Mathias Warlich
Gesellschaft | Politik, 30.03.2026
Kann man Frieden messen?
Eine Analyse des Institute for Economics and Peace
Frieden ist das wichtigste Gemeingut. Ohne Frieden kann nichts gedeihen. Was macht friedfertige Gesellschaften aus? Wie können wir sie entwickeln, stärken – und erhalten? Friedensarbeit mit Zahlen, Daten und Fakten unterstützen: Genau hier setzt das Institute for Economics and Peace (IEP) an.
Eine unabhängige Denkfabrik für Frieden
Das IEP ist eine unabhängige, gemeinnützige Denkfabrik mit Sitz in Sydney und Büros in New York, Brüssel, Den Haag, Mexiko-Stadt und Harare. Gegründet wurde sie 2007 vom australischen Unternehmer Steve Killelea. Ihr Ziel: Durch datengetriebene Forschung, Beratung und Ausbildung das Wissen über Frieden zu verbessern und darüber Wege zu einer friedfertigeren Welt aufzuzeigen.
Der Global Peace Index als Maßstab
Im Zentrum steht der jährlich veröffentlichte Global Peace Index (GPI). Für 163 Länder – und damit für 99,7 % der Weltbevölkerung – wird jährlich über 23 Indikatoren ein umfassendes Bild von Frieden ermittelt, 2025 zum 19. Mal. Drei Bereiche stehen im Fokus:
- Ausmaß von Konflikten (national und international): Indikatoren sind u. a. Anzahl und Todesfälle interner bzw. externer Konflikte
- Sicherheit innerhalb der Gesellschaft: Indikatoren sind u.a. Gewaltsame Demonstrationen, Gewaltkriminalität, Tötungsrate, Polizeidichte, Inhaftierungsrate, Flüchtlinge.
- Militarisierung: Indikatoren sind u.a. Militärausgaben, Militärpersonal, Waffenexporte- und importe, Finanzierung von UN-Friedensmissionen.
Insgesamt sind die Ergebnisse ernüchternd, aber wenig überraschend: Unsicherheit und Friedens-Ungleichheit nehmen weltweit zu.
Und Deutschland?
Mit einem Wert von 1,53 (auf einer Skala von 1 bis 5) belegt es Platz 20 von 163 Ländern. Der kritischste Faktor sind die Waffenexporte, gefolgt vom Einfluss von Terrorismus. Natürlich kann man fragen: Wie belastbar sind solche Zahlen? Das IEP arbeitet transparent und offen mit seinen Methoden.
Terrorismus und Naturgefahren
Sehr interessant sind auch die zwei weiteren Analysen des IEP. Einerseits über den eng mit Kriegshandlungen verbundenen Terrorismus: Global Terrorism-Index. Und andererseits, der aus Nachhaltigkeitsperspektive besonders interessante Ecological Threat Report. Dessen eindrücklichsten Erkenntnisse sind:
- Die 40 am wenigsten friedlichen Länder werden ihre Bevölkerung bis 2050 um 1,3 Milliarden Menschen erhöhen.
- Gleichzeitig sind sie am stärksten von ökologischen Bedrohungen betroffen.
- Veränderte Niederschlagsmuster erhöhen das Konfliktrisiko erheblich. Wo Regen unregelmäßiger fällt und sich auf wenige Monate konzentriert, steigen Gewalt und Instabilität messbar an.
Die Botschaft ist klar: Zukunftsfähiges Wirtschaften ist eine Friedensstrategie.
Positiver Frieden: Was macht Gesellschaften dauerhaft friedlich?
So wichtig all diese Zahlen sind, sie beantworten noch nicht die entscheidende Frage: Was macht Gesellschaften dauerhaft friedlich? Hier setzt das vom IEP entwickelte Konzept des „positiven Friedens" an. Frieden ist demnach nicht nur die Abwesenheit von Gewalt oder Angst. Positiver Frieden umfasst die Haltungen, Institutionen und Strukturen, die friedliche Gesellschaften schaffen und aufrechterhalten. Die Daten zeigen, es sind 8 Grundpfeiler:- Gut funktionierende Regierung
- Solides wirtschaftliches Umfeld
- Gerechte Verteilung von Ressourcen
- Akzeptanz der Rechte Anderer
- Gute Beziehungen zu Nachbarstaaten
- Freier Informationsfluss
- Hohes Niveau an Humankapital
- Geringes Maß an Korruption
Die Kosten der Gewalt
Am Ende führt die Arbeit des Instituts zu einer Erkenntnis, die ebenso nüchtern wie eindringlich ist. Die globalen wirtschaftlichen Kosten von Gewalt beliefen sich im Jahr 2025 auf 20 Billionen US-Dollar – mehr als elf Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung. Frieden ist damit nicht nur ein ethisches Ziel, sondern auch ein zentraler ökonomischer Faktor.
Jeder Euro, der in Rüstung und Verteidigung fließt, steht nicht mehr für Bildung, Gesundheit, gesellschaftlichen Zusammenhalt oder Resilienz zur Verfügung.
Fazit: Ja, man kann Frieden messen. Und aus diesen Messungen lernen, Zusammenhänge erkennen und mit zukunftsfähigem Wirtschaften an den Grundpfeilern des positiven Friedens arbeiten.
Matthias Warlich ist IEP Peace Ambassador. Er hatte 30 Jahre Führungsaufgaben in der Versicherungs- und Rückversicherungswirtschaft. Seit 2019 ist er beratend im Nachhaltigkeitsmanagement tätig. Sein Ziel ist ein Wirtschaften, das den Erfolg an mehr als nur dem finanziellen Ertrag bemisst.
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