Christoph Quarch
Technik | Digitalisierung, 26.08.2026
Ist die Demokratie im KI-Zeitalter noch zu retten?
Christoph Quarch hofft auf Europäische KIs, die systemisch denken und den Blick fürs Ganze haben
Die bevorstehenden Landtagswahlen im Osten Deutschland sind ein weiteres Beispiel dafür: Künstliche Intelligenz spielt in der politischen Kommunikation eine immer größere Rolle. Dass Politiker ihre Reden von einer KI schreiben lassen und KI-generierte Bilder auf Plakaten erscheinen, wird von den Wählerinnen und Wählern meist hingenommen; dass aber immer mehr Inhalte, Statistiken oder Informationen KI-generiert sind, bereitet allen Demokraten Sorgenfalten. Denn es wimmelt im Netz nur so von Desinformation und Fake-News. Wird KI zur Gefahr der freiheitlich demokratischen Grundordnung? Und wenn Ja - wie kann sich eine Demokratie dagegen wappnen? Darüber reden wir mit dem Philosophen und Bestseller-Autor Christoph Quarch.
Herr Quarch, letzte Woche sprachen wir darüber, dass der großflächige Einsatz Künstlicher Intelligenz unsere emotionale, soziale und kommunikative Kompetenz schwächt. Schwächt KI auch unsere politische Urteilskraft?Ja, und was noch schlimmer ist: Sie zerstört sie. Schauen wir uns an, was in den Social Media geschieht. Die Algorithmen der Anbieter erkunden sehr genau Ihr Nutzerverhalten und sorgen dafür, dass Sie nur solche Inhalte zugespielt bekommen, bei denen Sie mutmaßlich lange verweilen. Klar, denn in der Logik der Social Media ist die Verweildauer geldwert. Also werden Sie mit Inhalten gefüttert, die Sie in Ihrer Meinung bestätigen. Das führt dazu, dass sich Ihre Sichtweise und Ihr Weltbild immer mehr verhärten. Sie kommunizieren mit Gleichgesinnten und haben kaum noch Gelegenheit, andere Perspektiven kennenzulernen, geschweige denn Argumente auszutauschen. So tragen die Algorithmen der KI dazu bei, dass die Kommunikation erst immer irrationaler und dann immer rüder wird, bis sie zuletzt ganz erlischt. Die Folge sieht man in den USA, wo in Familien oft nicht mehr über Politik geredet wird.
Aber war das nicht immer so: Früher las man auch nur die Zeitung, deren politische Meinung man teilte. Was macht da den Unterschied?
Der Unterschied besteht darin, dass Ihnen die Social-Media keine verlässlichen Informationen zuspielen, sondern das, was Sie ködert. In Ermangelung von Redaktionen oder einer funktionierenden Selbstkontrolle der Anbieter, ist es für den Nutzer oft unmöglich zu unterscheiden, ob es sich bei einem Prompt um Fakenews oder reale Tatsachen handelt. Und je mehr man sich in der Echokammer seines Accounts eingenistet hat, desto schwieriger wird es; bis dahin, dass man gar nicht mehr danach fragt, ob eine Information der Realität entspricht oder nicht, sondern sie nur noch danach gewichtet, ob sie einem zusagt - oder ob sie einen emotional triggert. Das macht es den Manipulatoren leicht, denn auf diese Weise kann man jede Form des kritischen Denkens ausschalten und blinde Gefolgschaft erzeugen. Vor allem Rechtspopulisten bedienen sich hierzulande dieser Strategie mit großem Erfolg.
Wollen Sie damit sagen, dass sich viele Menschen gar nicht mehr fragen, ob eine Nachricht wahr oder falsch ist, sondern nur dasjenige gelten lassen, was sie gelten lassen wollen?
Ja, so kann man das beschreiben. Und darin liegt die Gefahr der Algorithmen. Sie entziehen einer Gesellschaft das gemeinsame Fundament, das nötig ist, um politische Diskurse zu führen. Die ursprüngliche Idee des Politischen war es, dass eine Bürgerschaft auf der Grundlage von allen gleichermaßen zugänglichen Informationen darüber befindet, was zu tun ist. Natürlich gab es immer schon Manipulationsversuche, aber das Grundaxiom der Demokratie war immer: Wir informieren uns und dann entscheiden wir. Vertrauenswürdige Information - Wahrheit: das ist das Lebenselixier der Demokratie. Wenn es versiegt und alles - egal ob wahr oder falsch - in den öffentlichen Diskurs eingespeist wird, kommt es zu einer schleichenden mentalen Vergiftung der Bürgerschaft - bis dahin, dass Politik nicht mehr tatsachenbasiert ist, sondern nur noch künstlich erzeugte Erregung adressiert. Das ist doppelt gefährlich: Erstens spaltet es die Gesellschaft, zweitens macht es die Politik realitätsblind und handlungsunfähig.
Glauben Sie, dass diese Dynamiken noch aufgehalten werden können? Oder um es provokant zu sagen: Ist die Demokratie im KI-Zeitalter noch zu retten?
Ich weiß es nicht. Vielleicht brauchen wir neue Formen der Demokratie. Das Hauptproblem sehe ich darin, dass KI nicht nur die Demokratie gefährdet, sondern das Politische. Damit meine ich eine mentale Haltung, die als Maßstab der Politik nicht die Partikularinteressen bestimmter Individuen, Lobbys, Unternehmen oder Gruppen sieht, sondern das Gemeinwohl des Gemeinwesens; ich sage bewusst nicht "des Volkes" - weil diejenigen, die sich als "Volk" deklarieren, oft nicht das Gemeinwohl im Blick haben, sondern nur ihre Partikularinteressen. Was wir brauchen, ist eine Stärkung des Gemeinsinns. Und den Gemeinsinn müssen wir unseren KIs antrainieren. Die gängigen Modelle sind davon weit entfernt. Sie ticken genauso vorteilsorientiert wie die Firmen, die sie in Umlauf bringen. Wir brauchen bessere KIs, die systemisch denken und den Blick fürs Ganze haben. Das wäre die Aufgabe einer so dringend notwendigen Europäischen KI-Strategie.
Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
Aktuelle Bücher von ihm sind: „Lebenselixier Schönheit. Was uns rettet" (2026) „Wahre Wirtschaft. Für eine Disruption des ökonomischen Denkens" (2026) und „Wacher Geist und fester Schritt. The Donkey School for Leadership” (2024).
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org
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