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Ökostrom ist grün, oder?

Umweltschutz und Naturschutz stimmen nicht immer überein

Von Tobias Hartmann

Bei aller berechtigten Euphorie um "Green Economy" und "Zukunftstechnologien" gilt auch für erneuerbare Energien: Ihre Durchsetzung bleibt leider nicht gänzlich ohne Auswirkungen auf die Natur. Doch glücklicherweise wächst in der Industrie das Bewusstsein für diese Problematik und damit auch die Bereitschaft, negative Auswirkungen zu minimieren.

Das Wandern ist so keine Lust: Wasserkraft und Fisch, Umweltschutz und Naturschutz können sich in die Quere kommen.
Foto: © qmnonic on flickr
Die Europäische Union hat sich zum Ziel gesetzt, den Anteil erneuerbarer Energien auf 20 Prozent bis 2020 auszubauen. Deutschland hat diese Marke vor kurzem bereits geknackt. Mit dem Erfolg und dem europaweiten Zubau entsteht auch die Notwendigkeit, die Distanz zwischen Produktions- und Verbrauchszentren in Europa durch neue Netze zu überbrücken. Die Europäische Vereinigung der Netzbetreiber ENTSO-E berechnete in ihrem 10-Jahres-Plan, dass etwa 42.000 km neuer Übertragungsleitungen gebraucht werden. Dies wären fast 2.000 km mehr als der Erdumfang.

Neben diesen indirekten Effekten hat aber jede erneuerbare Energieform eigene, spezifische Auswirkungen auf die biologische Vielfalt.

Und stetig sprudelt der Bach...

Sowohl kleine als auch große Wasserkraftanlagen stellen einen massiven Eingriff in die Natur dar. Eine Entscheidung für ein Wasserkraftwerk ist nicht zwangsläufig eine Entscheidung gegen die Natur, doch ist es klar, dass sich die Natur durch den Eingriff verändern wird. Es muss daher, wie so oft, ein Kompromiss gefunden werden zwischen Energieerzeugung und Naturschutz.

Der Umweltaspekt, der bei Wasserkraft wohl als erstes Problem benannt wird: Die Anlagen trennen die natürlichen Lebensräume und vor allem Fische können nicht ungestört flussab- oder flussaufwärts wandern, sei es zu Fortpflanzung, Futterbeschaffung, Aufwuchs oder Winterruhe. Um die Fortbewegung flussaufwärts zu ermöglichen werden vor allem Fischaufstiegsanlagen genutzt. "Problematisch dabei ist jedoch, dass in der Praxis viele Anlagen nur eingeschränkt funktionieren", sagt Johannes Reiss, Leiter des Büros am Fluss. Doch spielt noch eine Vielzahl von anderen Aspekten eine Rolle bei der Naturfreundlichkeit von Wasserkraftwerken: Bypässe für die Wanderung flussabwärts, Wahl der Turbinen und Einhaltung der Mindestwasserregelung. Auch muss die Summenwirkung einzelner Anlagen auf ein Fließgewässersystem berücksichtigt werden. "Beispiele für ökologische und ökonomische Win-win Situationen gibt es nur sehr sehr wenige", zieht Reiss daher Bilanz.

...und die Sonne scheint dazu...
In Deutschland sind Photovoltaikanlagen omnipräsent, man sieht sie im Norden und Süden, in Städten und in Dörfern. Neben den Dachanlagen gewinnen große Freiflächenanlagen mehr und mehr an Bedeutung. Zwischen 2006 und 2009 hat sich die jährlich installierte Kapazität von 70,6 auf 720 Megawatt Peak verzehnfacht. Mit diesen Solarfarmen ist Landverbrauch verbunden und damit Eingriffe in die Natur. Gerade mit der Wahl des Standorts können die meisten Einwirkungen schon verhindert werden. Ein gutes Beispiel ist der Lieberose Solarpark. Dieser wurde auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz errichtet, der bis in die 1990er Jahre stark mit Munitionsresten und chemischen Substanzen verseucht war. Die Verschmutzungen wurden für den Solarpark beseitigt und so die ökologische Situation des Gebiets verbessert.

