Blut und Schweiß

Auf dem Weg zu einer neuen ISO-Norm im Bereich Umwelt

Die wohl bekannteste und wichtigste Norm im Umweltbereich ist die ISO 14001. Allein in Deutschland gibt es etwa 6.000 Organisationen mit einem danach zertifizierten Umweltmanagementsystem. Doch wie entsteht eine ISO-Norm und wer steckt dahinter? forum gibt einen spannenden Einblick in die Funktionsweise der Normenerstellung und die zu erwartenden Neuerungen bei der ISO 14001.
 
Teilnehmer der dt. Delegation, die in Panama City um die Neufassung von ISO-Normen rangen, waren u.a. (v.l.n.r.): M. Prox (IFU), T. Votsmeier (DGQ), Prof. Seifert (Uni Siegen), K. Wührl (DIN), Dr. Jäckel (BMU), Dr. Schmincke (PE), Prof. Mau (Uni Gießen), Dr. Nibbe (Umweltverbände), Dr. Vehring (VdTÜV) © ISODie ISO (International Organization for Standardization), eine internationale Nichtregierungsorganisation, erarbeitet weltweit gültige technische Produkt- und Verfahrensstandards, die von Organisationen jedweder Größe freiwillig angewandt werden können. Die sogenannten ISO-Normen stellen damit keine Rechtsnormen dar; es wird jedoch an verschiedenen Stellen der Rechtssetzung darauf Bezug genommen, womit diese rechtsnormativen Charakter erhalten. Oftmals sind solche Normen auch der einzig gültige Standard im jeweiligen Sektor und sichern auf diese Weise definierte Anforderungen bezüglich Qualität, Sicherheit oder Effektivität und sind damit die Grundlage für internationale Geschäftstätigkeiten. So erhalten die ISO-Normen eine immense internationale Bedeutung.

Wer steckt eigentlich hinter der ISO?
ISO ist eine internationale Vereinigung von nationalen Normungsorganisationen (NSB), in der mittlerweile 166 Länder vertreten sind. Die NSB sind stimmberechtigt und entsenden Experten für die Normungsarbeit. Das Erstellen neuer und die Überarbeitung bestehender Normen erfolgt in nahezu 300 technischen Komitees, die für verschiedene Themen zuständig sind. In den jeweils zugehörigen Unterkomitees (Subcommittees) finden die Detailausarbeitung der Entwürfe und die Fertigstellung finaler Fassungen in dafür eingerichteten Arbeitsgruppen (WG) statt. Bis heute wurden durch die ISO über 19.500 Standards entwickelt. Alle neuen oder revidierten Normen müssen innerhalb der Unterkomitees durch die stimmberechtigten Mitgliedsorganisationen nach einem festgelegten Schlüssel verabschiedet und angenommen werden. Die Arbeit zur Umweltquerschnittsnormung geschieht im Technischen Komitee ISO/TC 207. In den zugeordneten Unterkomitees erfolgt die Fortentwicklung der Umweltnormenreihe ISO 14000ff. Hier werden die Normungsvorhaben aus dem Bereich Umwelt eingebracht, diskutiert und abgestimmt.
 
Zusammenarbeit zwischen ISO und DIN
Die Bundesrepublik Deutschland wird durch das Deutsche Institut für Normung e.V. (DIN) in der europäischen und internationalen Normung vertreten. Auf nationaler Ebene bringen sich dazu rund 30.000 Experten aus den verschiedenen interessierten Kreisen mit ihrem Fachwissen und ihren Erfahrungen ein. Mit etwa 400 Mitarbeitern koordiniert DIN diese Tätigkeiten in gut 70 Normenausschüssen. Die deutsche Beteiligung an der internationalen Umweltquerschnittsnormung erfolgt durch den Normenausschuss Grundlagen des Umweltschutzes (NAGUS). Als zuständiges DIN-Gremium deckt der Aufgabenbereich die Erarbeitung von Normen zu Themen wie Managementsysteme, Audits, Ökobilanzen, Kennzeichnungen und Treibhausgasemissionen ab. Die sechs zugehörigen Arbeitsausschüsse spiegeln die Aktivitäten bei ISO und erarbeiten systematisch die Grundlagen für eine adäquate deutsche Beteiligung an der internationalen Normung. Dazu beteiligen sich diese Ausschüsse u.a. direkt in den Unterausschüssen des ISO/TC 207.
So vertrat vergangenes Jahr eine zwölfköpfige deutsche Delegation die nationalen Interessen bei der Plenarsitzung des ISO/TC 207 in Panama City. Im Mai 2014 reisten über 300 Delegierte aus 39 Ländern zur 21. Jahresversammlung dieses Technischen Komitees. Ein Schwerpunkt der Arbeiten in den Sitzungen von Unterausschüssen und Arbeitsgruppen lag in der Überarbeitung der ISO 14001 „Umweltmanagementsysteme – Anforderungen mit Anleitung zur Anwendung". Dieser Prozess wird von Umweltverbänden, Verwaltung und Wirtschaft aufmerksam verfolgt und begleitet, da die ISO 14001 seit mehr als 20 Jahren zu den wichtigsten ISO-Normen gehört.
 
