Sag mir wo die Blumen sind ...

Tourismus und biologische Vielfalt

Dass der Tourismussektor neben der Landwirtschaft der größte Flächen- und Landschaftsverbraucher ist, wissen wir seit mehr als 30 Jahren. Dass wertvolle Lebensräume zerstört oder schwer beeinträchtigt wurden und werden, um Hotelanlagen, Strandpromenaden, Golfplätzen oder Skiliften Platz zu machen, ist ebenfalls hinlänglich bekannt und von zahlreichen Tourismuskritikern in aller Welt mit eindrucksvoll traurigen Beispielen belegt.

Der Gärtnerturm auf der Insel Mainau
© Insel Mainau
Hat sich grundsätzlich etwas geändert? Nein!
Ist die Wachstumsbranche Tourismus, auf der so viele Hoffnungen ruhen, umwelt-, klima-, sozialfreundlicher oder gar nachhaltiger geworden? Nein!
Natürlich gibt es eine Vielzahl von Modellprojekten und Initiativen, die den Wert der Biodiversität für den Tourismus thematisieren, Gott sei Dank! Aber leider - und unverständlicherweise - repräsentieren die vielen positiven Beispiele nach wie vor nur eine Minderheit und sind weit davon entfernt, zum Mainstream zu werden. Unverständlich auch aus ökonomischer Sicht, denn es gibt keine Branche, in der intakte Natur und Landschaft eine so offensichtliche Rolle spielen.
Marion Hammerl, Vorsitzende des Global Nature Fund und Initiatorin der Europäischen Business & Biodiversity Kampagne kämpft für eine Zusammenarbeit zwischen Naturschutz und der Wirtschaft. In forum stellt sie ihren Biodiversitäts-Check vor.

"Intact nature is our main capital". Damit beginnen die meisten der unzähligen Broschüren, Umweltberichte und CSR-Reports. Wer will, findet alles: Studien, Beispiele, Managementsysteme, mehr als 28 Ökolabels alleine in Europa. Doch die Umsetzung der einzelnen Kriterien wirkt häufig mangelhaft. Nun kommen wir, die Verantwortlichen der European Business & Biodiversity Campaign und

Der Europäische Business & Biodiversity Check nimmt auch den Tourismus unter die Lupe.
Foto: © Deutsche Wildtier Stiftung/T.Martin
setzen noch eins drauf! Biodiversität! Was soll man sich denn bitte darunter vorstellen? Der viel beachtete TEEB-Report (The Economics of Ecosystem Services and Biodiversity) hat die wirtschaftliche Bedeutung der biologischen Vielfalt und der Dienstleistungen aus der Natur berechnet und kam auf eindrückliche Zahlen. Alleine durch den Verlust der Wälder entsteht jährlich ein wirtschaftlicher Schaden von mindestens 3,1 Billionen Euro. Aus der Tourismusbranche veröffentlicht der TEEB-Report besonders viele Case Studys über den wirtschaftlichen Wert der biologischen Vielfalt.

Gerade dieser ressourcenintensive Sektor kann es sich nicht leisten, abzuwarten, bis auch der letzte Zweifler verstanden hat, dass intakte Strände, Wälder und Seen mit ihrer Artenvielfalt besser in das Bild vom Traumurlaub passen als zerstörte Natur.
Doch wie kommt man von der Erkenntnis zum Handeln?

Ein Biodiversitäts-Check tut nicht weh!
Für Unternehmen, die die Zeichen der Zeit erkannt haben, hat die European Business & Biodiversity Campaign einen Biodiversitäts-Check entwickelt und steht bei einer ersten Bestandsaufnahme mit Expertenrat zur Seite.

Ähnlich wie beim Performance Audit im Umweltmanagement führt der Biodiversitäts-Check durch die verschiedenen Funktionsbereiche des Tourismusunternehmens - vom Management über das Firmengelände und die Liegenschaften, Beschaffung und Lieferkette bis hin zu Produktion und Marketing. Alle Geschäftsbereiche werden auf ihren Einfluss auf die biologische Vielfalt durchleuchtet. So erhält das Unternehmen einerseits einen Überblick über Negativauswirkungen und gleichzeitig Vorschläge, um diese zu reduzieren. Andererseits werden positive Wirkungen und deren Verstärker aufgezeigt. Die Ergebnisse des Checks werden mit Geschäftsleitung und Abteilungsleitern diskutiert und in einem Bericht zusammengefasst. Der Biodiversitäts-Check ist vertraulich und verpflichtet das Unternehmen zu Nichts. Dennoch hoffen wir natürlich, dass die Bedeutung der biologischen Vielfalt als Geschäftsgrundlage erkannt und das Thema kontinuierlich bearbeitet wird, bspw. im Rahmen des Umwelt- oder Nachhaltigkeitsmanagements.

Beim Umweltmanagementsystem EMAS wurde Biodiversität inzwischen als ein signifikanter Umweltaspekt und Performance-Indikator ausgewiesen, d.h. EMAS-zertifizierte (Tourismus-) Unternehmen müssen über ihre Wirkungen auf die biologische Vielfalt und Maßnahmen zu ihrem Schutz berichten. Die Revision der ISO 14.001 hat gerade begonnen. Mit großer Sicherheit zieht die Norm in puncto Artenvielfalt nach.

