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Das Gute siegt nicht automatisch

Wenn alle die Welt verbessern wollen - wieso traut sich dann keiner?

forum sprach mit Prof. Stefan Schaltegger vom Centre for Sustainability Management (CSM) der Leuphana Universität Lüneburg über Hemmschuhe und Turboschalter für nachhaltige Gründer.

Das Interview führte Tina Teucher

forum: Sustainable Entrepreneurship erfährt einen Medienhype, die Sozialunternehmerin Sina Trinkwalder bekommt sogar eine eigene Sendung im Mainstream-Sender RTL. Doch der Anteil nachhaltiger Gründungen bleibt gering. Warum?
Volles Risiko? Es muss ja nicht gerade ein Looping mit Vollspeed sein, etwas Mut, um Hindernisse zu überwinden und Außergewöhnliches zu bewegen müssen Gründer aber aufbringen. © kmassrock by istockphoto.comStefan Schaltegger: Einerseits gibt es grundsätzliche Hemmnisse zu gründen, egal ob es sich um eine öko-soziale Gründung handelt oder um eine konventionelle. Hierzu gehören bürokratische Hürden und Finanzierungsprobleme. Speziell für Nachhaltigkeitsgründer nennt die Forschung zusätzliche Hürden: Die erste ist das "Double Externality Problem". Wenn konventionelle Firmen negative Externalitäten zum Beispiel durch Umweltverschmutzung erzeugen, die sie und ihre Kunden nicht bezahlen müssen, dann hat ein nachhaltiges Unternehmen höhere Kosten und damit eine schwierigere Ausgangslage auf dem Markt. Kurz: Es hat einen Wettbewerbsnachteil. Wenn ein Ökoprodukt Wasser, Luft und Boden weniger schädigt, weil das Unternehmen ohne Pestizide, aber mit mehr Arbeitseinsatz wirtschaftet, hat es höhere Kosten. Die Mehrkosten tragen das nachhaltige Unternehmen und seine Kunden. Ein konventioneller Anbieter trägt die Kosten nicht selbst, sondern wälzt sie auf die Gesellschaft ab. Dadurch hat der nachhaltig Wirtschaftende zunächst einen höheren Investitionsbedarf und höhere operative Kosten.
Dem kann ein Sustainable Entrepreneur begegnen, indem er sogenannte Business Cases for Sustainability schafft. Intelligent gestaltete Nachhaltigkeitsinnovationen erzeugen zusätzliche ökonomische Werte. Dies stellt eine zweite Herausforderung für Nachhaltigkeitsgründer dar, zu deren Bewältigung Kenntnisse notwendig sind, die über konventionelles betriebswirtschaftliches Wissen hinausgehen.

Dieses Dilemma kennen nicht nur Gründer, sondern auch etablierte Nachhaltigkeitsunternehmen.
Gründer bringen etwas Neues auf den Markt, das Medien, Konsumenten und Behörden noch nicht kennen. Die Forschungsliteratur spricht von "Double Risk Challenge". Für Ungewohntes besteht tendenziell weniger Akzeptanz. Der Markt vergütet "das Gute" auch nicht automatisch und Verbraucher erkennen den positiven gesellschaftlichen Beitrag eines neuartigen Produkts nicht zwingendermaßen von selbst. Sie sind unsicher, ob sie mit einem Elektroauto nach wenigen Kilometern mitten auf der Straße stehenbleiben. Die meisten warten ab und schauen erst mal: Funktioniert das? Lohnt es sich? Wie reagieren Freunde und Nachbarn? Solchen Unsicherheiten und Bedenken kann man zwar auf unterschiedliche Weise begegnen, aber dies erfordert spezifisches Know-how und teilweise auch mehr finanzielle Mittel. Daher müssen nachhaltigkeitsorientierte Gründer kreativer und besser sein als konventionelle Unternehmer.

Ist denn jede nachhaltige Innovation in jeder Situation wirklich ökologisch und sozial?
Nein, nicht jeder im Ursprung nachhaltige Ansatz bleibt, wenn man ihn skaliert, also weit verbreitet, in der Gesamtwirkung nachhaltig. Ethanol aus Zuckerfabrikabfällen herzustellen ist in der Regel nachhaltig. Die Kaskadenproduktion ersetzt Erdöl. Skaliert man jedoch die Produktion von Ethanol, so gibt es nicht mehr genügend organische Abfälle aus Zuckerfabriken. Beginnt man dann, Mais, Kartoffeln usw. in großen Monokulturen anzubauen, um Ethanol in großer Menge produzieren zu können, so entstehen negative Auswirkungen auf die Biodiversität und die Bodenqualität usw. Eine Sicherheit, dass die Idee im Großen und langfristig wirklich eine nachhaltige Lösung sein wird, gibt es nicht. Man muss sich auf den derzeitigen Wissensstand verlassen. Auch bei der Frage nach dem richtigen "Pfad": Setzt sich die Brennstoffzelle als Antriebstechnologie durch? Was, wenn die Politik nur noch Elektromobilität großflächig und strukturell fördert? All diese Unsicherheitsfaktoren führen dazu, dass eine Gründung riskanter wird, man schwieriger an Kapital kommt und Gründer mit ökologischen und sozialen Ideen vielleicht zögerlicher sind.

