Garten-PV - Der Mini-Solarpark fürs Eigenheim
Irene Weipert-Fenner
Technik | Energie, 01.03.2026

Grüner Wasserstoff – ein explosives Thema

Zwischen Klimaversprechen, geopolitischem Wettbewerb und sozialen Konflikten

Grüne Wasserstoff­­importe sind zentral für Deutsch­lands Klima­politik, werden jedoch zunehmend von sozialen Bewegungen und Gewerkschaften in Exportländern des globalen Südens kritisiert. Doch wogegen richtet sich der Widerstand genau und wie könnte die Politik Wasser­stoff­­öko­nomien konflikt­sensibel gestalten?

Einer der Kritikpunkte: Viele der Exportländer sind sehr trocken – ungünstig für eine wasserintensive Produktion von grünem Wasserstoff © Ahmed für Unsplash+Seit dem EU Green Deal von 2019 verfolgt die EU das Ziel, ihre Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 50 Prozent zu senken und 2050 klimaneutral zu sein. Von Beginn an ist dabei sogenannter „grüner Wasserstoff" (GH2) ein zentraler Bestandteil der Strategie. Er wird ausschließlich mit erneuerbaren Energien erzeugt und soll vor allem die CO2-Emissionen energieintensiver Industrien deutlich reduzieren. Nach dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine sollte zudem die Abhängigkeit von russischem Gas schnell reduziert werden.
 
Auch hier galt GH2 als Teil der Lösung. Die damalige Bundesregierung unterstützte diesen Ansatz ausdrücklich, unter anderem mit dem Aufbau bilateraler Wasserstoffpartnerschaften. Denn eines war von Anfang an klar: Die EU würde maximal 50 Prozent ihres Bedarfs an grünem Wasserstoff selbst produzieren können, der Rest müsste importiert werden, etwa aus Afrika und Südamerika.

Win-win-Narrative treffen auf zunehmende Kritik
Internationale GH2-Kooperationen werden von EU-Seite gern als Win-win-Situation beschrieben. Länder – vorwiegend im globalen Süden – verfügten über viel Sonne, Wind und freie Landflächen (etwa Wüsten), die ideal für die Gewinnung grüner Elektrizität wären. Diese erneuerbaren Energien könnten dann in den Energieträger Wasserstoff transformiert und nach Europa transportiert werden. Dies brächte neue Ressourcen und wirtschaftliche Entwicklung für alle beteiligten Länder.

Gegen diese Sichtweise formiert sich Widerstand in zahlreichen betroffenen Ländern, der sich zunehmend transnational vernetzt. Zentrale Kritikpunkte beziehen sich auf lokale und nationale Missstände, die GH2-Ökonomien mit sich bringen können, sowie auf unfaire globale Beziehungen, die der Wasserstoffhandel weiter befördert.

Innerstaatliche Probleme
Auf lokaler und nationaler Ebene geht es vor allem um Konflikte rund um Energie, Wasser und Land. In Regionen mit Energiemangel oder stark verschuldeten Staaten, die hohe Subventionen benötigen, um sozial verträgliche Energiepreise zu sichern, ist eine Frage besonders schwer zu vermitteln: Warum wird Strom aus Solar- und Windparks zur Erzeugung von grünem Wasserstoff für den Export genutzt, statt die Energie direkt vor Ort einzusetzen?
 
Zudem verfügen viele Exportländer selbst nur über einen sehr geringen Anteil grüner Energie im nationalen Energiemix. Eigentlich bräuchten einheimische Industrien diese Energie, um bei Exporten von Produkten in die EU CO2-Aufschläge zu vermeiden – aufgrund des Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM, siehe Infokasten).

