unserem alltäglichen Leben natürlich, beim Kaufverhalten, dabei, wie wir Nahrung anbauen, wie wir Energie verwenden, aber auch wie engagiert wir letztlich sind. Wenn wir z.B. an Klimawandel denken, beim Climate March hatten wir insgesamt 700.000 Menschen auf der ganzen Welt, was so gut wie nichts ist. In Frankreich haben 1 Million Menschen für die Heirat Homosexueller demonstriert. Ich frage mich, warum die Menschen nicht beunruhigt sind, es geht um das Überleben der Menschheit. Wenn wir der politischen Führung nicht zeigen, dass wir von ihnen wollen, überzeugend zu handeln, werden sie das nicht tun. Es liegt auch in unserer Hand. Und darum geht es im Film. Wir können einen Unterschied machen, ob wir Landwirte, Lehrer, Bürgermeister oder nur Bürger sind.

Gerade ist in Deutschland die Sinus Studie zu Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren erschienen. Sie wurden auch zum Klimwandel befragt. Viele sind beunruhigt, sie sind aber auch verunsichert bzgl. der Faktizität der Informationen. Und die prognostizierten Auswirkungen des Klimawandels sind für sie geographisch, zeitlich und inhaltlich noch sehr weit weg.
Das habe ich in Frankreich auch wahrgenommen. Ein riesiges Problem liegt vor und dann schlägt dir jemand kleine Handlungsweisen vor und dann kommt es zu einer Art Abkopplung: wenn ich dies oder jenes tue, wird das wirklich dazu beitragen, dieses gigantische Problem zu lösen? Deshalb finde ich es wichtig, dass wir Menschen dazu anregen sollte, etwas zu tun, was ihrem Leben einen Sinn gibt und nicht nur das gigantische Problem zu lösen. Alle Menschen in unserem Film machen das, was sie machen auch und vor allem, weil sie es gerne machen. Das ist das, was sie mit ihrem Leben anfangen wollen. So ist ein Wandel wünschenswerter.

Einer der Protagonisten in deinem Film sagt, dass wir so viele Geschichten über Katastrophen und andere düstere Zukunftsvisionen mit Zombies etwa erzählen könnten, aber keine Erzählungen über einen positiven Wandel. Dein Film ist ein Dokumentarfilm, wie so viele andere Filme der letzten Jahre über Nachhaltigkeitsthemen. Siehst du Möglichkeiten, Spielfilme über einen Wandel zu machen?
Tatsächlich schreibe ich gerade einen. Das wird mein nächster Film. Aber auch wenn „Tomorrow" ein Dokumentarfilm ist, haben wir versucht, Erzählelemente zu benutzen, es ist ein Road Movie, es gibt viel Musik, wir treten selbst als Charaktere im Film auf, so dass man sich mit uns identifizieren kann. Wir wollten damit starten, eine neue Geschichte über die Zukunft zu erzählen, indem wir auf wirklich existierende Dinge zurückgreifen, so dass die Leute nicht sagen können, oh ja, das ist eine großartige Geschichte, aber das ist ja gar nicht machbar. Und jetzt müssen wir beginnen, Fiktionen zu kreieren, um eine neue Bildwelt für die Zukunft anzubieten. Die Phantasie hat eine enorme Kraft. Wir müssen wohl zuerst etwas daran ändern, wie wir uns die Zukunft vorstellen, bevor wir etwas tun. Zur Zeit sind unsere Gedanken und unsere Bilderwelten gefüllt mit amerikanischen Filmen und apokalyptischen Szenarios. Ich denke, diese Filme suggerieren uns, dass es so sein wird, wie sie es darstellen. Wir reagieren nicht, wir stehen nicht für die Zukunft, weil  etwas in uns davon ausgeht, dass es schlimm werden wird, egal was wir unternehmen. Weil das das Bild ist, das wir in unseren Köpfen haben.

