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Johanna Schwarz
Technik | Energie, 01.12.2025

Grüner Kolonialismus?

Über globale Gerechtigkeit und die Energiewende

Miriam Lang lebt seit zwanzig Jahren in Ecuador und brachte im Juni das Buch „Grüner Kolonialismus" heraus. Im Interview mit forum erzählt sie, wie ihr Leben in Ecuador zu diesem Buch beigetragen hat und wieso die Energiewende auch einen „sozialen und ökologischen Schatten" hat.

Arbeiter in einer Kobaltmine in der Demokratischen Republik Kongo: Der Ausbau erneuerbarer Energien im Globalen Norden ist eng mit der Nachfrage nach Rohstoffen im Globalen Süden verbunden. © Erberto Zani@stock.adobe.comMiriam, wie hängen die Themen Energiewende und globale Gerechtigkeit zusammen?
In meinem Leben in Ecuador wird sehr deutlich, dass der Ausbau erneuerbarer Energien in Europa, China und den USA und die damit verbundene Nachfrage nach Rohstoffen im globalen Süden oft neue Umweltzerstörung mit sich bringt. Kupfer, Lithium, Wasserstoff – all das bedeutet neue Flächen, auf denen Ökosysteme zerstört und Leben unmöglich gemacht wird. Gleichzeitig findet in den Ländern des Südens selbst kaum eine Energiewende statt. Dort werden weiterhin Öl- und Gasvorkommen für den Export erschlossen, etwa im Senegal.
 
Alte Autos mit Verbrennermotoren werden nach Lateinamerika exportiert, wo sie die Städte verstopfen und verpesten. Und die Dörfer direkt neben riesigen Windparks oder Solaranlagen haben oft gar keinen Strom. Die Gesellschaften im Süden tragen also die ökologischen und sozialen Kosten dafür, dass Städte hierzulande sauberer und leiser werden und europäische Länder eine Einsparung von CO2-Emissionen vorweisen können.

Dass das so ist, hat viel mit den asymmetrischen Strukturen und Regeln des Weltmarkts zu tun – daher die Brücke zum Thema globale Gerechtigkeit.

Die industrialisierte Welt muss dringend auf erneuerbare Energien umstellen – wäre es nicht kontraproduktiv zu sagen: „Ja, aber..."?
Ja, natürlich muss sie das. Aber die Aufgabe ist noch viel größer. Wir müssen unseren gesamten Stoffwechsel mit der Natur verringern – also insgesamt weniger verbrauchen und weniger verschmutzen. Das bedeutet eine tiefgreifende Umstellung unserer Lebensweise, vor allem im Globalen Norden, aber auch bei den Eliten des Südens. Es geht um eine Reduktion von Produktion und Konsum, um eine Kultur, die nicht auf Wachstum, Wettbewerb und Expansion beruht, sondern auf einem Leben im Gleichgewicht mit der Natur und den Mitmenschen.

Jeder Beitrag zum Klimaschutz ist dabei relevant und zu begrüßen – und sei es nur ein Balkonkraftwerk. Aber die Umstellung muss auf allen Ebenen geschaffen werden, auch in den Strukturen, die unser Wirtschaften prägen. Nur den eigenen Lebensstil zu verändern, reicht nicht. Wir müssen uns politisch einmischen – lokal, national und global –, damit sich die Systeme verändern, die den derzeitigen Kurs stützen.

Es braucht öffentliche Anreize und eine andere ökosoziale Infrastruktur, etwa beim Verkehr: Wenn der Nahverkehr flächendeckend ausgebaut ist, können Menschen auf ein Auto verzichten – auch auf ein E-Auto, dessen Produktion ressourcenintensiv bleibt. Die Lithiumgewinnung für Batterien entzieht Menschen in Bolivien, Argentinien oder Chile buchstäblich das Trinkwasser. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns zusammentun – in Stadtteilen, Dörfern, Nachbarschaften – und unsere Umgebung aktiv mitgestalten. Das stärkt Gemeinschaft, Selbstwirksamkeit und letztlich auch Lebensqualität.

