Christoph Quarch
Gesellschaft | Megatrends, 24.03.2026
Überlegen ist, wer Neues wagt
Christoph Quarch empfiehlt "Anfänge auf Abruf" als Schritt zu mehr gesellschaftlicher Expermentierfreudigkeit
Wenn im Frühling alles sprießt und wächst, liegt Aufbruchstimmung in der Luft. Wer etwas Neues beginnen will, tut gut daran, den Schwung der Frühlingstage mitzunehmen. Aber irgendwie scheint das hierzulande nicht recht zu gelingen. Eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass die deutsche Wirtschaft weiter an Innovationsfähigkeit verliert. Anders als manche Nachbarstaaten tun wir uns schwer mit Aufbrüchen und Neuanfängen. Stattdessen neigen wir dazu, Bedenken zu tragen und endlose Debatten zu führen, um zuletzt am scheinbar Altbewährten festzuhalten. Woran liegt das? Und wie könnte man die kollektive Antriebsschwäche überwinden? Darüber reden wir mit dem Philosophen und Bestseller-Autor Christoph Quarch.
Herr Quarch, haben Sie eine Erklärung dafür, warum Deutschland derzeit so innovationsmüde daherkommt?
Wie so oft gibt es auch hier keine einfache Erklärung. Wirtschaftsvertreter und Verbände verweisen gerne auf bürokratische Hindernisse oder fehlendes Risikokapital. Da ist etwas dran, aber gleichzeitig macht man es sich damit zu einfach. Statt sich an die eigene Nase zu fassen, werden andere verantwortlich gemacht. Und genau da liegt das Problem. Es gibt in Deutschland eine Arroganz der früheren Erfolge; besonders weit verbreitet in der Automobilindustrie, die sich jahrzehntelang gegen Elektro-Mobilität gesperrt hat und nun staunt, dass die Gewinne einbrechen. Irgendwie glaubt man dort noch immer, dass die eigene Ingenieurskunst im Weltmaßstab nicht zu toppen ist. Dabei ist gerade die Ingenieursdenke das Kernproblem: Man meint, in Sachen Perfektion allen überlegen zu sein. Aber das stimmt nicht. Überlegen ist, wer Neues wagt.Neues zu wagen, ist aber immer mit Risiken verbunden - und Risiken sollten minimiert werden, um Unheil zu vermeiden. Innovation um der Innovation willen ist doch keine gute Strategie, oder?
Sicher geht es um das richtige Maß. Aber genau das scheint mir unter der Dominanz der Ingenieursdenke verloren gegangen zu sein. Wir sind zu ängstlich, zu perfektionistisch. Wir wollen keine Fehler machen. Sicher ist das ehrenwert, aber es lähmt die Kreativität, wenn die Bedenkenträger überhand gewinnen. Um in die Zukunft zu kommen, braucht es mehr den Erfindergeist als den Ingenieursgeist. Es braucht die Bereitschaft, mal etwas auszuprobieren. Natürlich nicht auf Teufel komm raus. Aber man kann ja auch kontrollierte Experimente machen, um Erfahrungen zu sammeln, die dann für weitere Schritte hilfreich sind. Das gilt für Unternehmen, aber auch für die Politik. Ich frage mich, warum wir nicht viel öfter mit dem Medium der Zeit operieren; warum wir nicht mal Neuerungen auf Abruf erproben. Also nach dem Motto: Wir machen das jetzt für ein paar Jahre und dann werten wir aus und sehen weiter. Stattdessen diskutieren wir so, als müsse alles in Stein gemeißelt werden.
Hätten Sie ein Beispiel aus der Politik, wie Sie sich Innovation auf Abruf vorstellen?
Nehmen wir das Tempolimit auf Autobahnen. Statt endlose Grundsatzdebatten darüber zu führen, ob so etwas machbar ist, wäre es viel einfacher zu sagen: „Okay, wir machen ein Gesetz, nach dem befristet bis 2030 auf deutschen Autobahnen Tempo 130 gilt; dann sehen wir, welche Effekte das hat und entscheiden, ob wir es auf unbestimmte Zeit verlängern wollen". Oder nehmen wir das Social-Media-Verbot für Jugendliche. Auch das wird zu einer Grundsatzdebatte aufgebauscht, die überhaupt nicht notwendig wäre. Entweder man könnte sich im europäischen Ausland umschauen und die dort gemachten Erfahrungen auswerten - was am einfachsten wäre, wenn uns nicht unsere Arroganz im Wege stünde -, oder wir stellen wenigstens unseren Ingenieursperfektionismus zurück und sagen: „Probieren wir es einfach aus" - von mir aus bis 2028. Danach werden wir schlauer sein.
