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Nachhaltigkeit soll messbar sein

- nur wie?!


Das Alternativmodell zum Indikatorenbericht
der Bundesregierung
Zukunftsfähigkeit, eine dauerhaft umweltgerechte Entwicklung, Nachhaltigkeit - wie auch immer der Begriff des "sustainable development" ins Deutsche übersetzt wird, auf einer abstrakten Ebene sind sich alle weitestgehend einig. Die Begriffe sind positiv besetzt - wer sie einfordert, erfährt in der Regel Zustimmung. Dies gilt vor allem für die Definition der Brundtland-Kommission, die besagt, dass nachhaltige Entwicklung "die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können". Doch der Teufel steckt im Detail, wenn es um die praktische Umsetzung und Evaluierung der Nachhaltigkeitsbestrebungen geht. Das zeigt sich auch beim Indikatorenbericht 2008 der Bundesregierung. Nachbesserungen sind dringend nötig!

Alle zwei Jahre legt die Bundesregierung einen Fortschrittsbericht zur erstmals im Jahr 2002 veröffentlichten Nachhaltigkeitsstrategie vor. Dieser Bericht soll den bisherigen Erfolgen der bundesdeutschen Politik in Sachen Nachhaltigkeit Rechnung tragen, aber auch aufzeigen, wo noch Handlungsbedarf besteht. Im November 2008 hat das Statistische Bundesamt die dritte Fortschreibung und Aktualisierung des Berichts veröffentlicht. Mithilfe eines Indikatorensystems wird abgebildet, ob und wie nachhaltig sich Deutschland entwickelt. Die 21 Indikatoren sind den vier Bereichen "Generationengerechtigkeit", "Lebensqualität", "Sozialer Zusammenhalt" und "Internationale Verantwortung" zugeordnet und dienen als Grundlage für politisch umzusetzende Nachhaltigkeitsmaßnahmen.

Seit Jahren stehen die Indikatoren jedoch in der Kritik, so dass wir empfehlen, bei einer weiteren Fortschreibung der Nachhaltigkeitsstrategie auf jeden Fall zumindest die folgenden zu ersetzen, zu überarbeiten oder zu ergänzen:
  • Die Ökonomie-Indikatoren beziehen sich auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Das BIP ist - für sich allein genommen - jedoch kein Indikator für eine sozial- oder umweltverträgliche Steigerung der Wirtschaftsleistung. Wir schlagen daher vor, das BIP als Indikator selbst sowie alle Indikatoren, die sich auf das BIP beziehen, durch die Aufnahme eines alternativen Wohlfahrtsindex zu ergänzen.*
  • Im Bereich Kriminalität wird mit Wohnungseinbruchsdiebstählen ein minder wichtiges Problem angesprochen; der Ausweis von Gewaltdelikten würde hier eine problemadäquatere Aussage liefern. Wir schlagen vor, den Indikator dementsprechend zu ersetzen oder zu ergänzen.
  • Derzeit berücksichtigen die Indikatoren nicht genügend die Entwicklung der Terms of Trade, also der internationalen Austauschverhältnisse. Dies ist allerdings unerlässlich, um einer der Zielformulierungen - die Verbesserung der Handelschancen für Entwicklungsländer - gerecht zu werden.
  • Die Bundesregierung hat die Erwerbstätigenquote als Indikator aufgenommen. Als Indikator sollte jedoch die Arbeitslosenquote dienen, da sie unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten aussagekräftiger ist.

*Vgl. hierzu die vor kurzem veröffentlichte Studie von Hans Diefenbacher und Roland Zieschank: Wohlfahrtsmessung in Deutschland - ein Vorschlag für einen neuen Wohlfahrtsindex. FEST für die Praxis, Bd. 5. Heidelberg 2008: Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft, hier im Internet zu finden.