Revision der ISO 14001 – eine Mammutaufgabe
Gestartet wurde die aktuelle Revision der ISO 14001 bereits im Februar 2012. Ziel der Revision ist neben der stärkeren Integration des Umweltmanagements in die Geschäftsprozesse von Organisationen auch die Anpassung an neuere Entwicklungen im Themenfeld Umwelt. Der Revisionsfokus liegt dabei auf folgenden Themen:
  • Einbezug aktueller und künftiger Umwelt- und Geschäftsbelange im Sinne einer strategischen Unternehmens­führung
  • Risiko- und Chancenermittlung im Zusammenhang mit signifikanten Umweltaspekten, anwendbaren gesetzlichen Forderungen und freiwillig akzeptierten Verpflichtungen
  • Stakeholderorientierung durch Ermittlung und Berücksichtigung von Anforderungen interessierter Parteien • Messung der Umweltleistung bei Umweltzielen anhand von Leistungsindikatoren
  • Integration von Lifecycle-Überlegungen bei Produktdesign, Lieferkette und ausgelagerten Prozessen
  • externe und interne Kommunikation
  • Einhaltung zutreffender Rechtsgrundlagen und Selbstverpflichtungen
  • Akzeptanz und Anwendungsmöglichkeit für kleine und mittlere Unternehmen
  • Verbindung bzw. Integration paralleler und ergänzender Systeme
Das bringt die Zukunft
Konkret ändert sich die ISO 14001 beispielsweise dahingehend, dass Initiativen zu Aspekten wie der nachhaltigen Ressourcennutzung, dem Klimaschutz und dem Schutz der biologischen Vielfalt proaktiv anzugehen sind. Vom Managementsystem wird eine laufende Verbesserung der Umweltleistung gefordert, z. B. bei Emissionen, Abwasser und Abfall. Mit der Anwendung des „Lebenszyklus-Gedankens" sollen Organisationen ihre Kontrolle und ihren Einfluss – soweit vorhanden – auch auf die Umweltauswirkungen von der Rohstoffgewinnung über die Produktnutzung bis zur endgültigen Beseitigung ausweiten.
 
Ein Perspektivenwechsel steht an
Mit der Novellierung der ISO 14001 wird sich auch die Perspektive auf Umweltaspekte verändern. War in der Vergangenheit der Blick primär darauf gerichtet, wie eine Organisation auf die Umwelt einwirkt, so wird jetzt zusätzlich relevant, inwiefern die (sich verändernde) Umwelt Auswirkungen auf die Organisation selbst haben kann und wie die Organisation diesen Auswirkungen begegnet.
 
Normerfüllung wird oberste Führungsaufgabe
Die revidierte Fassung der Norm nimmt die oberste Führung einer Organisation stärker in die Pflicht und zeigt klar auf, welche ihrer Anforderungen delegiert werden dürfen und welche bei ihr selbst verbleiben. Ein weiterer zentraler Punkt der aktuellen Arbeit ist die Einbettung der ISO 14001 in die von ISO fest vorgegebene sogenannte „High Level"-Struktur (HLS) für alle Managementsystemnormen. Diese Struktur aus dem Jahr 2012 gibt verbindlich einen Rahmen vor (bspw. Umwelt, Qualität, Arbeitssicherheit, Compliance, Risiko, etc.) und definiert einheitlich Struktur, Begriffe und Textbausteine. Dieses vorgegebene Gerüst darf zwar erweitert, jedoch nicht in seiner Grundkonzeption geändert werden.
 
Der dornenreiche Weg zur neuen Norm
Die unterschiedlichen Interessen von Akteuren aus den verschiedenen Ländern mit ihren Werten, Haltungen und Überzeugungen bei einem Normerstellungsprozess zu berücksichtigen, erfordert viel Diplomatie und ist zeitaufwändig und kompliziert. Dies zeigen mehrere Tausend Kommentare, die von den Normungsorganisationen zur Revision der ISO 14001 eingebracht und von den beteiligten Experten diskutiert und verabschiedet wurden. Dies bedeutet ein zähes Ringen unterschiedlicher Interessen und Standpunkte. Durch die engagierte Vertretung deutscher Interessen bei ISO wird vermieden, dass Normen durch andere Länder dominiert werden. Gleichzeitig erhalten die Experten frühzeitigen Einblick in neue Entwicklungen.
 
Und jetzt wird es ernst mit der neuen ISO 14001
In der Sitzung der WG5 im April 2015 in London wurde der Weg freigemacht für den Final Draft International Standard (FDIS). Wenn die Abstimmung durch die nationalen Normungsorganisationen positiv verläuft, kann mit der endgültigen Fassung der ISO 14001:2015 noch im Herbst 2015 gerechnet werden. Vom International Accreditation Forum (IAF) wurde diesbezüglich bereits eine dreijährige Übergangsfrist festgelegt, in der die alte und die neue Norm nebeneinander gültig sein werden. Zertifizierungen auf Basis der alten Norm sind demnach nur noch bis März 2017 sinnvoll.
 
Weitere Informationen finden Sie unter www.nagus.din.de.
 
Bernhard Schwager
studierte Technische Chemie und Umweltwissenschaften. Er begann 1985 als Umweltschutzbeauftragter bei Siemens und ist aktuell als Leiter der Geschäftsstelle Nachhaltigkeit bei der Robert Bosch GmbH tätig. Im Mai 2006 wurde Schwager zum Präsidenten des Verbandes der Betriebsbeauftragten e.V. (VBU) und im Mai 2008 zum Obmann des Ausschusses Umweltmanagementsystem/Umweltaudit im Deutschen Institut für Normung (DIN NAGUS) gewählt.

Wirtschaft | Recht & Normen, 01.07.2015
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 03/2015 - Jahr des Bodens erschienen.


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