Aber ist das nicht ein Taschenspielertrick? Befristete Gesetze mögen zwar suggerieren, dass sie wieder einkassiert werden können, aber de facto schafft man doch vollendete Tatsachen, die nicht mehr rückgängig gemacht werden, wenn sich die Leute erst einmal daran gewöhnt haben.
Das mag sein, aber in der Demokratie ist es ein gültiges Argument, wenn eine große Mehrheit von Menschen in ihrem Alltag feststellt, dass eine Neuerung vielleicht gar nicht so schlimm ist, wie die Bedenkenträger vorher behauptet haben. Natürlich funktioniert das nur, wo es eine unmittelbare Betroffenheit der Menschen gibt. So wäre es zum Beispiel deplatziert, wenn man sagen würde: "Gut, dann lass uns mal ein Mini-AKW ausprobieren". Das geht nicht, weil die möglichen Risiken noch nicht einmal in einem Versuchsspielraum von 100 Jahren ermessen werden könnten. Aber wo Risiken überschaubar sind und sich Effekte auf eine repräsentative und doch überschaubare Zahl von Menschen schnell einstellen, dürfte man etwas experimentierfreudiger sein und sich die Flüchtigkeit der Zeit zunutze machen.

Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
Aktuelle Bücher von ihm sind „Wacher Geist und fester Schritt. The Donkey School for Leadership" (2024), „Schönheit rettet die Welt” (2024) und "Der Club der alten Weisen" (2023).
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org
Weitere Artikel von Christoph Quarch:
Spielerischer Wettbewerb oder klassischer Wettkampf?
Christoph Quarchs philosophischer Blick auf die Bundesjugendspiele
Wenn es auf die Sommerferien zugeht, stehen in den Schulen die Bundesjugendspiele auf dem Programm. Doch die sind inzwischen zum politischen Zankapfel geworden. Spätestens, seit die Kultusministerkonferenz den Beschluss fasste, die Bundesjugendspielen so umzugestalten, dass es bei ihnen vor allem um die Freude an der Bewegung gehen soll, reißt die Kritik konservativer Bildungspolitiker nicht ab.
Christoph Quarchs philosophischer Blick auf die Bundesjugendspiele
Wenn es auf die Sommerferien zugeht, stehen in den Schulen die Bundesjugendspiele auf dem Programm. Doch die sind inzwischen zum politischen Zankapfel geworden. Spätestens, seit die Kultusministerkonferenz den Beschluss fasste, die Bundesjugendspielen so umzugestalten, dass es bei ihnen vor allem um die Freude an der Bewegung gehen soll, reißt die Kritik konservativer Bildungspolitiker nicht ab.
Teamgeist und Zusammenhalt
Christoph Quarchs Überlegungen zum Start der Fußball-Weltmeisterschaft
„Elf Freunde sollt ihr sein!" „Das Team ist der Star." Wenn ein großes Fußballturnier bevor steht, werden von Spielern, Trainern und Funktionären gerne Teamgeist und Zusammenhalt beschworen. Und wenn Themen wie diese erst einmal öffentlich benannt werden, dann dauert es zumeist nicht lange, bis sich Politiker und Wirtschaftskapitäne finden, die diese Stichworte bereitwillig aufgreifen und die Gesellschaft im Ganzen oder auf Betriebe und Unternehmen anwenden.
Christoph Quarchs Überlegungen zum Start der Fußball-Weltmeisterschaft
„Elf Freunde sollt ihr sein!" „Das Team ist der Star." Wenn ein großes Fußballturnier bevor steht, werden von Spielern, Trainern und Funktionären gerne Teamgeist und Zusammenhalt beschworen. Und wenn Themen wie diese erst einmal öffentlich benannt werden, dann dauert es zumeist nicht lange, bis sich Politiker und Wirtschaftskapitäne finden, die diese Stichworte bereitwillig aufgreifen und die Gesellschaft im Ganzen oder auf Betriebe und Unternehmen anwenden.
