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Gemeinwohl-Ökonomie: Wie aus guter Absicht ein tragfähiges Unternehmen wird

Interview mit Dr. Detlef Pohl (Leiter Bildung beim Gründerzentrum Grafing) zur Impact Akademie

Dr. Detlef Pohl, Leiter Bildung beim Gründerzentrum Grafing, weiß, was Gründungen voranbringt: ein klarer Nutzen für die Kund:innen. Mit seiner 2023 gegründeten Impact Akademie begleitet das Gründerzentrum Gründer:innen, Vereine und KMU und vermittelt die notwendige Expertise, um mit den vielfältigen Herausforderungen der Unternehmensgründung und -weiterentwicklung fertig zu werden. Das reicht von Aspekten der Betriebswirtschaft bis zur Reflexion der eigenen Persönlichkeit.

Dr. Detlef Pohl ist der Leiter Bildung beim Gründerzentrum Grafing. © Gründerzentrum GrafingSeit 2026 gehört dazu der Schwerpunkt Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ), ein Wirtschaftsmodell, das den Beitrag zum Gemeinwohl ebenso ernst nimmt wie den finanziellen Erfolg. Verantwortlich dafür ist der im Januar 2026 gegründete ZamWirken e.V., der ebenfalls im Gründerzentrum Grafing zu Hause ist. ZamWirken ist ein Netzwerk für gemeinwohlorientiertes Unternehmertum im Münchner Osten. 

Im Interview erklärt Detlef Pohl, wie aus einer guten Idee ein tragfähiges Vorhaben wird.

Der Bedarf: Worauf es beim Gründen ankommt

Sie haben in den bisherigen Akademie-Durchgängen viele Gründer:innen begleitet. Worauf kommt es am Anfang am meisten an, und ist das der Punkt, den die Gründer:innen selbst erwarten?
Die Teilnehmenden arbeiten in den Workshops sehr intensiv. Der Dreh- und Angelpunkt ist aber eine klare Beschreibung des Mehrwerts. Welches Problem der Kund:innen soll das Produkt, die Dienstleistung oder die Plattform lösen, und welchen Wert hat das für sie? In den ersten Kundengesprächen zeigt sich dann oft, dass die Kund:innen das etwas anders sehen. Dann muss man entweder das Werteversprechen überarbeiten oder eine andere Kundengruppe ansprechen. Bis beides zusammenpasst, dauert es eine Weile. Dass das so anspruchsvoll sein kann, hätte wohl mancher nicht erwartet.

Gründen heißt, in kurzer Zeit Fachfrau oder Fachmann für ein Dutzend Themen zu werden: Recht, Finanzierung, Marketing, Wirkungsmessung. Welche Lücke sollte man zuerst schließen?
Fast alle Gründer:innen haben mehrere fachliche Lücken. Das ist nicht schlimm. Mit unserem Netzwerk und unserem Angebot schließen wir diese Lücken nach und nach. Wichtig ist, dass man offen darüber spricht und die Gründer:innen sagen, welche Unterstützung sie gerade brauchen. Es gibt immer jemanden, der helfen kann. Die teuerste Lücke entsteht aus meiner Sicht, wenn unklar ist, wie und für wen das Angebot einen Mehrwert schafft. Dann dreht man sich ständig im Kreis.

Woran erkennen Sie im ersten Gespräch, wo jemand Unterstützung braucht, auch wenn er oder sie es nicht ausspricht?
Mich überrascht immer wieder, wie gut Gründer:innen erklären können, was sie anbieten wollen. Fragt man dann nach dem konkreten Wert für die Kund:innen, herrscht oft Stille. Manchmal sind sie aber auch einfach unsicher und tun sich schwer, ihr Vorhaben klar und präzise zu beschreiben.
 
Viele Gründer:innen mit gesellschaftlicher Mission haben eine starke Idee, aber kein Geschäftsmodell. Wie wichtig ist ein tragfähiges Geschäftsmodell, wenn ein Vorhaben gesellschaftlich wirken will?
Wir wollen die Ideen voranbringen, die den Kund:innen einen Nutzen bringen, für den sie auch bereit sind zu bezahlen. Nachhaltig ist ein Geschäftsmodell nur, wenn es sich auch finanziell trägt. Es ist in Ordnung, wenn ein Startup nicht sofort Gewinn macht und vielleicht Fördergelder nutzt. Auf Dauer muss ein Unternehmen aber vom Verkauf seiner Produkte oder Lösungen leben können. Sehr bekannte Unternehmen wie EM-Chiemgau oder Vaude machen das vor.
 