Der zweite zentrale Kritikpunkt bezieht sich auf die großen Mengen Wasser, die es für die Produktion von GH2 braucht. Die meisten Exportländer, die über Solarenergie Strom produzieren, sind sehr trocken. Zunehmende Hitzewellen durch den Klimawandel verschärfen die Wasserknappheit. Um dieser Kritik vorzubeugen, ist es ein fester Bestandteil von GH2-Plänen, Entsalzungsanlagen zu bauen. Diese wiederum werden für ihren hohen Energiebedarf kritisiert, der die erwähnten Energiekonflikte weiter verschärft. Zusätzlich entsteht dabei stark salzhaltiges Abwasser, das zusammen mit belastetem Wasser – etwa mit Schwermetallen – ins Meer zurückgeleitet wird.

Schließlich drohen Landkonflikte, gerade dort, wo kollektive Landrechte nicht formal-juristisch abgesichert sind, etwa in Pastoralgemeinschaften. Dies wird dadurch verschärft, dass grüne Energien etwa zehn Mal so viel Land benötigen wie fossile Energien.

Wer profitiert wirklich von Wasserstoffexporten?
Diese Frage stellen Kritiker*innen immer lauter und verweisen auf die hohen Investitionskosten der neuen, noch nicht final ausgereiften Technologie (siehe Literaturhinweise unten). Angesichts der internationalen Verschuldungskrise besteht die Gefahr, dass weitere Schulden – auch in Form von Entwicklungskrediten – dazukommen. Gleichzeitig würde nicht ausreichend auf lokale Wertschöpfung geachtet werden.
 
Welche Teile der Technologien könnten in den Exportländern selbst hergestellt werden, um damit vor Ort Arbeitsplätze und Wertschöpfung zu schaffen, auch um eine erneute Technologieabhängigkeit zu verhindern? Und warum sollten europäische Investoren auf einmal nicht ihre Gewinne priorisieren, sondern auf nachhaltige Entwicklung setzen?

Kritiker*innen sprechen von „grünem Kolonialismus" bzw. „grünem Extraktivismus". Sie sehen hier eine erneute Ausbeutung des globalen Südens durch den globalen Norden – und dies nicht mal mit einer wirklich sinnhaften klimapolitischen Maßnahme: Bis zum Endverbraucher z.B. in Deutschland gehen etwa 80-90 Prozent der ursprünglichen Energie verloren. Wasserstoff erscheint hier primär als Versuch des globalen Nordens, das eigene Wirtschaftsmodell „grünzuwaschen".

Wasserstoffökonomien konfliktsensibel gestalten
Soziale Bewegungen, NGOs und auch Gewerkschaften aus dem globalen Süden vernetzten sich zunehmend, um auf die hier besprochenen Missstände hinzuweisen. Auf diesen Dialog sollte sich der globale Norden – Regierungen wie Zivilgesellschaft – einlassen und diskutieren, in welchem Maßstab die GH2-Produktion jeweils sinnvoll ist und wie eine GH2-Wirtschaft Impulse für globale positive Entwicklungen setzen könnte, etwa in Bezug auf Klimafragen.
 
Tatsächlich steigen die Investitionen in erneuerbare Energien in vielen betroffenen Ländern auch seit der starken Nachfrageerhöhung für GH2 aus Europa. Doch wie können Anreize so gesetzt werden, dass auch die klimapolitisch sinnvollere Nutzung erneuerbarer Energien in den Exportländern selbst gesteigert wird?

Die positiven Impulse müssen aber auch breiter sozioökonomisch gedacht werden. Auf nationaler Ebene wird es signifikante und nachhaltige Beschäftigungseffekte allein durch die GH?-Produktion nicht geben. Hier könnte eine stärkere Verzahnung mit verschiedenen Sektoren deutscher Entwicklungszusammenarbeit helfen, etwa um im konkreten Fall Technologieproduktion vor Ort zu fördern. Auf lokaler Ebene können vor Projektstart Konsultationen mit der lokalen Bevölkerung und der organisierten Zivilgesellschaft stattfinden.
 
