Bernward Geier
Gesellschaft | Politik, 01.03.2026
Frieden schaffen mit immer mehr Waffen?
Vom Mythos der Abschreckung zur Notwendigkeit gewaltfreier Alternativen
Seit Jahrtausenden gilt militärische Stärke durch permanente Aufrüstung als Garant für Frieden. Doch historische Erfahrung, Klimafolgen und aktuelle Kriege erzählen eine andere Geschichte. Warum Militarismus systematisch scheitert und welche gewaltfreien Strategien Frieden tatsächlich möglich machen, erklärt die Einführung in unsere forum-Friedens-Strecke.
Können Waffen Frieden schaffen? Die gängige Antwort auf diese Frage liegt im lateinischen Sprichwort „Si vis pacem, para bellum", das als „Wenn du Frieden willst, bereite Krieg vor" den meisten geläufig ist. Für Befürworter:innen von Aufrüstung und Abschreckung ist dieser Spruch des römischen Militärschriftstellers Vegetius Renatus ein Mantra, das als maßgebliches Argument für Militarisierung benutzt wird.Seit 2.000 Jahren widerlegen jedoch etwa 15.000 Konflikte und Kriege mit vielen hundert Millionen Opfern diese Aussage – denn Aufrüstung führt sehr oft auch tatsächlich zu Kriegen. Jeder der aktuell mindestens 25 Kriege und bewaffneten Konflikte ist ein Argument dafür, von Militarismus und Kriegstüchtigkeit zu Pazifismus und Friedenstüchtigkeit umzusteuern.
„Aufrüstung und „Verteidigungsbereitschaft” sind der Stoff, aus dem die Träume der Profiteure der Rüstungsindustrie sind.”
Bernward Geier
Profiteure der Kriegsmaschinerie
Um Krieg zu führen, braucht es unabdingbar Waffen. Deshalb braucht es visionäre Strategien, gesellschaftlichen Widerstand und politische Entscheidungen, die sich der Rüstungsindustrie entgegenstellen. Wie nötig das ist, zeigt der Beitrag von Jürgen Graesslin („Militär und Märkte") zur gigantischen Aufrüstung und der beschämend versagenden Rüstungsexportkontrolle.
Schlachtfelder und verlustreiche Stellungskriege – vom 1. und 2. Weltkrieg bis zum aktuellen Krieg in der Ukraine – bilden die ökonomische Grundlage eines perversen Geschäftsmodells, das umso profitabler ist, je mehr Kriege mit immer mehr Toten und Zerstörungen es gibt und vor allem, je länger sie dauern. Aufrüstung und „Verteidigungsbereitschaft" sind deshalb der Stoff, aus dem die Träume der Profiteure der Rüstungsindustrie sind, denn sie sind der „Treibstoff" für riesige Gewinnmargen. Von diesem „Wirtschaftssektor" erhofft man sich auch hierzulande einen wesentlichen Beitrag für den wirtschaftlichen Aufschwung.
Diese Hoffnung hat auch Donald Trump, der bis nächstes Jahr mit unglaublichen 1,5 Billionen US-Dollar (1.500 Milliarden Euro) eine „Traumarmee" aufbauen will, obwohl schon vorher die US Army rund um den Globus für viele Menschen und Länder wie Korea, Vietnam, Irak und aktuell Venezuela ein tödlicher Alptraum war und ist. Auch der Kriegstyrann Wladimir Putin hofft mit der Umstellung der Industrie auf Kriegswirtschaft die enormen wirtschaftlichen Probleme Russlands zu lösen und die Kassen mit den Bodenschätzen der eroberten Gebiete wieder zu füllen.
Dabei lehrt die Vergangenheit, dass dieser Schuss oft nach hinten losgeht. Die „Kampfmaschine" Nazi-Deutschland lag am Ende in Schutt und Asche und erlitt (wie auch ihre Gegner) gigantische Verluste an Menschenleben und Werten. Die Geschichte zeigt, dass massive Aufrüstung weder ökonomische Stabilität noch politische Sicherheit garantiert, sondern im Gegenteil die Risiken von Eskalation und systemischer Verhärtung erhöht.