Kann man Sustainable Entrepreneurship lernen?
Eine Nachhaltigkeitsmanagementausbildung kann Bewusstsein und Fähigkeiten fördern sowie das Spektrum aufzeigen: Welche Nachhaltigkeitsprobleme gibt es, was sind deren Ursachen, und welche Lösungsansätze existieren? Welche Erfolgsbeispiele von Nachhaltigkeitsinnovationen gibt es und wie gestaltet man einen Innovationsprozess? Man kann dadurch ein Grundverständnis für Nachhaltigkeitsstrategien der Effizienz, Konsistenz und Suffizienz entwickeln und Beispiele aus verschiedenen Märkten kennenlernen. Im Rahmen unseres MBA-Studiengangs Sustainability Management können Studierende zum Beispiel in einem Führungstraining beim Hamburger Sozialunternehmen "Dialog im Dunkeln" hautnah Führungsbeziehungen und Rollen auf völlig neue Weise erleben. Das gibt Anregungen und setzt Kreativität frei, die mit gezielten Kreativitätstechniken unterstützt werden. Solche persönlichen Skills lernen unsere Studierenden in überfachlichen Modulen, neben Kursen zu Sustainable Entrepreneurship, Innovationsmanagement und nachhaltigen Geschäftsmodellen. Davon inspiriert, haben bisher über 20 Prozent der MBA-AbsolventInnen während oder nach dem Studium gegründet.

Wie könnte Sustainable Entrepreneurship stärker gefördert werden?
Grundsätzlich können die allgemeine Gründungsförderung, neue Finanzierungsmodelle und weniger Bürokratie helfen. Für Nachhaltigkeitsgründer sehe ich drei weitere Ansätze, mit denen man Nachhaltigkeitsgründungen fördern kann: Erstens mit Bildung, die Gründungsinteressierten motivierende Beispiele, Methoden und nützliche Netzwerke aufzeigt. Zweitens mit speziellen Finanzierungsansätzen über entsprechend orientierte Venture Capital-Gesellschaften, Business Angels und Eco-Crowdfunding. Viele Banken sind zögerlich, nachhaltigkeitsorientierte Gründungen zu finanzieren, weil sie höhere Risiken sehen. Drittens müssen sich die Marktrahmenbedingungen ändern. Sobald die Medien in der Bevölkerung ein Bewusstsein schaffen und die Bereitschaft der Menschen fördern, andersartige Produkte nachzufragen, kann ein regelrechter Sog entstehen. Und wenn die Politik die Externalisierung von Umwelt- und Sozialkosten erschwert und mehr Transparenz über nachhaltigere Produkte ermöglicht oder fördert, werden die Märkte für ökologische und soziale Produkte aufnahmebereiter. Das hat zum Beispiel das Bio-Label in der Landwirtschaft gezeigt.

Sind Nachhaltigkeitsgründungen wirklich risikoreicher? Schließlich planen sie langfristiger, greifen Imageschäden und Rohstoffverknappung vorweg.
Das ist richtig; es handelt sich aber um verschiedene Kategorien von Risiken. Unternehmen, die bekannte Produkte anbieten und nachhaltiger werden, reduzieren die ökonomisch relevanten Öko- und Sozial-Risiken in ihrem etablierten Geschäft. Die Einführung völlig neuer nachhaltiger Produkte und Dienstleistungen im Zuge einer Neugründung steht zusätzlich vor Unsicherheiten der Marktakzeptanz bei oft höherem Investitionsbedarf. Risiken in der Gründungsphase beeinflussen, ob eine Gründung erfolgreich ist oder scheitert. Das andere sind wirtschaftliche Risiken des Betriebs, wenn das Unternehmen bereits etabliert ist. Hier können nachhaltige Unternehmen risikoärmer sein, da sie ökonomisch relevante ökologische und soziale Risiken reduzieren oder ausschalten. Natürlich sollten Investoren risikoärmere nachhaltigere Unternehmen bevorzugen.

Prof. Dr. Stefan Schaltegger. © Leuphana Universität LüneburgAber die Grundfrage bei einer Gründung ist eine andere: Wird das neuartige nachhaltige Angebot angenommen? Wenn man diese Anfangsrisiken überwinden, das Produkt am Markt etablieren und einen Kundenstamm aufbauen konnte, hat man mit einer nachhaltigkeitsorientierten Betriebsführung durchaus geringere Risiken.

Vielen Dank für das Gespräch.

Prof. Dr. Stefan Schaltegger
hat am Centre for Sustainability Management (CSM) der Leuphana Universität Lüneburg den MBA Sustainability Management aufgebaut, der dieses Jahr elfjähriges Bestehen feiert. Der weltweit erste MBA-Studiengang zu Nachhaltigkeitsmanagement hat bereits über 300 Absolventen zur Veränderung der Wirtschaft hervorgebracht.
www.sustainament.de


Wirtschaft | Gründung & Finanzierung, 01.04.2014
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 02/2014 - Voll transparent, voll engagiert erschienen.
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