Sowohl Klimakrise als auch globale Handelsbeziehungen sind überkomplex. Gibt es nicht bei fast jeder „guten Tat" auch eine Schattenseite?
Wir sollten Veränderungen nicht moralisch betrachten. Es geht nicht um „gute Taten" aus Altruismus, sondern ganz real darum, die materiellen Voraussetzungen für menschliches Leben auf der Erde zu erhalten – die wir in den letzten Jahrzehnten massiv untergraben haben.

Mich erstaunt, wie viele Menschen in Deutschland die Folgen des Artensterbens oder der Erderwärmung verdrängen, als beträfen sie sie nicht. Eigentlich müsste der Überlebensinstinkt genügen, um zu handeln. Doch weil viele Maßnahmen kurzfristig nicht rentabel sind, gelten sie als „nicht realistisch". Das ist der eigentliche Irrsinn. Der Kapitalismus hat es geschafft, unsere Aufmerksamkeit vom Überleben aufs Geld umzulenken.
„Der eigentliche Irrsinn ist, dass uns die Maßnahmen, die für das Überleben der Menschheit notwendig sind, als ‚nicht realistisch’ dargestellt werden – bloß, weil sie kurzfristig nicht rentabel sind.”
Miriam Lang

Welche Lösungsansätze gibt es, die ökologisch und sozial nachhaltig sind?
Im Buch diskutieren wir viele Beispiele. Etwa eine starke bäuerliche Bewegung in Bangladesch, die statt industrieller Monokulturen auf diversifizierten Anbau mit eigenem Saatgut setzt. Damit stärkt sie Ernährungssouveränität, Biodiversität und Gesundheit – und beweist, dass kleinbäuerliche Landwirtschaft keineswegs Rückständigkeit bedeutet. Tatsächlich werden die meisten Lebensmittel, die weltweit gegessen werden, noch immer von Kleinbauern erzeugt.

Wirklich nachhaltige Lösungen müssen aus der Profitlogik ausbrechen. Deshalb entstehen sie selten in großen Konzernen, sondern lokal. In Deutschland gab es in den 2010er-Jahren eine beeindruckende Bewegung kommunaler Energiekooperativen, unterstützt durch das damalige EEG.
 
Diese dezentralen Ansätze verbanden technisches Know-how, Engagement und demokratische Kontrolle – und zeigten: Veränderungen von unten sind möglich, wenn staatliche Rahmenbedingungen sie fördern.

Einige Kooperativen gingen noch weiter und bauten Partnerschaften mit Gemeinden im Globalen Süden auf, um deren Energiewende zu unterstützen – im Sinne globaler Gerechtigkeit. Ein Stück Umverteilung des Reichtums, der über Jahrhunderte aus dem Süden in den Norden geflossen ist. Leider wurde diese Bewegung später auf Druck großer Energiekonzerne wieder beschnitten. Doch sie zeigt, dass in Deutschland schon einmal eine viel bessere Energiepolitik möglich war – an die man anknüpfen kann.

Was können Unternehmen tun, die sowohl ihren Fußabdruck verringern als auch global gerecht handeln wollen?
Sie sollten auf kurze, faire Lieferketten setzen, gute Arbeitsbedingungen schaffen, strenge Umweltstandards einhalten – und für den gesamten Produktkreislauf Verantwortung übernehmen: vom Rohstoffabbau bis zur Entsorgung.

Langfristig muss das wachstumsorientierte Produktionsmodell grundsätzlich verändert werden – hin zu einer Ökonomie, die ökologische Grenzen respektiert und global gerecht ist. Die entscheidenden Fragen lauten: Was produzieren wir, für wen, warum und woraus – und wohin gehen die Ab­fälle? Tragen unsere Produkte zum Leben bei, oder richten sie Schaden an?

Solange Unternehmensleitungen primär dem Profit anonymer Aktionäre verpflichtet sind, bleibt echter Wandel schwierig. Deshalb sollten wir auch über das Modell der Aktiengesellschaft selbst nachdenken – ein Relikt aus der Kolonialzeit, das Verantwortungslosigkeit strukturell verankert.