Von der Hotelanlage bis zur Kundeninformation
Die Möglichkeiten touristischer Unternehmen, Lebensräume und Artenvielfalt zu schützen, sind breit gefächert. Da Tiere und Pflanzen grüne Korridore, Rückzugsgebiete und Nahrung benötigen, ist die
Der Erhalt der Natur und der natürlichen Lebensräume in den Urlaubsdestinationen ist für Tourismus unentbehrlich.
Foto: © Cl photo by Sterling Zumbrunn

naturnahe Gestaltung des Firmengeländes - Hotelanlage, Golfplatz, Kinderspielland - ein guter Einstieg. Bunte Wildblumenwiesen oder heimische blühende Hecken bieten blütenabhängigen Insekten genügend Nahrung und den Gästen Abwechslung von getrimmten Zierrasen.
Beim Einkauf und der Produktgestaltung wird es schon schwieriger. Wie kann ein Tourismusunternehmen biodiversitätsfreundliche Produkte und Dienstleistungen erkennen und ihnen den Vorzug gewähren? Bisher gibt es nur wenige Labels, die auch Kriterien zum Schutz der biologischen Vielfalt beinhalten, wie z.B. Fair Trade, FSC für Holz (teilweise) oder MSC für Produkte aus nachhaltigem Fischfang. Auch das EU-Ökolabel für Tourismus oder ein seriöses Ökobaumwollsiegel tragen implizit zum Schutz der Artenvielfalt bei. Eine Checkliste, auf welcher der Einkäufer lediglich Häkchen setzen muss, gibt es leider noch nicht. Daher stehen die Unternehmen selbst in der Verantwortung, den Schutz der Artenvielfalt in die Kriterien für den Einkauf bzw. die Produktentwicklung aufzunehmen und diese Anforderungen auch an Lieferanten weiterzugeben.
Weiterbildung für Mitarbeiter und Informationen für Kunden gehören ebenfalls zu den Handlungsfeldern, die - wenn auch indirekt - zum Schutz der biologischen Vielfalt beitragen. Ein gutes Beispiel: Gemeinsam mit dem Bundesamt für Naturschutz (BfN) hat die TUI AG 2009 einen Souvenirratgeber unter Berücksichtigung von Artenschutzaspekten veröffentlicht. Er wird in über 20 Urlaubsgebieten verteilt, in denen illegaler Souvenirhandel mit geschützten Arten häufig vorkommt. Zudem werden seit November 2009 kurze Artenschutzspots des BfN im Bordprogramm der TUIfly-Flotte gezeigt.

Urlauber wollen Vielfalt!
Eine 2010 von TUI Travel durchgeführte Umfrage zum Thema Nachhaltigkeit unterUrlaubern aus acht Ländern zeigt, dass Reiseveranstalter genau richtig liegen, die sich für den Naturschutz und die Erhaltung der biologischen Vielfalt einsetzen. Biodiversität liegt in der Rangfolge der wichtigsten Nachhaltigkeitsthemen bei den Urlaubern an zweiter Stelle hinter dem Thema Verschmutzung und noch knapp vor Klimawandel.

Befragt nach den Erwartungen, welche die Reisenden an das Nachhaltigkeitsengagement eines Veranstalters haben, rangiert der Erhalt der Natur und der natürlichen Lebensräume in den Urlaubsdestinationen mit einer Zustimmung von 70 Prozent an erster Stelle. Maßnahmen der Veranstalter für Einsparungen beim Wasser- und Energieverbrauch folgen gemeinsam mit dem Engagement für faire Arbeitsbedingungen für Hotelangestellte auf Platz zwei (55 Prozent).

Die TUI macht´s, Studiosus macht´s, die Insel Mainau tut es auch. Gleichgültig, welche Dienstleistung Sie im Tourismus anbieten - auch Ihr Unternehmen sollte einen Biodiversitäts-Check realisieren und beginnen, Ökosysteme und Artenvielfalt aktiv zu schützen.


Über die Europäische Business & Biodiversity Kampagne
Die Europäische Business & Biodiversity Kampagne wurde von einem Konsortium aus europäischen Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) unter Führung des Global Nature Fund (GNF) initiiert. Ihre Zielsetzung ist es, die große - auch ökonomische - Bedeutung der Biodiversität darzulegen und das Engagement der Wirtschaft für den aktiven Schutz und Erhalt von biologischer Vielfalt sowie für Ökosystemdienstleistungen zu gewinnen. Die Kampagne unterstützt Unternehmen durch Biodiversity Checks, Workshops und regionale Biodiversitäts-Foren. In der Kampagnen-Community können Experten und Nicht-Experten ihr persönliches Profil, das Unternehmensprofil sowie Case Studies kostenlos präsentieren. Die Kampagne wird vom LIFE+Programm der Europäischen Union kofinanziert. Kooperationspartner ist die Initiative Biodiversity in Good Company, die das Handbuch Biodiversitätsmanagement veröffentlichte (www.business-and-biodiversity.de).

Weitere Informationen zur Kampagne:

www.business-biodiversity.eu



Kontakt

Marion Hammerl studierte Betriebswirtschaft und arbeitet seit über 20 Jahren im Natur- und Umweltschutz. Sie ist Mitbegründerin einiger Umweltschutzorganisationen, u.a. Ecotrans - das europäische Netzwerk für Tourismus und nachhaltige Entwicklung. Marion Hammerl ist Geschäftsführerin der Bodensee-Stiftung, Präsidentin des Global Nature Funds und Partner in der "European Business & Biodiversiy Campaign".

Quelle: Global Nature Fund
Wirtschaft | Branchen & Verbände, 29.07.2011
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 03/2011 - Schöne Aussichten erschienen.
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