Auch wenn es beim Blick von oben den Anschein hat, dass die Flächen der Solarparks komplett geschlossen sind, ist der Prozentsatz versiegelter Flächen relativ gering. Zwar kann sich unter den Paneelen Flora und Fauna weiterhin entfalten, doch haben die veränderten Licht- und Wasserbedingungen einen Einfluss auf die Zusammensetzung der Vegetation. Pflanzen, die hohe Sonneneinstrahlung benötigen, sind daher klar im Nachteil. Oftmals wird auch als Kritik hervorgebracht, dass Insekten die glänzenden Solarmodule mit Gewässern verwechseln. Die Wissenschaft hat hier noch kein eindeutiges Ergebnis gebracht. In der Planung kann z.B. durch weiße Markierungen bereits Abhilfe geschaffen werden. Wichtig für die Biodiversität ist zudem, ähnlich wie bei Wasserkraftwerken, die "Durchlässigkeit" der Solarparks. "Durchlässige" Umzäunungen oder Korridore für kleine und große Wildtiere können hier hilfreich sein. Auch während des Betriebs der Anlagen kann etwas für den Biodiversitätsschutz getan werden, wenn der Solarpark nach ökologischen extensiven Kriterien gepflegt wird.

Die Grundlage für die Einbeziehung von Nachhaltigkeitsgesichtspunkten wurde jedoch schon 2005 gelegt, als der Bundesverband Solarwirtschaft und die Umweltorganisation NABU gemeinsam Kriterien der umweltfreundlichen Errichtung von Solarparks formuliert haben. Die meisten Solarparks sind jedoch noch nicht lang genug im Betrieb, um langfristige Effekte auf die Natur auszuschließen.

...auch der Wind gibt keine Ruh'.
Ähnlich wie die Solarenergie hat die Windkraft in den letzten Jahren eine rasante Entwicklung genommen. Auch wenn es noch nicht möglich ist, langfristige Wirkungen auf die Natur durch Windkraft zu analysieren, besteht innerhalb der Industrie doch Zuversicht, die wichtigsten Aspekte zu kennen. Das bekannteste Problem ist die Kollision von Vögeln mit den Anlagen. Wie viele andere Gefahren kann diese mit einer umfassenden Planung minimiert werden. Große Windfarmen haben natürlich auch Habitatsverluste zur Folge. Der Bau der Whitelee Windfarm in Schottland wurde dadurch verzögert, dass das Baugebiet der Lebensraum bedrohter Vogelarten ist. Erst als geeignete Schutzmaßnahmen durchgesetzt wurden, konnte es weitergehen. Gerade bei Offshore-Windanlagen gibt es aber auch Beispiele, dass neue Lebensräume an den Türmen geschaffen werden und dass durch ein Verbot von Fischerei innerhalb der Windfarm ein Schutzgebiet für marine Lebewesen eingerichtet werden kann. Andere Einwirkungen umfassen die Verschmutzung beim Bau der Anlagen, Änderung der lokalen Hydrologie oder weitere Beeinflussungen durch Lärm oder elektromagnetische Felder.

Was bleibt zum Schluss
Grundsätzlich gilt, dass erneuerbare Energien voll und ganz zu befürworten sind. Aufgrund der angeheizten Debatte um die Zukunft der Energieversorgung steht dieser noch junge Sektor aber besonders im Rampenlicht. Auf jede Verfehlung wird reagiert und gerade deshalb müssen die erneuerbaren Energien auch Vorreiter in Sachen Biodiversitätsschutz sein. Viele der bekannten Probleme können schon im Planungsprozess umgangen werden. Dass hochsensible Ökosysteme wie Moore oder Torfgebiete nicht als Standort in Betracht kommen, sollte von selbst klar sein. Ebenso, dass es kein anwendbares Patentrezept für jede Umgebung gibt, und dass die Schutzmaßnahmen den Gegebenheiten angepasst werden müssen, ist offensichtlich. Auch kann der Schutz von Biodiversität dazu genutzt werden, die Akzeptanz für die Projekte in der Gesellschaft zu erhöhen. Natur- und Artenschutz ist daher im ureigenen Interesse der Unternehmen.

www.business-biodiversity.eu
Quelle: Tobias Hartmann
Umwelt | Biodiversität, 12.01.2012

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