Magnifica Humanitas - Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz
Christoph Quarch begrüßt die Enzyklika von Papst Leo XIV. als wertvollen Debatten-Beitrag
Am Pfingstmontag hat Papst Leo XIV. seine erste Enzyklika mit dem Titel "Magnificat Humanitas" veröffentlicht. Worum es darin geht, verrät der Untertitel dieses Lehrschreibens: "Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz". Erstmals befasst sich darin das Oberhaupt der katholischen Kirche mit ethischen Fragen der Informationstechnologie; und er bezieht eine klare Position.
Christoph Quarch begrüßt die Enzyklika von Papst Leo XIV. als wertvollen Debatten-Beitrag
Am Pfingstmontag hat Papst Leo XIV. seine erste Enzyklika mit dem Titel "Magnificat Humanitas" veröffentlicht. Worum es darin geht, verrät der Untertitel dieses Lehrschreibens: "Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz". Erstmals befasst sich darin das Oberhaupt der katholischen Kirche mit ethischen Fragen der Informationstechnologie; und er bezieht eine klare Position.
Keine Zeit für Kinder und Zukunft
Christoph Quarch analysiert die Vergleichsstudie der UNICEF zur Kinderarmut
Selbst in Rumänien oder der Slowakei wachsen Kinder unter besseren Bedingungen auf als hierzulande. Zu diesem Ergebnis kommt eine unlängst vom Kinderhilfswerk UNICEF veröffentlichte internationale Vergleichsstudie, bei der Deutschland nur den 25. Platz von 37 bewerteten Ländern belegt. So ist die Kinderarmut in Deutschland mit 15 Prozent überdurchschnittlich hoch.
Christoph Quarch analysiert die Vergleichsstudie der UNICEF zur Kinderarmut
Selbst in Rumänien oder der Slowakei wachsen Kinder unter besseren Bedingungen auf als hierzulande. Zu diesem Ergebnis kommt eine unlängst vom Kinderhilfswerk UNICEF veröffentlichte internationale Vergleichsstudie, bei der Deutschland nur den 25. Platz von 37 bewerteten Ländern belegt. So ist die Kinderarmut in Deutschland mit 15 Prozent überdurchschnittlich hoch.
Väterliche Güte - Liebe, Wohlwollen, Vertrauen
Zum Vatertag überlegt Christoph Quarch, was einen guten Vater ausmacht
Der Tag, an dem Gläubige seit Jahrhunderten das Fest der Himmelfahrt Christi begehen, ist den meisten nur noch unter dem Namen "Vatertag" geläufig. Die Überlappung beider Feste hat ihren Ursprung im späten 19. Jahrhundert, als unter Männern vor allem in Berlin und Umgebung das Brauchtum entstand, den Festtag für eine damals sogenannte "Herrentagspartie" zu nutzen.
Zum Vatertag überlegt Christoph Quarch, was einen guten Vater ausmacht
Der Tag, an dem Gläubige seit Jahrhunderten das Fest der Himmelfahrt Christi begehen, ist den meisten nur noch unter dem Namen "Vatertag" geläufig. Die Überlappung beider Feste hat ihren Ursprung im späten 19. Jahrhundert, als unter Männern vor allem in Berlin und Umgebung das Brauchtum entstand, den Festtag für eine damals sogenannte "Herrentagspartie" zu nutzen.
Frau Reiche – es reicht!
forum 03/2026
- Resilienz
- Klimafinanzierung
- Wald
- Startups
Kaufen...
Abonnieren...
30
JUN
2026
JUN
2026
28
SEP
2026
SEP
2026
Zertifikatskurs „Sustainability Management“
Wir verbinden Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit!
95447 Bayreuth
Wir verbinden Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit!
95447 Bayreuth
Anzeige
Der Mittelstand im ESG-Dschungel. Sie müssen nicht alles machen. Sie müssen nur wissen, was.
Sie erhalten einen klaren Fahrplan: was jetzt zu tun ist, was Sie auf dem Schirm behalten sollten und was Sie getrost ignorieren können.
Wissenschaft & Forschung
Artemis und OrionChristoph Quarch überlegt, was die Namensgebung über die aktuelle Mondmission sagen kann
Jetzt auf forum:
Biodiversität beginnt vor der Haustür
Erfolgreicher Moor-Mitmachtag mit 100 Freiwilligen
Klimaneutrale Speicherstadt drei Mal erfolgreich bei DGNB Sustainability Challenge
Die Sommer-INNATEX wartet auf mit bekannten Namen und essenziellen Themen





