Was raten Sie jemandem, der sagt: „Ich habe keine Zeit für Workshops, ich muss mein Projekt aufbauen"?
Wahrscheinlich hat diese Person recht. Workshops lohnen sich aus meiner Sicht nur, wenn man dort am Fortkommen des eigenen Unternehmens arbeitet. Wenn Zeit für Workshops also Zeit für das eigene Projekt ist, gibt es keinen Widerspruch. Das Schöne an den Workshops ist, dass man sofort Feedback von den anderen Teilnehmenden bekommt und dadurch schneller vorankommt.

 
Was die Akademie anders macht

Die Akademie besteht aus drei Themenblöcken mit je vier bis fünf Workshops. Warum dieser Zuschnitt und kein kompakter Crashkurs?
Beide Formate haben ihre Berechtigung. Wer einen kurzen Refresh oder eine Anregung braucht, für den ist ein intensiver Crashkurs eine Option. Wer ein Startup aufbaut, braucht aber auch Zeit, um seine Überlegungen auszuprobieren und Fehler zu korrigieren. Vor allem wachsen unsere Teilnehmenden bei der gemeinsamen Arbeit zu Teams zusammen. Sie bleiben über die Akademie hinaus in Kontakt und unterstützen sich gegenseitig. Inhaltlich bieten wir außerdem sehr viel an, darunter Betriebswirtschaft, Gemeinwohl-Ökonomie und die Entwicklung persönlicher Stärken.

Die einzelnen Workshops haben klar definierte Themen und Ergebnisse, wie etwa ein vollständiges Business Model Canvas oder einen Prototyp, den man Pilotkund:innen zeigen kann. Wie wichtig ist es, dass am Ende jedes Termins etwas Greifbares steht?
Extrem wichtig. Es fühlt sich einfach besser an, wenn man etwas in der Hand hat, das fertig oder fast fertig ist. Man sollte die Ergebnisse aber nicht für in Stein gemeißelt halten. Auch das Business Model Canvas muss man immer wieder anpassen. Und ein Prototyp ist eben noch nicht das fertige Produkt.
 
Sie arbeiten mit etablierten Werkzeugen wie dem Business Model Canvas nach Osterwalder, Jobs-to-be-done, SWOT oder TAM/SAM/SOM. Was davon ist für gemeinwohlorientierte Projekte anders zu handhaben als für ein klassisches Startup?
Grundsätzlich gelten die Werkzeuge und Methoden auch für gemeinwohlorientierte Unternehmen und Vereine. Es kommen aber Fragen hinzu. Welche gesellschaftliche Wirkung erziele ich mit meinem Angebot? Wie beziehe ich meine Mitarbeitenden in Entscheidungen ein? Wie binde ich Lieferant:innen und Kund:innen langfristig? Deshalb ergänzen wir die Akademie um Workshops zum ECOnGood Canvas der GWÖ und zur Wirkungsmessung.
 
Die Teilnehmenden kommen aus Startups, KMU, Vereinen und Initiativen und haben einen sehr unterschiedlichen Stand. Wie gelingt eine gemischte Gruppe, in der alle etwas mitnehmen?
In der Regel profitieren alle davon, dass die Gruppen gemischt sind. Wer schon Erfahrung hat, gibt sie weiter. Wer noch keine hat, bringt die anderen manchmal ins Schwitzen, weil er oder sie einfach nachfragt, ob die vorgeschlagenen Lösungen und Erfahrungen wirklich so gut sind. Daraus entstehen hin und wieder lebhafte Diskussionen, von denen alle etwas haben.

Zu mehreren Workshops gehört ein Kaminabend mit erfahrenen Gründer:innen. Was passiert dort, was in einem Workshop nicht passieren kann?
Der Erfahrungsaustausch mit anderen Gründer:innen ist durch nichts zu ersetzen. Dort erfährt man auch, was andere aus ihren Fehlern gelernt haben. Es kommen ganz persönliche Fragen zur Sprache: Wie bringst du Familie und Arbeit unter einen Hut? Wie hast du das nötige Kapital bekommen? Wie findest du gute Mitarbeitende?

Wie viel von dem, was Teilnehmende mitnehmen, kommt von Ihnen als Referent und wie viel von den anderen Teilnehmenden?
Wenn man die Teilnehmenden fragt, lautet die Antwort vermutlich 50:50. Das direkte Feedback im Workshop ist mindestens so wichtig wie der effiziente Einsatz eines Tools.