Sie können dabei helfen, Wege zu finden, die Einheimischen unmittelbare positive Effekte der Energiegewinnung spüren zu lassen: entweder durch die Versorgung mit Energie selbst oder über kommunale Abgaben, die Investitionen in der betroffenen Region ermöglichen. In autokratischen Regimen, in denen über 70 Prozent der Weltbevölkerung leben, ist lokale Partizipation zwar oft stark eingeschränkt, dennoch sollte man im konkreten Fall verschiedene Beteiligungsformen prüfen, da auch nicht-demokratische Regierungen lokale Proteste vermeiden wollen.

Bezüglich der Wasserproblematik von GH2 muss als oberste Maxime gelten: GH? darf nicht das Recht auf Wasser gefährden. Hierzu gehört, nicht nur Entsalzungsanlagen zu bauen, sondern z.B. Gewinne aus der GH2-Wirtschaft für die Modernisierung von Wasserinfrastruktur zu nutzen. Ökologische Effekte der Entsalzung sollten grenzübergreifend modelliert werden – etwa, wenn alle Mittelmeeranrainer wie geplant ihre Entsalzungspläne realisieren.

GH2 und der geopolitische Wettbewerb
Schließlich sollte sich Europa nicht vor den großen Gerechtigkeitsfragen drücken. Die Replikation alter Gewinnverteilung wird von einem zunehmend selbstbewussten globalen Süden immer weniger toleriert. Aktuell erscheint Europa jedoch vorwiegend angstgetrieben: Der zunehmende geopolitische Wettbewerb wird gelesen als Situation, in der es nur noch darum geht, China keinen Raum zu lassen und dafür auf sämtliche politische Konditionen oder wirtschaftliche Selbstbeschränkung zu verzichten (was früher ja auch nur leidlich der Fall war).

Eine andere Sichtweise wäre, sich zu fragen, wie Europa fairer und responsiver gegenüber den Interessen der Exportländer sein könnte – auch im Vergleich zu China – und wie dies zum Wettbewerbsvorteil für Europa werden könnte. In der Tat fördert China gerade stark die Entwicklung der GH2-Technologie, um mit günstigen Preisen den Weltmarkt bestimmen zu können. Dies wird jedoch für Exportländer keine positiven Effekte bis auf eventuell geringere Schulden haben. Beschäftigung und wirtschaftliche Entwicklung wird dies nicht anstoßen.

Ein konfliktsensibler Ansatz Europas in der GH2-Wirtschaft, der insbesondere die sozioökonomische Entwicklung der Exportländer stärker integriert, entspräche nicht nur mehr unseren Werten, sondern könnte auch die Kooperation mit Europa für Drittstaaten attraktiver machen. Daraus kann ein strategischer Vorteil im geopolitischen Wettbewerb erwachsen – und damit ein zusätzlicher Anreiz, einem echten Win-win-Modell näherzukommen.


CBAM
Der Europäische CO2-Grenzausgleichsmechanismus (Carbon Border Adjustment Mechanism – CBAM) ergänzt den innereuropäischen Emissionshandel und soll sicherstellen, dass für bestimmte importierte Waren aus Drittländern dieselben Emissionspreise anfallen wie für innerhalb der EU hergestellte Produkte. CBAM trat nach einer über zweijährigen Übergangsphase am 01.01.2026 vollumfänglich in Kraft.

Irene Weipert-Fenner ist Senior Research Fellow am Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung – PRIF in Frankfurt am Main. Sie forscht zur Energiewende vor dem Hintergrund ihrer Expertise zu Autokratie, Demokratisierung, sozialen Bewegungen und politökonomischen Konflikten in Nordafrika.

Dieser Artikel ist in forum 02/2026 - Zukunft braucht Frieden erschienen.

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Ergänzung zum Artikel "Grüner Wasserstoff – ein explosives Thema"
Der Artikel "Grüner Wasserstoff – ein explosives Thema" ist in forum 02/2026 erschienen.




     
        
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