Es ist sehr interessant, dass wir jede Woche etwa 100 E-Mails bekommen, in denen uns Menschen erzählen, was sie tun, um ihr Leben zu verändern, nachdem sie „Tomorrow" gesehen haben. Ich probiere jetzt Permakultur aus, ich schicke meine Kinder in eine Schule, wie sie im Film zu sehen ist etc. Das liegt daran, dass sie im Film Charaktere, Helden gesehen haben, die es tun und mit denen sie sich identifizieren konnten.

Du siehst also keine Probleme hinsichtlich der Erzählweise, denn Spielfilme erzählen ja anders und oft lautet das Argument, dass die Darstellung einer positiven Zukunft keinen Konflikt enthält. Siehst du das auch als Problem oder hängt das von der Geschichte ab, die man erzählen will?
Für eine gute Geschichte braucht man natürlich ... ich weiß nicht, ob es Konflikt sein muss … aber zumindest eine Krisensituation. Darum geht es, das sieht man bei Shakespeare oder auch in Filmen. So funktioniert es.  Eine Zukunft zu zeigen, in der alles perfekt ist, wäre langweilig. Der Film, an dem ich zum Beispiel schreibe, ist mehr eine Geschichte über Revolution, darüber, dass Empowering von Menschen stattfindet und wie sie dies auf unterschiedliche Weise tun können, komisch, gewaltfrei, kollektiv, also in dem Sinne, nicht einen Menschen an die Macht zu bringen. Es geht darum, ein Netzwerk an Wirkmacht aufzubauen, einen neuen Weg des Handelns zu schaffen.

Du hast die Musik in deinem Film schon erwähnt. In vielen Nachhaltigkeitsdokus findet sich eine furchtbare Orchestermusik, die fast alles überdeckt. Du hast Popmusik benutzt. Wie wichtig ist diese Wahl für dich?
Es war ein wesentliches Thema für den Film. Ich wollte viel Musik, weil es ein Road Movie ist und Road Movies haben viel Musik. Musik ist für mich eine magische Sprache, um Emotionen zu wecken. Ich wollte die Musik im Film als eine Art Figur im Film, die alle Orte, die gezeigt werden, vereinigt. Und es sollte eine Stimme sein, die sich durch den ganzen Film zieht. Die Arbeit mit Fredrika war großartig, die aus Schweden kommt, aber in Paris lebt. Es war ihr erster Soundtrack und sie lieferte eine fantastische Arbeit. Wir gingen in zweierlei Hinsicht vor: Zum einen schlug sie Songs oder Melodien vor und wir überlegten, wie wir diese in den Film einfügen können. Zum anderen bat ich sie um ganz konkrete Dinge, dass ich etwa für eine bestimmte Stelle eine bestimmte Musik haben wollte. Es war auf beiderlei Weise sehr leicht. Meistens brauchte sie nur zwei bis drei Tage, um einen Song zu schreiben und es war perfekt.

Befasst sie sich auch mit dem Thema des Films?
Das ist selbstverständlich. Sie kommt aus Schweden. (Lacht.) Ein gemeinsamer Freund erzählte ihr von dem Film. Sie sah sich den Trailer an und schrieb einen Song, den sie unserem gemeinsam Freund schickte, der ihn mir schickte. Ich kenne eine schwedische Künstlerin, die diesen Song geschrieben hat. Was hältst du davon? Es ist der erste Song im Film. Zuerst war es schwierig. Ein Song darüber, wie die Welt kollabiert, dass es keine Hoffnung gibt. Unser Film sollte ja das Gegenteil sein. Wir versuchten es trotzdem. Vielleicht würde es den wissenschaftlichen Themen zu Beginn des Films Emotionen hinzufügen. Dem Zuschauer die Möglichkeit zu geben, nicht nur zu erkennen, worum es geht, sondern es auch zu fühlen. Und es funktionierte. Sie hatte sehr viel Energie und Enthusiasmus, an dem Projekt teilzuhaben. Das mag sich sehr. Man muss keine Überzeugungsarbeit mehr leisten.