Der GWÖ-Schwerpunkt

Mit der Gründung von ZamWirken ist ein zweiter Schwerpunkt dazugekommen, die Gemeinwohl-Ökonomie. Was bringt dieser Schwerpunkt den Gründer:innen?
Immer mehr Menschen fragen sich, was ihr Handeln für künftige Generationen bedeutet. Bei jeder Neugründung schauen wir auf diese Werte: Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz und Mitentscheidung. Diese Fragen haben nicht alle Gründer:innen vom ersten Tag an auf dem Radar. Uns ist aber sehr wichtig, dass ein Geschäftsmodell sie von Anfang an berücksichtigt.

Für Leser:innen, die den Begriff nur ungefähr kennen: Was leistet ein Gemeinwohl-Canvas, was ein klassisches Business Model Canvas nicht leistet?
Das Canvas betrachtet das Geschäftsmodell aus der Sicht zentraler Gruppen, jeweils mit eigenen Fragen. Bei den Mitarbeitenden geht es um menschenwürdige und faire Arbeitsbedingungen und um Mitbestimmung. Bei den Lieferant:innen geht es um gegenseitige Solidarität und Unterstützung, um Gerechtigkeit und um ökologische Standards in der Lieferkette. Bei den Kund:innen stehen Nutzen, ehrliche Information und nachhaltige Werteversprechen im Mittelpunkt. Bei Eigentümer:innen und Finanzpartner:innen sind es Transparenz, ethische Finanzierung, eine gemeinwohlorientierte Rendite und die Frage, ob Gewinne wieder in innovative Produkte und Lösungen fließen. Bei Gemeinschaft und Natur zählen ökologische Nachhaltigkeit und der Schutz von Ressourcen, auch im unmittelbaren Umfeld.

„Gemeinwohl" klingt für manche Unternehmer:innen nach Verzicht. Wie sehen Sie das?
Es geht nicht um Verzicht. Schneller, höher, weiter ist eben nicht alles. Wir überlegen immer, was die Entwicklung eines Unternehmens bedeutet und ob sie ökologisch nachhaltig ist. Dabei behalten wir alle Beteiligten im Blick.

Wirkungsmessung steht als eigener Workshop im Programm. Warum lohnt es sich für ein junges Projekt, den gesellschaftlichen Beitrag von Anfang an messbar zu machen?
Im September 2015 haben die Vereinten Nationen die Ziele für nachhaltige Entwicklung beschlossen, die Sustainable Development Goals (SDGs). Mit unseren Teilnehmenden überlegen wir, zu welchen SDGs wir beitragen können und wie. Es fühlt sich einfach gut an, einen messbaren Beitrag zu leisten. Leicht ist das nicht immer. Es gibt quantitative und qualitative Ziele. Viele Führungskräfte haben längst verstanden, dass finanzielle Ziele allein nicht reichen. Schon lange gibt es Key Performance Indicators (KPIs), die weit über Finanzkennzahlen hinausgehen. Unsere KPIs enthalten auch klare Vorgaben zur Wirkung. Inzwischen gibt es außerdem Investor:innen, die ausschließlich in gemeinwohlorientierte Unternehmen investieren. Sie berichten in ihren Jahresberichten, welche Wirkung ihre Startups erzielen, und lassen sich daran messen.

Gibt es schon einen Fall aus der Akademie, in dem die GWÖ-Perspektive ein Geschäftsmodell gestärkt hat?
Wir sind mit dem GWÖ-Schwerpunkt erst im Januar 2026 gestartet. Für ein belastbares, nachweisbares Beispiel ist es noch zu früh. Wir haben aber sehr vielversprechende Gründer:innen in unserem Programm.

Wann sollte sich zeigen, dass ein Vorhaben mit guter Wirkung auch wirtschaftlich trägt?
Nach spätestens drei bis vier Jahren sollte sichtbar sein, ob ein Unternehmen dauerhaft Gewinne erzielen kann.
 

