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Der Klimawandel und die Integrität der Wissenschaft

Warten auf wissenschaftlichen Konsens rettet das Weltklima nicht.

Angesichts der politischen Angriffe der vergangenen Monate auf die wissenschaftliche Arbeit, insbesondere zum Klimawandel, haben 255 US-Wissenschaftler, unter ihnen 11 Nobelpreisträger, den folgenden Offenen Brief in der führenden wissenschaftlichen Fachzeitschrift Science veröffentlicht (Übersetzung durch Germanwatch).

In Form eines offenen Briefes unterschrieb eine große Zahl von Wissenschaftlern in den USA eine Erklärung, die sich zum Klimawandel und der eigenen Rolle positioniert. Foto: Rolf van Melis, pixelio.de
Wir sind tief beunruhigt wegen der jüngsten Eskalation politischer Angriffe auf die Wissenschaft im Allgemeinen und auf die Klimawissenschaftler im Besonderen. Alle Bürger sollten einige grundsätzliche, wissenschaftlichen Fakten verstehen. Unsicherheiten sind Bestandteil wissenschaftlicher Aussagen, Wissenschaft kann niemals irgendetwas beweisen. Wenn jemand sagt, dass, bevor die Gesellschaft Taten ergreift, man warten soll, bis die Wissenschaft sich sicher ist, entspricht dies der Aussage, dass die Gesellschaft niemals tätig sein soll. Für eine potenziell so katastrophale Problemstellung wie den Klimawandel bedeutet kein Handeln, dass man ein gefährliches Risiko für unseren Planeten eingeht.

Wissenschaftlicher Befund: Klimawandel findet objektiv und übereinstimmend statt

Wissenschaftliche Erkenntnis stammt aus dem Verstehen genereller naturgesetzlicher Zusammenhänge unterstützt durch Laborversuche, Experimente, Beobachtungen der Umwelt und mathematischen sowie rechnergestützten Modellen. Wie alle Menschen machen auch Wissenschaftler Fehler, der wissenschaftliche Prozess ist jedoch dafür konzipiert, diese zu finden und zu korrigieren. Dieser Prozess ist schon so angelegt, dass er auf Gegensätzen beruht - Wissenschaftler erhalten Ansehen und Anerkennung nicht nur für das Unterstützen der Lehrmeinung, sondern umso mehr, wenn sie zeigen, dass der wissenschaftliche Konsens falsch ist und dass es bessere Erklärungen gibt. Das ist es, was Galileo, Pasteur, Darwin und Einstein getan haben. Wenn aber Schlussfolgerungen gründlich und sorgfältig getestet, beleuchtet und untersucht wurden, erhalten sie den Status von "etablierten wissenschaftlichen Theorien" und werden oft als "Fakten" bezeichnet. Zum Beispiel gibt es überzeugende wissenschaftliche Beweise, dass die Erde ca. 4,5 Mrd. Jahre alt ist (die Theorie zur Entstehung der Erde), dass unser Universum in einem Moment vor ca. 14 Mrd. Jahren geschaffen wurde (die Urknalltheorie) und dass heutige Lebewesen aus Lebewesen der Vergangenheit hervorgegangen sind (Evolutionstheorie). Obwohl diese Aussagen in überwältigenden Ausmaß von der Wissenschaft anerkannt sind, wartet Ruhm auf jeden, der sie widerlegen kann. Der Klimawandel fällt in die gleiche Kategorie: Es gibt überzeugende, umfangreiche und übereinstimmende, objektive Belege, dass der Mensch unser Klima derart verändert, dass es unsere Gesellschaften und Ökosysteme, auf die wir angewiesen sind, bedroht.

Fakten zum Klimawandel

Viele der kürzlichen Angriffe von Klimawandelverneinern auf die Klimawissenschaft - und noch beunruhigender: auf ihre Personen - sind üblicherweise durch Interessengruppen oder Dogmen getrieben, nicht durch einen ehrlichen Versuch, eine alternative Theorie zu entwickeln, die die Beobachtungen befriedigend erklären kann. Das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) und andere wissenschaftliche Syntheseprozesse zum Klimawandel, welche daraus bestehen, dass tausende Wissenschaftler riesige und umfangreiche Berichte produzieren, haben, wie zu erwarten und normal, einige Fehler gemacht. Wenn Fehler angemerkt werden, werden sie verbessert. Aber während der kürzlichen Ereignisse ist nicht im Entferntesten etwas gefunden worden, das die grundsätzliche Erkenntnis zum Klimawandel ändern würde:

(i) Die Erde erwärmt sich wegen ansteigender Konzentrationen treibhausaktiver Gase in der Atmosphäre. Ein schneereicher Winter in Washington ändert diesen Fakt nicht.

(ii) Das Gros dieses Anstiegs im letzten Jahrhundert ist menschlichen Aktivitäten zuzuschreiben, im besonderen der Verbrennung fossiler Treibstoffe sowie der Entwaldung.

(iii) Natürliche Ursachen spielen immer eine Rolle bei Klimaänderungen, werden jetzt jedoch in ihrer Bedeutung von menschengemachten Ursachen übertroffen.

(iv) Die Erwärmung der Erde wird viele Klimamuster mit einer für die jüngste Erdgeschichte beispiellosen Geschwindigkeit ändern, dies beinhaltet den Meeresspiegelanstieg und Änderungen des Wasserkreislaufs. Ein Anstieg der CO2-Konzentrationen macht die Ozeane saurer.

(v) Die Wechselwirkung dieser komplexen Änderungen bedroht Küstenbewohner und -städte, unsere Nahrungsmittelproduktion und Wasserversorgung, Wälder, alpine Lebensräume und weit mehr.

Wesentlich mehr könnten die wissenschaftlichen Gesellschaften dieser Welt, nationale Akademien der Wissenschaft und einzelne Wissenschaftler dazu noch sagen bzw. haben dies auch bereits getan, aber die obengenannten Aussagen sollten bereits ausreichend verdeutlichen, warum sich Wissenschaftler über die Dinge Sorgen machen, denen zukünftige Generationen durch ein "Weiter wie bisher" ausgesetzt sind. Wir drängen unsere politischen Entscheidungsträgern und die Öffentlichkeit, vorwärts zu gehen und sofort die Ursachen des Klimawandels, einschließlich des unbeschränkten Verbrennens von fossilen Brennstoffen, zu adressieren.

"Die politische Verfolgung muss aufhören und sinnvolle Maßnahmen ergriffen werden"

Wir fordern ebenso ein Ende der McCarthy-artigen Verfolgung unserer Kollegen basierend auf Unterstellungen und unsinnigen Verallgemeinerungen, die Belästigung durch Politiker, die ablenken wollen um vom Handeln abzuhalten, und der unverblümten Lügen, die über Wissenschaftler verbreitet werden. Die Gesellschaft hat zwei Möglichkeiten: Wir können die wissenschaftliche Erkenntnis ignorieren, unsere Köpfe in den Sand stecken und hoffen, dass wir Glück haben, oder wir können im Interesse des Gemeinwohls handeln, um die Gefahr durch den Klimawandel schnell und substantiell zu reduzieren. Die gute Nachricht ist, dass kluges und effektives Handeln möglich ist. Zögern darf keine Alternative sein.

Quelle:
Umwelt | Klima, 16.05.2010

     
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