Die Zukunft, um die wir so besorgt sind, ist ja vor allem die Zukunft der heute jungen Generationen. Die erwähnten Entscheidungen, die du getroffen hast, die Narration des Road Movies und Popmusik zu verwenden, ging es dir darum, den Film als Teil einer Popkultur zu gestalten, für eine Jugendkultur zu machen?
Nicht wirklich. Wir machten den Film, den wir gerne sehen würden. Und da wir noch nicht so alt sind... (lachen). Darum ging es oft bei den Q&As in Frankreich nach den Vorführungen. Ich erinnere mich an Bordeaux, da fragte eine vielleicht 65-jährige Frau „Warum haben Sie das getan. Es sieht jung aus. Was wollten Sie? Wollten Sie, dass es jung aussieht?" Und ich meinte: „Ja, ich meine, wir sind irgendwie doch jung." (lachen) Melanie ist 32 und das ist die Musik, die wir hören, und das ist die Art von Film, die wir sehen wollen.

Die Popmusik im Film hat in mir viele Emotionen geweckt. Es wird ja gesagt, dass Emotionen sehr wichtig sind, wenn wir Geschichten von der Zukunft erzählen wollen. In den Diskussionen über Nachhaltigkeit überwiegt aber immer noch die Ansicht, dass es dabei vor allem um Informationen gehen sollte. Emotionen tragen ja nichts zur Komplexität von Sachverhalten hinzu. Was sind deiner Meinung nach wichtige Elemente, wie man Emotionen verwenden kann? Die Musik haben wir ja schon erwähnt.
Man benötigt beides. Es gibt ein großartiges Buch von George Marshall (Don't Even Think About it: Why our Brains Are Wired to Ignore Climate Change", 2015), in dem er erklärt, warum Klimawandel Menschen nicht erreicht. Wir haben im Gehirn ja einen emotionalen und einen rationalen Bereich und es ist heute erwiesen, dass, wenn wir handeln, diese beiden Bereiche getrennt werden. Man hat eine Emotion, aber das Gehirn will etwas konkretes, Daten etwa, das Gehirn muss die Emotionen auch sichern können. Ich werde also durch etwas bewegt, berührt, aber ich habe auch viele gute Gründe etwas zu tun. Das ist die Grundlage dafür, wie wir in unserem Film vorgegangen sind: wir verwendeten Popmusik, beeindruckende Bilder, bewegende Menschen, witzige Menschen, aber auch seriöse und solide Informationen, um diese beiden Bereiche zu koppeln.

Eine abschließende Frage zu eurer Crowdfunding-Kampagne. Crowdfunding wird ja immer wichtiger für die Filmfinanzierung, vor allem für Dokumentarfilme. Was machte eure Kampagne deiner Meinung nach so erfolgreich?
Ich glaube, das gleiche, was den Film in Frankreich erfolgreich gemacht hat. Ich glaube, die Menschen brauchten dringend Hoffnung. Drei Tage nach den Regionalwahlen haben wir die Kampagne gestartet und die Front National, die rechtsextreme Partei in Frankreich, hatte sehr gute Ergebnisse bei der Wahl und viele Menschen fühlten sich infolgedessen deprimiert. Ich denke, als die den Trailer sahen, dachten einige von ihnen bestimmt: „Ja, super, ich will, dass dieser Film zustande kommt". Um Hoffnung zu bekommen und etwas vorzuschlagen für die Zukunft. Und ich glaube auch, das wir ein gutes Team sind. Melanie ist eine Schauspielerin, sie ist bekannt und ich bin ein Aktivist, ich habe einen guten Ruf, bezüglich dieser Themen seriös und kompetent zu sein. Die Reaktion der Leute könnte so gewesen sein: „Okay, er kennt sich mit dem Thema aus, sie kennt sich mit Film aus, vielleicht kommt dabei etwas mit großer Wirkung heraus". Ich denke viele, die uns beim Crowdfunding unterstützt haben, sind Aktivisten und dachten, dass dieser Film vielleicht anders. Und es klappte!

In der Tat. Ganz herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Thomas Klein



Gesellschaft | Pioniere & Visionen, 30.05.2016

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