Begleitung über den Workshop hinaus

Was passiert zwischen zwei Workshops? Wie eng begleiten Sie die Teilnehmenden in dieser Zeit?
Unser Team ist jederzeit für Fragen ansprechbar. Manchmal merken Teilnehmende nach Kundengesprächen, dass sie ihr Angebot weiterentwickeln wollen, oder sie möchten ein Thema noch einmal vertiefen. Die meisten Fragen entstehen, wenn man selbst an die Umsetzung geht. Typische Themen zwischen den Workshops sind etwa soziale Medien für den Vertrieb, die eigene Präsenz in den sozialen Medien oder der Einsatz von KI, um kleine Prozesse zu automatisieren. Auch zwischen den Workshops geht es also immer um ganz individuelle Anliegen. Wenn nötig, ziehen wir auch Expert:innen hinzu.
 
Welche Unterstützung bietet ZamWirken nach Abschluss eines Blocks, etwa Vernetzung, Coaching oder Mentoring?
Die Teilnehmenden haben Zugang zu allen Angeboten von ZamWirken. Dazu gehören regelmäßige Gründer:innen-Treffen, Coaching auf Anfrage und an unseren Coaching Days, Mentoring und verschiedene Veranstaltungen. Dort können die Gründer:innen Kontakte zu möglichen Kund:innen knüpfen oder ihr Wissen vertiefen. Etwa vier Monate nach Abschluss eines Akademie-Durchgangs machen wir ein Wrap-up und schauen, ob einzelne Themen wiederholt oder vertieft werden sollten.
 
Sie arbeiten in sechs Landkreisen östlich von München. Was zeichnet die Bedingungen hier im Vergleich zu einer Großstadt mit dichter Gründerszene aus?
Wer sich bei uns bewirbt, kommt meist aus einem bestehenden Arbeitsverhältnis und seltener direkt von der Uni. Die Ideen entstehen im Arbeitsalltag, und irgendwann stellt sich die Frage, ob man selbst ein Unternehmen aufbauen will. Die meisten Teilnehmenden haben keinen Abschluss in Betriebswirtschaft oder einem ähnlichen Fach. Sie brauchen also erst einmal Grundlagenwissen, um auf eigenen Füßen zu stehen. Der Anteil an Gründerinnen ist bei uns recht hoch. In Großstädten gibt es viele Angebote für Gründer:innen, aber auch sehr viel Nachfrage, und als Startup ist man dort eben einer von vielen. Bei uns ist die Beziehung zwischen Coaches und Startups viel enger. Manchmal bekommen die Gründer:innen auch direkten Zugang zu Geschäftsführer:innen und Manager:innen aus der Region.

Wen möchten Sie künftig noch stärker erreichen?
Wir möchten vor allem die Menschen erreichen, die schon einmal mit dem Gedanken gespielt haben, sich selbstständig zu machen. Und die Vereine, die Unterstützung gebrauchen könnten. In der aktuellen Flut an Social-Media-Inhalten geht leicht unter, dass es uns gibt. Wir würden uns freuen, wenn Politik, IHK und Finanzinstitute auf uns hinweisen. Es geht darum, künftige Unternehmer:innen in den Landkreisen zu halten. Sonst gehen sie dorthin, wo sie Hilfe bekommen, also in die Großstädte. Bei Vereinen mag der Eindruck entstehen, dass wir uns nur um Startups kümmern. Tatsächlich unterstützen wir alle Unternehmen, Vereine, Genossenschaften und andere Organisationen, die das Gemeinwohl in den Mittelpunkt ihrer Tätigkeit stellen.
 

Abschluss und Einladung

Woran erkennen Sie nach einem Akademie-Durchgang, dass es funktioniert hat?
Wenn die Teilnehmenden regelmäßig unsere Angebote und das Coaching nutzen, arbeiten sie aktiv am Aufbau ihres Unternehmens oder Vereins. Das ist ein sehr gutes Zeichen.

Was sollte jemand mitbringen, der im November einsteigt?
Auf jeden Fall eine Geschäftsidee, an der wir arbeiten können. Ansonsten Neugier und Spaß an der Arbeit.

Zum Schluss ein Satz an eine Leserin, die eine Idee hat und über den ersten Schritt nachdenkt: Was sagen Sie ihr?
Liebe Leserin, kommen Sie gern bei uns vorbei, und lassen Sie uns unverbindlich über Ihre Idee sprechen. Wir freuen uns über jeden Besuch.

Die nächste Impact Akademie startet am 18. November 2026. Wer an einer Teilnahme interessiert ist, kann Detlef Pohl direkt kontaktieren unter detlefpohl@zamwirken.de und findet weitere Informationen auf www.zamwirken.de.

Quelle: ZamWirken e.V.



     
        
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