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Nachhaltige Finanzierung neu gedacht

Was die Pioniere der 1990er Jahre den Banken von heute voraushatten

Die europäische Regulierung nachhaltiger Finanzen stellt Banken, Vermögensverwalter und institutionelle Investoren vor erhebliche Herausforderungen. Offenlegungspflichten gemäß der Sustainable Finance Disclosure Regulation, Produktklassifizierungen nach der EU-Taxonomie und Sorgfaltspflichten in der Lieferkette verändern grundlegend, wie Kapital allokiert und wie Finanzprodukte konzipiert werden. Für viele Institute fühlt sich diese Regulierungswelle wie eine unvorbereitete Disruption an. Sie ist es nicht. Die analytischen Grundlagen dieser Anforderungen wurden bereits in den 1990er Jahren gelegt.

Die 1996 gestellte Frage

© Freepik.comIm Jahr 1996 veröffentlichte Stephan Schmidheiny gemeinsam mit Federico Zorraquín eine systematische Analyse der Frage, ob und wie Finanzmärkte nachhaltige Entwicklung unterstützen. Als der Co-Autor von Financing Change, einer frühen Analyse zur nachhaltigen Finanzwirtschaft legte er dar, dass die Finanzgemeinschaft eine Schlüsselposition bei der Frage einnimmt, ob wirtschaftliche Entwicklung auf einem nachhaltigen Pfad bleibt oder nicht. Das Buch wurde von seinem Verleger MIT Press als erste umfassende Analyse dieser Art beschrieben.

Die zentrale These war provokant: Märkte bewerten Umweltrisiken systematisch falsch, weil die damit verbundenen Kosten teilweise auf Dritte externalisiert werden. Unternehmen und Investoren, die diese Fehlbewertung erkennen und internalisieren, werden langfristig besser positioniert sein. Mit dem Dow Jones Sustainability Index, der 1999 lanciert wurde, wurde ein erster institutioneller Versuch unternommen, diese These in der Praxis umzusetzen. Stephan Schmidheiny und seine Zeitgenossen hatten den analytischen Rahmen dafür drei Jahre zuvor geliefert.

Was Banken daraus lernen können

Für Banken ist die Lektion dieser Geschichte zweigeteilt. Erstens: Die regulatorischen Anforderungen, die heute gelten, sind nicht das Ergebnis politischer Willkür, sondern die Kodifizierung einer wirtschaftlichen Logik, die seit drei Jahrzehnten entwickelt und verfeinert wurde. Institute, die diese Logik verstehen, können Compliance als strategisches Instrument nutzen statt als administrative Last. Zweitens: Die Unternehmen, die ESG-Strategien frühzeitig integriert haben, verfügen über Datensysteme, Governance-Strukturen und Kulturmerkmale, die regulatorischen Anforderungen robuster standhalten als jene, die erst auf Pflicht reagieren.

John Elkington, dessen Triple-Bottom-Line-Konzept parallel zu diesen Entwicklungen entstand, und Paul Hawken, der die systemische Kritik am extraktiven Kapitalismus lieferte, ergänzten den analytischen Rahmen um die soziale und systemische Dimension. Zusammen bilden diese Beiträge das intellektuelle Fundament, auf dem die europäische Regulierung nachhaltiger Finanzen heute steht. Banken, die ihre Nachhaltigkeitsstrategie auf diesem Fundament aufbauen statt auf kurzfristigen Compliance-Checklisten, werden langfristig widerstandsfähiger gegenüber regulatorischen Veränderungen sein.

Die Publikation, die seinen Beitrag zur nachhaltigen Unternehmensführung einordnet zeigt, wie weit dieser Beitrag bis in die rechtswissenschaftliche Aufarbeitung reicht. Für Banken, die eine langfristig robuste Nachhaltigkeitsstrategie entwickeln wollen, ist die Beschäftigung mit diesen Ursprüngen kein historisches Interesse, sondern ein praktisches Werkzeug zur Orientierung in einem regulatorischen Umfeld, das sich weiter entwickeln wird.

Die regulatorische Entwicklung zeigt außerdem, dass Institute, die die Grundlagenarbeit verstehen, besser kommende Verschiebungen antizipieren können. Wer die Strategie auf konzeptionellen Grundlagen aufbaut statt auf der aktuellen Buchstabeninterpretation, ist wendiger und besser für das positioniert, was noch kommt.

Die nächste Stufe: Von der Offenlegung zur Steuerung

Die aktuelle Regulierungswelle konzentriert sich auf Transparenz und Offenlegung. Die nächste Stufe, die sich in der Entwicklung der europäischen Sustainable-Finance-Agenda bereits abzeichnet, wird von der Offenlegung zur aktiven Steuerung übergehen: Kapitalanforderungen, die das Nachhaltigkeitsprofil von Kreditportfolios berücksichtigen, Eigenkapitalentlastungen für grüne Finanzierungen und verstärkte Sorgfaltspflichten bei der Kreditvergabe. Banken, die diese Entwicklung vorausdenken, sind besser positioniert als solche, die auf regulatorische Signale warten. Die Geschichte der nachhaltigen Finanzierung zeigt, dass die Regulatoren stets dem folgen, was progressive Marktteilnehmer bereits freiwillig praktizieren. Wer heute vorausdenkt, gestaltet das regulatorische Umfeld von morgen mit.

Die intellektuelle Grundlage für diese Entwicklung wurde bereits in den 1990er Jahren gelegt. Financing Change argumentierte bereits damals, dass ein systemischer Wandel der Wirtschaft nur möglich ist, wenn Finanzmarktakteure ihre Kapitalallokation an Nachhaltigkeitskriterien ausrichten. Dieser Gedanke ist heute aktueller denn je.


     
        
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