„Die Geschichte zeigt, dass massive Aufrüstung weder ökonomische Stabilität noch politische Sicherheit garantiert, sondern im Gegenteil die Risiken von Eskalation und systemischer Verhärtung erhöht”
Bernward Geier
Militär als Klimakiller und Pazifismus-Verdränger
Es ist skandalös, dass in den gängigen Medien und im gesellschaftlichen Diskurs der enorme Beitrag von Militär, Rüstungsproduktion und Kriegen zur Klimakatastrophe kaum thematisiert wird (siehe den Beitrag „Die fossile Armee" von Maik Schluroff). Die effektivste Form, radikal Emissionen einzusparen, wäre massive Abrüstung. Zeit, dass sich die gesamte Klima- und Umweltschutzbewegung dieses Thema prominent auf die Fahne schreibt.Denn obwohl weltweit unzählige Soldaten sowie Zivilisten täglich ermordet werden und fast alle Menschen Frieden wollen, gewinnen Militarismus und Rüstungswahn die Oberhand, während Pazifismus immer mehr mit Diffamierung und teilweise mit Meinungsunterdrückung konfrontiert ist. Das zeigt sich u.a. daran, dass in der öffentlichen Diskussion, besonders in den vielen Talkshows und Podcasts zum Thema Krieg und Rüstung, so gut wie nie gewaltfreie Friedensstrategien und Personen, die pazifistische Positionen vertreten, Raum bekommen.
Es gibt überzeugende gewaltfreie Lösungen
Ein Markenzeichen des forum-Magazins und Ziel dieses Themenschwerpunktes ist es, den Fokus auf Lösungen zu setzen. Siehe dazu z.B. den Beitrag von Alrun Vogt („Der Mythos der Härte"), über die überraschende amerikanische Studie von Erica Chenoweth und Maria J. Stephan, die aufzeigt, dass weltweit der Erfolg von gewaltfreiem zivilem Widerstand viel größer ist, als Konflikte mit Waffen zu lösen. Man denke dabei nur an die gewaltfreie Unabhängigkeitsbewegung Mahatma Gandhis, oder die Montagsdemonstrationen in Leipzig und der ganzen DDR, die ohne Gewalt den Fall des „Eisernen Vorhangs" und das Ende einer Diktatur einleiteten.
Aber: Das Engagement für Frieden braucht langfristige Strategien und vor allem auch mutige Vision. Eine auf den ersten Blick illusionär anmutende Vision, unterlegt mit konkreten, aber noch zu vertiefenden Lösungsvorschlägen, hat Christian Felber in seinem Beitrag „Auf dem Weg zum ewigen Frieden" postuliert. Die Lösungsansätze liegen aber auch im Engagement von uns und vor Ort. Ein wegweisendes Vorbild, das der Friedensbewegung dringend notwendige neue Impulse gibt und auch umsetzt, beschreibt Günter Rausch in seinem Beitrag zur „Friedensstadt Freiburg". Das Beispiel sollte bundesweit aufgegriffen und umgesetzt werden.
Um die Diskussionen über Lösungen zu verstärken, sprechen wir mit Akteuren aus allen Bereichen: von der Bundeswehr über die Wirtschaft bis hin zu NGOs und Politik.
Krieg verschärft die Krisen
Die vielen, unsere Zukunft bedrohenden Krisen lassen sich nicht gegeneinander ausspielen. Klima- und Finanzkrise, Biodiversität, Demokratie, globale Gerechtigkeit – all dies sind fundamental wichtige und miteinander verwobene Themen. Doch die Tatsache, dass Militarismus, Aufrüstung und die dadurch ermöglichten Kriege die wohl größte Bedrohung für das Überleben der Menschheit sind, gehört in den Mittelpunkt des öffentlichen Diskurses. Statt immer neue Milliarden in militärische Systeme zu lenken, sollten diese Mittel konsequent in das investiert werden, was Frieden tatsächlich stärkt: Ernährungssicherheit, Bildung, soziale Teilhabe und den Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen.
Bernward Geier ist Pazifist und Aktivist, international anerkannter Experte für Landwirtschaft und Nachhaltigkeit, sowie Buchautor und Filmemacher. Als forum-Kuratoriumsmitglied engagiert er sich für eine ausgewogene Berichterstattung.
Dieser Artikel ist in forum 02/2026 - Zukunft braucht Frieden erschienen.
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