Welche Wege in eine gerechte Energiezukunft siehst du?
Es gibt bereits viele positive Beispiele, die Mut machen. Zahlreiche Energiegenossenschaften, lokale Versorger und internationale Partnerschaften zeigen, dass eine andere Form der Energieversorgung möglich ist – eine, die dezentral, solidarisch und gerecht funktioniert. Wichtig ist, dass diese Initiativen nicht als Nischenprojekte begriffen werden, sondern als Wegweiser für eine neue Energieordnung. Die Zukunft liegt in gemeinschaftlicher Energieversorgung, fairen Lieferketten, und einer Ausweitung des politisch Vorstellbaren.

Unternehmen können durch faire Rohstoffbeziehung und kreislauffähige Wirtschaftsmodelle viel bewirken. Die Politik muss dezentrale Modelle fördern, Bürgerenergie stärken und internationale Verantwortung übernehmen. Und jede und jeder Einzelne kann Teil dieses Wandels sein – indem wir uns zusammenschließen, lokale Projekte starten, solidarische Brücken mit Projekten im Globalen Süden herstellen und politischen Druck aufbauen.

Wenn die Energiewende gemeinsam gedacht wird – global und gerecht – kann sie zu einem Werkzeug für Frieden, Würde und Lebensqualität für alle werden.

Liebe Miriam, vielen Dank für das Gespräch!
 
Miriam Lang ist aktivistische Wissenschaftlerin und Professorin für Umwelt und Nachhaltigkeit an der Universidad Andina Simón Bolívar in Quito, Ecuador. Sie forscht zu Entwicklungskritik, systemischen Alternativen und Buen Vivir aus dekolonialer und feministischer Perspektive. Sie hat die Global Working Group Beyond Development und den „Ökosozialen und Interkulturellen Pakt des Südens" mitbegründet.

Best Practices

Energie & Gerechtigkeit im Einklang
  • EWS Schönau – Energiegerechtigkeit weltweit: fördert Solar- und Energieprojekte im Globalen Süden und unterstützt lokale Initiativen, die Zugang zu sauberer Energie schaffen.
  • Valley-to-Valley: Partnerschaft zwischen Massachusetts und Gemeinden im Globalen Süden. Fördert Wissenstransfer und dezentrale Energieprojekte auf Augenhöhe.
  • Bangladeshi Farmers Movement: bäuerliche Bewegung, die auf diversifizierten Anbau mit eigenem Saatgut setzt und Ernährungssouveränität, Biodiversität und lokale Energieautonomie stärkt.
  • Bürgerwerke eG: Zusammenschluss von über 100 lokalen Energiegenossenschaften, die Bürgerenergie demokratisch gestalten und regionale Wertschöpfung fördern.
  • Solar Sister: Sozialunternehmen, das Frauen in Afrika als Unternehmerinnen im Bereich Solarenergie stärkt – für Energiezugang, Einkommen und Gleichstellung.
  • Wuppertal Institut – TransUrban.NRW: Modellprojekt für klimaneutrale Quartiere mit Bürgerbeteiligung und gemeinschaftlicher Energieversorgung. Zeigt, wie urbane Energiewende sozial gerecht funktionieren kann. 
  • Energía Comunitaria: Netz kleiner Energiekooperativen in Bolivien, die mit Solar- und Biogasanlagen ländliche Regionen versorgen und gleichzeitig Bildung und Teilhabe fördern.
  • Tosepan: Indigene Genossenschaftsorganisation in der Sierra Nororiental von Puebla, Mexiko. Umfasst zahlreiche Kooperativen und Vereine, die sich u.a. dezentraler, erneuerbarer Energieversorgung, biologischer Landwirtschaft, Finanzdienstleistungen, Ökotourismus und dem Schutz des Territoriums widmen.

Dieser Artikel ist in forum 01/2026 - forum Nachhaltig Wirtschaften heißt jetzt forum future economy erschienen.

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