Ingo Leipner
Technik | Energie, 01.03.2026
Hoffnungsträger auf dem Prüfstand
Wasserstoff zwischen Anspruch und Wirtschaftlichkeit
Im Herbst 2025 häufen sich die schlechten Nachrichten rund um grünen Wasserstoff: Die einen sehen keinen Markt mehr, wenn das Gas in Afrika produziert wird. Die anderen wollen damit in Bayern keine Busse mehr betanken. Bleibt grüner Wasserstoff am Ende ein unverzichtbarer Baustein der Energiewende – oder ein überdehntes Versprechen?
In Namibia soll eine gewaltige industrielle Infrastruktur entstehen, wenn die Pläne des Projekts „Hyphen" aufgehen. Unter diesem Namen will ein Konsortium grünen Wasserstoff produzieren; mit 24 Prozent beteiligt sich der Staat Namibia, jeweils mit 38 Prozent das deutsche Unternehmen Enertrag und die britische Nicholas Holdings. Das Projekt folgt der Hoffnung, den Wasserstoff dort zu erzeugen, wo Sonne und Wind im Überfluss vorhanden sind. Im globalen Süden also.Doch „Hyphen" hat bereits erste Probleme: RWE steigt schon im Vorfeld als Abnehmer aus: „Langsamer als erwartet" habe sich, so ein RWE-Sprecher, die Nachfrage der Kunden entwickelt. Das dürfte auch am Preis gelegen haben. Der Monitoring-Bericht für das Wirtschaftsministerium vom September 2025 verdeutlicht das Problem: die Herstellung von grünem Wasserstoff kostet durchschnittlich 349 €/MWh. Am Markt wollen aber potenzielle Abnehmer lediglich 50 bis 100 € je MWh bezahlen.
Importhoffnungen unter Druck
Namibia ist ein erstes Beispiel, wie H2-Import-Pläne scheitern könnten. Doch grüner Wasserstoff muss zu 50 bis 70 Prozent importiert werden, weil die europäischen Elektrolyse-Kapazitäten nicht ausreichen. „In den vergangenen drei Jahren haben sich die globalen Projektankündigungen für grünen Wasserstoff fast verdreifacht", sagt Adrian Odenweller vom Potsdam Institut.
„Allerdings sind in diesem Zeitraum nur sieben Prozent der ursprünglich für 2023 angekündigten Produktionskapazität rechtzeitig fertiggestellt worden." Woher soll dann der Wasserstoff kommen, der in Massen für Deutschland nötig ist? Und vor allem stellt sich die Frage, ob nicht die Abhängigkeit von russischem Erdgas durch eine neue Abhängigkeit ersetzt wird. Das Dilemma: Die Produktion sollte vielleicht in Deutschland forciert werden, es gibt aber große Engpässe bei der nötigen Kapazität. Daneben existieren weitere Probleme mit dem Stoff, aus dem die Träume sind …
„Durch Umwandlungs- und Transportverluste gehen rund 75 Prozent der Energie verloren – Wasserstoff ist damit deutlich ineffizienter als direkte Stromnutzung.”
Dr. Ulf Bossel
Effizienzprobleme und die Illusion vom „Wegwerfstrom"
Grüner Wasserstoff entsteht durch die Elektrolyse von Wasser mit Ökostrom und gilt als emissionsfreier Energieträger, ist jedoch energetisch ineffizient. Laut dem Energieexperten Dr. Ulf Bossel gehen durch die vielen Umwandlungs- und Transportverluste rund drei Viertel der eingesetzten Energie verloren, sodass Wasserstoff gegenüber der direkten Stromnutzung deutlich im Nachteil ist.
Angesichts dieser Einschränkungen ruht bei der Elektrolyse oft die Hoffnung auf dem sogenannten „Wegwerfstrom", der bei drohender Überlastung der Netze anfällt, etwa wenn sich bei Sturm Windräder zu stark drehen – und die Produktion von Strom fürs ganze Netz gekappt wird, aber vor Ort nutzbar bleibt.
Aber gibt es denn ausreichend „Wegwerfstrom"? Nicht immer, wie ein Industrie-Konsortium in Heide erleben musste. Es hatte 36 Millionen Euro aus öffentlichen Mitteln erhalten, um den größten Elektrolyseur Deutschlands zu bauen. Die Idee: überschüssige Windenergie kostengünstig nutzen, um grünen Wasserstoff zu
produzieren.