Lücken im System

Im Vergleich zu anderen Indikatorensystemen der Nachhaltigkeit geht die Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung auf einige Themenfelder sehr intensiv ein. Andere Teilziele, die in der wissenschaftlichen Diskussion als wesentlich erachtet werden, behandelt sie hingegen gar nicht. Besondere Defizite bestehen in den folgenden Punkten:

  • Die Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung thematisiert die Potenziale regionaler und lokaler Wirtschaftsstrukturen nur am Rande. Interessant wäre allerdings die Frage, wie ausgewogen die derzeitigen Strukturen sind und wie Nahversorgungsstrukturen zurückgewonnen werden können.
  • In der Strategie fehlt der Bereich "Abfall". Damit wird auch der für eine nachhaltige Entwicklung so wichtige Aspekt der Kreislaufwirtschaft vernachlässigt. Nicht erwähnt wird zudem der Aufbau von Umweltmanagementsystemen in Betrieben und Unternehmen.
  • Auch die Bereiche "Wasser" und "Wald" als erneuerbare Ressourcen werden nicht angesprochen. Eine nachhaltige Entwicklung ohne einen adäquaten Umgang mit den natürlichen Ressourcen eines Landes ist jedoch undenkbar.

Die Alternative: aussagekräftiger und umsetzbar

Das Indikatorensystem der Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung sollte aufgrund der genannten Gründe umfassend geändert werden. Unser alternatives System haben wir anhand folgender Kriterien konzipiert:
1.Um den vielfältigen Aspekten, die der Begriff Nachhaltigkeit beinhaltet, gerecht werden zu können, haben wir die Zahl der Indikatoren auf 64 erhöht - auch die bundesdeutsche Arbeitsgruppe zur Commission on Sustainable Development hatte ursprünglich 60 Indikatoren ins Auge gefasst hatte.
2. Die Indikatoren sind neu nach den Dimensionen "Ökonomie", "Ökologie", "Gesellschaft/Soziales" und "Partizipation/Institutionen" gruppiert; innerhalb dieser Dimensionen der Nachhaltigkeit sind die Indikatoren nach Themenbereichen geordnet.
3. Jede Dimension wird in eine gleich große Anzahl von Teilzielen untergliedert; insgesamt werden vier mal acht Teilziele der Nachhaltigkeit benannt. Jedes Teilziel wird mit jeweils zwei Indikatoren abgebildet.
4. Bei zahlreichen Indikatorenvorschlägen greifen wir so weit wie möglich auf etablierte nationale und internationale Vorarbeiten zurück, da hier der Nachweis erbracht wurde, dass diese Indikatoren fachlich fundiert sind und sich auch für Deutschland statistisch realisieren lassen.

Wie Abbildung 1 zeigt, werden mit diesem Alternativmodell derzeit mehr als die Hälfte der Indikatoren mit der "roten Ampel" für einen schlechten Ist-Zustand bewertet. Davon liegen die meisten im Bereich Ökologie. Eine "grüne Ampel", also einen guten Ist-Zustand, hat fast ein Sechstel der Indikatoren. Knapp ein Viertel der Indikatoren wurde mit einer "gelben Ampel" versehen.
Die meisten positiven Veränderungen in den letzten fünf Jahren gibt es bei den Ökologie-Indikatoren, gefolgt von den Indikatoren aus dem Bereich Gesellschaft und Soziales.
Insgesamt fällt auf, dass die Bewertung der Entwicklung deutlich besser ausfällt als die Bewertung des Ist-Zustandes.

Abb. 1: Bewertungen der Nachhaltigkeitsindikatoren
mit dem Alternativmodell


Mit diesem Indikatorensystem wollen wir zeigen, dass es mit vertretbarem Aufwand möglich ist, ein für die wichtigsten Dimensionen und Teilziele der Nachhaltigkeit aussagekräftiges Indikatorensystem für Deutschland zu entwerfen und mit Zeitreihen auszufüllen.
Es wäre sehr zu begrüßen, wenn die Bundesregierung ein differenzierteres Indikatorensystem zur nachhaltigen Entwicklung in Deutschland verankern würde. Das jetzige Indikatorensystem kann und darf jedenfalls nicht der Weisheit letzter Schluss sein.
 
 
Von Volker Teichert und Hans Diefenbacher


Weitere Informationen:
Hans Diefenbacher, Andreas Frank, Volker Teichert und Stefan Wilhelmy:
Indikatoren nachhaltiger Entwicklung in Deutschland. Ein alternatives Indikatorensystem zur nationalen Nachhaltigkeitsstrategie - Fortschreibung 2008


Kontakt:
Dr.rer.pol. Volker Teichert
E-Mail: volker.teichert@fest-heidelberg.de

Prof. Dr. Hans Diefenbacher
E-Mail: hans.diefenbacher@fest-heidelberg.de

Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft
Schmeilweg 5
69118 Heidelberg


Quelle:
Gesellschaft | Politik, 29.04.2009

     
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