Volker Quaschning, Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft, Berlin, erklärt das Dilemma des „Wegwerfstroms": „Ein Elektrolyseur sollte ein halbes Jahr durchlaufen, damit am Ende ein vernünftiger Preis herauskommt", sagt der Wissenschaftler. Das wären rund 4.000 Stunden im Jahr. „Wegwerfstrom" würde es aber im Moment nur 200 bis 300 Stunden geben. Der Strom für die restliche Zeit käme viel teurer aus dem Netz. An dieser Ökonomie scheiterte auch das Elektrolyseur-Projekt in Heide, trotz der hohen Subvention.
Bayreuth als Lehrstück
Auch der Monitoring-Bericht für das Wirtschaftsministerium hält für Wasserstoff fest: „Im Gebäude- und Verkehrssektor sind die Bedarfe in allen untersuchten Szenarien nicht signifikant." Also: Für diese Bereiche gibt es keinen Bedarf, Wasserstoff einzusetzen. Das haben auch die Stadtwerke Bayreuth erkannt, die ursprünglich Wasserstoff-Busse durch ihre Stadt rollen lassen wollten; 35 davon sollten bis 2038 emissionsfrei unterwegs sein. So überreichte Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger den Stadtwerken Förderurkunden im Wert von sieben Millionen Euro.
Der Minister jubelte: In Bayreuth entstehe „ein Leuchtturmprojekt mit Vorbildcharakter für ganz Bayern." Doch im Herbst 2025 setzte sich bei den Stadtwerken die Erkenntnis durch: Reine Elektrobusse fahren mittlerweile den ganzen Tag durch Bayreuth – ohne jede Zwischenladung. Sie ziehen bei der Reichweite mit H2-Bussen gleich: „Wasserstoff ist unter diesen Voraussetzungen wirtschaftlich nicht mehr konkurrenzfähig" sagt Geschäftsführer Markus Rützel.
Weitere Gründe sind längst bekannt: „Die Kosten für die H2-Infrastruktur sind hoch. Zum Vergleich: Eine Ladesäule kostet 100.000 Euro, eine H2-Tankstelle zwei Millionen Euro, das Zwanzigfache!", sagt Chemiker Prof. Maximilian Fichtner, Direktor am Helmholtz-Institut Ulm für Elektrochemische Energiespeicherung. Er erklärt: „Teile dieser Tankstellen gehen regelmäßig kaputt – und es gibt dafür noch keine Lösung, die dauerhaft stabil funktioniert." Hinzu kommt: „Die Wartungskosten sind heute einer der Sargnägel für viele Wasserstoff-Projekte", so der Chemiker. Ein solches Projekt wurde gerade in Bayreuth beerdigt.
Wo Wasserstoff unverzichtbar bleibt
Wasserstoff aus konventioneller Herstellung ist weiterhin ein wesentlicher Grundstoff für die Chemie-Industrie. Im Moment kostet „grauer Wasserstoff" aus Dampfreformierung nur 1/3 von „grünem Wasserstoff", der CO2-frei aus Elektrolyse stammt. Daher stellte 2023 die Chemieindustrie das Gas zu 93,7 Prozent mit dem Reformationsverfahren her, also auf der Basis von Erdgas, verbunden mit der Emission von ca. zehn Millionen Tonnen CO2. Konsequenz: Bevor die Politik über Heizen oder Autofahren mit Wasserstoff nachdenkt, sollte „grüner Wasserstoff" erst in der Chemieindustrie Verwendung finden. Dort besteht der wichtigste Hebel für den Klimaschutz durch grünen Wasserstoff.
Ingo Leipner ist Wirtschaftsjournalist und Autor kritischer Bücher u.a. zur Digitalisierung der Gesellschaft. Jüngstes Buch: „KI-Angriff auf das Bewusstsein" (info3). Neben Lehraufträgen an der Dualen Hochschule Mannheim veröffentlichte er zahlreiche Texte in der Tagespresse.
Dieser Artikel ist in forum 02/2026 - Zukunft braucht Frieden erschienen.
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